Zürichs Ballettchefin Cathy Marston hat für ihre Version des berühmten Prokofjew-Balletts ein wenig an den «Stellschrauben des Stücks» gedreht, wie sie sagt. Das Ergebnis ist abwechselnd erhellend und irritierend.Lilo Weber26.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer Augenblick, auf den bei «Romeo und Julia» alle warten: Karen Azatyan als Romeo und Yun-Su Park als Julia in der sogenannten Balkonszene.Carlos Quezada / Opernhaus ZürichAuf einmal ist die Welt rabenschwarz. Eben noch war Tanz auf dem Marktplatz, war Geplänkel, Streit, Kampf. Dann Tod. Mercutio tanzt seinen letzten langen Tanz zwischen Lachen und Weinen. Er fällt, steht auf, scherzt, strauchelt, fällt – erst langsam dämmert es Romeo und Benvolio, dass ihr Freund tödlich getroffen worden ist. Mercutios Tod ist der Höhepunkt in Shakespeares Drama «Romeo und Julia». Hier kippt, was an komischem Potenzial angelegt war, ins Tragische, und die Katastrophe nimmt ihren Lauf.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mercutios Todeskampf ist auch ein tänzerischer Glanzpunkt in den meisten heute aufgeführten «Romeo und Julia»-Balletten. Das Sterben zwischen Scherz und Schmerz, die Kapriolen in den Tod hinein verlangen nach stupender Technik, komödiantischem Talent und gutem Schauspiel. Zu sehen ist das derzeit wieder am Opernhaus Zürich: Da torkelt Charles-Louis Yoshiyama als Mercutio scherzend in den Tod.Allerdings scheint die Todesart diesem Hochseilakt am letzten Faden weniger Raum für Flippen und Fackeln zu lassen. Cathy Marston lässt den Mercutio in ihrer Version des berühmten Liebesdramas nicht wie üblich durch einen Degenstich von Tybalt töten. Lord Capulets Neffe stösst den besten Freund Romeos in einen Spiegel. Dieser zerbricht. Mercutio stirbt. Und Romeo nimmt, wie wir wissen, Rache.Kleine Drehungen am StückAber zunächst einmal gehen wir Cüpli trinken. Suspense. Als wir von der Bar zurückkommen, ist die Bühne von David Fleischer rabenschwarz, und Romeo sinnt über dem Leichnam Mercutios immer noch auf Rache. Was normalerweise auf der Ballettbühne in rasendem Tempo geschieht – der Tod von Mercutio und die Rache Romeos an Tybalt –, wird hier mit einem klassischen Cliffhanger während der Pause unterbrochen und wirkt auf diese Weise umso stärker: als eine geplante Tat, als Mord, nicht als Tötung im Affekt. Und Julia schaut zu.Es sind solche kleinen Drehungen, welche Cathy Marston mit dem Ballett Zürich an den «Stellschrauben des Stücks» vorgenommen hat, wie sie im Programmheft sagt. Die Wirkung bleibt nicht aus. Trotzdem gehen Romeo und Julia in Marstons Choreografie denselben Weg, wie er durch das Drama von Shakespeare und die Musik Prokofjews vorgezeichnet ist: Der Sohn und die Tochter zweier verfeindeter Familien verlieben sich auf einem Maskenball schlagartig und wollen gleich heiraten. Doch die Ehe der Tochter wird von ihrer Familie arrangiert. Die Kämpfe unter den jüngeren Angehörigen der beiden Clans eskalieren. Romeo tötet und muss fliehen. Julia lässt sich, um der Zwangsheirat zu entgehen, mit Gift in einen todesähnlichen Schlaf versetzen – leider erwacht sie zu spät. Denn Romeo hat sich neben seiner vermeintlich toten Geliebten bereits entleibt, Julia folgt ihm nach.Die Versöhnung der Familien über dem Grab der jungen Liebenden aus Shakespeares Drama wird seit 1962, als John Cranko eine der heute noch massgebenden Versionen von Prokofjews 1938 uraufgeführtem Ballett schuf, normalerweise weggelassen. So auch in der Version von Marston, die der grossartigen Partitur Prokofjews im Grossen und Ganzen folgt – wie vor ihr schon die letzten