Psychiatrische Pflegefachpersonen wie Nadine Schuster begleiten Menschen täglich in deren existenziellen Krisen. Professionelle Distanz gehört zwar zum Job, noch mehr aber geht es um Mitgefühl. Über die Bereitschaft zu Hilfe und Mitverantwortung – und deren Grenzen.Vermutlich kennen wir alle dieses Gefühl, wenn ein anderer Mensch darauf vertraut, dass wir da sind, wenn er uns braucht. Das kann ein schönes Gefühl sein. «Auf dich ist Verlass» – wer hört so etwas nicht gerne? Da ist aber auch eine andere Empfindung. Verlässlich sein heisst, gebunden sein an diese Zusage, die ein anderer auch dann einfordern kann, wenn es uns nicht passt – weil wir Termine haben oder eigene Sorgen uns beschäftigen, wir einen schlechten Tag haben, müde sind. Sind wir auch dann bereit, da zu sein? Oder lassen wir das Telefon klingeln oder die Nachricht auf unserem Smartphone unbeantwortet und werden uns später unter einem Vorwand entschuldigen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenn jemand sich auf unsere Unterstützung verlässt, müssen wir uns irgendwann mit der Frage konfrontieren: Wo beginnt unsere Verantwortung für diesen anderen Menschen – und wo endet sie?Es gibt wohl nur wenige Menschen, die sich mit dieser Frage so intensiv auseinandersetzen müssen wie Pflegefachpersonen in der Psychiatrie. Jeden Tag hören sie Lebensgeschichten, die von Sucht und Rückfall handeln, von Zwang und dem Kampf dagegen, von dem Versuch, weiterzuleben, und diesem Flüstern, das Ruhe verspricht, wenn man doch nur lang genug entschlossen bleibt und sagt: Nein, ich will nicht mehr.Er sitzt vor mir. Die Hände ineinander verschränkt, die Knöchel weiss vor Druck.Die Stille ist so laut, dass selbst die Neonröhre zu schreien scheint.Ich tippe: «Suizidgedanken vorhanden.»Zwei Worte.Auf dem Bildschirm.Im Raum riesig.Sie legen sich über uns, schwer, unbeweglich, fast wie ein dritter Körper.Der Computer will mehr.Felder. Kästchen. Kategorien.Ordnung.Während er dasitzt, den Blick ins Leere, und alles an ihm sagt: Ich will nicht mehr.Die Frau, die diese Zeilen geschrieben hat, arbeitet als Pflegefachperson in der Psychiatrie, seit fast zwanzig Jahren schon, dabei ist sie noch keine 40 – als Selbständige kennt sie mehrere Spitäler und Stationen, deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Sie nennt sich Nadine Schuster und veröffentlicht unter diesem Namen immer wieder Texte, in denen sie verarbeitet, was sie bei ihrer Arbeit erlebt. Ihren richtigen Namen will sie nicht in der Öffentlichkeit lesen, sie sagt, «um meine Patienten zu schützen».Sie nimmt die Arbeit mit nach Hause – «natürlich»Um über ihre Arbeit zu erzählen, wollte sie sich nicht zu Hause treffen. Besser ein neutraler Ort. Ein Café. Geht es nicht doch persönlicher? Nein, lieber nicht; die Geschichten, die seien doch schon persönlich genug, «ausserdem geht es doch um die Patienten, nicht um mich». Also ein Café in der Nähe von Winterthur.Es gibt Menschen, die sind laut, ihre Gesten ausladend, ihre Mimik markant, wenn diese Leute einen Raum betreten, nehmen sie ihn sofort für sich ein. Nadine Schuster ist anders. Sie ist einer dieser Menschen, die kein Getöse brauchen, damit man ihre Gegenwart bemerkt, nicht einschüchternd, eher auf eine stille Weise präsent – eine Zuhörerin. Sie redet auf eine Weise, wie andere Leute barfuss gehen, sie tastet sich Wort für Wort voran.Nadine Schuster sagt, sie sei gern in ihrem