«Rückzug ist angesagt. Totaler Rückzug. Am liebsten gleich in den Mutterbauch»: Tom Kummer und die verunsicherten MännerTom Kummer, einst gefeierter und dann tief gefallener Popstar des Journalismus, sucht in seinem Roman nach einem Neuanfang. Besuch bei einem grössenwahnsinnigen und verletzten Mann.26.05.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDer selbsternannte Badboy des Schweizer Journalismus: der Journalist und Autor Tom Kummer. Aufnahme vom 3. März 2020, Bern.Alessandro della Valle / KeystoneTom Kummer sitzt in seinem Wohnzimmer und schaut nach draussen. Vor dem Fenster windet sich die A 6. «Ein bisschen L.-A.-Feeling», sagt Kummer, der in einem Betonblock im Berner Ostring wohnt. Overstatements gefallen ihm. Seine Wohnung ist spartanisch möbliert, an den Fussleisten reihen sich zerlesene Bücher. T. C. Boyle, Tom Wolfe, Joan Didion. Tom Kummer zieht ein Buch hervor und sagt: «Hubert Selby Jr. war in den 1960er Jahren verboten, weil er so hart geschrieben hat. Das hat mich immer fasziniert, schockierend zu schreiben», sagt er. Dann serviert er Café crème, samt Untertasse, Löffelchen und Schoggi.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In den neunziger Jahren war Tom Kummer einer der begehrtesten Autoren der Schweiz. Kummer lieferte, wonach die deutschsprachigen Medien der Zeit gierten: Subjektivität und Ich-Texte. 1993 ging er als Hollywood-Reporter der «Süddeutschen Zeitung» und des «Tages-Anzeigers» nach Amerika. Seine Texte, die damals cool und lapidar klangen, wirken heute fremd, manchmal grossspurig. «Lesen Sie das verdammte Buch, das würde ich sagen», schrieb Kummer 1995 über einen Roman von Richard Ford. «Vielleicht kapiert dann der eine oder andere doch noch, dass nur durch den Akt des Lesens etwas wirklich Monumentales im Kopf passiert.»2000 entblösste der «Focus» Tom Kummer als Hochstapler. Er hatte Brad Pitt, Sharon Stone oder Kim Basinger nie getroffen, sondern ihre Interview-Antworten erdichtet oder mit unausgewiesenen Romanzitaten gespickt. Es war ein Medienskandal wie später im Fall des «Spiegel»-Journalisten Claas Relotius. Kummer wurde geschasst, Chefredaktoren, die seine Texte abgedruckt hatten, wurden entlassen.Heute, 30 Jahre später, hat sich Kummer offiziell der Fiktion verschrieben. In der Mitte seines Wohnzimmers sind um die zwanzig Exemplare seines neuen Romans «Freiwürfe mit einem Diktator» aufgestapelt. Fast wirkt der Turm wie eine Warnung. Als Kummer zu Beginn des Gesprächs nach seinem Medienskandal gefragt wird, wird er unwirsch. Er wolle über sein Buch reden, sagt er, nicht über seine Zeit als Badboy des Journalismus. Wobei er sich in dieser Pose auch ganz gut gefällt.Borderline-Journalismus«Mit Tom Kummer ist es wie mit Bankräubern, die Tunnel graben, anstatt Leute zu erschiessen, man mag sie einfach», hiess es 2013 in der «Berliner Gazette». Aber wollte Kummer das überhaupt, den Journalismus untergraben? Kummer findet, dass er dem Zeitgeist gab, wonach dieser verlangte: guten Stoff. Im Gegenzug bekam er Geld und Ruhm.Manchmal ist noch ein Rest Neunziger-Jahre-Hochmut spürbar. Dann springt eine haudegenmässige Coolness aus Kummers Sätzen, und er sagt: «Ich hab mal die Berliner Mauer angezündet und solche Sachen.» Und wenn man nicht gleich weiss, auf welche seiner Texte oder Kunstaktionen er sich bezieht (hier eine Performance von 1984, während deren er Benzin auf einen Mauerabschnitt kippt), knallt er einen Batzen Bücher auf den Tisch und sagt: «Da, kann man alles nachlesen» (z. B. in «Blow up», seiner 268-seitigen Antwort auf seinen Skandal).Die Kritik an seinen gefälschten Interviews ist für Kummer bis heute Ausdruck spiessbürgerlicher Kleinkariertheit. Er sagt: «In meinen Kreisen galten Journalisten eh als Heuchler.» Nicht er sei das Problem gewesen. Sondern die Leute, die ihn angeschwärzt hätten. «Das waren für mich einfach Spiesser und Squares.» Seine Methode sei «postmodern», sein Erzeugnis «Borderline-Journalismus». Kann er denn die Leute nicht verstehen, die sich betrogen fühlten? Kann er. «Heute, im Zeitalter der Fake-Fabriken, die unsere Demokratie