KommentarPapst Leos Enzyklika zur künstlichen Intelligenz enthält bedenkenswerte Punkte – aber sie ist zu wirtschaftsfeindlichFür den Papst ist KI kein Teufelswerk, aber er warnt vor der Gefahr der «Entmenschlichung» und möchte mehr Regulierung – zu Recht. Dennoch überzeugen seine Forderungen nicht durchweg. Sie würden die Innovation zu sehr abwürgen.26.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenPapst Leo XIV. im Gespräch mit Chris Olah, einem der Anthropic-Gründer, an der Präsentation der Enzyklika in der Synodenaula des Vatikans.EPA / Maurizio BrambattiDer Mathematiker Robert Francis Prevost, seit gut einem Jahr Papst Leo XIV., hat immer wieder die Aufmerksamkeit auf das Thema künstliche Intelligenz (KI) gelenkt. Sie stellt für das Kirchenoberhaupt aus dem Land des Big Tech einen «Scheideweg der Menschheit» dar, wie er nun in seiner Ansprache bei der Vorstellung der Enzyklika «Magnifica humanitas» («Die grossartige Menschheit») sagte. Dazu passt es, dass der Pontifex nun diesem Thema sein erstes wichtiges Rundschreiben widmet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die erste Enzyklika eines Papstes gilt als richtungsweisend und könnte einen theologischen Schwerpunkt des Pontifikats markieren, neben der Frage von Krieg und Frieden. Nach der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert sei die Entwicklung der KI ein «weiterer gewaltiger Wandel». Diesen Prozess wolle die Kirche «aktiv begleiten». Furcht vor KI sei nicht angebracht, vielmehr Mut, um die Herausforderungen zu meistern.Kritik an MachtkonzentrationDabei sieht Leo in der Technik an sich kein Teufelszeug, sondern spricht, indem er seinen Vorvorgänger Benedikt XVI. zitiert, von einer «zutiefst menschlichen Erscheinung, die an die Autonomie und Freiheit des Menschen geknüpft ist». Der Papst verweist zugleich auf das positive Potenzial für Arbeitswelt, Medizin und Umwelt. Zugleich warnt er vor einer Verabsolutierung der Technik, spricht von «Entmenschlichung», wenn der Mensch nur noch auf Daten, Leistung und Effizienz reduziert werde, oder kritisiert zunehmend autonome Waffensysteme, die die Hemmschwelle für Gewalt senken könnten. Hier fordert Leo verbindliche internationale Verträge, die «den Wettlauf um hochtechnisierte Waffensysteme bremsen» sollen. Und er übt Kritik an Machtkonzentration und Monopolen: Die Macht über die Daten liege nicht bei den Staaten (wobei er nicht zwischen autoritären Ländern und demokratischen Rechtsstaaten unterscheidet), sondern bei wenigen global agierenden Tech-Giganten.Doch der Papst belässt es nicht bei der Aufzählung der Risiken. Er will die «KI entwaffnen und lebensfreundlich machen», ethische Überlegungen sollen bereits in den Entwicklungsprozessen eine Rolle spielen. Transparenz und Überprüfbarkeit sollen gewährleistet sein. Darum fordert Leo «angemessene Regulierungsinstrumente», konkreter wird er nicht. Regulierung bremst für ihn nicht die Innovation, sondern sorgt dafür, dass die Technik menschenwürdig bleibt. Grundsätzlich trifft die Enzyklika damit einen wichtigen Punkt. Die Frage ist allerdings, wie diese Regulierung durchgesetzt werden kann und wie sie gestaltet ist. Jedenfalls sollte sie den Wettbewerb sicherstellen und eine Dominanz der Märkte durch wenige verhindern.Olah für «informierte Kritiker»Ausserdem schlägt er vor, Daten und Wissen als Allgemeingut zu verwalten. Ob einer solchen Forderung auch Chris Olah, einer der Gründer des KI-Giganten Anthropic und bei der Vorstellung der Enzyklika anwesend, zugestimmt hätte, ist zu bezweifeln. Eine solche Art der Kollektivierung ist kaum dazu angetan, den technologischen Fortschritt zu befeuern, im Gegenteil. Olah seinerseits gestand ein, dass es bei der Entwicklung digitaler Technologien zu ethischen Problemen kommen könne. «Die Fragen, die KI aufwirft, sind grösser als die KI-Forschungsgemeinschaft», sagte er. Dazu brauche es «informierte Kritiker» und «moralische Stimmen» von aussen. Dazu zählt er explizit auch die Kirche. Olah gehört zu den KI-Forschern, die ethische Leitplanken befürworten – anders als der Flügel der Tech-Industrie, der dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump nahesteht.Leo zeigt mit diesem Rundschreiben, dass die katholische Kirche, auch wenn manchmal das Gegenteil behauptet wird, nahe an der Lebenswirklichkeit des heutigen Menschen sein kann. Der Papst will die katholische Soziallehre angesichts der Herausforderungen der Gegenwart fortschreiben. Er ist bestrebt, die Stimme der Kirche «in Demut und Offenheit», wie er in seiner Ansprache sagte, im gesellschaftlichen Diskurs um KI einzubringen. Seine Analyse dazu ist realistisch und präzise, die daraus gezogenen Schlüsse überzeugen nicht durchweg, da etwa die Ausgestaltung einer Regulierung unklar ist und Innovation eher gehemmt wird. Doch es ist der anerkennenswerte Versuch der Kirche, mit einem ersten grundlegenden Dokument auf dieses komplexe Thema zu reagieren.2 KommentareJohann Sajdowski vor 52 Minuten1 EmpfehlungFinde die Kommentierung im bundesdeutschen Intelligenzblatt "FAZ" gut: "In seinem Lehrschreiben 'Magnifica Humanitas' wägt der Papst Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz ab. Er offenbart einen Geist zuversichtlicher Skepsis."Passend zum Artikel