Wann ist man erwachsen? Mit 16 Jahren darf man wählen, jedenfalls bei der Europawahl, mit 18 Verträge unterschreiben. Hirnforscher sagen: Mit 25 ist der präfrontale Cortex ausgereift, die Persönlichkeit gefestigt. Sicher ist vor allem eines: Mit Mitte zwanzig fallen die großen Entscheidungen des Lebens: Beruf, Wohnort, Familie. Die heute Fünfundzwanzigjährigen treffen diese Entscheidungen in unsicheren Zeiten: Inflation, hohe Mieten, ein zäher Arbeitsmarkt. Was früher für viele selbstverständlich war – eine unbefristete Stelle, ein Eigenheim, planbare Perspektiven –, ist es für sie nicht mehr.Die Frage lautet nicht mehr: Haus oder Reise? Sondern: Reicht das Gehalt – für Miete, Sparen, Alltag?Wir haben mit neun Frauen und Männern gesprochen, alle 25 Jahre alt. Sie erzählen von ihrem Start ins Berufsleben, von Zweifeln und Zuversicht, von Plänen und Prioritäten. Ein Blick auf das Erwachsenwerden einer Generation, die in unruhigen Zeiten ihren Weg sucht.„Ich bin schon seit einer langen Zeit am Limit“Johanna F. hat Markt- und Medienforschung studiert und sucht seit zwei Monaten eine Arbeitsstelle. Sie lebt in Köln, Nordrhein-Westfalen. „Ich bin fertig mit meinem Master und will in Vollzeit arbeiten, doch eine passende Stelle zu finden, ist schwer. Es gibt kaum Einstiegsstellen, die Unternehmen fordern jahrelange Berufserfahrung. Ich tracke meine Bewerbungen in einer Excelliste, fünfzehn sind es schon. Zu zwei Gesprächen wurde ich eingeladen. Es kamen danach nur Absagen. Früher dachte ich, dass der Einstieg nach der Uni leichter sein wird. Ich wollte einen nahtlosen Übergang haben, bloß keine Lücke im Lebenslauf. Ich dachte, wenn die Babyboomer gehen, werden neue Stellen für uns frei. Aber diese Stellen werden einfach nicht mehr nachbesetzt.Ernsthafte Gedanken wegen einer drohenden Arbeitslosigkeit mache ich mir erst, wenn ich länger als ein halbes Jahr arbeitslos sein sollte. Aber die Lücke wächst. Neben der Jobsuche gibt es noch so viele Themen, die mich beschäftigen, zum Beispiel die Trennung von meinem Partner. Ich bin schon seit einer langen Zeit am Limit. Es sind schon mehr als 100 Tage in diesem Jahr vergangen, an 70 davon habe ich geweint. Vielleicht sollte ich ein Therapie-Erstgespräch wahrnehmen – sofern ich einen Platz bekomme.Auch die weltpolitische Lage wühlt mich auf. So viel passiert gerade in der Welt, überall Krisen. Es klingt egoistisch, aber weil bei mir persönlich zu viel los ist, versuche ich die schlechten Nachrichten aus der Welt gar nicht an mich ranzulassen. Freunde von mir haben zu Beginn des Jahres ein „Jahresbingo“ gebaut, auf dem sie die Wünsche für das Jahr festgehalten haben. Auf einem Feld stand, dass sie sich wünschen, dass ein Krieg enden soll. Egal welcher. Das wünsche ich mir auch.“„Das sind große Schuhe, die ich füllen muss“Philipp Schlitt hat Informatik studiert und arbeitet heute als Datenschutzbeauftragter im Familienunternehmen CAS Datenschutz in Obertshausen. Er lebt in Rüsselsheim, Hessen. „Letztes Jahr ist meine Mama an Krebs gestorben. Danach bin ich ins Familienunternehmen eingestiegen. Ich wollte mehr Zeit mit meinem Dad verbringen.Wir sind externe Datenschutzbeauftragte. Ich habe Informatik studiert. Ich bin aber froh, aus der Branche raus zu sein. Gerade werden viele Entwickler durch KI ersetzt. Und wir sind noch ganz am Anfang der Entwicklung. Da kommt noch einiges auf uns zu.Noch leitet mein Vater die Firma. Er sagt, wenn ich sage: ‚Vater, hau ab‘, dann ist er weg. Aber ganz so wird es nicht laufen. Er hat mehr als 20 Jahre Erfahrung – das sind große Schuhe, die ich füllen muss.Meine Sorge ist eine andere: Was ist, wenn ich merke, dass die Unternehmensführung doch nichts für mich ist? Ich habe den Deal mit meinem Vater, dass ich aufhören kann, wenn ich das merke. Dann ist da nur die Frage, was ich danach machen soll. Vielleicht eine Tischlerausbildung? Irgendwas Handwerkliches, wo man am Ende sieht, was man geschafft hat.