Beruf, ehrlich, er mache ihr Spass. Auch wenn manche Freunde und Bekannte das nur schwer glaubten und sie immer wieder danach fragten, warum sie sich das antue; Pflegefachperson in der Psychiatrie, jeden Tag all das Leid und dann auch noch all die Verantwortung, das sei doch schlimm.Und es ist ja wirklich so: An den meisten Spitälern ist das Zimmer der Pflege direkt auf dem Flur, von dem auch die Zimmertüren der Patienten abgehen; sie arbeiten mittendrin in deren Klinikleben. Ein Therapeut kann auf Termine verweisen, auf Therapiefenster pro Woche. Solange sich Pflegefachpersonen in der Klinik aufhalten, sind sie auch ansprechbar – oft sind sie daher die Ersten, die von einer Krise erfahren, von einer Panikattacke, einem Zusammenbruch oder Suizidgedanken.Was Nadine Schuster tut, ist keine Arbeit, die mit Betriebsschluss endet, bei der man einfach wechseln könnte zwischen Spitalflur und Wohnzimmer. «Natürlich nehme ich Dinge mit nach Hause», sagt Schuster, das sei nach weit mehr als hundert Patienten, die sie persönlich begleitet habe, noch immer so. «Ich wäre ja völlig kalt, wenn nicht.»Meine Finger schweben über der Tastatur.Ich könnte Fragen stellen, Worte anbieten, Sätze aus den Leitlinien.Aber jedes Wort würde klingen wie Glas, das bricht.Also bleibe ich.Still.Atemzug neben Atemzug.Und in mir: die Schwere, die keine Statistik kennt.Die Frage, wie oft man dieses Schweigen erträgt, ohne selbst taub zu werden.Es gibt Situationen, die nimmt Nadine Schuster nicht nur mit nach Hause, sondern mit in die nächsten Tage, Wochen, vielleicht sogar Jahre. Da sind zum einen die lauten Fälle, wie das eine Mal vor ein paar Jahren.Sie hatte einen Patienten über Wochen begleitet und eng betreut. Aber an diesem einen Tag wurde er unruhig. Nadine Schuster versuchte, ihn anzusprechen. Er schrie. Sie versuchte, ihn zu beruhigen – er kenne sie doch. Er brüllte nur noch mehr. «Es kippt», dachte Nadine Schuster damals. Und drückte den Alarmknopf. Zwei ihrer Kollegen sind für solche Fälle immer in Bereitschaft. Sie kamen. Gemeinsam fixierten sie den Mann.Wenn ein solcher Fall dann in den Medien verhandelt wird, liest sie die immer selben Fragen: Ist das denn richtig gewesen? Hätte es nicht andere Methoden gegeben? Nadine Schuster fragt sich das auch jedes Mal, obwohl es in den Verhaltensrichtlinien ganz klar heisst: Sicherheit geht vor.Aber Richtlinien helfen nur wenig, wenn man sich abends nach Dienstschluss weiter fragt: War das, was ich getan habe, richtig? Bin ich meiner Verantwortung gerecht geworden? Gerade wenn man in den Tagen danach genau mit diesem Mann wieder Vertrauen aufbauen muss. Zuhören. An guten Tagen vielleicht gemeinsam scherzen oder plauschen. Dann fixieren, auch aus Selbstschutz. Und danach wieder zuhören und mitfühlen. Da sein, als wäre nichts passiert.Die leisen Fälle sind die schwierigstenWenn von Gesundheit die Rede ist und von den Menschen, die sie gewährleisten sollen, dann fallen oft Wörter wie «Professionalität», «Ausbildung», «Leitlinie» oder «Konzept». All diese wichtigen, rationalen Begriffe. Zuweilen täuschen sie darüber hinweg, dass hinter all diesen Regeln, Abläufen und Standards immer eine Person steht, die aus dem Moment heraus entscheiden muss, und das so schnell, dass keine Zeit bleibt, um Regelwerke, Leitlinien oder Konzepte nachzuschlagen.Und wenn ein solcher Moment laut ist, weil ein Patient zu schreien beginnt, sich vor einem