unterwandern, würde ich meine Methode nicht mehr propagieren.» Aber damals habe es eben Leser gegeben, für die der Lesegenuss wichtiger gewesen sei als die journalistische Ethik.Als das Gespräch noch immer nicht zu seinem neuen Buch kommt, sagt er entnervt: «Ich sehe schon, was das für eine Geschichte wird.» Tom Kummer wird seine Vergangenheit nicht los. Man halte ihn noch immer für ein schwarzes Schaf, sagt er. 2019 wurde sein autobiografischer Roman «Von schlechten Eltern» für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert, ein Jahr später für den Schweizer Buchpreis. Aber eben nur nominiert. Kummer glaubt, dass das mit seiner alten Geschichte zu tun hat. «Lesen Sie die Kritik von der Bachmann-Preis-Lesung in der ‹Zeit›», sagt er. «Da steht, dass ich mit Abstand die beste Performance abgeliefert habe.»Tatsächlich wäre es eine Ironie der Geschichte, wenn Kummer, der sich mit seinen fiktionalisierten Texten selbst aus dem Journalismus verbannt hatte, nun vom Literaturbetrieb gedrosselt würde. Hat ein Tom Kummer nur Erfolg, wenn er Regeln bricht?«Ich stand unter Druck, mein Niveau zu halten»Tom Kummer wird 1961 in eine bürgerliche Berner Familie geboren. Der Vater stirbt früh, Kummer war 12 Jahre alt. Möglich, dass sein Schreibdrang auch daher rühre, sagt er. «Vielleicht gab es eine gewisse innere Einsamkeit.» Der junge Tom Kummer ist ein begabter Tennisspieler. Doch als er sich bis in die Nationalmannschaft gespielt hat, bricht er ab. Die Szene habe ihn «angekotzt», er wollte raus aus der Kleinstadt, raus aus der Schweiz.Mit 21 geht Kummer nach Berlin, ohne Ausbildung, ohne Job. Er wohnt in einer Fabriketage. Er weiss nicht, wohin mit sich, macht ein bisschen auf Punk, zündet die Berliner Mauer an. «Ich war completely lost», sagt er in einem Interview über diese Zeit. Schliesslich reicht er einen Text beim damals begehrten Pop-Magazin «Tempo» ein und wird sofort als Reporter engagiert. Man hinterlegt ihm Flugtickets am Flughafen Tegel, verspricht ihm gutes Geld. Besser geht es nicht. Aber da war auch Panik.«Ich war natürlich auch unsicher», sagt Tom Kummer. Er sei ohne Journalistenschule oder Studium in das Schreiben hineingerutscht, stand plötzlich neben den Autorengrössen seiner Zeit, wurde mit dem Joseph-Roth-Preis ausgezeichnet. «Ich musste mir irgendwie selber beweisen, dass ich das kann.» Also habe er links und rechts geschaut, das gebe er zu. «Ich stand unter Druck, mein Niveau zu halten.»Einige Jahre läuft es richtig gut. Tom Kummer schreibt für die grossen deutschen Medienhäuser, geht nach L. A., heiratet und bekommt zwei Söhne. Im Jahr 2000, als seine journalistische Hochstapelei aufgedeckt wird, fällt das Image des genialen Pop-Journalisten zusammen. Kummer zieht sich aus dem Journalismus zurück, arbeitet als Padel-Lehrer, widmet sich den Kindern.Es folgen viele zweite Chancen. 2005 schrieb er für die «Berliner Zeitung», später für die «WoZ», für «Reportagen» und für die «Weltwoche». Doch alle liessen ihn wieder fallen. Auf beinahe jeden Kummer-Text folgten Stellungnahmen der Redaktionen, in denen sie sich bei ihren Leserinnen und Lesern entschuldigten, dass Kummer wieder einmal plagiiert hatte. Kummer hatte sich erneut an den Rand geschrieben. Obendrauf kam ein Schicksalsschlag.Das Muttersöhnchen2014 stirbt Kummers Frau Nina an Krebs. Kummer zieht von L. A. zurück nach Bern und schreibt das Buch «Nina & Tom», seinen ersten autobiografischen Roman, der von seiner verlorenen Liebe handelt. Es folgen zwei weitere: «Von schlechten Eltern» (2020) und «Unter Strom» (2022). In seinem neuen Roman «Freiwürfe mit einem Diktator» versucht sich Kummer zum ersten Mal an einem nicht autobiografischen Stoff. Die Geschichte eines alternden, verunsicherten Mannes, der ziemlich ratlos auf die Gegenwart blickt. Ein bisschen Tom Kummer steckt also doch drin.Tom Kummer erzählt die Entstehung seines Romans so: Eines Tages habe er eine alte Dame angesprochen, die mit ihrem Hund am Basketballplatz der Berner Steinhölzli-Schule spazieren ging. Ob sie sich erinnern könne, dass hier einst der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un