«Früher war das Einschläfern in fünf Minuten erledigt. Heute nimmt man sich eine halbe Stunde Zeit»Die Tierärzte Felix Neff und Ursina Nufer behandeln Kühe auf Berner Alpen und Schosshunde aus dem Nobelort Gstaad. Ein Gespräch über schwere Abschiede und den Wert eines Tierlebens.«Früher hat der Bauer mehr verdient am einzelnen Tier»: Felix Neff, Grosstierarzt.Frau Nufer, Herr Neff, es ist Montagnachmittag. Was war die anspruchsvollste Behandlung, die Sie heute vorgenommen haben?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ursina Nufer: Ich habe eine tragende Kätzin kastriert. Sie hatte schon Welpen im Bauch, drei kleine Kätzchen. Die musste ich ausräumen. Die Kätzin ist verwildert, also nicht handzahm. Sie geht auf einen Bauernhof fressen, und der dortige Bauer hat sie mit einem Katzenfangkäfig eingefangen. Sie sollte sich nicht vermehren. Lässt man die Welpen drin, werden die genauso wild. Dann lieber gleich ausräumen. Aber das ist aufwendiger. Und emotionaler.Sagt man bei Katzen auch Welpen wie bei Hunden?Nufer: Ja.Hat der Bauer den Eingriff selbst bezahlt, obwohl es nicht seine Katze ist?Nufer: Nein. Sie wurde im Rahmen einer Tierschutzaktion kastriert, in ihrem Fall zahlte die Susy-Utzinger-Stiftung für Tierschutz etwas daran, sie beteiligt sich jeweils mit einem schönen Batzen. Bei uns gibt es die Tierschutzvereine Obersimmental und Saanenland, die bei Kastrationen von Katzen finanziell aushelfen, wenn es nötig ist.Felix Neff: Unkastrierte verwilderte Hauskatzen sind überall in der Schweiz ein grosses Problem. Deshalb sollte man sie so früh wie möglich kastrieren. Die Bauern lassen inzwischen auch ihre handzahmen Hauskatzen kastrieren.Sie haben gesagt, dass die Behandlung der Kätzin auch für Sie emotional war. Warum?Nufer: Man nimmt ein lebendiges Wesen aus dem Bauch des Muttertiers und tötet es. Die Kätzchen waren winzig.Da braucht es wohl eine professionelle Distanz?Nufer: Es hilft mir, zu wissen, dass der Eingriff sinnvoll ist. So ergeht es mir auch beim Euthanasieren, dem Einschläfern einer Katze oder eines Hundes. Es ist letztlich eine gute Sache, denn man hilft einem Tier damit. Man beendet sein Leiden.Gleichzeitig müssen Sie auch den Tierbesitzern beistehen, die sicher oft sehr traurig sind.Nufer: Man muss auf die Leute eingehen und sie in ihrer Trauer unterstützen. Man sollte sich Zeit für sie nehmen.Neff: Ich merke bei den Einheimischen, dass sich da in den vergangenen Jahren etwas verändert hat. Früher war das Einschläfern in fünf Minuten erledigt. Heute nimmt man sich eine halbe Stunde Zeit, da sich die Leute das wünschen. Es kostet entsprechend mehr, aber die Leute sind bereit, dies zu zahlen. Die Leute auf dem Land nähern sich hier den Städtern an.Sind die Leute auf dem Land bodenständiger als städtische Haustierbesitzer?Neff: Es gibt an beiden Orten alles. Aber auf dem Land sind die Leute noch mehr mit der ganzen Landwirtschaft verbunden, mit den Kühen, mit der Produktion von Tieren. Ein Tierleben ist endlich, das anerkennt man hier noch mehr. In der Stadt, und das meine ich nicht negativ, hat man einen anderen Zugang zum Tier.Verhätschelt oder vermenschlicht man es stärker?Nufer: Für viele Leute ist das Haustier ein Familienmitglied, manchmal sogar wie ein Partner. Wird eine Katze 15 Jahre alt, ist das eine lange Zeit. Ich sehe auch bei unserer Kundschaft, dass die Beziehung enger geworden ist.Wie trösten Sie