Auf einem Bauernhof im Zürcher Oberland leben Schweine, Ziegen, Pferde und Hunde, die vor dem Schlachthaus oder von der Strasse gerettet wurden. Gründerin Sarah Heiligtag glaubt an eine Landwirtschaft ohne Milch- und Fleischproduktion.26.05.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Für Sarah Heiligtag ist jedes Tier eine Persönlichkeit. Damit meint sie nicht nur Hunde oder Katzen. Da würde ihr sicher niemand widersprechen, der ein solches Haustier hält. Nein: Sie denkt an Ziegen, Schweine und Hühner. «Tierpersönlichkeiten», wie sie auf ihrem Bauernhof genannt werden. Und weil man auf dem Hof Narr in jedem Tier ein Individuum sieht, bekommen sie, was Nutztiere – ausser vielleicht Kühe – normalerweise nicht haben: einen Namen.«Man kann mich naiv nennen»: Sarah Heiligtag, 47, schwebt eine Welt vor, in der der Mensch friedlich mit Tieren koexistiert.Zum Beispiel Lisa. Als hätten sie sich zuvor abgesprochen, kommt das Schwein grunzend zu Heiligtag getrottet, als sie das weitläufige Gehege betritt. Das Schwein legt sich hin und lässt sich von Heiligtag den dicken Bauch kraulen und tätscheln. «Lisa ist hochintelligent, humorvoll und eine liebevolle Mutter», sagt Heiligtag. «Bevor wir sie gerettet haben, war sie eine Gebärmaschine.»Mehr als ein GnadenhofMit sechzehn anderen Schweinen hat die ehemalige Muttersau auf dem Hof in Hinteregg im Zürcher Oberland ein Zuhause gefunden. Hier, wo früher Rinder gehalten wurden, bevor man sie zu Fleisch verarbeitete, leben Tiere heute in den Tag hinein, bis ihr natürliches Ende kommt.Der Hof wurde 2013 von Heiligtag und ihrem Mann, einem Umweltwissenschafter, gegründet. Der Hof Narr ist eine Art Gnadenhof, also ein Tierheim, wo Tiere aufgenommen werden, die zu wenig oder keine Leistung mehr erbringen, alt und krank sind oder vernachlässigt und ausgesetzt wurden. Das Paar entwickelte das Konzept aber weiter, dieses schliesst «Bildungsarbeit» mit ein. Deshalb nennen sie ihn «Lebenshof».Die Bezeichnung passt auch besser in eine Zeit, in der das Bewusstsein für Tierschutz und Tierrechte eine Bewegung hervorgebracht hat. Heiligtag, die Philosophie mit Schwerpunkt Tierethik studiert hat, sagt es so: Das Wort «Gnade» töne herablassend. Man lasse jemandem die Gnade widerfahren, leben zu dürfen. «Da zieht sich in mir alles zusammen», sagt sie.Heiligtag hatte immer mehr im Sinn. Ihr Lebenshof war einer der ersten dieser Art in der Schweiz. Mit dem Hof Narr verfolgt sie die Vision einer Welt, in der man Tiere als gleichwertige Lebewesen betrachtet. Diese Sichtweise bedingt einen Bruch mit der herkömmlichen Landwirtschaft und eine neue Form des Bauern. Das wollte Heiligtag ausprobieren.Das Schwein, das soziale TierDie Muttersau Lisa wurde einst auf einem Bauernhof in einem engen Stall gehalten, ihr Leben bestand aus Besamtwerden und Gebären. Lisa, damals irgendein namenloses Schwein, nahm man mit sechs Wochen die Ferkel weg, wie es üblich ist. Die meisten Ferkel werden danach gemästet und geschlachtet.Im ethischen Unterricht lernt man: Schweine sind nicht dumm oder dreckig. So wälzen sie sich im Schlamm, um sich damit einzureiben und ihre Haut vor der Sonne zu schützen.Da sich der Wert eines gezüchteten Schweins an der Produktivität seines Körpers bemisst, der ein Fleischlieferant sein soll, ist dieser länger und schwerer als jener von Wildschweinen. Das führt oft zu gesundheitlichen Problemen. Ein Schwein wie Lisa lässt man zwei bis vier Jahre leben, bis seine Fruchtbarkeit abnimmt.Heiligtag könnte lange über Schweine reden: über ihr soziales Wesen und