Ein Textil kann Emotionen auslösen. Damit überraschte der mit Gefühlsäußerungen gewöhnlich zurückhaltende Jonas Vingegaard beim Giro d’Italia. Er strahlte, als er das Rosa Trikot des Gesamtführenden erstmals am Samstagabend auf der Skistation Pila in der Aostaregion im Norden Italiens anzog. „Es war lange ein Traum von mir, wie wohl von vielen jungen Burschen. Jetzt bin ich glücklich, es hier tragen zu dürfen“, sagte er und ordnete es in Sachen Wichtigkeit auch gleich nach dem gelben Leibchen der Tour de France ein. So wie er strahlte, er, der bei seinen beiden Tour-de-France-Siegen immerhin 27 Mal Gelb am Leibe hatte, schien ihm der erste Moment in Rosa eine ganze Menge zu bedeuten.Das Lachen hatte er auch nicht ausgeknipst, als er tags darauf in Voghera zum Start der 15. Etappe das erste Mal in Rosa in der ersten Reihe für das Fotoshooting der Träger der Wertungstrikots Aufstellung nehmen durfte. Als Führender der Bergwertung kannte er diese Zeremonie bereits. Aber die Premiere in Rosa war offenbar auch für ihn eine ganz besondere Angelegenheit. Er hatte dann auch gleich eine Menge zu tun.Es grummelt im PelotonDenn eingangs der sonntäglichen Stadtrunde in Mailand grummelte es im Peloton. Viele fanden den Asphaltbelag erbärmlich. Hinzu kamen Straßenbahnschienen, Kopfsteinpflaster und Verkehrsteiler. Nicht alle fanden das der Aufregung wert. „In Belgien bin ich auf viel schlechteren Straßen unterwegs gewesen, aber da sagt keiner was“, meinte der Italiener Mirco Maestri zur F.A.Z. Gut, Maestri hatte den Stadtkurs in der vierköpfigen Spitzengruppe absolviert. Für ein Quartett war der Belag mit viel weniger Risiko behaftet als für ein mehr als 100 Fahrer umfassendes Peloton, wie Maestri auch selbst zugab. Aber statt zu schimpfen, sollten die Kollegen bei Gefahrensituationen lieber bremsen, kritisierte er auch.Vingegaard hingegen konnte sich in dem Bewusstsein sonnen, als Gesamtführender auch Gesamtverantwortung übernommen zu haben. „Sie waren sehr freundlich, haben uns zugehört und dann eine gute Entscheidung getroffen“, beschrieb er die Begegnung mit der Rennjury. Deren salomonische Entscheidung lautete dann, die Zeitwertung für das Gesamtklassement schon an der vorletzten Runde zu nehmen. Der Etappensieg wurde wie geplant auf der Schlussrunde ausgefahren. Vingegaard hatte also auch als radelnder Patron des Giro sein erstes Erfolgserlebnis. Sportlich verläuft für ihn das Giro-Abenteuer ohnehin bilderbuchartig.Alle drei Bergankünfte gewann er als Solist: Blockhaus (7. Etappe), Corno alle Scale (9.) und schließlich Pila. Dort musste er selbst nicht mal eine richtige Attacke fahren. Normales Pacing, also eine leichte, kontrollierte Tempoerhöhung, reichte völlig aus, um das Loch auf den letzten verbliebenen Rivalen, den Österreicher Felix Gall, immer größer werden zu lassen. Sein Edelhelfer Davide Piganzoli hatte zuvor schon das Gros der anderen Klassementfahrer an die Grenzen ihres Könnens gebracht, frohlockte Vingegaard selbst. Der stärkste Fahrer in Kombination mit dem stärksten Team der Rundfahrt ergibt eine nur schwer bezwingbare Mischung.Vingegaard muss vorsichtig bleibenDen Giro habe er noch nicht gewonnen, betonte er zwar: „Es folgen noch drei schwere Bergetappen in der dritten Woche. Und jeder kann mal einen schlechten Tag haben.“ Diese Vorsicht ist sicher angebracht. Aber der Däne tritt derart souverän auf, dass selbst der in den Bergen bisher Zweitbeste, der Österreicher Gall, eher nach hinten als nach vorn blickt. Dass Vingegaard trotz seiner drei Bergsiege erst am 14. Tag Rosa bekam, liegt daran, dass der tapfere Portugiese Afonso Eulalio lange von seinem Vorsprung aus der Fluchtgruppe des fünften Tagesabschnitts zehren konnte.Vingegaard und seinem Visma-Team kam dies zupass. Sie konnten sich aussuchen, wann Tempoarbeit und wann Energiesparmodus angesagt war. Die dritte Woche allerdings muss das Team von vorne fahren. Da hofft der eine oder andere Rivale – neben Gall vor allem das Red-Bull-Duo Jai Hindley und Giulio Pellizzari sowie der Niederländer Thymen Arensman (Netcompany Ineos) – auf kleine Schwächemomente des Führenden. Dennoch ist es recht unwahrscheinlich, dass Vingegaard am Sonntag nicht als rosa König in Rom einfährt. Im Rennen um Trophäen und Rekorde hätte er seinem großen Gegner Tadej Pogačar dann zumindest das Triple aus Siegen bei Tour, Vuelta und Giro voraus.
Vingegaard : Rosa Triumph beim Giro d’Italia
Jonas Vingegaard jubelt beim Giro d'Italia über sein erstes Rosa Trikot. Mit einem Gesamtsieg könnte der Däne etwas erreichen, was selbst Tadej Pogačar bisher verwehrt blieb.