die Leute?Nufer: Meistens redet man nach dem Einschläfern noch etwas über das Tier. Die Kunden beginnen von den schönen Seiten mit ihm zu erzählen, von lustigen Momenten, gemeinsamen Erlebnissen, Charaktereigenschaften. Sie sagen aber auch, was in letzter Zeit nicht mehr gut gegangen ist. So können sie seinen Tod besser annehmen. Es ist erlöst.Herr Neff, was war die anspruchsvollste Arbeit, die Sie in letzter Zeit an einem Grosstier vorgenommen haben?Neff: Ich musste vor zwei Tagen ein Kalb nähen, das gestürzt ist. Es fiel auf der Weide ein Bord hinunter und riss sich die Haut am Unterkiefer auf. Der Riss ging bis auf den Knochen. Anspruchsvoll war nicht die Wunde, die wäre wunderschön zu nähen, wenn man einen Operationstisch hätte und zwei, drei Leute, die helfen. Der eine macht die Narkose, der andere näht. Doch ein Tisch und Assistenten fehlen im Stall. Nur der Bauer war zugegen, und ich hatte wenig Zeit. So musste ich alles mit einfachsten Mitteln auf dem Stallboden erledigen.Das Kalb war die Behandlung offenbar wert. Sagt ein Bauer manchmal auch, der Metzger komme billiger, als eine Wunde aufwendig zu nähen?Neff: Das ist immer die Diskussion. In diesem Fall hat es den Bauer 300 Franken gekostet. Das Kalb ist ein Zuchtkalb, als Kuh wird es dann vielleicht einmal 3000 Franken wert sein. Hätte es sich um ein Mastkalb gehandelt, das in fünf Wochen sowieso in die Metzg gekommen wäre, hätte der Bauer gesagt: Nein, das nähen wir nicht, wir schlachten das Kalb sofort.Sie sind ein Bauernsohn. Wie war das, als Sie ein Kind waren? Haben Bauern früher mehr auf die Kosten geschaut?Neff: Es kommt darauf an. Früher waren die Betriebe kleiner, die Bauern mussten etwas weniger auf die Kosten schauen. Für meinen Vater war die wirtschaftliche Seite nicht so wichtig. Er hatte seine Tiere, er konnte mit ihnen arbeiten. Da zahlte er für eine Operation vielleicht einmal etwas mehr, obwohl es nicht rentierte. Aber für seine Lieblingskuh nahm er das in Kauf. Es gibt hier in der Region immer noch viele Bauern, die so denken. Der Druck in der Landwirtschaft hat aber zugenommen. Früher hat der Bauer mehr verdient am einzelnen Tier. Heute, da die Höfe grösser werden, hat ein einzelnes Tier weniger Wert.Felix Neff und Ursina Nufer praktizieren im Berner Oberland.Bemisst sich für einen Bauer der Wert eines Tieres nur an dessen Leistungsfähigkeit?Nufer: Das stimmt sicher nicht für die Bergtäler. Die Bauern in der Region hängen an ihren Tieren und leben für sie. Es gibt viele Familienbetriebe. Manchmal hat ein Kind eine Lieblingskuh, oder jemand erhält ein Kalb zur Hochzeit. Der Gedanke an die Produktivität dürfte bei manchen Bauern im Flachland ausgeprägter sein. Die sagen schneller einmal: Die Kuh ist vier, fünf Jahre alt, sie ist nicht mehr so leistungsfähig, also in die Metzg mit ihr.Neff: Die wirtschaftliche Abwägung macht jeder Bauer. Aber für die hiesigen Bauern ist das Ende einer Kuh vom Alter her nach oben offen, gerade dann, wenn es sich um ein Zuchttier mit einer guten Genetik handelt. Wir sind hier ein Zuchtgebiet.Klar, die Simmentaler Kuh! – Töten Sie manchmal auch Tiere auf dem Hof, wenn das gewünscht wird, um ihnen den Stress des Schlachthaus-Transportes zu ersparen?Neff: Im Simmental haben wir den Vorteil, dass die Schlachthöfe nahe sind. Wir haben viele handzahme Tiere, die es gewohnt sind, dass man sie in einen Anhänger führt. Darum gibt es wenige