“„Teilzeit ist für mich keine Option“Isabelle Steffen studiert Internationales Sportmanagement. Sie befindet sich kurz vor dem Abschluss ihres Studiums. Sie lebt in Mainz, Rheinland-Pfalz.Isabelle SteffenEmil Eichinger„Ich will später in einem Bereich arbeiten, für den ich brenne. Aktuell ist das der Sport. Für meinen Traumjob würde ich sogar mehr arbeiten als vertraglich geregelt und auch mal auf Urlaub verzichten. Man muss Leistung bringen, sonst kommt man nicht weit. Sorge, keinen Job zu finden, habe ich nicht.Im Sport ist der Männeranteil groß. Ich kann mir vorstellen, dass Männer in bestimmten Bereichen bevorzugt eingestellt werden. Das ist unfair – aber für mich ist das ein Ansporn. Teilzeit ist für mich keine Option, sonst könnte ich meinen Lebensstandard nicht decken. Vor Altersarmut habe ich keine Angst: Ich lege Geld zur Seite, investiere – und ich plane, mit sechzig nicht mehr arbeiten zu müssen.“„Ich will mich nicht mehr fremd im Land fühlen“Kodo Saleh kam Ende 2021 aus dem Irak nach Deutschland. Gerade absolviert er eine Ausbildung beim Discounter. Er lebt in Friolzheim, Baden-Württemberg.Kodo Saleh.Emil Eichinger„Ich bin vor fünf Jahren das erste Mal aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Schnell musste ich nach Italien zurück, weil ich dort als Erstes angekommen bin. Als ich zurückkonnte, habe ich eine Ausbildung bei Aldi gefunden. Mein Anwalt hat gesagt, dass ich nun sicher bin. Ich war so froh. Dann kam die Abschiebung. Ich bin freiwillig zurück in den Irak, damit ich wieder legal zurückkommen kann. Mit irakischem Pass ist es sehr schwierig, ein Visum für Deutschland zu kriegen. Aber ich habe es geschafft. Das war ein Wunder von Gott.Jetzt mache ich meine Ausbildung bei Aldi. Ich bin froh darüber. Am Anfang war es schwierig, weil wir so viele Produkte haben, es waren viele Worte, die ich nie gehört hatte. Aber jetzt läuft es.Seit ich in Deutschland bin, interessiert mich auch der Lokführer-Beruf. Immer wenn ich einen Lokführer treffe, gehe ich direkt zu ihm und sage, dass ich Interesse habe. In diesem Beruf würde ich gerne in Zukunft arbeiten. Ich wünsche mir auch noch eine feste Aufenthaltserlaubnis, am liebsten den deutschen Pass. Ich will mich nicht mehr fremd im Land fühlen und eine eigene Familie haben.Was ich an Deutschland toll finde: Man verliert nichts – egal ob Sachen, Geld oder Zukunft –, weil das, was du aufbaust, das bleibt. Wenn ich einen Vertrag habe, kann mich niemand einfach übers Ohr hauen. Der Staat hilft mir. Man kann hier eine Familie aufbauen, und wenn deine Tochter allein irgendwo hingeht, weißt du, sie kommt sicher heim.“„Das kann man sich heute doch gar nicht leisten“Nele Wekenborg studiert Grundschullehramt. Sie lebt in Nürnberg, Bayern.Nele WekenborgEmil Eichinger„Ich komme aus der Nähe von Frankfurt, aber bin für meinen Freund nach Nürnberg gezogen. Hier studiere ich Grundschullehramt. In Zukunft sehe ich mich eigentlich in der Heimat, weil ich es wichtig finde, bei der Familie zu sein. Gerade, wenn man selber eine gegründet hat. Eine meiner Omas hat weit weg gewohnt, deswegen haben wir sie richtig selten gesehen. Das fand ich schade.Ich weiß nur noch nicht, ob ich als Lehrerin später einfach das Bundesland wechseln kann. Das versuche ich rauszufinden. Aber nicht mal die Studienberatung konnte mir richtig helfen. Ich glaube, meine Kommilitonen tappen auch im Dunkeln, was nach dem Studium eigentlich passiert. In zehn Jahren sehe ich mich mit Kindern und am liebsten mit eigenem Haus oder wenigstens eigener Wohnung, die nicht zur Miete ist. Ich will mir etwas aufbauen, auch für später. Aber alles wird teuer, die Lebensmittel, der Sprit. Und dann sagt der Bundeskanzler, wir Jungen würden zu wenig arbeiten. Auch die Debatte über ‚Lifestyle-Teilzeit‘ finde ich total daneben. Das kann man sich heute doch gar nicht leisten. Viele arbeiten nicht weniger, weil sie faul sind, sondern weil es mental nicht mehr geht oder weil sie Angehörige pflegen.