Mit einem ausgelassenen Jodler von George Russell endet die Qualifikation zum Großen Preis von Kanada am Sonntagabend (22.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei Sky). Der Brite im Silberpfeil hat damit die Rangfolge in der Gesamtwertung umgedreht, war um 68 Tausendstelsekunden schneller als sein Teamkollege Kimi Antonelli, dem Favoriten für die Pole-Position.Die beiden Mercedes-Fahrer stehen nebeneinander in der ersten Startreihe, was die perfekte Ausgangsposition für ein frühes Drama beim fünften WM-Lauf ist. Auch wenn Mercedes-Teamchef Toto Wolff einen „Krieg der Sterne“ unbedingt vermeiden will – doch dieser tobt bereits, wie im Sprint-Rennen am Samstagmittag eindrucksvoll zu besichtigen war.Denn Wunderkind Antonelli geht in der sechsten Runde des 100-Kilometer-Rennens aus der zweiten Position heraus aufs Ganze, und versucht am Ende der Startgeraden ein riskantes, aber vielversprechendes Manöver außenherum. Die Autos berühren sich leicht, Antonelli wird abgedrängt und rumpelt über die Wiese.Antonelli fordert Strafe für TeamkollegenGeorge Russell, der sich als etatmäßige Nummer eins beim britisch-deutschen Werksteam sieht, hat aus Prinzip dagegen gehalten: „Das war mein gutes Recht.“ Viel hätte nicht gefehlt, und die beiden wären richtig kollidiert. Der italienische Angreifer, nun mit ordentlich Wut im Bauch, probiert es noch einmal nach dem gleiche Schema, und diesmal verliert er auf dem Grünstreifen so viel Zeit, dass Lando Norris im McLaren durchschlüpfen kann. Das zeigt neben der Crash-Gefahr das eigentliche Risiko der Hahnenkämpfe bei Mercedes: sie können der aufholenden Konkurrenz ungewollt Geschenke bereiten.Es folgt ein rundenlanges Hörspiel, Antonelli mag sich gar nicht beruhigen, wettert über eine „ungezogene Aktion“ und fordert gar die Rennleitung auf, eine Strafe zu verhängen. Ein Novum unter Teamkollegen, aber nicht ohne Parallele: Toto Wolff kann schon mal in den alten Akten aus den gemeinsamen Chaos-Jahren von Lewis Hamilton und Nico Rosberg blättern, deren Rivalität reichlich Schrott produziert hatte, bis die Konzernräson gegriffen hat. Der 19 Jahre alte Antonelli flucht munter vor sich hin, bis ihm sein Teamchef bei der vierten Beschwerde über den Mund fährt: „Wir reden nicht in aller Öffentlichkeit darüber.“Auch später ist der Nachwuchsfahrer nur schwer zu beruhigen, zweifelt die Absprachen unter den beiden Mercedes-Piloten vor jedem Rennwochenende an. Spätestens da wird es richtig gefährlich, denn das ohnehin schwierige Verhältnis zweier leistungsstarker Teamkollegen basiert auf Vertrauen, auch wenn der Grat für diesen Balanceakt schmal ist und immer am Limit liegt.„Wir bereuen nichts, was wir sagen“Friedensrichter Wolff zeigt sich später froh, dass diese Auseinandersetzung samstags und nicht im Grand Prix ausgeartet ist und hofft darauf, dass alle Beteiligten daraus lernen. Mit einem süffisanten Grinsen sprach er von „großem Kino“. Aber das war ein Ablenkungsversuch, denn für Mercedes steht viel auf dem Spiel. Der Österreicher weiß allerdings auch: „Wenn beide so hart um den Weltmeistertitel kämpfen, darf man nicht erwarten, dass einer den anderen vorbeiwinkt. Vielleicht erinnern uns alle solche Situationen aber auch daran, wo unsere gemeinsamen Ziele liegen.“Antonelli ist keiner, der so schnell klein bei gibt, das liegt auch am jugendlichen Ungestüm. Aber er spürt, dass es auch um eine grundlegende Position geht, die er manifestieren muss. Deshalb legt er noch mal nach und verlangt öffentlich ein „bisschen mehr Klarheit“ über die Verhältnisse bei Mercedes: „Wir können uns glücklich schätzen, dass es keine richtige Kollision gab.“Nach der Qualifikation, die mit der dritten Pole-Position für Russell auf der Ile Notre-Dame in Serie endet, gibt sich der nach einem nicht perfekten Saisonstart mächtig unter Druck stehende Brite wie gewohnt diplomatisch: „Wir wissen beide, was wir zu tun haben.“ Der 28-Jährige zieht das nötige Selbstvertrauen im internen Generationenduell aus seiner überlegenen Schlussrunde: „Es ist das berauschendste Gefühl der Welt, wenn solch eine Zeit in letzter Minute aus dem Nichts kommt.“ Russell toppte die starke Zeit seines Rivalen, indem er seinem ersten Versuch noch eine weitere Runde anhängte, auf der die Reifentemperatur noch besser mit der Piste harmonierte. „Die Runde kam aus dem Nichts, die Adrenalinausschüttung danach kann sich niemand vorstellen.“Zwischen Sprint und Qualifikation wurden die neuen Verkehrsregeln in einem gemeinsamen Gespräch geregelt. Russell sagt, dass es nichts Persönliches wäre, und dass beide jetzt einfach nach vorn blicken. Die Rolle des Vernünftigeren, weil er der Ältere ist, mag er nicht annehmen: „Wir sind Rennfahrer, wir sind Kämpfer und wir tragen unser Herz auf der Zunge. Wir bereuen nichts, was wir sagen.“ Der Frieden ist gemacht, wie belastbar er ist, könnte sich heute schon zeigen.Mercedes ist nach technischen Upgrades weiterhin der Maßstab der neuen Rennwagen-Generation, aber McLaren legt fortwährend nach und zeigt sich auf Augenhöhe, neben Norris in der zweiten Reihe steht dessen Teamkollege Oscar Piastri. Ferrari und Red Bull hingegen konnten fürs Erste die Erwartungen nicht erfüllen. Lewis Hamilton als Fünfter kam die Routine auf einer seiner Lieblingsstrecken entgegen, Max Verstappen auf Rang sechs kämpfte einmal mehr mit seinem Auto. Nico Hülkenberg im Audi bleibt in der Qualifikation offenbar auf den undankbaren elften Rang abonniert. Rechnet man alle Sessions für die fünf Grand-Prix-Rennen und drei Sprints zusammen, dann ist der Emmericher bei acht Versuchen sechs Mal knapp an den Top Ten gescheitert, in Montreal fehlten lediglich 29 Tausendstel.Die schmutzige und glatte Gelegenheitspiste des Circuit Gilles Villeneuve könnte für das Rennen noch tückischer werden, kleine Dramen könnten zu einem großen werden, denn die Meteorologen prognostizieren einen Wetterumschwung und mehrere Schauer. Darob hat die Rennleitung bereits vorab die Regel bei mehr als 40 Prozent Regenwahrscheinlichkeit angewendet, die Teams dürfen dann nach der Qualifikation die Rennwagen auf nasse Bedingungen umrüsten, ohne dafür Strafen zu riskieren.
Formel-1-Zoff zwischen Antonelli und Russell: Hahnenkampf bei Mercedes
In Kanada kracht es erstmals in dieser Formel-1-Saison unter den Mercedes-Piloten – zumindest verbal. Teamchef Toto Wolff will einen „Krieg der Sterne“ unbedingt vermeiden. Doch dieser tobt bereits.