Hof-Tötungen. Aber viele Bauern verabschieden sich von ihren Kühen oder Kälbern, bevor sie geschlachtet werden. Ich bin ja auch Amtstierarzt: Als ich heute Morgen im Schlachthaus die angelieferten Tiere kontrollierte, brachte ein Bauer zwei alte Kühe zum Schlachten. Seine junge Cousine kam mit ihm mit. Sie hat die zwei Kühe zum Abschied umarmt. Die Bauern verladen ihre alten Zuchtkühe nicht in irgendeinen Lastwagen, sondern sie begleiten sie bis zum letzten Schritt in den örtlichen Schlachthof.Beim Wandern staunt man, auf was für steilen Hängen Kühe weiden. Diese sind voller Erdhügel und Felsbrocken, und die Kühe finden dennoch den Tritt. Passieren viele Unfälle auf der Alp, zu denen Sie gerufen werden?Neff: Immer wieder, und oft kann man als Tierarzt nicht mehr viel machen, und das Tier muss vor Ort getötet werden; Kühe, bei denen die Hüfte ausgerenkt ist oder die sich weit oben das Bein gebrochen haben. Das passiert in einem Sommer vielleicht zwanzig Mal. Die Tiere erleiden auch Steinschläge oder noch häufiger Blitzschläge. Das überleben sie selten. Auf der Alp ist es gefährlicher als im Stall.Ist die Alp ein schöner Teil Ihrer Arbeit oder eher belastend?Neff: Es ist eine schöne Arbeit, aber sie ist nicht rentabel. Die drei Monate zwischen Juni und August werden wir jeden Tag auf mehrere Alpen gerufen. Es ist schwierig, diesen Zeitaufwand zu verrechnen. Der Bauer kann das fast nicht bezahlen. Dabei versuchen wir, kostendeckend zu arbeiten, wenn es irgendwie möglich ist.Erinnern Sie sich an einen besonders dramatischen Einsatz auf der Alp?Nufer: An meinem früheren Arbeitsort sind einmal zwanzig Rinder in ein Tal gestürzt. Wir mussten die Tiere teilweise am Unglücksort einschläfern. Die, die überlebten, flogen wir aus und legten erst im Tal eine Infusion. Das war heftig.Neff: Das Problem ist das Wetter. Ein Gewitter kann die Tiere dermassen erschrecken, dass sie einander nachrennen und ausrutschen. Ich habe erlebt, dass in derselben Nacht sieben Rinder das Loch ab sind. Das sind wüste Bilder.Ist es bei einem Notfall auf der Alp ein Wettlauf gegen die Zeit?Neff: Das ist es. Vor Jahren brachte eine gebärende Geiss eines ihrer Jungen nicht hinaus. Ein Kaiserschnitt war nötig. Also fuhren meine Assistentin und ich um Mitternacht hinauf auf die Alp in Lauenen, das waren 25 bis 30 Kilometer auf einer Höhe von 1800 bis 2000 Metern. Das ist mir geblieben, weil uns auf dem Rückweg die Polizei aufhielt und in unser Auto zündete. Morgens um drei. Sie suchten nach einem Verbrecher und fragten uns, warum wir zu so später Stunde noch unterwegs seien.Kommen Sie auf diese Höhe hinauf mit dem Auto?Neff: Mit dem Geländewagen geht das. Es gibt nur etwa fünf Alpen in der Umgebung, wo wir nicht hochfahren können. Da nimmt man die Gondel, und an wenigen Orten muss man das letzte Stück zu Fuss gehen. Dorthin ruft man uns aber nur im äussersten Notfall. Die Bauern können vieles selbst machen. Wir leiten sie notfalls am Telefon dabei an.Frau Nufer, im Gegensatz zum Bauer muss der Besitzer eines Hundes oder einer Katze nicht wirtschaftlich denken. Kommt es oft vor, dass das Tier nur noch leidet und sein Besitzer es dennoch um jeden Preis am Leben erhalten will?Nufer: Ja, selbst wenn die Prognose schlecht ist. Wenn der Besitzer dennoch nichts unversucht lassen will, tun wir unser Bestes. Das hat meistens eine Überweisung in die nächstgelegene Tierklinik zur Folge, also