aufbaut und näher kommt, dann sind da immerhin genug Indizien, um der Frage nach der Verantwortung entgegenzuhalten: «Ja, ich habe ihn fixieren lassen. Das ist schlimm. Aber es musste sein. Ich habe auf meine Erfahrung vertraut.»Die leisen Fälle, sagt Nadine Schuster, seien die schwierigsten. Wenn ein Patient ruhig werde, gelassen und freundlich, dann sei auch mit noch so viel Erfahrung schwer zu sagen: Geht es der Person besser? Oder hat sie Ruhe gefunden, weil sie für sich einen Weg gefunden hat, indem sie sich selbst aus allem herausnimmt? Psychiatrie bedeutet eben auch: Für manche Menschen ist es eine Leistung, am Leben zu sein.Auch so einen Fall hatte Nadine Schuster schon. Der Mann wirkte ruhig, er erschien ganz normal zum Frühstück und ging zur Therapie. Er grüsste auf dem Gang. Alles an ihm war so unauffällig. Oder? Und trotzdem.«Hätte ich etwas bemerken müssen?» Nadine Schuster sagt, diese Frage habe sie sich monatelang immer wieder gestellt. Ihr Team habe sie da gestützt, ihr immer wieder gesagt: Das sei nicht ihre Verantwortung.Seine Schultern sinken tiefer.Die Sekunden dehnen sich, bis sie nicht mehr messbar sind.Es riecht nach Desinfektionsmittel und kaltem Kaffee.Und nach etwas, das kein Formular kennt.Ich schreibe weiter. Zahlen, Codes, Statistik.Er atmet.Und irgendwo zwischen diesem Atem und dem Cursor, der blinkt, hängt die ganze Frage:Bleibt er?Geht er?Pflege ist nicht nur Berührung, nicht nur Hilfe und Trost.Sondern Räume, in denen Verzweiflung schweigt – und jemand da ist, der das Schweigen aushält.Manchmal genügt das.Manchmal nicht.Auf die Frage, ob die Verantwortung ihr manchmal nicht doch zu viel werde, fängt Nadine Schuster an, leise zu lachen. Klar gebe es Tage, nach denen sie «einfach voll» sei, da komme sie nach Hause und wolle niemanden mehr sehen, und ja, an manchen dieser Tage sei ihr auch schon der Gedanke gekommen, den Beruf zu wechseln. Aber bisher seien es nur Tage. Ausnahmen. Und so ein bisschen zweifeln dann und wann, das sei doch menschlich. «Ich mache den Job ehrlich gerne», sagt sie. «Ja, er ist anstrengend. Aber auch spannend und sinnstiftend.»Sie erlebe Entwicklung, an den Patienten, aber auch an sich selbst. «Am Anfang habe ich noch gedacht, ich könne Menschen allein dadurch retten, dass ich mich genug bemühe.» Sie macht eine Pause, wartet, öffnet den Mund ein paar Mal und schliesst ihn wieder, als wäre sie mit den Worten, die sie findet, noch nicht zufrieden genug, um sie in den Raum hinauszulassen. «Mit der Zeit», sagt sie dann, «bin ich realistischer geworden.»Realismus. Auch das gehört zu verantwortungsvollem Handeln. Wer Erwartungen stellt, die nur schwer erfüllbar sind, wird zwangsläufig scheitern, nicht immer, weil die Ziele unerreichbar wären, viel häufiger, weil man sie zu schnell erreichen will. Wer aber Verantwortung übernehme, sagt Nadine Schuster, der brauche mit sich selbst und mit anderen Geduld. «Fortschritte brauchen Zeit.»Während dieser Zeit sei es wichtig, für den Patienten präsent zu bleiben. Nicht nur körperlich, «als ganzer Mensch». Auch da habe sie sich entwickelt: Am Anfang habe sie gedacht, als Pflegefachperson in der Psychiatrie brauche es vor allem Distanz.Und klar, professionelle Distanz brauche es bis zu einem gewissen Grad. Aber Patienten seien eben auch Menschen, die sich über Erfolge freuten und mit dem Scheitern haderten, die Hoffnung genauso spürten wie Angst, die all das