Am Ende dieser Serie-A-Saison musste man erst mal froh sein, dass wirklich alle Spiele stattgefunden hatten. Eine Absage hatten am Sonntagabend die Ultras von Juventus Turin gefordert, vor dem wegen Ausschreitungen verspäteten Anpfiff im Derby beim FC Turin. Ein Juventus-Fan war bei einer Schlägerei verletzt worden, die Spieler sollten sich daher dem Boykott der Anhängerschaft anschließen. Kapitän Manuel Locatelli schritt zu Verhandlungen in die Kurve, die anschließend von den Anhängern geräumt wurde. Das Spiel fand ohne Juventus-Fans statt, sie verpassten allerdings ohnehin nicht viel – bei einem 2:2 im Stadtderby, das das fußballerische Chaos im Norden des Landes besiegelte.Mit Verspätung stand nämlich am Sonntagabend eine Wachablösung in der Oberklasse des italienischen Fußballs fest, die es in sich hat. Nicht nur dem Rekordmeister Juventus gelang kein Überholmanöver mehr, auch die bisher viertplatzierte AC Milan verspielte im Saisonfinale die Champions League. Die gehört in der kommenden Saison vier anderen Vereinen: Dem Meister Inter Mailand, dem ungefährdeten Zweiten SSC Neapel, der wieder erstarkten AS Roma – und der Sensation der Liga: Como 1907.Harry Kane:Das weltbeste Preis-Leistungs-VerhältnisDrei Tore im Pokalfinale: Mit seinen Treffern entscheidet Harry Kane jetzt auch Endspiele. Über einen Stürmer und seinen Verein, die einander immer besser machen.Mit einem 4:1-Sieg beim Absteiger aus Cremona vollbrachte die Mannschaft von Trainer Cesc Fábregas (dank Milans 1:2 gegen Cagliari) den größten Erfolg ihrer Vereinsgeschichte. Vor acht Jahren hatte Como noch am Aufstieg von der vierten in die dritte Liga gearbeitet, dann folgte ein rasanter Sprung. Dank der finanziellen Macht des Eigentümers, der Familie Hartono aus Indonesien – aber auch dank eines hervorragenden Plans. In Como spielt das jüngste Team der Liga mitunter den besten Fußball des Landes, Fábregas ist als einer der wenigen ausländischen Trainer einer der Hoffnungsschimmer einer ansonsten oftmals bieder-defensiven Serie A.„Ihr wart großartig“, sagte später einer, der auch in eigener Sache das Grinsen kaum aus dem Gesicht bekam: Roma-Trainer Gian Piero Gasperini konnte nach dem 2:0 bei Hellas Verona seine Freude über diesen Erfolg der Fußballkunst nicht verbergen, als er im Fernsehen mit Fábregas zusammengeschaltet wurde. „Ein Beispiel des Fußballs“ sei Como, fand Gasperini, sein spanischer Kollege nahm die Komplimente dankend entgegen. „Das ist ein bedeutender Moment, für Como, für den Verein, aber auch für sehr viele junge Spieler, die am Beginn ihrer Karrieren stehen“, sagte Fábregas, der seinen Kader gerne als Gruppe von ragazzini bezeichnet, als Jungs.Ob Leon Goretzka jetzt noch Lust hat, für die Europa League nach Mailand zu wechseln?„Der Markt“, sagte Fábregas noch ganz nebenbei, habe sich für das finanzstarke Como im Hinblick auf den Sommer verändert. Das galt allerdings nicht nur für die Jungs vom See, sondern auch für die alte Dame aus Turin und ein sehr alt wirkendes Milan: Zwei Vereine, für die die Champions League eigentlich ein Selbstverständnis ist. Nicht nur, weil die ehrwürdigen Trainer Luciano Spalletti und Massimiliano Allegri stets in Anzug und Krawatte an der Seitenlinie stehen. Sondern auch, weil ihr kommerzieller Erfolg darauf fußt.Die Folgen der Abschlusstabelle werden im Sommer zu spüren sein im reichen Norden, der die sportliche Misere teuer bezahlen muss. In Mailand wurde noch am Sonntagabend mit den Krisengesprächen begonnen, als die lauten Pfiffe im San Siro nach der Heimpleite gegen Cagliari gerade verklungen waren. Alles steht bei Milan in Frage, die gesamte sportliche Führungsetage um Sportdirektor Igli Tare, womöglich sogar Berater Zlatan Ibrahimovic, meldete am Montagmorgen die Gazzetta dello Sport. Trainer Allegri wollte nach dem Spiel ebenfalls keine Prognosen zu seiner Zukunft abgeben. Und auch der Kader steckt voller Fragezeichen: Ob der mit 40 Jahren noch herausragende Regisseur Luka Modric ein weiteres Jahr bleibt, um Europa League zu spielen, ist eine genauso interessante Frage wie jene, ob Spieler wie Leon Goretzka vom FC Bayern jetzt noch nach Mailand wechseln wollen.Von Milan-Eigentümer Gerry Cardinale und seinem Private-Equity-Imperium RedBird Capital Partners werden große Schecks vonnöten sein, um das zweite Jahr ohne Königsklasse auszugleichen. Dasselbe gilt für die Agnelli-Familie in Turin, die in derselben Zeit, in der Como von der vierten Liga aus den Aufstieg schaffte, eine knappe Milliarde investiert hat. Und nun mit leeren Händen dasteht.