PfadnavigationHomeGeldWirtschaftsweise Schnitzer„Müssen wir den Menschen überhaupt etwas Gutes tun, und ist dafür der Staat zuständig?Stand: 17:18 UhrLesedauer: 6 MinutenMonika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen EntwicklungQuelle: Britta Pedersen/dpaEnde des Tankrabatts, Rente erst mit 70, Sozialversicherungen auf dem Prüfstand: Monika Schnitzer, Chefin der Wirtschaftsweisen, rechnet im WELT-Interview mit der Subventionspolitik der Bundesregierung ab. Auch für Vermieter und Bauherren macht sie eher unbequeme Vorschläge.Mit einem berühmten Churchill-Zitat versuchte Monika Schnitzer, die Vorsitzende des Sachverständigenrates für Wirtschaft, ihre Zuhörer aus der Immobilienbranche aufzumuntern: „Never waste a good crisis.“ Mehr als ein freundliches Lächeln konnte sie den Teilnehmern der „Investment-Expo“, einer Fachveranstaltung für Profidienstleister der Branche, nicht entlocken. Zu bedrückend war der Ausblick auf Konjunktur und Staatsfinanzen, den sie zuvor auf der Bühne des Berliner Zoo-Palastes gegeben hatte: Mit den Sonderschulden des Bundes würden Beträge in zweistelliger Milliardenhöhe im Kernhaushalt „freigeschaufelt“, rechnete sie vor. Allein aus den Sonderinvestitionen für Schieneninfrastruktur würden 3,7 Milliarden in den Haushalt verschoben. Der Anteil für Verteidigungsausgaben im normalen Haushalt sei von 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf ein Prozent geschrumpft. „Das ist natürlich nicht die Idee gewesen“, so die Ökonomin, die kommende Woche das Frühjahrsgutachten der Wirtschaftsweisen vorstellt. „Wenn Sie sich fragen, wie eine niedrigere Mehrwertsteuer oder eine höhere Pendlerpauschale finanziert werden konnte – dann wissen Sie es jetzt.“Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenZwar hätten die Sonderschulden einen kurzen positiven Effekt auf die Konjunktur. Doch grundsätzlich leide die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft unter hohen Lohnkosten, fehlgeleiteten Subventionen und Regulierung. Die Folgen des Irankrieges auf Rohstoffpreise und Lieferketten täten ihr Übriges. Im Gespräch mit WELT nennt sie einen zentralen Punkt, mit dem man den Wohnungsbau ankurbeln könnte. Lesen Sie auchWELT: Frau Schnitzer, welche Strukturreformen sind die dringendsten, die die Regierung angehen sollte?Monika Schnitzer: Sozialversicherungen: Rente, Krankenversicherung, Pflegeversicherung. Im Frühjahrsgutachten kommende Woche werden wir das herausstellen. Die Menschen werden immer älter und immer mehr Ausgaben müssen finanziert werden.Lesen Sie auchWELT: Sind Sie für die Rente ab 70?Schnitzer: Wir sind dafür, dass das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung angepasst wird. Nach unserem Vorschlag wären wir dann im Jahr 2091 bei einem Eintrittsalter von 70.WELT: Das ist weit in der Zukunft, wie kommt man auf diese Zahl?Schnitzer: Die Formel lautet: Für jedes Jahr länger leben, acht Monate länger arbeiten. Momentan arbeiten wir 40 Jahre und sind 20 Jahre in der Rente. Alle zehn Jahre werden die Menschen im Schnitt neun Monate älter. Ab 2031 gilt das Renteneintrittsalter von 67. 60 Jahre später wären wir dann bei einer Rente mit 70.WELT: Das Geld fehlt an allen Stellen, die Sonderschulden werden nachweislich zweckentfremdet zur Haushaltssanierung. Wie lässt sich das verhindern?Schnitzer: Das ist in der Tat nicht einfach, aber man muss es versuchen. Politik neigt dazu, kurzfristige Wahlversprechen zu bedienen. Beispiel Mütterrente: Die fünf Milliarden Euro Mehrkosten dienen den heutigen Wählern. Wenn man das stattdessen in die Brückensanierung investieren würde, hätte auch die nächste Wählergeneration etwas davon. Im Rat sprechen wir uns für strengere Regeln aus: Mindestquoten für Verteidigung oder Bildung. Eine Infrastrukturgesellschaft könnte gegründet und das Geld dann verbindlich für Infrastruktur ausgegeben werden.WELT: Was halten Sie vom Tankrabatt?Schnitzer: Gar nichts. Wir haben einen Angebotsschock, also weniger Öl auf dem Weltmarkt. Die Preise gehen hoch. Das sorgt für eine sinkende Nachfrage, passend zum