nach Thun.Können Sie einen solchen Fall schildern, bei dem man ein Tier besser eingeschläfert hätte, sich der Besitzer aber dagegen wehrte?Nufer: Ich musste eine Hündin mit einem grossen Lebertumor behandeln. Man hat ihr angesehen, dass sie krank ist. Viele Tiere mit Tumoren verlieren an Muskulatur über dem Kopf, den Hüften oder beim Rücken, sie fallen an diesen Stellen stark ein. Ein Ultraschall bestätigte die Diagnose. Ich sagte, es übersteige mein Können, diesen Tumor zu entfernen, und dass die Hündin damit nicht geheilt würde. Es wäre am besten, sie noch eine Zeitlang palliativ zu behandeln und dann einzuschläfern. Die Leute liessen sie dennoch in Thun operieren. Nach zwei Monaten brachten sie sie wieder hierher, damit ich sie euthanasiere.Ursina Nufer ist eigentlich für Kleintiere zuständig, behandelt im Notfall aber auch Grosstiere.Haben die Halter ihr Vorgehen bereut?Nufer: Sie machten sich grosse Vorwürfe.Macht uns die Liebe für ein Haustier seinem Leiden gegenüber gefühllos?Nufer: Mehr denn je. Ich nenne das falsche Tierliebe. Man denkt mehr an sich selbst als an das Tier.Neff: Als Tierärzte ist es unsere Aufgabe, für das Tier einzustehen. Es kann nicht sprechen. Das Tier ist unser Patient, nicht der Mensch.Gibt es auch den umkehrten Fall, dass ein Besitzer eine Behandlung nicht zahlen kann, deren Heilungschancen gegeben wären und die zu einer Besserung führen würde? Und er das Tier deshalb einschläfern lassen will?Nufer: Leider ja. Ein einfaches Beispiel ist der Kreuzbandriss beim Hund. Diesen zu operieren, kostet inzwischen 3000 Franken. Das ist viel Geld, das nicht jeder hat. Manche Leute wollen nichts unternehmen und sagen: Es ist nur ein Hund. Denen versuche ich vor Augen zu führen, was es für einen Hund bedeutet, wenn er nur auf drei Beinen gehen kann. Ich schlage dann vor, dass man es wenigstens mit einer Schiene probiert. Das kommt viel günstiger als eine Operation.Auch in der Nutztiermedizin hat sich das Wissen durchgesetzt, dass Tiere empfindungsfähige Wesen sind. Herr Neff, was wird heute gemacht, worüber man zu den Zeiten, als Ihr Vater Bauer war, noch gar nicht nachgedacht hat?Neff: Vor dreissig Jahren hat man Säuli oder Lämmer ohne Narkose gummelet, also kastriert. Das wäre heute undenkbar. Gab es früher für dieselbe Indikation ein einziges Schmerzmittel, haben wir heute fünf, sechs verschiedene, und bei den Kleintieren sind es noch mehr. Das gilt für die Schweiz, wo die Tierschutzgesetze streng sind. Ausserhalb Europas werden viele Tiere immer noch ohne Narkose kastriert. Es ist immer ein politischer Entscheid, wie weit man beim Tierschutz geht.Geraten Sie in Konflikt mit Bauern, die Sie vielleicht bitten, ein Auge zuzudrücken und auf ein Schmerzmittel oder eine Impfung zu verzichten?Neff: Darauf würde ich mich nicht einlassen. Als amtliche Tierärzte ist das Tierschutzgesetz unser Arbeitsinstrument. Die Bauern sehen ein, dass eine gute Tierhaltung wichtig ist. Ein anderes Beispiel ist der Nasenring beim Muni. Als ich ein Bub war, hat man den einfach ohne Betäubung durch die Nase gebohrt und fertig. Wie bei einem Piercing, nur, dass sich das Tier nicht wehren kann.Warum brauchen Stiere einen Nasenring?Neff: Damit man sie besser führen kann. Das ist eine Sicherheitsmassnahme. Ab 18 Monaten, wenn man einen Stier in einen anderen Betrieb oder ins Schlachthaus gibt, muss er einen Nasenring tragen.Und der Nasenring