darüber, dass sie sogar ihr Spiegelbild erkennen würden, wozu nicht einmal ein Hund fähig sei. Führt sie Schulklassen auf dem Hof herum – sie spricht von «ethischem Unterricht» –, hört sie von den Kindern oft dieselben Vorurteile: Schweine würden stinken, sie seien dumm und schmutzig. Sie stellt dann richtig: «Schweine sind äusserst saubere Tiere, sie waschen sich und würden sich nie in ihren eigenen Kot legen, sofern sie im Stall genug Platz haben.»Das Mitgefühl der BauernGerade schüttelt sich ein Schwein neben ihr, das zuvor im Schlamm gewühlt und sich darin gewälzt hat, als wollte es ihre Aussage widerlegen. Von Heiligtag lernt man dann, dass der Schlamm nicht einfach Dreck ist, sondern sich fachsprachlich Suhle nennt, und dass es sich um einen hochwertigen Lehm handelt. Die Schweine würden sich damit «eincremen», um sich gegen die Sonne zu schützen.«Leonie», so stellt sie das Schwein vor, dessen Haut rosa zwischen den Borsten schimmert, die sich wie Draht anfühlen. Leonie flüchtete von einem Transporter, der sie in einen Mastbetrieb bringen sollte. Da ist auch noch der taube Pete, mit dem ein Bauer Mitleid hatte. Denn auch das gibt es: Landwirte, die sich bei Heiligtag melden und fragen: «Kannst du mein Lieblingsschwein bei dir aufnehmen?»Der eigentliche Chef hier sei aber Ueli, sagt Heiligtag und zeigt auf eine kleine Gestalt, die auf dem lehmigen Hügel den Bauch in die Sonne streckt: Ueli, ein Minipig, das aus einem Privathaushalt in Zürich auf den Hof kam. Seine Besitzer wünschten ihm Gesellschaft, nachdem ihr anderes Minipig gestorben war.Der eigentliche Boss, obwohl er der Kleinste ist: Das Minischwein Ueli lebte zuvor in einem privaten Haushalt in Zürich.Von der Theorie zur PraxisWenn Heiligtag beschreibt, in was für einem Zustand manche Schweine auf ihrem Hof eingetroffen sind, tönt es so, als spreche sie von Menschen. Die Tiere seien «gebrochen», «depressiv» oder «traumatisiert» gewesen, bevor sie einen «Heilungsprozess» durchgemacht hätten. Spricht sie mit ihnen, hat ihre Stimme eine höhere Tonlage, so wie andere Baby-Talk mit ihrem Hund oder ihrer Katze machen.Während Heiligtag das Schwein Lisa «meine beste Freundin» nennt, die spüre, wenn es ihr nicht gutgehe, strahlt die 47-Jährige im Gespräch eine skeptische Reserviertheit aus, als behagten ihr Menschen weniger. Dank ihrem Philosophiestudium hat sie viel über Gerechtigkeit nachgedacht, später lehrte sie Ethik. Die «trockene Materie im sterilen Klassenzimmer» war schliesslich der Grund, weshalb sie die Universität verliess.Da sei dann so viel diskutiert worden, Masterarbeiten und wissenschaftliche Papers seien geschrieben worden darüber, wie man die Welt gerechter mache, «und danach wählt man in der Mensa doch wieder Menu 1», das Fleischgericht. Das frustrierte sie. Denn, so ist sie überzeugt: «Wir müssen handeln, wenn wir etwas verändern wollen.»Koreanischer TV-Sender auf BesuchMitgefühl mit den Tieren, «unseren Mitlebewesen», wie sie sagt, war das eine. Der Umgang mit der Umwelt beschäftigte sie aber genauso – und die Frage: Was für eine Landwirtschaft brauchen wir, damit unser Planet «enkeltauglich» bleibt?So zogen sie und ihr Mann die Gummistiefel an und nahmen die Mistgabel in die Hand. Heute hat das Paar zwei Kinder im Alter von dreizehn und elf Jahren und beschäftigt acht vor allem junge Mitarbeitende und viele Freiwillige, deren Weg man beim Hofrundgang immer wieder kreuzt, ohne dass sie einen beachten. Man ist Besucher gewohnt, kürzlich war ein südkoreanischer Fernsehsender hier.Weil sie wussten, dass man sie für