Die Frage, welchem der beiden Mercedes-Piloten die nächste Kurve gehören würde, war angesichts eines unter Teamkollegen selten so hart geführten Duells das große Thema beim Großen Preis von Kanada. Doch zwischen dem erst 19 Jahre alten Gesamt-Tabellenführer Kimi Antonelli und George Russell, 28, ging es beim fünften WM-Lauf um viel mehr als das. Denn die eigentliche Fragestellung im Lager der Silberpfeile lautet: Wem der beiden Rennfahrer gehört die Zukunft?Der Blick auf die Zahlen nach dem dramatischen Rennwochenende auf der Ile Notre-Dame weist 43 Zähler Vorsprung für Antonelli aus. Auf dem Circuit Gilles Villeneuve aber lagen im direkten Zweikampf häufig nur ein paar Zentimeter zwischen den beiden Kontrahenten, wenn überhaupt. Mercedes-Teamchef Toto Wolff kann getrost in den alten Unterlagen aus Zeiten der fortgesetzten Inteamfeindschaft zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg blättern, um sich Anregungen zu holen, wie er am besten die Balance zwischen seinen beiden aktuellen Chauffeuren austariert.Zum Tod von Alex Zanardi:Der Rennfahrer, der auch ohne Beine gewannDer ehemalige Formel-1-Pilot überlebte viele schwere Unfälle und gewann als Handbiker bei den Paralympics mehrere Medaillen. Nun ist er im Alter von 59 Jahren gestorben.Einstweilen gilt: freie Fahrt, die Saison ist noch jung, aber mit reichlich Rückenwind für Antonelli. Der hat seinem ersten Karrieresieg in der Formel 1 in China nun den vierten hintereinander folgen lassen, das hat noch kein Pilot in der Grand-Prix-Historie geschafft. Dass der Italiener in Kanada, wo er im vergangenen Jahr zum ersten Mal auf dem Podium stand, von den Alt-Champions Lewis Hamilton und Max Verstappen eskortiert wurde, unterstreicht die Ausnahmeleistung des Talents. Weder Hamilton noch Verstappen wollten auf die Bitte eines kanadischen Journalisten nach einem Tipp für den Sieger eine Antwort geben. „Er ist jetzt ein Gegner“, sagte Rekordchampion Hamilton, „deshalb will ich ihm sicher nicht noch zu mehr Punkten verhelfen“.Antonelli fordert gar eine Strafe von der Rennleitung für das Manöver Russells – unter Teamkollegen höchst ungewöhnlichDass Mercedes seine beiden Fahrer aufeinander loslässt, ist ein korrektes Spiel, aber auch kein ungefährliches – wie sich im Sprint-Rennen am Samstag zeigte, als die beiden sich zweimal von der Piste drängten und dabei einmal berührten. Fast spannender als das 100-Kilometer-Rennen war das anschließende Hörspiel, in dem Antonelli die Emotionen durchgingen, und er sogar eine Strafe von der Rennleitung für das Manöver Russells forderte – unter Teamkollegen ein höchst ungewöhnliches Vorgehen. Irgendwann platzte auch Wolff der Kragen, und er erinnerte seinen Schützling daran, sich aufs Fahren zu konzentrieren und solch eine Meinungsverschiedenheit nicht über den Boxenfunk auszutragen. Antonelli aber machte seinem Unmut auch in den anschließenden Interviews Luft, deutete Verstöße gegen interne Absprachen an. Wolff nahm sich die beiden Streithähne zur Brust und erinnerte sie an vertragliche Verpflichtungen und den Mannschaftsgeist. Später kolportierten beide, ein gutes Gespräch gehabt und die Botschaft verstanden zu haben.Zurück im Cockpit sehen die Dinge aber meist anders aus, was auch Wolff ahnte. Nach einem erneut mäßigen Start jagten sich Russell und Antonelli auch am Sonntag mit so sehenswerten wie riskanten Manövern. Das erste Renndrittel war geprägt von ständigen Positionswechseln, gelegentlich auch durch harte Verbremser und Abdrängversuche. Irgendwann, als Antonelli fast ins Heck des anderen Silberpfeils gekracht wäre, und nach einer Abkürzung quer durch eine Schikane angewiesen wurde, die Position dem internen Rivalen wieder zurückzugeben, begann das Lamento aufs Neue. Diesmal wurde es aber sofort scharf unterbrochen durch die beiden Renningenieure, die auf Geheiß von Wolff unmissverständlich funkten: „Wir wollen, dass ihr sauber Rennen fahrt. Sonst müssen wir die freie Fahrt stoppen!“Dichte Verfolgungsjagd: George Russell (li.) und Kimi Antonelli trennen im direkten Zweikampf auf dem Circuit Gilles Villeneuve häufig nur ein paar Zentimeter. Rudy Carezzevoli/Getty Images via AFPDie Zwangsmaßnahme blieb eine Drohung, da sich der Motor am Auto von Spitzenreiter Russell nach 30 der 68 Runden verabschiedete und einen höchst frustrierten Briten zurückließ: „Mir fehlen die Worte. Bis zu diesem Zeitpunkt hat es nichts gegeben, was ich hätte besser machen können. Ich war immer da, wenn ich da sein musste und kann stolz sein auf mein Wochenende.“ Auch die Auseinandersetzung mit dem direkten Gegner wollte er nicht kritisieren: „Es war hart, aber darum geht es doch beim Rennfahren. Schließlich hatten wir auch keinen ungewollten Kontakt!“ Rivale Antonelli bedauerte das verkürzte Duell ebenfalls: „Ein paar mal war es ein bisschen drüber, aber so ist es eben, wenn man sich gegenseitig ans Limit treibt.“Wo die wirkliche Grenze in diesem Duell liegen wird, ist noch nicht absehbar. Der WM-Spitzenreiter sucht Wege, die Messlatte ein bisschen höher zu legen. Dass er in der internen Auseinandersetzung bereits mehr Punkte Vorsprung hat als im Vorjahr je zwischen den McLaren-Kontrahenten Lando Norris und Oscar Piastri lagen, interessiert ihn wenig – er folgt dem alten Champion-Leitsatz, nur von Rennen zu Rennen und nicht an den Titel zu denken. Toto Wolff, der immer auch an Zählbares für die Konstrukteurs-WM denken muss, sprach von einem „bittersüßen Wochenende“. Der 54-Jährige gestand erhöhten Puls in der Mercedes-Garage: „Wir haben es halbwegs genossen, ihnen beim Kampf zuzusehen“, sagte Wolff. „Immer wenn wir dachten, ‚jetzt reicht es erstmal‘ haben sie in den nächsten beiden Runden noch eins draufgesetzt.“Der Druck auf George Russell, Vorjahressieger in Montreal, ist nach seiner Nullnummer gewachsen. Er muss sein Heil in der bedingungslosen Attacke suchen. Sein Selbstbewusstsein scheint intakt: „Wenn ich alles richtig mache, kann ich alle schlagen.“ Genau das aber denkt sich Kimi Antonelli auch. Mit dem Unterschied, dass er es schon hinlänglich bewiesen hat.