Die karge Bühne ist lehmfarben beschichtet, drei Kinder bauen darauf Nester für die Zugvögel. Eine von ihnen, Thuna, ist in ihre Heimat zurückgekehrt und blickt als Erwachsene zurück auf diese Szene, die der Beginn einer Dreiecksgeschichte ist. Die Liebesbeziehung der beiden Frauen endet, als Ndalo ihrer Freundin Thuna nicht in die Stadt folgen will. Sie, Ndalo, wird mit Amu, dem Dritten, eine Familie gründen, Kinder haben: Die äußere Handlung von „Isithunzi“, der ersten Oper der 1996 geborenen südafrikanischen Komponistin Monthati Masebe, ist ähnlich übersichtlich wie die kleine Studio-Bühne im Staatstheater Wiesbaden. Einige Tage nach der Uraufführung bei der Münchner Biennale hatte die Kammeroper Premiere im Rahmen der Internationalen Maifestspiele.Die äußere Handlung macht nur die oberflächliche Schicht des Werks nach einer Kurzgeschichte von Shanice Ndlovu aus. Die junge südafrikanische Autorin hat selbst das englischsprachige Libretto geschrieben. Es geht darin um die Schatten, in denen die Ahnen wohnen. Die Frauen können sie sehen. Und sie träumen. Manche Träume führen dazu, dass die Welt von totem Salz durchzogen ist. Die anderthalb Stunden dauernde Oper, deren Titel auf Zulu in etwa mit „Würde“ zu übersetzen ist und in der man die drei Protagonisten beim Erwachsenwerden begleitet, ist von Motiven der afrikanischen Mythologie geprägt.Trotzdem wäre es zu kurz verstanden, sie einfach zur afrikanischen Oper zu erklären. Denn die Komponistin, die in den Vereinigten Staaten studiert hat, wo sie auch lebt, ist gleichermaßen dort und in Europa sozialisiert worden, schreibt Kammermusik, Orchesterwerke und hat in ihrer Partitur von „Isithunzi“ die Stimmen von zwei westlichen Instrumenten ausnotiert, Fagott und Vibraphon: Fagottistin Beatrix Lindemann wird in Theresa Maria Schlichtherles und Mariella Maiers Inszenierung in einem Vogelkostüm zum Teil der Szene.Teil der Szene ist auch die Komponistin selbst, deren Kehlkopfgesang der Aufführung einen prägenden improvisatorischen Charakter verleiht, ebenso wie die Gegenwart der Tänzerin Tumi Mkhondo. Deren eigene, auch die Sänger und Instrumentalisten einbeziehende Choreographie greift die ohnehin starke rhythmische Körperlichkeit der Musik auf. Eine Art afrikanisch-westliches Gesamtkunstwerk ist das, in dem eine Regieidee in diesem Kontext der Andeutungen dann allerdings doch zu schlicht bebildernd wirkt: Die Küche von Ndalo und Amu im letzten der drei Akte, die mit ihrer körnig-weiß verfremdeten Oberflächenstruktur an Salzverkrustungen erinnert, steht in ihrer spießigen Biederkeit der Deutungsoffenheit des Abends eigenartig entgegen.Musikalisch verschmilzt mehr miteinander, als in anderthalb Stunden immer zu fassen ist. Die Schicht elektronischer Bandeinspielungen gibt beispielsweise live aufgenommenen Gesang eines indigenen Frauenchors aus dem Osten Südafrikas wieder. Trotz ihrer Vielschichtigkeit wirkt Masebes Musik immer wieder eingängig, häufig soghaft und vermittelt sich unter der Leitung von Tim Hawken mit einem Groove, dessen mitreißendes Fließen auch von den drei Gesangspartien geprägt wird. Michael Bonganjalo Sattler, der Darsteller des Amu, bringt hörbar seine Erfahrung als ausgebildeter Musicalsänger ein, die Sängerin und Performerin Carla Nahadi Babelegoto verkörpert die Zentralfigur Thuna mit sensibler Innerlichkeit.Als einzige weiße Darstellerin gibt die in Südafrika aufgewachsene Sopranistin Carmen Mičić der Partie der Ndalo einen klassisch lyrischen Ansatz. Zwischenzeitlich mag, zumal in der Wohnküche, die Bedeutung der Schatten und der Ahnen ein wenig aus dem Blick geraten. Aber das ist in Masebes freundlich aufgenommener Oper vielleicht gar nicht so anders als im Südafrika von heute.Weitere Vorstellung am 26. Mai von 19.30 Uhr an.
Maifestspiele Wiesbaden: Oper „Isithunzi“ feiert Premiere
Salz in der Wohnküche: „Isithunzi“, die erste Oper der Südafrikanerin Monthati Masebe, hat Premiere auf der Studio-Bühne des Staatstheaters Wiesbaden.