“ „Ich mag nicht meckern, sondern verändern“Tim Striegel ist gelernter Koch und Konditor. Er arbeitet als Küchenchef im Restaurant „Das Philippin“, dem Betrieb seiner Eltern. Er lebt in Rutesheim, Baden-Württemberg.Tim StriegelEmil Eichinger„In der Gastronomie bist du nie ganz fertig mit der Arbeit: Du hast immer irgendwas im Kopf, auch wenn du nur essen im Restaurant bist oder einfach im Bett liegst. Meine Arbeit mit Freundin und Freunden zu vereinbaren, ist nicht immer leicht. Und trotzdem liebe ich mein Handwerk. Wenn ich abends durchs Restaurant gehe und die letzten Pralinen serviere, dann sagen dir direkt zwanzig Gäste, wie toll der Abend war.Aber ich merke schon einen Wandel beim Arbeitsethos der Jüngeren, dass so ein bisschen die Belastbarkeit und der Biss nachgelassen haben. Aber es gibt auch viele, die noch total motiviert sind.In meinem Job nervt mich, wie viele Vorgaben an Unternehmen gemacht werden. Von Menschen, die vom Alltag in Betrieben überhaupt keine Ahnung haben. Das ist, als würde ich einem Marathonläufer erklären, wie er laufen soll. Deshalb sitze ich auch fraktionslos im Gemeinderat. Ich mag nicht nur meckern, sondern auch verändern.“„40 Stunden im Büro wären nichts für mich“Helen Widmann studierte Umweltwissenschaften. Gerade ist sie auf Reisen und lebt in Bariloche, Argentinien.„Was ich später mal machen will, weiß ich noch gar nicht so genau. Erst mal noch einen Master. Gerade reise ich aber durch Argentinien und Chile. Das hilft mir auch, herauszufinden, was ich wirklich will. Nächste Woche helfe ich zum Beispiel auf einem Bauernhof mit. Die Zeit zum Unterwegssein nehme ich mir. Ich muss schließlich noch lange genug arbeiten. Sowieso finde ich es falsch, davon auszugehen, dass alle Menschen die Arbeit als ihre wichtigste Priorität ansehen. 40 Stunden im Büro wären jedenfalls nichts für mich. Welchen Stellenwert die Arbeit im Leben hat, sollte jeder selbst entscheiden, bei mir ist sie jedenfalls nicht ganz oben.“„Man muss nicht alles zu einem Beruf machen“Hermann Roth studiert Gymnasiallehramt. Er lebt in Mühlheim am Main, Hessen. Hermann RothEmil Eichinger„Ich habe mehr als sechs Semester lang Film studiert. Dann habe ich abgebrochen. Kurz vor der Bachelorarbeit. Ich hatte keine Kraft mehr dafür. Ich wusste, dass ich nicht in diesem Bereich arbeiten möchte. Deshalb studiere ich jetzt Lehramt für die Fächer Deutsch und Biologie. Manchmal ist es komisch, mit lauter Achtzehnjährigen zu studieren. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich zu alt bin, um neu anzufangen. Ich brauchte Zeit, um herauszufinden, wo ich mich sehe: vorne im Klassenzimmer – auch noch 40 Jahre lang. Lehrer ist mein neuer Traumjob. Dass ich mich jetzt nur in meiner Freizeit künstlerisch entfalte, reicht mir. Man muss nicht alles zu einem Beruf machen.“ „Uns reicht eine schöne Wohnung“Vanessa Sturm hat BWL studiert und arbeitet bei PwC im Public Sector Consulting. Sie lebt in Nürnberg, Bayern.„Ich habe mit 24 geheiratet. Das ist in meinem Alter wohl eher ungewöhnlich. Ich habe das Gefühl, viele Menschen in meiner Generation sehen Beziehungen als Lebensabschnitt und wollen sich nicht mehr binden. Aber ich wollte schon immer heiraten. Auch weil ich es schön finde, wenn man nach außen zeigt, dass man zusammengehört.Ein eigenes Haus ist aber nicht der nächste Schritt für uns. Uns reicht eine schöne Wohnung. Mal ehrlich: Ein Hauskauf ist sowieso so unrealistisch geworden. Wir haben nicht mal die Möglichkeit, darüber nachzudenken, weil es unbezahlbar ist – und das, obwohl wir beide gute Jobs haben.An sich würde ich auch mehr arbeiten. In meinem Umfeld wird viel gearbeitet, oft mehr als 40 Stunden in der Woche. Ich finde nur, dass die Anreize fehlen: Du arbeitest mehr, rutschst in einen höheren Steuersatz – und am Ende gibt es kaum einen Unterschied auf der Gehaltsabrechnung. Es lohnt sich einfach nicht.“
Die 25-Jährigen: Porträt einer suchenden Generation
Hohe Mieten, teure Lebensmittel, unsichere Jobs: Neun Menschen aus dem Geburtsjahrgang 2001 schildern, wie es ist, in unruhigen Zeiten erwachsen zu werden.






