Die Schweiz leidet unter Wachstumsschmerzen. Eine Volksinitiative will das mit einer Bevölkerungsbegrenzung ändern. Nur: Wann genau ist es «genug»?Christoph Lüthy25.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenHohe Bevölkerungsdichte, auch am Strand: der niederländische Badeort Katwijk an einem Sommertag.Josh Walet / ImagoIm Juni stimmt die Schweiz über die sogenannte Nachhaltigkeitsinitiative ab: eine Vorlage mit harmlosem Namen, aber potenziell gravierenden Folgen. Bekanntlich müssten bei einer Annahme die Behörden eingreifen, sobald sich abzeichnet, dass die Bevölkerungszahl des Landes auf 10 Millionen ansteigt. Um das Wachstum sofort zu bremsen, wäre letztlich auch die Kündigung von internationalen Abkommen nötig. Die Argumente dafür und dagegen werden seit Wochen emotional verhandelt. Doch weshalb eigentlich 10 Millionen – und nicht 9 oder 11?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Festlegung auf diese Grenze liegt keine Berechnung der gesellschaftlichen Belastbarkeit oder des Selbstversorgungsgrads zugrunde. Sie folgt vielmehr dem durch unser Dezimalsystem verursachten Eindruck, der auch dazu führt, dass wir runde Geburtstage als Schwellen erleben. Die Befürworter der Initiative benutzen auch kaum quantitative Argumente, sondern benennen fühlbare Erfahrungen wie Dichtestress, Landschaftsverlust und Verfremdung im eigenen Land als Folge der Einwanderung. Irgendwann sei es «einfach genug».Natürlich sind Bevölkerungszunahme und Dichtestress quantitativ messbar. Doch bei welchem Grenzwert ist es «genug»? Unter dem Titel «Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder» prangerte schon 1973 das berühmte Bilderbuch von Jörg Müller den zunehmenden Landschaftsschwund und die zubetonierte Hässlichkeit moderner Wohnsiedlungen an. Da zählte die Schweiz noch 6,3 Millionen Einwohner. Wenige Jahre zuvor hatte die erste Überfremdungsinitiative von 1965 auf das Gefühl zunehmender Menschendichte und Verfremdung reagiert, bei damals 5,8 Millionen Einwohnern. Die Klage, die tolerierbaren Grenzen seien bereits überschritten, kann man sogar bis in die 2,5-Millionen-Schweiz des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen, als eine sogenannte «Überbevölkerung» durch Kinderreichtum in ländlichen Gebieten zu Unterernährung und Auswanderung führte.Evidenz des GefühlsDiese lange Vorgeschichte ruft zwei Gedanken hervor. Der erste hat mit dem zu tun, was auf Englisch «shifting baseline» genannt wird: Für jede Generation ist der Zustand, den sie aus ihrer Kindheit kennt, die Basis ihrer Beurteilung der wahrgenommenen Veränderungen. Aus der Tatsache, dass man seit beinahe 200 Jahren ruft, es sei zu voll in der Schweiz, könnte man folgern, dass es keine objektiven Grenzwerte gibt, sondern bloss gefühlte Veränderung. Dieses Gefühl scheint übrigens jeweils dann anzuschwellen, wenn der gesellschaftliche Wandel als besonders schnell erfahren wird. Auch die Fixierung auf das «Fremde» und «Ausländische» als Ursache scheint in solchen Perioden zuzunehmen.Der zweite Gedanke geht in eine andere Richtung. Wer durch das wunderbare, Anfang des 20. Jahrhunderts erschienene sechsbändige «Geografische Lexikon der Schweiz» blättert, wird die Abbildungen ausgedehnter Landschaften und in sich geschlossener Dörfer und Städte mit Wehmut betrachten. Dass sich die «baseline» stetig den veränderten Umständen anpasst, heisst ja nicht, dass das Bevölkerungswachstum keine Folgen erzeugt, die man bedauern darf.Beide Gedanken lassen sich perfekt am Beispiel der Niederlande illustrieren. Dieses Land am anderen Ende