kennten, was man selbst auch in sich trage; nur seien die Patienten eben in einer Krise – «und so etwas kann uns allen passieren», sagt Nadine Schuster. Bei ihrer Arbeit sei sie schon allen begegnet, «vom Manager eines Grosskonzerns bis zum befristeten Angestellten einer Zeitarbeitsfirma».Verantwortung trägt auch der PatientStatt distanziert will Nadine Schuster heute vor allem authentisch sein. Für sie bedeutet das beispielsweise zuzugeben, dass auch ihr manchmal die Antworten fehlen – etwa wenn eine Mutter fragt, warum ihr Kind bei einem Unfall sterben musste. Aber auch, dass sie sich aufrichtig mitfreut, wenn sie über Wochen mit einer Patientin an ihrer Zwangsstörung gearbeitet hat und dann, an einem Tag, ist es plötzlich so weit: Die Patientin schafft die Morgenroutine allein und braucht statt der sonst vollen zwei Stunden nur eine halbe. Da ist Nadine Schuster auch schon kurz vor Freude gehüpft. «Mir ist wichtig, meinem Gegenüber zu zeigen: Ich bin keine Maschine», sagt sie. «Nur ein Mensch, und darin nicht besser als sie.»Während ich tippe, spüre ich das Unbehagen: Diese zwei Worte sind zu klein für die Wucht, die sie tragen. Sie reduzieren ein Leben voller Brüche, Verluste, vielleicht auch stiller Siege, auf eine Meldung in einem Formular. «Suizidgedanken vorhanden» – das klingt nüchtern, objektiv, sauber dokumentiert. Aber in Wirklichkeit steckt in diesen beiden Worten eine ganze Biografie, die an einem einzigen Punkt zu kippen droht.Wir lieben Ordnung. Kästchen. Felder. Statistik. Als könnten wir Verzweiflung vermessen, als liesse sie sich in Prozenten ausdrücken, in Risikostufen, in klaren Handlungsanweisungen. Doch die Verzweiflung dieses Mannes passt nicht in ein Raster. Sie ist weder mild noch mittel noch schwer. Sie ist einfach da – in seiner Haltung, in der Art, wie sein Blick ins Leere fällt, in der Schwere, die auch mich atemlos macht.Das System verlangt Eindeutigkeit. Aber Verzweiflung ist selten eindeutig. Sie ist ein Nebel, der sich über Menschen legt, manchmal dünn und durchscheinend, manchmal undurchdringlich. Und wir, die daneben sitzen, sollen darin den klaren Weg erkennen.Die vermutlich wichtigste Lektion während ihrer Jahre als Pflegefachperson in der Psychiatrie: Verantwortung ist nichts, was nur in eine Richtung ausgerichtet ist. Ein Patient mag in einer Krise sein, aber er bleibt ein Mensch und damit für das eigene Leben verantwortlich.Nadine Schuster kann Gespräche und Vertrauen anbieten, sie ist aber darauf angewiesen, dass auch die andere Seite sich zuverlässig zeigt, ihren Teil der Verantwortung übernimmt, sich an Absprachen hält, in der Kommunikation mit ihr offen und ehrlich ist.Da ist die Arbeit in der Psychiatrie nicht anders als jedes zwischenmenschliche Miteinander: Jede gesunde Beziehung ist darauf angewiesen, dass alle den eigenen Anteil annehmen und sich aufrichtig um das Gelingen im Miteinander bemühen. Selten, beinahe nie, trägt man Verantwortung allein.Wobei in der Psychiatrie dann doch etwas anders ist: Die eine Hälfte der Verantwortung trägt niemals nur eine einzelne Pflegefachperson, sondern ein Team aus Ärzten, Psychologen, Therapeuten, anderen Pflegefachleuten. Psychiatrie, das ist Teamarbeit.Teamarbeit, das klingt zunächst immer so gut. In ein Team eingebunden zu sein, bedeutet aber auch: sich manchmal rechtfertigen zu wollen und immer erklären zu müssen, warum man wann welche Entscheidung