Vielerorts in Westafrika haben Regierungen die Kontrolle über das Land an Jihadisten verloren. Zivilisten und Armee ziehen sich hinter kilometerlange Befestigungen zurück. Wer sich hinauswagt, riskiert sein Leben.25.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Rund um den Flughafen von Bamako, der Hauptstadt von Mali, wird momentan ein kilometerlanger Erdwall ausgehoben. Vor einem Monat griffen Jihadisten des Kaida-Ablegers JNIM Vororte der Hauptstadt an und töteten den Verteidigungsminister. Solche Befestigungsanlagen trifft man in der westafrikanischen Sahelzone mittlerweile überall an.Es handelt sich dabei teilweise um eindrückliche Bauwerke von bis zu mehreren Dutzend Kilometern Länge, die auf Satellitenbildern leicht zu erkennen sind. Sie umgeben Städte und Siedlungen, Verkehrsknotenpunkte und Militärbasen. Die beiden amerikanischen Geografen Olivier Walther und Steven M. Radil, die die Anlagen erforschen, schätzen ihre Gesamtlänge in einem Artikel auf 700 Kilometer.Das Phänomen ist Ausdruck einer besorgniserregenden Entwicklung. In einem riesigen Gebiet von Mali bis Nigeria verlieren die Regierungen zunehmend die Kontrolle über ihr Territorium an Jihadisten von al-Kaida und des Islamischen Staates. Das Resultat: Die Staatsmacht zieht sich immer mehr hinter Erdwälle und Gräben zurück. Der Vorgang erinnert an das europäische Mittelalter.Auch in Westafrika waren viele Siedlungen bis zur europäischen Eroberung von Mauern umgeben, die vor Angriffen von Nomaden und Sklavenhändlern schützten. Erleben wir gerade eine Rückkehr in diese Zeit?Amerikanische Hilfe für VerteidigungsanlagenIm Nordosten Nigerias wütet Boko Haram seit 2009. Laut Schätzungen hat der Krieg über 300 000 Menschenleben gefordert – durch Gewalt, aber auch durch die humanitäre Katastrophe, die er ausgelöst hat. Inzwischen sind alle mittleren und grösseren Städte der Region von einem Wall umgeben.In der Grossstadt Maiduguri, die im Zentrum des Aufstandsgebiets liegt, begann man schon 2013 zu graben. Als 2017 mehrere Selbstmordattentäter die städtische Universität angriffen, legte man einen Graben um den Campus. Später erweiterte man die Befestigungen. Inzwischen sind sie über 65 Kilometer lang. Das ist typisch. Der Ausbau erfolgt nicht plötzlich, sondern in Stufen. Wie die amerikanischen Forscher zeigen, wurden mehrere Verteidigungsanlagen von der amerikanischen Entwicklungsbehörde USAID finanziert, um die regionale Sicherheit zu verbessern.Das Land gehört den JihadistenEnde der 2010er Jahre wurden die Vorposten der nigerianischen Armee von den Aufständischen überrannt. Die Armee begann sich deshalb in grosse Lager zurückzuziehen, sogenannte «Super-Camps». Dort sollten nicht nur Militärangehörige, sondern auch die Landbevölkerung in Sicherheit leben.Der Schritt brachte zwar kurzfristig geringere Verluste, zementierte aber den Rückzug der Staatsmacht. Forscher haben seither eine deutliche Zunahme der Angriffe der Terrorgruppen ISWAP (Islamischer Staat in der Provinz Westafrika) und Boko Haram festgestellt. «Im Nordosten Nigerias hat die Zunahme befestigter Lager jihadistischen Gruppen in ländlichen Gebieten faktisch freie Hand gelassen», schreiben die amerikanischen Forscher. Die Folge: Die Landschaft verwildert, die Felder bleiben unbestellt.Die Menschen getrauen sich nicht mehr hinter ihren Mauern hervor. Auf dem Land werden sie ein leichtes