des Rheins ist flächenmässig genauso gross wie die Schweiz, beheimatet jedoch inzwischen 18,4 Millionen Einwohner. Pro Quadratkilometer sind das 443 Personen, gegenüber 218 in der Schweiz. Selbst wenn man darauf bestehen sollte, dass 25 Prozent der Schweiz gar nicht bebaubar seien, bleibt der Unterschied in der Bevölkerungsdichte enorm.Das Phänomen der «shifting baseline» ist in den Niederlanden besonders augenfällig. Die Landschaftsmalerei ist eine holländische Erfindung, doch von den Landschaften, die van Ruisdael, van Goyen oder Cuyp im 17. Jahrhundert gemalt haben, ist kaum etwas übrig geblieben. Zwischen den Autobahnen, Hochspannungsleitungen, Eisenbahnlinien und Industriezonen liegen zwar noch Stücke überdüngten Grüns, und ab und zu glotzen sogar ein paar Kühe einem Lastwagen hinterher. Doch das Ganze bildet keine Landschaft mehr, sondern besteht als Infrastruktur, in welcher auch der sogenannte Agrarsektor sein Dasein fristet.Vor neun Jahren hat das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) ein Zahlenspiel ausgeführt, bei welchem die Dichte der «Randstad», also des Ballungsgebiets, zu welchem Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Utrecht gehören, auf das Schweizer Mittelland projiziert wurde. Auf die Frage «Wie viel Platz hat die Schweiz?» gab SRF damals die folgende Antwort: «Zieht man die dicht bevölkerten Niederlande heran, hätten in der Schweiz 17 Millionen Menschen Platz.»Weshalb also 10 Millionen und nicht 17? Aus dem allgemeinen Glückszustand scheint man die Maximalzahl jedenfalls nicht ableiten zu können. Im soeben erschienenen Index der glücklichsten Länder rangieren die Niederlande auf Platz sieben, drei Plätze vor der Schweiz. Unter der Schrumpfung der «Landschaft» zum «Naherholungsgebiet» scheint die seit dem 17. Jahrhundert verzwölffachte Bevölkerung offensichtlich nicht zu leiden.Nutztiere als HemmnisZugleich zeigt der Fall Niederlande aber auch, dass das Gefühl des «Genug» nicht bloss auf einen anpassungsfähigen Gefühlswert, sondern auch auf wirkliche Wachstumsgrenzen verweisen kann. Viele dieser Grenzen manifestieren sich dort ähnlich wie in der Schweiz: in überfüllten Zügen, verstopften Autobahnen, Wohnungsnot.Eine Kommission, die vor zwei Jahren im Auftrag des Parlaments die demografische Entwicklung bis 2050 modellierte, kam deshalb zu einem Ergebnis, das sich im Titel ihres Rapports niederschlug: «Gemässigtes Wachstum». Zwar sei eine strikte Bevölkerungsbegrenzung unmöglich, denn er würde bei einer stets älter werdenden Bevölkerung zum Zusammenbruch des Sozialwesens führen: Es würden alsbald die Steuerzahler fehlen, welche die Pensionen bezahlten, wie auch die Arbeitnehmer in zentralen Bereichen. Allerdings sei auch von einer liberalen Einwanderungspolitik abzusehen, denn diese sei raumplanerisch unmöglich und gesellschaftlich inakzeptabel. Was übrig bleibt, sind verschiedene Vorschläge für eine stringente Einwanderungspolitik sowie die Empfehlung, die Zahl von 20 Millionen Einwohnern nicht zu überschreiten.Interessanterweise lag es aber nicht im Auftrag der Kommission, das Hauptproblem zu benennen, welches das niederländische Wachstumsmodell inzwischen an seine Grenzen gebracht hat, nämlich die Stickstoffkrise. Diese ist jedoch nicht die Folge der 18,4 Millionen menschlichen Niederländer, sondern der 95 Millionen Hühner, 10 Millionen Schweine und 1,5 Millionen Kühe, welche im selben Land verweilen. Diese erzeugen enorme Emissionen von Stickstoffverbindungen, insbesondere von Ammoniak aus Gülle und Stallanlagen, die in den noch verbliebenen Naturgebieten