getroffen hat. «Manchmal muss ich erst handeln», sagt Nadine Schuster. «Und meine Entscheidung dann im Nachhinein rechtfertigen.»Sich erklären zu müssen, wenn etwas nicht läuft, das kennt wohl jeder Beruf. Pflegefachpersonen aber tragen so viel Verantwortung wie nur wenige – und sind trotzdem so zufrieden wie kaum eine andere Gruppe; in wissenschaftlichen Umfragen sagen viele, das liege auch an flachen Hierarchien. «Wenn man das Richtige tut, dieses Richtige aber über das hinausgeht, was üblich ist – dann exponiert man sich. Und da läuft vieles auf der Basis von Vertrauen», sagt Michael Simon. Er ist gelernter Krankenpfleger und leitet das Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Basel. «Pflegekräfte tragen hohe Verantwortung», sagt er, «häufig ohne die Rückendeckung durch klare Systeme.»Wann genau kommt es zur Fixierung? Wie gehen wir damit um, falls ein Patient sich suizidiert? «Es gibt zwar einen gesetzlichen Rahmen, aber es fehlt eine institutionsübergreifende, strukturierte Antwort auf Ausnahmesituationen», sagt Simon. Ob es klare und konkrete Abläufe gebe und wie diese umgesetzt würden, sei extrem abhängig von der jeweiligen Klinik.Wo einem System die Klarheit fehlt, drückt das noch mehr Verantwortung auf die einzelne Person. «Es gehört zur Pflege, bis zu einem gewissen Punkt mit den Patienten mitzufühlen», sagt Michael Simon. «Und das ist kein Nebenaspekt, sondern der Kern des Berufs.»Pflegefachpersonen raten von der eigenen Klinik abWo man mitfühlt, entwickelt sich auch Frust, wenn Patienten mit Suchterkrankungen kommen, rausgehen, rückfällig werden, zurückkommen. Oder wenn Patienten entlassen werden, obwohl klar ist, dass sie eigentlich noch nicht so weit sind. Die Kostenkalkulation sieht eben nur eine gewisse Anzahl an Behandlungswochen vor. Manchen Patienten fehlt auch ein Follow-up nach der Klinik, sie gehen raus und stürzen ab, teilweise sind sie nur wenige Wochen später zurück. «Pflegende sehen diese Bruchstellen ständig», sagt Simon, «sie intervenieren ja nicht nur in der Krise, sondern begleiten beständig.»Womöglich ist das einer der Gründe dafür, dass im Bericht zur stationären Psychiatrie in der Deutschschweiz von 2024 knapp ein Drittel der Pflegefachpersonen sagt: Ich mag meine Klinik, aber Bekannten würde ich zur Behandlung einen anderen Ort empfehlen. Michael Simon hat den Bericht mitverfasst. Er sagt, es sei normal, dass der Blick gerade auf die eigene Station wenig milde ausfalle – «in der Bewertung der eigenen Arbeit sind Pflegende in besonderem Masse streng».Auch darin liegt eine Wahrheit, die für mehr gilt als nur für den Berufsalltag in der Psychiatrie: Je besser wir etwas kennen, desto schärfer wird unser Blick für die Ecken, Kanten und Brüche, für all das, was nicht funktioniert, aber doch funktionieren sollte.Und wen oder was kennen wir besser als uns selbst und unsere Fehler?Es ist nicht nur seine Frage: Bleibe ich, oder gehe ich?Es ist auch meine: Wie lange halte ich das Schweigen aus, ohne selbst zu zerbrechen?Ich denke an die vielen Begegnungen, die ähnlich waren. Menschen, die stumm dasitzen, weil jedes Wort zu schwer ist. Menschen, deren ganze Lebensgeschichte in einem Formular zu verschwinden droht. Und ich denke daran, wie oft wir als Gesellschaft dieses Schweigen überhören – weil wir Statistiken lieber anschauen als Gesichter.Die vielleicht grösste Kunst, sagt Nadine Schuster, sei, Fehler zuzugeben, daraus