Opfer der Jihadisten, wie ein nigerianischer Bauer der BBC erklärte: «Es gibt dort keine Sicherheit. Wir gehen ein hohes Risiko ein, wenn wir dorthin gehen, denn wenn man aufs Feld geht, sind diese Boko-Haram-Leute da. Wenn man kein Glück hat, bringen sie einen um.»Todesfalle ErdwallDie Befestigungsanlagen sind ein einfaches Mittel mit einem klaren militärischen Nutzen. An Kontrollpunkten können Selbstmordattentäter identifiziert und unschädlich gemacht werden. Für die Pick-up-Trucks, auf denen die Jihadisten schwere Waffen montieren, sind die Gräben ein grosses Hindernis.Ein Video zeigt, wie mutmassliche Jihadisten in einen Graben steigen. Er ist zwei bis drei Meter breit und mehrere Meter tief. Auch die Jihadisten scheinen von den Ausmassen des Grabens überrascht, versuchen ihn abzumessen und lachen. Um wieder hochzuklettern, brauchen sie Hilfe. Selbst wenn es den Angreifern gelingt, einen solchen Graben zu überwinden, werden sie ausgebremst. Damit bleibt den Verteidigern mehr Zeit, sich zu organisieren.Auch die Terroristen sind über die Ausmasse der Gräben erstaunt.TelegramGegen die Drohnen, die auch von den westafrikanischen Jihadisten vermehrt eingesetzt werden, sind Erdwälle und Gräben allerdings wirkungslos. Und die Anlagen selbst können zum Ziel werden. Im August 2024 griff die Jihadisten-Miliz JNIM in Burkina Faso Zivilisten an, die mit einfachen Werkzeugen einen Graben um die Stadt Barsalogho in Burkina Faso aushoben. Laut Angaben von Aktivisten zwangen die Behörden die Bewohner zu dieser ungeliebten Arbeit. Hunderte von ihnen wurden von den Jihadisten ermordet. Für sie waren die Arbeiter Kollaborateure der Armee.Die Befestigungsanlagen können nicht nur für die Defensive, sondern auch für die Offensive eingesetzt werden. Die RSF-Miliz, die im sudanesischen Bürgerkrieg gegen die Armee kämpft, schnürte die Stadt al-Fashir mit einem 57 Kilometer langen Erdwall von ihrer Umgebung ab. Für die Bewohner gab es nach dessen Fertigstellung fast kein Entkommen mehr. Bei der Einnahme der Stadt im letzten Herbst wurden laut Schätzungen etwa 60 000 Menschen massakriert.Weitere Anlagen geplantUm sich vor der Jihadisten-Gefahr zu schützen, setzen die Staaten der Region vermehrt auf Grenzbefestigungen. Der Pionier war Kamerun. Schon Mitte der 2010er Jahre begann man hier, einen Graben an der nigerianischen Grenze auszuheben. Laut den amerikanischen Forschern hat er mittlerweile eine Länge von 200 Kilometern erreicht. Andere Länder ziehen nach. Entlang der Grenze zu Burkina Faso und Benin hat Togo eine 36 Kilometer lange Verteidigungsanlage errichtet.In Nigeria verfolgt man derweil grössere Pläne. Verteidigungsminister Christopher Musa brachte wiederholt eine Mauer entlang der 4000 Kilometer langen Landesgrenzen ins Spiel. «Vielleicht können wir nicht überall physische Mauern errichten, weil es Gebiete mit Gewässern gibt, wo man keine Mauern bauen kann. Aber es gibt Technologien, die wir nutzen können, und es wird ein systematisches System sein», sagte er der BBC im Januar.Als Vorbild für seine Pläne nannte Musa die Befestigungsanlagen Pakistans an der Grenze zu Afghanistan und jene Saudiarabiens an der Grenze zu Jemen. Heute sind viele Grenzen in der Region noch durchlässig. Doch das soll sich ändern. Auch in Afrika läuft die Zeit für offene Grenzen ab.Passend zum Artikel
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