«Künstliche Intelligenz muss entwaffnet werden»: Papst Leo XIV. fordert Leitplanken für die KIIn seiner mit Spannung erwarteten Enzyklika «Grossartige Menschheit» mahnt der Papst, die künstliche Intelligenz in den Dienst des Menschen zu stellen und nicht den Tech-Milliardären zu überlassen. Besonders den Einsatz von KI im Krieg kritisiert er scharf.Ulrike Sauer, Rom26.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenPapst Leo XIV. begrüsst am 25. Mai 2026 im Vatikan bei der Vorstellung seiner ersten Enzyklika über künstliche Intelligenz den Anthropic-Mitgründer Christopher Olah.Yara Nardi / ReutersSelten hat ein päpstliches Lehrschreiben so hohe Erwartungen geweckt. Schon zwei Tage nach seiner Wahl im Mai 2025 hatte Papst Leo XIV. angekündigt, dass er die Entwicklungen der künstlichen Intelligenz in den Mittelpunkt der ersten Enzyklika seines Pontifikats stellen werde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wie viel für die Menschheit im Zeitalter der digitalen Revolution gerade auf dem Spiel steht, brachte der Papst am Pfingstmontag unmissverständlich zum Ausdruck: Zum ersten Mal nahm ein Oberhaupt der katholischen Kirche persönlich an der Vorstellung seiner Enzyklika teil.Mehr Nachdruck konnte Leo XIV. seinem Anliegen nicht geben. In der Synodenaula des Vatikans ergriff er am Ende der Zeremonie, mit der das Rundschreiben «Magnifica Humanitas» (Grossartige Menschheit) vorgestellt wurde, selbst das Wort: «Die künstliche Intelligenz muss entwaffnet und von den Logiken befreit werden, die sie zu einem Instrument der Herrschaft, der Ausgrenzung und des Todes machen», sagte er.Den Begriff «entwaffnen» habe er bewusst gewählt, um die Gewissen zu wecken, fügte er hinzu. «Wie die Kernenergie muss auch die künstliche Intelligenz in den Dienst aller und des Gemeinwohls gestellt werden», sagte der erste Papst aus den USA.In seinem ersten Lehrschreiben wird der technologieaffine Pontifex deutlich. Robert Francis Prevost, der Mathematik studiert hat, sieht die von Gott geschaffene «grossartige Menschheit» nicht nur von einer digitalen Revolution bedroht, sondern von einer anthropologischen Revolution.Er warnt vor einer technologischen Entwicklung, die sich vom Gemeinwohl löst und zur Entmenschlichung führt. «Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz» lautet der Untertitel seines Schreibens.Leo XIV. fordert, die KI in den Dienst des Menschen zu stellen – und nicht den Machtinteressen globaler Tech-Konzerne zu überlassen. «Kleine, sehr einflussreiche Gruppen können Informationen und Konsum lenken, demokratische Prozesse konditionieren und die wirtschaftliche Dynamik beeinflussen», mahnt er.Die künstliche Intelligenz sei «der Logik des bewaffneten Wettbewerbs zu entziehen, der heute nicht mehr nur militärischer, sondern auch wirtschaftlicher und kognitiver Natur ist», schreibt der Papst. Das bedeute nicht, «auf die Technologie zu verzichten, sondern zu verhindern, dass sie den Menschen beherrscht».So weitreichend wie die industrielle RevolutionSchon mit seiner Namenswahl hatte Papst Leo vor einem Jahr klargestellt, dass er sich in die Tradition seines weit zurückliegenden Vorgängers Leo XIII. stellt, der mit der Enzyklika «Rerum Novarum» 1891 die katholische Soziallehre begründet hat.Mit dem Lehrschreiben «Neue Dinge» bot die Kirche als Reaktion auf die industrielle Revolution eine christliche Antwort auf die Arbeiterfrage. Sie schlug einen dritten Weg vor, der