verrückt halten könnte, «für Narren», wie Heiligtag sagt, kamen sie auf den Namen Narr für ihren Hof. Darin liege noch ein tieferer Sinn. «Närrisch sein heisst, nichts für gegeben zu nehmen, die Dinge zu hinterfragen und selber zu denken. Erst dies ermöglicht verantwortungsvolles Handeln.»Auch die Tiere hier würden «unter Narrenschutz» stehen, so dreht sie das Wortspiel weiter. Charlie, dem Geissbock, muss man das nicht zweimal sagen. Als Heiligtag ihn in den Ziegenstall führt, fordert er sie zum Kräftemessen auf, stösst mit dem Kopf gegen sie, so dass sie ihn an den Hörnern packen muss, um nicht hinzufallen.Für die Ziegen wurde eine Umgebung geschaffen, in der sie ihre Kletterlust ausleben können. Den Enten gehören eine grosse Wiese und ein Teich.Beratung von ausstiegswilligen BauernMännliche Ziegen wie Charlie enden meistens als Gitzi, werden also nach acht Wochen geschlachtet. Ihr Pech ist, dass sie keine Milch geben. «Sie sind ein Beiprodukt der Milchproduktion», sagt Heiligtag. Weil der Bauer Erbarmen mit ihm hatte, endete Charlie nicht als Lammragout.Für Heiligtag ist offensichtlich, wie schädlich die herkömmliche Landwirtschaft ist. Das Tierleid ist das eine. Da sind auch die Treibhausgasemissionen, die fehlende Biodiversität. Sie wollte es ausprobieren: eine Landwirtschaft ohne Tierproduktion.Auf ihrem eigenen Hof bauen sie Getreide und Gemüse an, schon den ganzen Nachmittag sieht man Angestellte auf den nahen Feldern arbeiten, wo Hafer, Soja und Kichererbsen wachsen. Bio natürlich. Im Schuppen steht ein Traktor. Heiligtag sagt: «Natürlich nutzen wir die Technologie. Wir sind keine Amish People.»Kohlrabi und Mangold gedeihen auf dem Hof Narr: Der Landwirtschaftsbetrieb setzt auf biologischen Gemüse- und Getreideanbau.Mit der Landwirtschaft generiert der Hof Narr einen Teil seines Einkommens. Unterhalt der Tiere, Futter und Tierarztkosten werden durch Patenschaften, Spenden oder Führungen finanziert.Die wachsenden Skrupel von Bauern im Umgang mit ihren Tieren nutzen Heiligtag und ihr Mann, um ihre Vision hinauszutragen. Im Lauf der Jahre interessierten sich immer mehr Betriebe fürs Bauern ohne Milchkühe und Mastkälber. Heute berät Heiligtag Höfe, die umsatteln wollen. Sie setzt sich mit den oft jüngeren Paaren an den Küchentisch und bespricht alternative Einkunftsmöglichkeiten und die Frage, ob ihr Plan finanziell überhaupt aufgeht. Heiligtag ist überzeugt: Es geht.Bis heute hätten 242 Bauernbetriebe den Schritt zu einer «tierfreien» Produktion gewagt. «Transfarmation» nennt sie es. Milchbauern produzieren nun Hafermilch, sie bauen pflanzliche Proteine an, Beeren und anderes Obst.Keine ideologische BelehrungSie habe nie geplant, Landwirte zu beraten, sagt Heiligtag. Auch liege es ihr fern, zu missionieren. «Ich klopfe nicht bei Bauernhöfen an und sage, ihr macht etwas falsch, hört auf damit.» Sie wolle eine andere Perspektive aufzeigen für alle, die sich dafür interessierten.So hält sie es auch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Es gibt keine ideologischen Vorgaben, wie jemand zu leben hat, damit er in die Hofgemeinschaft passt. Man muss sich nicht einmal vegan ernähren. Meist werde man auf dem Hof Narr aber schnell zum Veganer, sagt sie.Offenbar geht es auch manchen Kindern so, die hier zum ersten Mal ein Schwein streicheln: Danach wollen sie keine Cervelat mehr essen. Beschweren sich Eltern deshalb bei ihr? Eltern, die finden, es sei nicht ihre Aufgabe, Kindern die vegane Lebensweise näherzubringen? Sie höre das selten, sagt Heiligtag. Und wenn, dann liessen sich