GastkommentarPeter StrasserAm Ende des Lebens entgleitet uns die Gestaltungskraft. Wir müssen erleiden, was uns widerfährt. Mancher Sterbende wird herbeisehnen, dass sein Dasein, das er als unerträglich empfindet, endlich endet. Was kann es da genau bedeuten, in Würde sterben zu dürfen?24.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenrtrWie kann ich mich auf meinen Tod vorbereiten? So lautet die Frage, welche Rechtskundigen oft gestellt wird, wenn es um die Testamentsfrage oder die juristischen Möglichkeiten der Sterbehilfe geht. Die Frage kann aber auch anders verstanden werden, nämlich bezogen auf den Sachverhalt, dass man als Person dem eigenen Tod vorauseilend «ins Auge blickt».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fest steht jedenfalls, man kann sich im ureigensten Sinne wohl auf das Sterben, aber nicht auf den Tod vorbereiten. Denn dieser ist, falls wir nicht daran glauben, nach dem Leben in irgendeiner spirituellen Form weiterexistieren zu dürfen, einem Schwarzen Loch vergleichbar. Wer den Ereignishorizont des Lebens überschritten hat, landet im Nichts. Das bedeutet, dass die Person, die man war, gelöscht wird. Deshalb ist Michel de Montaignes häufig zitierte Sentenz «Philosophieren heisst sterben lernen» höchstens in dem Masse brauchbar, in dem man sich als Person zumindest noch rudimentär selbst bewusst ist.Ein letztes WortWie möchte man gerne sterben? Das ist auch ein grundexistenzielles Thema. Gewiss, man möchte nicht leiden müssen; man möchte nicht gleich vergessen werden, man möchte nicht «greinen» wie ein Kind . . . Vor allem aber gilt: Kein Mensch möchte «würdelos» sterben.Aber was heisst das? Ob einer würdevoll stirbt, bestimmen letztlich doch die anderen. Oder? Die letzten Worte eines renommierten, kürzlich verstorbenen Wiener Juristen, der seiner politischen Gesinnung nach stets ein Engagierter war, der für die «Unterdrückten und Entrechteten» eingetreten ist, sollen auf gut Wienerisch gelautet haben: «Losst’s eich ned vaoarschn» («Lasst euch nicht verarschen»)!Schmerzensreich, hoch sediert, doch diese Mahnung: Wenn ihr würdevoll sterben wollt, dann müsst ihr im Leben darauf achten, und nicht erst, wenn der Sensenmann an euch herantritt, ein ehrenhaftes Leben zu führen. Das mag ein kleines Leben sein, doch eines, das sich nicht manipulieren lässt und für das man sich auch dann nicht schämen müsste, wenn einen die anderen für einen mediokren Menschen halten.Es bleibt zu fragen, ob unser religiös-naturrechtlich aufgeladener Begriff von Würde der einzig vertretbare ist.Die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross hatte in ihrem 1969 publizierten Buch «On Death and Dying» behauptet, es gebe eine biologisch fundierte Choreografie des Sterbens. Danach wäre die letzte Phase durch eine Akzeptanz des Unvermeidlichen gekennzeichnet; man hat sich von der Welt der Lebenden bereits abgewandt, möchte in Ruhe sterben, gleichsam friedlich «hinüberschlafen». Was die Verallgemeinerbarkeit dieser Aussage betrifft, ist allerdings zu bedenken, dass die jenseitsgläubige Autorin behauptete, mit Toten selbst kommuniziert zu haben.Gewiss, so mancher Sterbende wird herbeisehnen, dass sein Dasein, das er als unerträglich empfindet, endlich endet. Ich hatte einen Freund, der einst Priester gewesen war. Als ich ihn, den schon Todkranken, das letzte Mal im Krankenhaus besuchte, informierte er mich durch zwei Worte über seine Lage: «Schrecklich! Schrecklich!» Vielleicht hätte mein Freund spontan anders geurteilt, wenn ihm nicht von einer überlasteten Krankenschwester ein Becher Joghurt mit den Worten «Da! Schön aufessen!» zwecks Förderung des Stuhlgangs zugemutet worden wäre. Es war der fühllos infantilisierende Umgang, der die Verzweiflung verstärkte.Dass Sterbende eine Würde haben, ist unbestritten; weniger wird jedoch betont, dass es nicht selten das Würde-Empfinden des Pflegepersonals ist, welches auf die Probe gestellt wird. Besonders sinnenverwirrte, triebenthemmte, an der Grenze zur Demenz agierende Pflegebefohlene sind oft weit davon entfernt, die ihnen entgegengebrachte Sympathie und Hilfe zu würdigen. Das Spektrum reicht von katatonischer Kommunikationsverweigerung bis hin zu quasibösartigen Attacken – «quasi» deshalb, weil im Spitalbetrieb moralische Qualifikationen zusehends fehl am Platz wirken.Die Praxis in den HeimenVon der Würde der Person heisst es im deutschen Grundgesetz exemplarisch, sie sei unantastbar. Der Gesetzestext – es handelt sich um den Artikel 1, Absatz 1 – ist keine psychologische, sondern eine naturrechtliche Aussage. Doch diese ist in der Praxis des Spitals und in Pflegeheim-Milieus eine Leitlinie, die eine hohe Pflege-Professionalität erfordert. Ist diese nicht gegeben, drohen schlimme Entgleisungen. Das kann sich bis hin zu jenen Morden steigern, welche die Stationsgehilfinnen im Pavillon V des Wiener Krankenhauses Lainz in den Jahren 