Der Anlass ist ein schöner: Staatsintendant Andreas Beck und sein Team stellen auf der jährlichen Pressekonferenz die neue Spielzeit des Residenztheaters vor. Lange haben sie im Haus an dem Programm mit stattlichen 19 Premieren gearbeitet, Texte ausgewählt, interessante Verknüpfungen mit Regisseurinnen und Regisseuren hergestellt. Der Ort der Programmvorstellung ist ebenfalls großartig, es ist die Bühne des Cuvilliéstheaters. Man blickt in den goldverzierten Prunk-Zuschauerraum. Doch Staatsintendant Beck kühlt die Laune erst einmal ab und fragt mit Blick auf die sichtbar lange Theatertradition: „Was machen wir mit diesem Erbe, diesem Vermächtnis? Und wie geben wir es weiter?“Mit dieser Nachdenklichkeit setzt er den Ton, der auch die neue Spielzeit prägen soll. Genauso wie sie auch aufrütteln soll, als ein Aufruf, hinzuschauen, die Zeichen zu erkennen, Werte zu schützen. Insbesondere gehört auch der Wert von Kunst und Kultur dazu, bei dem Beck an alle appelliert aufzupassen, „dass er nicht irgendwann von wurschtigen Politikern verjuxt wird“.Staatsintendant Andreas Beck (3. von links) stellte unter anderem mit den Hausregisseurinnen und -regisseuren Alexander Eisenach, Nora Schlocker, Claudia Bauer, Elsa-Sophie Jach, Thom Luz (von links) das Programm im Cuvilliéstheater vor. Adrienne MeisterDas Programm von 2026/27 gründet nun tief in der Tradition, wenn man auf die ausgewählten Werke blickt: Goethes „Faust“, Brechts „Dreigroschenoper“, Schillers „Die Jungfrau von Orleans“, Shakespeares „König Lear“ und das früheste erhaltene Werk des europäischen Theaters, Aischylos „Die Perser“. Wenn man möglichst viel vom Theaterkanon mitbekommen will, ist man in der kommenden Saison am Residenztheater gut bedient.Aber Achtung, es wird dabei von der Regie genau hingesehen, ob wirklich jedes Wort gesprochen werden muss und ob nicht auch andere Worte ergänzt werden sollten, wie Hausregisseur Alexander Eisenach die Herangehensweise salopp zusammenfasst. Tatsächlich soll es ja gerüchteweise am Residenztheater Beschwerden von Deutschlehrern gegeben haben, dass der im Spielplan stehende „Der zerbrochne Krug“ anders ende, als von Kleist aufgeschrieben, und es nun die Schüler reihenweise durchs Abi hauen könnte.Da haben die bayerischen Schüler nun zumindest dahingehend Glück, dass Goethes „Faust“ nicht mehr Pflichtlektüre ist. Denn die Version von Regisseur Ulrich Rasche, eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen, dürfte im Vergleich mit dem Original auch diverse Unterschiedlichkeiten aufweisen. Rasche hat das Personal reduziert, die Handlung verdichtet und soll, so hieß es auf der Pressekonferenz, diesmal wohl auf seine berühmte Scheibe im Bühnenbild verzichten.„König Lear“ inszeniert Hausregisseurin Elsa-Sophie Jach, die zuletzt schon Shakespeares „Romeo und Julia“ zeitgemäßer und feministisch interpretierte und das Ende aufbrach. Bei „König Lear“ spielt der dann 84-jährige Manfred Zapatka, seit der Dorn-Ära Münchner Publikumsliebling, die Titelrolle. Der einzige Residenztheater-Neuzugang Elisabeth Nittka übernimmt die Rolle der Cordelia. Bei der „Dreigroschenoper“ führt Philipp Stölzl Regie, der keine Scheu vor großen Gefühlen auf der Bühne hat, was eine spannend dissonante Kreuzung mit Brecht ergibt. Im Rahmen des Möglichen – die Urheberrechte sind noch nicht frei – soll Brecht gegen den Strich gebürstet werden, verspricht Staatsintendant Beck.Die „Dreigroschenoper“ wurde 1928 in Berlin im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin uraufgeführt. Fast 100 Jahre später inszeniert sie Philipp Stölzl am Residenztheater. Scherl/SZ PhotoEin wesentlicher Teil des Programms beschäftigt sich – wie auch schon die Spielzeit davor – mit Literatur in Verbindung mit Krieg und Nazi-Deutschland. Hier geht es sehr deutlich um den Abgleich mit der Gegenwart. Da wäre beispielsweise Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“, das „Lehrstück ohne Lehre“ um die Mitverantwortung des Mitläufers am Großwerden des Faschismus. Inszenieren wird der serbische Regisseur Miloš Lolić.Ebenso dazu gehört Lion Feuchtwangers frühzeitige Warnung vor dem Nationalsozialismus: Stefan Bachmann adaptiert „Die Geschwister Oppermann“ für die Bühne. Stefan Pucher inszeniert „Alle meine Söhne“, das Nachkriegsdrama von Arthur Miller. Und auch Schorsch Kameruns neues Musical „Bambi“, basierend auf dem 1922 erschienenen Roman von Felix Salten, thematisiert den Krieg über die Geschichte des Waisenkindes.Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek wird im Oktober 80. Eines ihrer früheren Stücke, „Raststätte oder Sie machens alle“ kommt passend in der neuen Spielzeit am Residenztheater heraus. Roland Schlager/dpaWährend nun die Klassiker und modernen Klassiker von Autoren stammen, gehört die Gegenwartsdramatik am Residenztheater den Autorinnen. Fünf Uraufführungen wird es geben, vier davon Auftragswerke: Anja Hilling hat in „Reigen. Variationen“ Arthur Schnitzlers Versuchsanordnung neu gedacht. Caren Jeß lässt in „Meine Königin“ zwei Generationen, zwei Klassen und die Gewalt wie die Kraft von Narration aufeinandertreffen. In „Zum Sterben schön“ ringt Kerstin Specht dem Thema Krankheit auch die Komik ab. Und Marina Davydova erzählt in „Land ohne Wiederkehr“ an ihrer eigenen Biografie entlang von Flucht und Heimatlosigkeit. Zudem wird der Roman „Bye Bye Lolita“ von Residenztheater-Schauspielerin Lea Ruckpaul in der Regie von Nora Schlocker auf die Bühne kommen.Hebt man Gegenwartsdramatik in der kommenden Spielzeit auf die Bühne, sollten Texte von Elfriede Jelinek wohl nicht fehlen. Die Literaturnobelpreisträgerin wird im Oktober 80 – und Hausregisseurin Claudia Bauer, die sich in ihre frühe Dramatik verliebt hat, wie sie sagt, inszeniert „Raststätte oder Sie machens alle“.Es ist ein großes Programm für die drei Bühnen des Staatsschauspiels, die noch durch eine magische Theaterführung von Hausregisseur Thom Luz ergänzt wird sowie durch das Welt/Bühne-Festival, ein KI-Projekt, Schul-Produktionen, Performing Science, Diskussionen, sicher auch durch Projekte aus dem Ensemble. Wie gibt man also das Erbe weiter? Am Residenztheater zum Glück in großen Portionen.