zu lernen, «aber sich nicht darin zu verlieren». In der Psychiatrie ist das besonders schwer, weil Siege so schwer greifbar sind. Ein Erfolg zeigt sich oft dadurch, dass nichts passiert, dass ein Patient geht und eben nicht wiederkommt. Auch deshalb schreibt sie ihre Texte – die Geschichten bleiben.Und deshalb ist ein gesundes Team so wichtig: Es braucht dieses «Wir», das füreinander einsteht, sich gegenseitig hilft und sich miteinander freut, wenn etwas gelingt. Denn wie soll man es den Leuten da draussen erklären, was für ein Erfolg es ist, wenn eine Patientin mit Zwangsstörung ihre Morgenroutine von zwei Stunden auf eine halbe reduziert? Wer versteht wirklich, was für eine Leistung es sein kann, dass jemand noch lebt, noch einen Tag und danach noch einen und noch einen, dass er einfach so dasitzt am Frühstückstisch vor einem Käsebrot, als wäre das ganz normal?Nadine Schuster zögert kurz. Sie wisse, sagt sie dann, dass es auch Spitäler oder Kliniken gebe, wo das schwieriger sei mit diesem Wir-Gefühl. Am Ende sei es wie in allen Berufen, vieles hänge davon ab, wie der oder die jeweilige Vorgesetzte sei. Die trügen ja auch die Verantwortung dafür, wie gut der Alltag auf der Station gelinge, für die Patienten genauso wie für das fachliche Team. Gute Führung sei wichtig.Was gute Führung in der Psychiatrie bedeutetFührung. Zu diesem Begriff gibt es viele Definitionsversuche: «Führungskraft ist, wer Gefolgschaft hat!», heisst es von Peter Drucker, dem Begründer der modernen Managementlehre. «Führung ist die zielgerichtete Beeinflussung des Erlebens und des Verhaltens von Einzelpersonen und von Gruppen innerhalb von Organisationen», definiert die Wirtschaftspsychologische Gesellschaft.«Führung in der Psychiatrie heisst für mich, Orientierung zu geben, ohne die fachliche Autonomie meines Teams zu beschneiden. Es heisst also, Sicherheit zu schaffen, ohne alles zu kontrollieren», sagt Markus Loosli. Er ist Vorstandsmitglied bei den Swiss Nurse Leaders, dem schweizerischen Verband für Führungskräfte in der Pflege. «Und Führung muss eine Kultur fördern, in der man über Belastung und Fehler sprechen darf», sagt er, «ohne das Gefühl zu bekommen, man sei eine Last oder sei gescheitert.»Führungspositionen bedeuten per se Verantwortung – und in der psychiatrischen Pflege, wo Menschen andere Menschen durch existenzielle Krisen begleiten, gilt das noch mehr als anderswo. Zumal die Belastung nur schwer sichtbar ist: Psychische Erschöpfung und moralischer Stress zeigen sich manchmal, aber eben nicht immer in Augenringen. «Eine gute Führungsperson muss deshalb auch immer nachfragen, wie es gerade geht», sagt Loosli. «Initiative ergreifen. Nicht nur darauf warten, dass die Leute selbst zu einem kommen. Das ist wichtig.»Wichtig sei ausserdem, eine Vorbildrolle zu leben: Der Dienst endet, wenn die Arbeitszeit vorbei ist. Und es ist normal, genau dann auch wirklich nach Hause zu gehen – gerade weil man Verantwortung für andere Menschen trägt. Wer Dinge schultern will, braucht Kraft und auch einmal Ruhe.Wir lesen Zahlen über Suizid, über Depressionen, über psychische Erkrankungen. Wir debattieren über Versorgungslücken, über Präventionsprogramme, über Kosten.Aber selten fragen wir, was es bedeutet, neben einem Menschen zu sitzen, der gerade nicht weiss, ob er morgen noch leben will. Wie sich das anfühlt, welche Ohnmacht darin liegt.Welche Verantwortung.Eine