zu einem schnellen Verlust an Pflanzen- und Tierarten führen.Wie alle Länder der Europäischen Union sind die Niederlande durch Habitat- und Vogelschutzrichtlinien dazu verpflichtet, Naturschutzgebiete – die sogenannten Natura-2000-Gebiete – zu bewahren. Als 2019 das höchste Verwaltungsgericht die Methoden der Regierung, Naturschutz mit industriellem Wachstum zu verbinden, als Verletzung europäischen Rechts verurteilte, waren die Folgen abrupt und einschneidend. Die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen wurde reduziert, Bauprojekte wurden gestoppt, geplante Flughafenerweiterungen storniert, und es wurde versucht, Landwirtschaftsbetriebe durch Abfindungssummen zur Schliessung oder zumindest zu einer Reduktion des Viehbestands zu bewegen. Diese Massnahmen wiederum führten zu Bauernprotesten, zu einer Verschärfung des Wohnungsmangels und zu Wahlerfolgen von unterschiedlichen Protestparteien, deren Lösungsvorschläge sich gegenseitig ausschlossen.Mehrere EndlosspiralenDie versteckte Variable im demografischen Zukunftsspiel der Schweiz ist nicht der Stickstoff, sondern möglicherweise der Tourismus. Man eilt ja jährlich von Rekord zu Rekord: 2025 wurden 44 Millionen Übernachtungen gezählt, eine ganze Million mehr als im Jahr zuvor. Mit einem Wachstum von 11 Prozent in sechs Jahren wuchs der Tourismus zudem viel schneller als die Bevölkerung selbst. Sicherlich kämpfen auch die Niederlande mit dem Andrang der Touristen, doch schlägt dieser dort anders zu Buche. Amsterdam quillt zwar dauernd über, doch zu Zersiedlung durch Zweitwohnungen führt er nicht.Hier stösst ein Land somit an seine wirklichen Wachstumsgrenzen: Es ist schlichtweg zu klein, um den Raumanspruch aller Sektoren zu befriedigen. Laut Berechnungen müsste beispielsweise die Provinz Gelderland, die ähnlich gross ist wie das Wallis, 1,8-mal so gross sein, um den Bedürfnissen von Landwirtschaft, Industrie und Wohnungsbau gerecht zu werden, ohne die bestehenden Naturschutzgebiete aufzugeben. Die offensichtlichste Lösung bestünde im Abschied von der intensiven Landwirtschaft, doch diese Lösung stösst auf erbitterten politischen Widerstand.«Diese Endlosspirale ist nicht nachhaltig», schreiben die Urheber der Initiative gegen die 10-Millionen-Schweiz. Diese Aussage ist sicherlich richtig. Daher ist die Debatte im Vorfeld der Abstimmung insofern nützlich, als sie Befürworter wie Gegner zu einer Kosten-Nutzen-Analyse der Vorlage drängt und die Interessenvertreter sämtlicher Sektoren zwingt, ihre Karten offenzulegen. Dabei sollte allerdings jeder merken, dass es um mehrere Endlosspiralen geht, von denen die Bevölkerungszunahme bloss eine ist.Genau deshalb ist die Fixierung auf eine maximale Einwohnerzahl eigentlich ein Ärgernis. Denn die wirkliche Frage ist ja nicht, ob man bei den symbolischen 10 Millionen eine willkürliche Grenze ziehen soll, sondern vielmehr, in welchem Land man in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren leben will und in welcher Landschaft, mit welcher Landwirtschaft und mit welchem Typus Wirtschaft, Sozialstaat oder Tourismus. All diese Faktoren hängen zusammen. Denn auch für die Schweiz gilt die niederländische Rechnung, wonach bei einem Nullwachstum bei zunehmender Alterung der Bevölkerung ein Abbau des Wohlfahrtsstaates unvermeidlich ist.Christoph Lüthy ist Professor für Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte an der Radboud-Universität Nijmegen und Mitglied der Königlich-Niederländischen Akademie der Wissenschaften.Passend zum Artikel
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