schmerzt den Stier nicht?Neff: Eigentlich nicht. Man hält ihn nur am Nasenring, wenn er dumm tut. Normalerweise führt man ihn am Halfter, aber wenn er wild wird, ist ein Nasenring nötig. Es gibt immer noch Unfälle mit Stieren, wenn auch viel seltener.Früher hat man ein Kalb, das vor der Geburt gestorben ist, im Leib der Mutterkuh zersägt. Macht man das immer noch?Neff: Das ist immer noch eine mögliche Methode. Ich habe das in meiner Karriere bisher etwa zehnmal gemacht. Die Alternative ist, dass man das Kalb von der Seite nimmt per Kaiserschnitt. Auch die Nutztiermedizin macht Fortschritte, aber das Kosten-Nutzen-Verhältnis muss stimmen. Einen toten Fötus im Mutterleib zu zersägen und ihn herauszuziehen, ist manchmal günstiger als ein Kaiserschnitt und führt zum selben Ziel.Ihre Praxis liegt in der Nähe von Gstaad, dem Nobelkurort, wo viele prominente Leute wohnen oder ihre Ferien verbringen. Behandeln Sie auch deren Haustiere?Neff: Immer wieder einmal. Viele lassen sich bei einem Problem aber auch von ihrem privaten Tierarzt beraten. Sie rufen ihn zu Hause in Paris, London oder Genf an, damit ich mit ihm am Telefon reden kann. Das ist der Tierarzt ihres Vertrauens, der das Tier am besten kennt.Hat diese Klientel besondere Ansprüche?Neff: Es gibt schwierige Kunden unter ihnen, wie bei den Einheimischen auch. Viele sind aber anständig. Sie kommen vor allem zu uns in den Notfall. Bei weniger dringlichen Problemen steigen sie in den Helikopter oder das Flugzeug, um ihren privaten Tierarzt daheim zu konsultieren.Was für Tiere besitzen die Stars?Neff: Viele haben kleine Schosshunde.Nufer: Vor kurzem habe ich Siamkatzen behandelt, zwei ganz herzige.Sie beide sind oder waren Amtstierärzte. Wie gehen Sie vor, wenn Sie auf verwahrloste Tiere treffen?Nufer: Man meldet dem Veterinäramt, dass es auf einem Hof oder in einem Privathaushalt einen Missstand gibt. Man spricht mit den Besitzern und gibt ihnen eine Frist, um die Situation zu verbessern. Nach dieser Frist kontrolliert man sie wieder. Bis man die Tiere räumt und ein Tierhalteverbot ausspricht, braucht es rechtlich aber viel.Neff: Hinter einem Tierschutzfall stehen meistens menschliche Probleme. Dann werden auch andere Behörden involviert, die Gemeinde, die Polizei oder die Kesb. In der Landwirtschaft haben wir zum Glück wenige solche Fälle. Bei den Kleintieren müssen wir oft gegen Leute vorgehen, die massenhaft Katzen halten.Die berühmten Cat-Ladys?Neff: Ja. Sie horten Tiere wie ein Messie. Ich musste einer älteren Frau auch schon den Hund wegnehmen. Sie ging am Rollator und tat sich einen jungen Hund zu. Sie ging nie mit ihm raus, er bewegte sich kaum und verrichtete sein Geschäft im Haus. Das ist keine artgerechte Haltung. Aber die Frau liess nicht mit sich reden.Was erleben Sie im Notfall? Melden sich überbesorgte Haustierbesitzer auch da wegen jeder Bagatelle wie in der Humanmedizin?Nufer: Manchmal wäre es gut, die Leute würden sich überlegen, ob sie wirklich nachts in den Notfall müssen mit ihren Tieren. Sie kommen vom Ausgang nach Hause und entdecken, dass die Katze einen Abszess hat, was ihnen vorher nicht aufgefallen ist. Wenn sie realisieren, was das kostet, sind sie schockiert.Neff: Viele Leute wissen nicht, dass wir den Notfalldienst beim Tier auf privater Basis berechnen. Keine Gemeinde, kein Kanton zahlt einen Beitrag daran und auch der Bund nicht. Wir finanzieren das alles selbst