Der Schriftsteller Robert Walser sah im Karussell eine sich drehende Welt im Kleinen: „Tut nicht etwas Ähnliches die Erde? Da sollte man nicht staunen, nicht für ein paar Minuten perplex sein?“, fragte er sich. Dem alten Karussell im Jardin du Luxembourg widmete Rainer Maria Rilke ein Gedicht, in dem die Figur eines Elefanten hervorsticht. Den Vers „Und dann und wann ein weißer Elefant“ wiederholt er und imitiert damit die schwindelerregende Kreisbewegung. In Ingeborg Drewitz’ existentialistisch getöntem Roman „Das Karussell“ aus dem Jahr 1962 schließlich ist es unmöglich, von diesem abzuspringen, denn es rotiert „von Montag bis Montag, von morgens bis abends und nachts“.Was aber, wenn das Fahrgeschäft, in seine Einzelteile zerlegt, jahrzehntelang darauf wartet, wieder in Betrieb genommen zu werden? Das ist die Ausgangssituation in Hans-Ulrich Treichels novellistischem Roman „Das Karussell“, für den sich der Schriftsteller und Germanist ein prächtiges titelgebendes Dingsymbol gewählt hat. Das demontierte Karussell verfolgt den Protagonisten Bernhard vierzig Jahre lang über eine Distanz von gut 1300 Kilometern Luftlinie. So viel beträgt die Entfernung zwischen seinem Wohnort Berlin-Wilmersdorf – der Stadtteil wird stets mit genannt, was die Metropole possierlich und etwas bieder erscheinen lässt – und Salerno südlich von Neapel. Der erste Teil des Romans schildert rückblickend, was der Neunundsechzigjährige, den seine Frau Elisabeth nach dreißig Jahren für einen ihm ganz ähnlichen Nebenbuhler verlassen hat, als junger Mann in Süditalien erlebt.E. T. A. Hoffmann an der AmalfiküsteIn Salerno hatte sich der Ökonom und Politologe Bernhard für zwei Jahre als Universitätslektor für Deutsch als Wirtschaftssprache beworben. Zur Begrüßung durch den Rektor in einem Barockpalast wird er von einem uniformierten Beamten geleitet, der ihm verschwörerisch zuzwinkert. Der irritierte Bernhard wird dem sonderbaren Amtsdiener mehrfach wiederbegegnen, als hätten die beiden einen Pakt geschlossen und sich der Schauerromantiker E. T. A. Hoffmann ins gleißende Licht der Amalfiküste verirrt.Hans-Ulrich Treichel: „Das Karussell“.SuhrkampBernhard ist ein Mann der Mittellage, des Adagios, und mithin ein typischer Treichel-Held, der Wert auf sein „Gefühlsmanagement“ legt. Scherzhaft nennt er sich „anthropofugal“, menschenflüchtig. Deshalb möchte er keinesfalls zur Untermiete mit Familienanschluss wohnen – er selbst ist kinderlos – und freut sich, als ihm einer seiner Studenten namens Alfredo eine kleine Wohnung anbietet. Treichel, Jahrgang 1952, hat selbst als „lettore“ an der Universität von Salerno und an der Scuola Normale Superiore in Pisa gearbeitet, deren Gründung auf Napoleon zurückgeht. Der Autor wartet mit einer fundierten, dabei niemals triumphalen Kenntnis der italienischen Verhältnisse auf, etwa wenn er das zentralistische Steuersystem und die Bürokratie im Allgemeinen oder Bernhards Unterkunft in einem Arbeiterviertel beschreibt: „Die Wohnung (. . .) war schlicht, praktisch, durchschnittlich und von jener besonderen Tristesse, für die die zugleich mit künstlerischen und architektonischen Meisterwerken doch so überreich beschenkten Italiener ebenfalls ein besonderes Händchen hatten.“ Hinter dem Schlafzimmerschrank klafft ein Riss vom letzten Erdbeben.Ein verpasstes GlückAlfredos Vater Luciano, Inbegriff eines gelassenen Süditalieners, besitzt ein Strandbad. Er genießt den täglichen Blick aufs Meer, das der Roman ohnehin wie eine Ode preist: „Doch nichts war schöner, als wenn man sich dem Meer auf Sichtweite näherte und es langsam vor einem aufstieg, sich schließlich hoch wie der Erdball wölbte und dann friedlich vor einem lag und die Wellen die Füße umspielten.“ Als Bernhard das schlichte „stabilimento“ an der Ausfallstraße Richtung Paestum zum ersten Mal besucht, ahnt er nicht, dass das sein Leben verändern wird. Denn als die angehende Ingenieurin Arianna ihren dunklen Lockenkopf durch die Tür steckt, um sich mit rauchiger Stimme zu verabschieden, ist es um ihn geschehen. Dabei ist Bernhard denkbar ungünstig in ein niedriges Sofa eingesunken. In solchen Szenen beweist Hans-Ulrich Treichel seine versierte Situationskomik.Kurz nach dieser erklärten „Schicksalsbegegnung“ zeigen Vater und Sohn dem Gast ihren eingelagerten Schatz: das Karussell. Es soll zur Attraktion des Strandbads werden. Besonders angetan ist Bernhard von einem prächtig geschmückten Pferd im Galopp. Diese eingefangene Bewegung, die auf ihre Fortsetzung wartet wie das gesamte Karussell auf seinen Wiederaufbau, steht symbolisch für eine aufgeschobene und schließlich nicht genutzte Chance, für ein verpasstes Glück. Mit Arianna bleibt es bei gemeinsamer Zeitungslektüre und einem Kuss, da sie mit Angelos Cousin verheiratet ist.Nach dem Ende seines Vertrags kehrt Bernhard nach Berlin zurück und fragt Alfredo eines Tages in einer Mail nach dem Karussell, das für ihn längst ein „vernebeltes Traumbild“ ist. Es sei aufgebaut, drehe sich aber nicht, antwortet Alfredo und lädt ihn ein, es sich anzuschauen – vierzig Jahre später, was etwas unglaubwürdig erscheint.So wird die Rückkehr nach Salerno für Bernhard zum „Probebetrieb“, parallel zum bevorstehenden des Karussells: „Ob er auch selbst noch rund lief. Alter Mann aus Wilmersdorf im Süden.“ Arianna sieht er wiederum zunächst nicht in Gänze, sondern bloß ihre Beine im Overall, da sie bei der Montage halb unter der Drehbühne verschwindet. Außerdem fällt Bernhard seine einstige Hauskatze ein, die ihre Kräfte und Instinkte nie richtig entfalten konnte. Das sind nur zwei narrative Glanzlichter dieser heiteren und zugleich tief berührenden Elegie auf äußerlich gelungenes, in Wahrheit aber versäumtes Leben.Hans-Ulrich Treichel: „Das Karussell“. Roman.Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 203 S., geb., 25,– €.