gespielt habe? «Ja, natürlich», habe sie da gesagt. «Der war immer hier. Mit einem Trainer.» Gross sei der Trainer gewesen und schlank, mit schwarzem Haar. Wie Anthony Perkins in «Psycho».Eine perfekte Ausgangslage für einen Tom Kummer: ein bisschen historischer Grundstock (Kim Jong Un ging tatsächlich unter dem Tarnnamen Pak-Un auf eine Berner Schule) und die diffuse Erinnerung einer Zufallsbekanntschaft. Also erzählt Kummer die Geschichte des Diktators und seines Basketballtrainers. Den Trainer nennt er Frank Bichsel. Frank aka Franky steckt in einer Art Männlichkeitskrise. Die Männer in seinem Umfeld sind entweder Schwachmaten oder Tyrannen. Und die Frauen alle irgendwie tougher als er.Eines Tages wird der Coach Franky aus Pjongjang kontaktiert. Kim Jong Un, sein ehemaliger Schüler, will ihn in Nordkorea empfangen. Ein bisschen Basketball spielen, ein bisschen plaudern, ein Treffen unter alten Bekannten. Franky plagen Gewissensbisse. Soll er hinfliegen? Auf die Gefahr hin, seiner um ihr Image besorgten Schweizer Schule einen Shitstorm zu bereiten? Sollte er die Chance gar nutzen, um den Diktator zu ermorden? Endlich die Welt verändern, den Macher zeigen? Aber Franky ist nicht der Typ, der eingreift. «Er ist ein mimosenhafter Mensch», sagt Kummer.«Freiwürfe mit einem Diktator» ist ein durchgeknallter, aber auch zarter Roman. Sprachlich erinnert er an amerikanische Beat-Literatur. Kummer schreibt schnell, in einfachen, manchmal brachialen Sätzen. Sein Roman ist von «Typen» bevölkert und von «Kids», die Trash-Talk machen, von «Scheisskerlen» reden und von Sex und Morphium träumen. Ein Ton, der nicht ganz in die Gegenwart und auch nicht ganz ins Berner Oberland passen will.Ab und zu führt Kummer den Plot ad absurdum. Etwa wenn Franky sich am Sterbebett seiner Mutter mit Morphium zudröhnt und ihr im Rausch ein Attentat auf den Diktator zusammenfabuliert. Ein Sohn, der seiner Mutter noch ein letztes Mal als Held erscheinen will. Es gelingt ihm nur in der Fiktion. Und schon ist man wieder bei Tom Kummer.Keine Zeit der MännerManchmal scheint Tom Kummer regelrecht durch seinen Protagonisten zu sprechen. Etwa wenn Franky sagt: «Ich will ganz offen sein». (. . .) Mich haben nie Schuldgefühle gequält, weil ich Ende der 1990er Jahre einem nordkoreanischen Jungen Basketball beigebracht habe.» Man kommt nicht umhin, das als eine Art Parabel für Kummers Medienskandal zu lesen. Tom und Franky, zwei Männer, die unter der Eindeutigkeit leiden, die ihre Umwelt von ihnen verlangt.Sie sind schwach, zerbrechlich, ratlos. «Franky ist komplett ambivalent und unsicher – schwach», sagt Tom Kummer. Frankys Ratlosigkeit beobachtet er auch an sich selbst. Heute ein Mann zu sein, was soll das bedeuten? «Es ist gerade nicht unsere Zeit», sagt Kummer.Franky spiegele auch die Sehnsucht nach Ruhe, die Kummer beobachtet: «Heute ist Rückzug angesagt. Totaler Rückzug. Am liebsten gleich in den Mutterbauch.» Franky, der «Mimosenmann», ist zu schwach, um die Welt zu retten. Kummer bedauert, dass Schwäche heute nichts wert ist: «Heute steht das Poetische, Verletzliche, Feinsinnige, Ironische, Diffuse unter Verdacht, den Kampf gegen das Böse zu torpedieren.»Tom Kummer wirkt ein wenig ratlos, wie er da in seiner Berner Wohnung sitzt, mal unwirsch, mal weich, mal selbstgefällig. Er ist 65. Sein grosser Skandal ist über 30 Jahre her. Er scheint noch immer nach dem Neuanfang zu suchen, als Autor, als Mann. Zur Erscheinung seines Romans liess er sich für eine Sendung des MDR beim Basketballspielen filmen. Als er sich die Aufnahme hinterher ansah, sei er sich selbst ganz fremd vorgekommen: «Wer bin ich? Was repräsentiere ich eigentlich?»Tom Kummer: Freiwürfe mit einem Diktator. Tropen-Verlag, Stuttgart 2026. 224 S., Fr. 34.90.Passend zum Artikel
«Rückzug ist angesagt. Am liebsten in den Mutterbauch»: Tom Kummer und die verunsicherten Männer
Tom Kummer war der grosse Journalistenstar der Neunzigerjahre - bis er durch erfundene Texte einen Medienskandal auslöste. Besuch bei einem grössenwahnsinnigen und zerbrechlichen Mann.