Fassungen am Opernhaus Zürich, geschaffen von Heinz Spoerli 1998 und von Christian Spuck im Jahr 2012.Cathy Marston arbeitet in ihrer Choreografie mit wiederkehrenden Symbolen: Yun-Su Park als Julia mit weissen Calla-Lilien – sie sind so vergänglich wie ihre Liebe.Carlos QuezadaWunderbar erklingt die Musik unter der Leitung des Zürcher Generalmusikdirektors Gianandrea Noseda aus dem Orchestergraben, austariert bis in die kleinsten Sequenzen hinein. Sie trägt die Handlung und treibt sie voran – es ist dies eine der allerbesten Ballettmusiken, die wir haben. Warum daran schrauben? Dass Szenen gestrichen werden müssen, ist das eine; Umstellungen aber scheinen für die Drehungen in der Geschichte nach Cathy Marston nicht zwingend.Mord im SpiegelDie Choreografin greift freilich auch in die Figurenkonstellation und in die Auswahl der Requisiten ein. Julias Amme wird zur Cousine Angelica und ist verliebt in Tybalt. Romeos Cousin Benvolio wird zur Frau und somit zu Benvolia. Das bindet die Frauen auf beiden Seiten der Kampflinie stärker in das Machtspiel der Männer ein. Die Cousine ist nicht nur Mitwisserin, sondern Verräterin. Julia wird Zeugin eines Mordes und liebt den Mörder. Hier werden nicht einfach zwei junge Menschen im Mühlrad einer ganz von Männern geprägten Ordnung zerrieben – die Frauen mischen kräftig mit.Geometrisch klar hat Cathy Marston den formalen Tanz der Capulets gesetzt, quirlig dagegen den der Montagues. Der Konflikt der verfeindeten Familien rückt allerdings etwas an den Rand.Carlos QuezadaWaffen und Gift haben in diesem Ballett keinen Ort. Gestorben wird am Spiegel. Dieser zerbricht beim Fall Mercutios, und die Scherben werden zum Mordinstrument. Romeo schneidet Tybalt damit die Kehle durch. Und Julia hypnotisiert sich mithilfe einer Scherbe in den Scheintod. So verschiebt sich der Angelpunkt der Tragödie weg von den verfeindeten Familien und hin zum Spiegel als Drehscheibe einer Gesellschaft, in der die Spiegelung (und die Selbstbespiegelung) des Einzelnen allgegenwärtig ist. Dass sie auch Tod und Verderben bringt, könnte ein radikaler Kommentar zu unserer Zeit sein. Allein, dafür sind die Bewegungen der Figuren zu vage – als wäre das nur die Anregung zu einem Gedankenspiel.Indes, schön sind die Bewegungen und abwechslungsreich. Geometrisch klar hat die Choreografin den formalen Tanz der Capulets gesetzt, quirlig dagegen den der Montagues – witzig Breanna Foad als Benvolia. Der zu Tybalts Gspusi mutierten Amme von Inna Bilash bleiben nicht allzu viele komische Elemente – Intrigantinnen sind selten lustig. Dafür erscheint der Tybalt von Esteban Berlanga vielschichtiger als die Bösewichte, die man normalerweise sieht.Vorsicht vor Männern, die mit Blumen locken: Dem Romeo von Karen Azatyan mag man die grosse Liebe nicht recht glauben.Carlos QuezadaVielschichtig, ja geradezu undurchsichtig erscheint auch Karen Azatyan als Romeo. Die grosse Liebe mag man ihm nicht recht glauben; den grossen Glauben an sich selber dagegen schon. Yun-Su Park gibt Julia als recht selbstbewusste Frau – eine, die nur noch wegwill. Zweimal schreit sie laut und herzzerreissend auf. Das ist ein merkwürdiger Stilbruch in einem Ballett, das sonst die Stimme nicht einsetzt, wohl aber deutliche Symbole.Der Tanz beginnt auf dem Marktplatz vor einem Blumenstand. Weisse Calla-Lilien werden das Paar begleiten, todgeweiht wie die Liebenden und ihre Liebe. Und das Stück endet in dunkler Gruft unter einer Treppe ins Nirgendwo. Auf dem Körper der Verstorbenen die weissen Blumen, denen, vielleicht, noch einige Stunden mehr vergönnt sind.Passend zum Artikel