zwischen dem ungezügelten Kapitalismus und dem radikalen Sozialismus vermitteln konnte.Die Kirche kam damals aber spät mit ihrer bahnbrechenden Soziallehre: Karl Marx hatte 1848 das «Kommunistische Manifest» verfasst, elf Jahre später begründete John Stuart Mill die Theorie des Liberalismus.Diesmal ist die Weltkirche schneller.Seit zehn Jahren befassen sich Expertenteams im Vatikan intensiv mit den «neuen Dingen» des 21. Jahrhunderts – einer Revolution, die von der stürmischen, kaum gezügelten Entwicklung der künstlichen Intelligenz angetrieben wird. Und es ist kein Zufall, dass sich der erste Pontifex, der nach dem Zweiten Weltkrieg geboren ist und somit im Internetzeitalter verwurzelt ist, mit grosser Entschlossenheit der Frage angenommen hat. 135 Jahre nach «Rerum Novarum» rückt er heute einen neuen Humanismus in den Mittelpunkt.Eine neue Konfrontation mit Trump?«Magnifica Humanitas» trifft den Nerv der Zeit. Angesichts einer nahezu unkontrollierten Ausbreitung der KI, die seit einigen Jahren die Gesellschaft, die globale Wirtschaft und das Leben des Einzelnen umpflügt, suchen viele Menschen nach ethischer Orientierung.Bereits im April war der Vatikan mit Wucht in die weltweite Debatte zurückgekehrt. Der Streit mit Donald Trump über den Krieg in Iran hatte den bis dahin eher zurückhaltenden Leo XIV. plötzlich sichtbar gemacht.Nun legte Leo sein erstes Lehrschreiben vor, das gewöhnlich als programmatische Regierungserklärung eines neuen Pontifex gilt. Es umfasst fünf Kapitel mit 245 Absätzen und ist mehr als 100 Seiten dick. Es dürfte von Trump und den mit ihm befreundeten Tech-Milliardären als Provokation aufgefasst werden.Der Papst fordert von der Politik Richtlinien im Umgang mit der KI. Es sei «unerlässlich, dass der Einsatz von KI – insbesondere, wenn es um öffentliche Güter und Grundrechte geht – von klaren Kriterien und wirksamen Kontrollen begleitet wird». In diesem Zusammenhang seien «die Staaten und supranationalen Institutionen gefordert, gerechte Regeln und wirksamen Schutz zu gewährleisten», schreibt der Papst.Man dürfe nicht zulassen, «dass wenige Akteure die Prozesse allein lenken». Vielmehr sei es notwendig, Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln, um «gemeinsam Verantwortung» zu übernehmen.Besonders nachdrücklich erhebt der Pontifex in der Enzyklika seine Stimme gegen den Einsatz künstlicher Intelligenz im Krieg. Mit KI-gestützten autonomen Waffensystemen seien Kriege «durchführbarer» geworden. Keinesfalls dürften Maschinen allein über Leben und Tod entscheiden.Dass der Vatikan am Montag auch Chris Olah, den Mitgründer des KI-Konzerns Anthropic, auf die Bühne holte, zeigt, dass der Papst aus Chicago sich weiterhin nicht vor Konflikten scheut. Olahs Unternehmen aus dem Silicon Valley landete vor kurzem auf einer schwarzen Liste des Pentagons, weil es seine KI-Modelle nicht uneingeschränkt für autonome Waffensysteme zur Verfügung stellte.Der Anthropic-Milliardär bedankte sich in seiner Rede beim Papst: «Wir brauchen sachkundige Kritiker, die uns sagen, wenn wir Fehler machen», sagte er.Passend zum Artikel
«KI muss entwaffnet werden»: Papst fordert Leitplanken für künstliche Intelligenz
In seiner mit Spannung erwarteten Enzyklika «Grossartige Menschheit» mahnt der Papst, die künstliche Intelligenz in den Dienst des Menschen zu stellen und nicht den Tech-Milliardären zu überlassen. Besonders den Einsatz von KI im Krieg kritisiert er scharf.