Pflegefachperson befindet sich immer in einem Spannungsfeld: Es braucht Mitgefühl und Mitverantwortung, aber auch Abgrenzung und professionelle Distanz. Und wie in jedem Spannungsfeld passieren auch hier Fehler. Um aus Fehlern zu lernen, braucht es Räume für Austausch und Reflexion.Lernen und Reflexion aber fallen als Erstes weg, wenn der Arbeitsalltag unter Druck gerät, weil Überstunden gemacht werden müssen oder Personal fehlt; auch das steht im Gesamtbericht zur Psychiatrie in der Deutschschweiz. Loosli sagt: «Wir brauchen mehr ausgebildetes Personal. Sonst können wir noch so viel über die Balance von Arbeit und Privatleben reden, und es bleibt doch nur Theorie.»Es geht um Beziehungsarbeit, nicht um KontrolleWo die Grenze der Verantwortung beginnt und wo sie endet, darauf hat auch Markus Loosli keine ganz klare Antwort. Wer aber Verantwortung auf sich lädt, dem tut es zumindest gut, wenn diese Leistung anerkannt wird. «Psychiatrie ist aber noch immer mit einem Stigma behaftet», sagt Markus Loosli, «die Bilder in den Köpfen sind noch zu oft solche von Fixierung und Verwahrung.» Bei der Arbeit von Pflegefachpersonen aber gehe es um vorsichtige, beharrliche und intensive Beziehungsarbeit – nicht um Kontrolle.Vielleicht ist das der Teil, den niemand sehen will: dass psychiatrische Pflege nicht nur Medikamente reichen, Gespräche führen oder Krisen managen bedeutet. Sondern oft schlicht: da sein. Den Atem neben dem Atem spüren. Aushalten, dass es keine schnelle Lösung gibt.Und dann zu gehen, den Computer auszuschalten, die Statistik abzusenden – mit dem Wissen, dass die eigentliche Arbeit unsichtbar bleibt.Im Café hat Nadine Schuster gerade davon erzählt, wie sehr es sie ärgert, dass psychisch Erkrankte oft als schwach wahrgenommen werden, dass neben dem, womit sie sowieso schon ringen, da auch noch all die mitleidigen Blicke sind, wenn jemand in die Klinik muss.Nadine Schuster sieht es anders. Sie hat mit so vielen Patienten geredet, so viel von ihrem Leben erfahren – jemand Schwaches sei da sicher nie dabei gewesen, sagt sie. «Sich eingestehen, dass da etwas ist. Darüber sprechen. Sich der Situation stellen. Das finde ich sehr mutig.»Sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht – das ist der erste und womöglich wichtigste Schritt, um die Verantwortung für die eigene Heilung anzunehmen. Es ist aber auch einer der schwersten. Hilfe brauchen, das bedeutet immer auch einen Kontrollverlust, man bekommt das eigene Leben nicht länger allein hin.Psychische Krankheiten bedeuten oft: DiskriminierungMit dem sogenannten «Treatment Gap» beschreibt die Weltgesundheitsorganisation die Lücke zwischen dem Bedürfnis nach Behandlung und der tatsächlichen Versorgungssituation. Mehrere internationale Studien gehen davon aus, dass bis zu 60 Prozent der psychisch Erkrankten keine professionelle Hilfe erhalten; ein zentraler Grund dafür ist auch, dass sie erst gar nicht danach fragen.Nicolas Rüsch und Patrick Corrigan, zwei der wichtigsten Stigmaforscher, beschreiben eine «Negativspirale aus Rückzug, Demoralisierung und zunehmender Isolation», wenn Menschen aufgrund ihrer psychischen Erkrankung gesellschaftliche Abwertungen erleben. Die Angst, wie andere wohl auf die eigene Krankheit reagieren, verhindert bei vielen eine Behandlung.Eine Depression lässt sich nach aussen hin lange verbergen; Lächeln und sogar Lachen lassen sich trainieren, auch ohne dass man dafür