1983 bis 1989 an multimorbiden und sterbenskranken Patienten verübten.Bei der Haupttäterin ging das Gericht von 32 Morden aus, es waren vermutlich mehr. Die Mörderinnen rechtfertigten ihr Verhalten als Ausdruck des «Mitleids». Demgegenüber handelte es sich vermutlich um einen reaktiven Pflege-Sadismus, dem ein zunehmender Hass auf die zu Betreuenden zugrunde lag. Ohne die Taten schönreden zu wollen: Es gab damals keine klärenden Aussprachen, keine Supervision, wohl aber eine massive ärztliche Ignoranz gegenüber den katastrophalen Arbeitsbedingungen des Hilfspersonals.Solange als Ideal das intelligente, rationale, sich selbst bestimmende Individuum gilt, wird die Sorge um Präsenz und Würde der Person vorrangig als die Besorgnis um das Funktionieren jener Maschine, nämlich des Körpers, namentlich des Gehirns, begriffen, von der buchstäblich alles abhängt, was ein menschliches Leben angeblich wertvoll macht. Und die Maschine ihrerseits hat einen Wert nur, solange sie die Integrität der Person, die von ihr abhängt, sichert. Gewiss, gegen eine solche Sicht des Humanum erhebt sich Protest, humanistisch, christlich, ärztlich, pflegerisch. Und zu Recht!Doch man darf nicht ignorieren, dass innerhalb der Demenzliteratur eine fragwürdige Gattung gedeiht: der Demenzkitsch. Dieser entsteht dadurch, dass Tatsachen, die ebenso offensichtlich wie schwer zu ertragen sind, in ein literarisches Licht getaucht werden – ein Licht, welches sie süsslich verschleiert und in ihrem Wesen negiert.Charakteristisch dafür ist der Betroffenenbericht, der über die schroffen Fakten des Verfalls hinweggleitet, als ob es sich dabei um Stationen einer Bildungsgeschichte oder gar um eine Einkehr ins Eigentliche, um eine Art «Heimkehr» handelte. Vom Körper und von seinen Wahrheiten ist dann kaum mehr die Rede, und auch nicht von den Reaktionen der betroffenen Umwelt, die, mit allerlei monetären und bürokratischen Hürden konfrontiert, nur allzu oft unter der verschwiegenen Prämisse stehen: Es wäre schon besser, es wäre vorbei.Wenn das Leben nur im Zusammenspiel der Interessen mit anderen, aber an sich selbst keinen Wert hat, wie darf man dann eine schonende und liebevolle Behandlung für den Fall erwarten, dass in dem Körper, der man «ist», kaum noch ein Verstandeslicht flackert, oder wenn die Persönlichkeit, die man einst war, nur mehr in Bruchstücken weiterbesteht?Für John Bayley, den Literaturprofessor, der ein Buch über seine an Alzheimer erkrankte Frau, die Schriftstellerin Iris Murdoch, schrieb – «Elegy for Iris» (1999) –, stellte sich diese Frage nicht. Er schrieb, Iris sei da, für ihn eine Gestalt der Nähe, auch wenn sie über kein intaktes Selbstbewusstsein, keine Vernunft, kein nennenswertes Sprachvermögen mehr verfüge; in den Hintergrund tritt, ob – wie die Naturrechtsethik postuliert – das menschliche Leben einen Wert an sich hat. Solange die Gestalt der Nähe wirksam bleibt, ist die Kette der Mitmenschlichkeit nicht gebrochen.Für den andern da seinDie erste Utopie, die so benannt wurde – «Utopia», das heisst: der Ort, den es nirgendwo gibt –, wurde von Thomas Morus 1516 in lateinischer Sprache veröffentlicht. Darin findet sich ein Plädoyer für das freiwillige Ausscheiden aus dem Leben, wenn dieses aus Altersgründen nur schmerzt und belastet, nicht zuletzt auch die Gemeinschaft.Spricht Morus hier als Satiriker? Wahr ist, er war ein Katholik, der sich für seinen Glauben hinrichten liess; aber wahr ist ebenso, dass die biblischen Befunde zu Fragen der Euthanasie kaum Stellung nehmen. Gewiss, Gott ist absoluter Herrscher über Leben und Tod, doch daraus ein absolutes Verbot der Sterbehilfe oder Selbsttötung abzuleiten, blieb einem Klerus vorbehalten, der nichts gegen grausame Hinrichtungen und den massenhaften Tod auf dem Schlachtfeld einzuwenden hatte.«Euthanasía», das ist das griechische Wort für den leichten, den guten Tod. Dieser Gedanke mag Helferinnen und Helfern, die in christlichen Hospizen pflegend tätig sind, schwerfallen, ja sogar zuwider sein oder sie als frevelhaft abstossen. Doch der unserer Zeit gemässe Würdebegriff des menschlichen Daseins duldet keine Fremdbestimmung, sofern diese einer profunden weltlichen Begründung ermangelt.Auch hier gilt, was Immanuel Kant als das Grundanliegen aller Aufklärung und eines jedweden säkularen Humanismus in jene Formel packte, welche Geschichte schrieb: Es ging und geht um den «Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit», auch was den – um Kants Wort wörtlich zu nehmen – Ausgang des Menschen aus einem unerträglich gewordenen Leben betrifft.Peter Strasser lebt als Philosoph, Buchautor und Publizist in Graz. Beim abgedruckten Beitrag handelt es sich um die gekürzte Fassung des Eröffnungsvortrages am Kongress der Österreichischen Palliativgesellschaft in Graz vom 23. April 2026. Jüngste Buchpublikation des Autors: «Über die vorletzten Dinge», Wien 2025.Passend zum Artikel