mit unseren Tarifen. Wenn meine angestellte Tierärztin während eines Nachtdienstes keinen Umsatz macht, muss ich ihr trotzdem den Lohn zahlen. Ruft man den TCS an, kostet es auch 150 Franken Nachtzuschlag. Bei uns heisst es: Warum kostet das so viel? Ein Tierarzt ist doch tierliebend!Auch der Tierarztberuf leidet unter einem Fachkräftemangel. Wie steht es um Ihre Work-Life-Balance?Nufer: Die ist nicht ganz ausgeglichen, aber es ist viel besser geworden, seit ich bei Felix angestellt bin. Er schaut zu seinen Angestellten.Neff: Dank meinen fünf Tierärztinnen habe auch ich eine bessere Work-Life-Balance und kann am Wochenende weggehen, ohne dass ich einen Anruf erhalte. Das war früher anders.Der Tierarztberuf ist zu einem Frauenberuf geworden. Die Feminisierung in Zahlen ausgedrückt: 89 Prozent der eidgenössischen Diplome in der Veterinärmedizin gingen 2024 an Frauen, der Frauenanteil bei den praktizierenden Tierärzten in der Schweiz liegt bei 64 Prozent.Neff: Das spüren wir. Viele Frauen arbeiten Teilzeit. Haben sie Familie, können sie oft nicht am Wochenende arbeiten und Notfalldienst machen. Auch Männern ergeht es so. Bei uns hat man nur alle zwei Wochen Notfalldienst in der Nacht und höchstens ein Wochenende pro Monat. Das ist nicht viel, aber belastet dennoch. Manche Tierärzte verlassen aus solchen Gründen die Praxis. Und für jeden Tierarzt, der in Vollzeit arbeitet und aufhört, müssen heute zwei bis drei neue nachkommen.Wirtschaftliche Abwägungen gehören auf dem Bauernhof dazu.Gibt es das überhaupt noch: Landtierärzte, die alles allein machen?Neff: Praktisch nicht mehr. Es ist abnormal, wie viel Landtierärzte früher gearbeitet haben. Der Mangel an Tierärzten hat auch damit zu tun, dass man nur in Zürich und Bern Veterinärmedizin studieren kann und Studienplätze fehlen. Über 50 Prozent der Neuzulassungen gehen an Tierärzte aus dem Ausland. Es ist billiger, die Leute im Ausland auszubilden und sie in der Schweiz arbeiten zu lassen. Das ist keine gute Entwicklung.Spüren Sie hier in der Region bereits Versorgungsengpässe?Neff: Nein. Aber in den ersten Jahren meiner Praxistätigkeit hatte ich manchmal bis zu fünf Bewerbungen auf eine Stellenausschreibung. Heute meldet sich oft gar niemand mehr. Oder dann bewerben sich Tierärzte aus Saudiarabien oder Argentinien, die kein Deutsch können. Obwohl Fachleute fehlen, leidet die Versorgung beim Tier nicht darunter, weil wir das nicht zulassen. Innerhalb einer Stunde ist der Tierarzt bei jedem Notfall. Die Bauern sehen sich gut versorgt. So sagen sie es in Umfragen.Haben Sie Ihre Berufswahl je bereut?Neff: Nein. Tierarzt war schon im Kindergarten mein Traumberuf. Und er ist es immer noch.Nufer: Ich kann mir keinen besseren Beruf vorstellen.Zur PersonFelix Neff – GrosstierarztDer 51-Jährige ist Inhaber der Bergpraxis Animal in Saanen im Kanton Bern und der Kleintierpraxis Simmental in Zweisimmen. Er behandelt im Notfalldienst auch Kleintiere. Daneben ist der Bauernsohn amtlicher Tierarzt und kontrolliert das Fleisch von Schlachttieren.Zur PersonUrsina Nufer – KleintierärztinDie 48-Jährige ist eine von fünf Tierärztinnen in Felix Neffs Praxis in Zweisimmen (BE). Im Notfalldienst ist sie auch für Grosstiere zuständig. Der Radius des Versorgungsgebiets der Bergpraxis Animal beträgt im Winter 20 Kilometer und im Sommer, wenn alle Tiere auf der Alp sind, bis 50 Kilometer.Ein Artikel aus der «NZZ Folio»