niedrigeren Angebot. Aber der Tankrabatt heizt die wieder an.WELT: Aber selbst 30 Euro Entlastung helfen manchen Vielfahrer-Haushalten.Schnitzer: Die Subvention ist nicht zielgenau, denn es profitieren auch Vielverdiener-Haushalte. Die wenigsten geraten ans Existenzminimum wegen 30 Euro mehr Spritkosten im Monat. Die Verbraucher müssten auf eine Preisänderung eigentlich mit einer Verhaltensänderung reagieren und weniger fahren oder langsamer fahren.Lesen Sie auchWELT: Aber die Belastungen steigen, auch andere Lebenshaltungskosten steigen. Was wäre eine Alternative zum Tankrabatt, ab 1. Juli?Schnitzer: Die Frage ist grundsätzlich: Müssen wir den Menschen überhaupt etwas Gutes tun, und ist dafür der Staat zuständig? Wenn überhaupt, sollte man die wirklich Bedürftigen unterstützen und Haushalte mit sehr niedrigen Einkommen in den Blick nehmen. Aber noch einmal: Öl auf dem Weltmarkt ist teurer, in Deutschland kostet das Kaufkraft. Wenn wir das ausgleichen wollen, geht das nur durch Umverteilung innerhalb der Gesellschaft. Eine höhere Verschuldung geht dabei zulasten unserer Kinder, die das zurückzahlen müssen. Wir investieren das Geld nicht einmal konsequent in Straßen, Brücken und Bildung, sondern geben es aus. Ist das gerecht?WELT: Also kein neuer Rabatt für irgendetwas ab 1. Juli?Schnitzer: Ganz genau. Der Staat wird uns immer raushauen – da gibt es auch eine falsche Erwartungshaltung in der Gesellschaft, die immer wieder bedient wird. In der Pandemie gab es die Wumms-Milliarden, in der Energiekrise nach 2022 Inflationsausgleich und so weiter, das funktioniert irgendwann nicht mehr. Falsche Versprechungen schlagen sich auch in schlechten Umfragewerten nieder.WELT: Auch die Immobilien- und Baubranche ruft nach Subventionen – mehr Förderung, niedrigere Zinsen.Schnitzer: Wohnungsbau muss man anschieben, indem man das Bauen günstiger macht.WELT: Das ist Deregulierung, keine SubventionSchnitzer: Richtig, und da gibt es viele Möglichkeiten, bei Brücken einheitliche und schnellere Verwaltungsverfahren, bei Wohnungsbauten einen niedrigeren Standard. Das ist alles machbar, ohne Subventionen. Und es geht um mehr Angebot, aber in materieller Hinsicht: Wir haben noch so viele freie Flächen in den Städten oder in attraktiven Randlagen: Wenn man da konsequent bebauen würde, hätte das auch einen Preiseffekt.WELT: Sollten auch Mieten dereguliert werden, Mietpreisbremse und Mietspiegel abschaffen?Schnitzer: In einem gewissen Umfang müssen Mieten steigen können, auch um steigende Kosten in der Bewirtschaftung abbilden zu können. Ungebremst sollten die Mieten nicht steigen, das ist gesellschaftlicher Konsens. Wohnen ist ein besonderes wirtschaftliches Gut, da gibt es höhere Abhängigkeiten, weil Umziehen schwierig und kostspielig ist, wenn es keine alternativen Wohnungen gibt. Und gerade ältere Menschen scheuen die Belastung durch einen Umzug. Aber noch einmal: Wer reguliert, muss auch gleichzeitig für höheres Angebot sorgen.WELT: Wohneigentumsbildung: fördern, oder nicht?Schnitzer: Erst einmal haben wir in Deutschland enorm hohe Kaufnebenkosten. Das ist in anderen Ländern nicht der Fall, und dort können schon junge Menschen eine Wohnung kaufen. Es ist sehr einfach: Nebenkosten runter, Grunderwerbsteuer für Selbstnutzer runter oder Freibeträge für Erstkäufer – das wäre angebotsorientiert und nicht preistreibend.WELT: Werden die Zinsen tendenziell steigen?Schnitzer: Wenn sich die geopolitische Lage nicht bald ändert, dann ja, weil die Inflation steigt. Allgemein ist die Erwartung aber, dass die Inflation im kommenden Jahr wieder zurückgeht und der Zinsanhebungsdruck nachlässt.Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcentrum von WELT und Business Insider erstellt.Michael Fabricius beschäftigt sich im Wirtschaftskompetenzcentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ mit Immobilienthemen und schreibt über alles, was Eigentümer, Mieter und Investoren betrifft. Gemeinsam mit Michael Höfling ist er für den Immobilien-Newsletter „Frage der Lage“ verantwortlich, den Sie hier abonnieren können.