die Leute auf ein Gespräch ein.Pferde nicht zum Reiten «nutzen»Weiter geht es auf die Weide, wo Pferde und Ponys zwischen Obstbäumen grasen. Es ist eine zusammengewürfelte Schar: Grosse und Kleine, Gedrungene und Feingliedrige, Einfarbige und Gescheckte, als hätte der Hof einen Diversitätsbeauftragten für Rosse.Sie wurden als Kutschpferde ausgemustert oder weil sie nicht mehr für Rennen oder zur Dressur taugten. Heiligtag, die früher selber geritten ist, ist sich heute nicht mehr sicher, ob Pferde es gerne haben, wenn Menschen auf ihrem Rücken sitzen.Hat es ein Pferd gerne, wenn ein Mensch auf seinem Rücken sitzt? Die Betreiber von Hof Narr bezweifeln es. Rechts: Der Truthahn Günther, zwar überzüchtet, aber wenigstens der Massentierhaltung entkommen.Um dies herauszufinden, sagt sie, sollte man mit dem Pferd leben, es zu diesem gemeinsamen gegenseitigen Erkunden «einladen»: «Wer steckt in diesem grossen, schönen Körper, wer ist diese Persönlichkeit?» Aber haben Mensch und Tier nicht schon immer eine Arbeitsgemeinschaft gebildet und sind aufeinander angewiesen? Sie würde nicht widersprechen. Von dieser «Kooperation» ausgehend, könne sich die Gesellschaft moralisch weiterentwickeln, sagt sie.Etwas später führt auf der Zufahrtsstrasse eine Mitarbeiterin ein Pony am Halfter spazieren. Wenn es schon nicht geritten wird: Bewegung muss sein.Nachwuchs unerwünschtAm Tisch beim Hofladen, wo man Rettich, Spinat, Kartoffeln kaufen kann, erläutert Heiligtag noch einmal ihre Philosophie: «Tiere sind empfindsame Wesen. Mit dieser Grundannahme muss man ihnen ein Lebensrecht zugestehen. Jedes Tier will leben. Bei Hunden haben wir das verstanden. Bei Schweinen missachten wir es komplett.»Die meisten Tiere kommen kastriert auf den Hof Narr. Man liesse sowieso nicht zu, dass sie sich vermehrten. Es gebe zu viele Tiere auf der Welt, die einzig zum Zweck geboren würden, dem Menschen zu nützen, sagt Heiligtag. Zwar gehöre zum Lebensrecht ein Reproduktionsrecht, bejaht sie die Frage. Aber dann dürfte es keine Zucht mehr geben. «Wir versuchen hier zu retten, was zu retten ist, aber das reicht nie.» Zudem bauten viele Tiere auch in einer Gruppe familiäre Strukturen auf und hätten mütterliche oder freundschaftliche Gefühle füreinander.Auch für Katzen und Hunde hat es nicht unbeschränkt Platz auf dem Hof. Sie sind allesamt Tierschutzfälle. Da ist etwa Henry, ein Strassenhund aus Moskau, der auf drei Beinen geht, weil ihm eine Pfote fehlt. Lio, ein schwarzer Kater, ist blind. Er kommt aus Bulgarien. Als er gefunden wurde, hatte er schwere Brandverletzungen.Der Kater Pitschi wurde verletzt auf der Strasse gefunden, niemand vermisste ihn, so kam er nach Hinteregg.Am Scheunentor hängt das Bild einer Katze, dazu die Worte: «Wir vermissen dich, Mikesch.» Auch verstorbenen Tieren bewahrt man hier ein Andenken. Es versteht sich, dass auch die grossen Tiere hier auf dem Hof eingeschläfert werden, wenn es so weit ist.Der Glaube an die UtopieWie bewahrt sich Heiligtag ihren Idealismus? Der Fleischkonsum pro Kopf bleibt hoch, immer mehr Asiaten trinken Milch. Man könne sie naiv nennen, sagt sie, aber sie glaube trotz allem, dass es einen Bewusstseinswandel gebe. Die Bauern, die umdächten, die vielen freiwilligen Helfer: Es bewege sich etwas.Da sei zwar dieser Schmerz, auch wenn sie an die Zukunft ihrer Kinder denke. Doch der Glaube an eine ideale Welt sei wie die Richtschnur ihres Handelns. «Aber dass wir nie dorthin kommen werden, ist mir völlig klar.»Passend zum Artikel
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