etwas fühlt. Ein längerer Klinikaufenthalt oder auch eine regelmässige Therapie lassen sich weniger leicht tarnen.Jeder Mensch hat seine Themen. Die einen können ihre Probleme nicht klar benennen, sie spüren nur die Folgen, Schwere oder Angst, die den Alltag lähmen oder unmöglich machen. Andere haben klare Begriffe für das, was sie quält: Zwangsstörung, Depressionen, Verlust. Und nicht immer bedeutet Verlust, dass jemand gestorben ist, manchmal entscheidet ein Mensch, den man liebt, sich zu trennen – einfach so. Auch das tut weh. Manchmal so sehr, dass es genug sein kann für einen Klinikaufenthalt. «Was meine Patienten besonders macht, sind nicht immer die Ausmasse ihrer Probleme», sagt Nadine Schuster, «sondern dass sie hinschauen.»Auch darin liegt Verantwortung: bei den eigenen Themen hinzuschauen. Aber auch das Aussen trägt hier seinen Teil; damit aus dem Hinsehen auch ein Handeln werden kann, aus dem Wunsch nach Hilfe eine Frage danach, braucht es einen gesellschaftlichen Standard, der versichert: Nach Hilfe fragen, das ist okay.Ich weiss nicht, ob er bleibt oder geht. Niemand weiss das in diesem Moment. Aber ich weiss: Meine Anwesenheit, mein Schweigen, meine Bereitschaft, neben ihm zu sitzen – das ist mehr, als jedes Formular je erfassen könnte.Zwei Worte im System.Ein ganzes Leben im Raum.Durch all diese Wochen, während deren diese Leute bei ihr im Pflegezimmer vorbeigekommen sind und reden wollten, oder nicht reden, sondern schweigen, aber dabei nicht allein sein wollten, da hat sich eine Verbundenheit aufgebaut. Und trotzdem: Wenn ein Patient die Klinik verlässt, will Nadine Schuster darauf hoffen, dass sie ihn nie wiedersieht. Auch wenn sie selten erfährt, wie einer ihrer Patienten die Zeit nach der Klinik erlebt, ist es das beste Zeichen, jemanden nicht wiederzusehen, um an einen Sieg, um an etwas Gutes zu glauben.Verantwortung sei das weniger, sagt Nadine Schuster. Eher Selbstfürsorge – ihr Teil der Verantwortung ende dort, wo ihre Patienten die Klinik verliessen.«Hätte ich etwas bemerken müssen?»Aber was ist, wenn es doch anders kommt? Wenn man den Patienten nicht wiedersieht, aber eben nicht alles gut geht? «Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich könnte das einfach abschütteln oder gar nicht an mich heranlassen», sagt Nadine Schuster. «Hätte ich etwas bemerken müssen?», manchmal, wenn auch selten, komme diese Frage auch nach Jahren noch einmal hoch. «Aber ich weiss, dass das nicht meine Verantwortung ist. Die Verantwortung für das Leben eines Patienten, das wäre zu viel. Ich kann nur meine Hilfe anbieten.» Es sei wichtig, bei sich und den eigenen Möglichkeiten zu bleiben.Bei sich bleiben. Zu fragen: Was kann ich tun, und was liegt beim anderen? Verantwortung entsteht also immer zwischen mehreren Menschen, die sich eine Last teilen. Das unterscheidet sie von Schuld – die kann auch ein Einzelner auf sich laden, ganz allein.Für das Scheitern und das Gelingen im eigenen Leben ist man selten allein, aber immer auch selbst verantwortlich. Lehnt man den eigenen Teil der Verantwortung ab, kann kein anderer sie übernehmen. Helfen, Verantwortung teilen, das geht. Nicht abnehmen. «Verantwortung», sagt Nadine Schuster, «heisst für mich, hinter meinen Handlungen stehen zu können. Was dann aus dem folgt, was ich tue, kann ich nie wissen. Aber ich möchte im Rückblick sicher sein: Ich habe mein Bestes versucht.»Passend zum Artikel