Professor Arnett, gestatten Sie, dass ich mit einer persönlichen Frage beginne, die Sie sowohl als Forscher als auch Vater von zwei Kindern anspricht. Ich habe eine Nichte und einen Neffen, beide Anfang 20. Tolle Kinder, aber ihre Mutter, meine Schwester, ist besorgt, weil sie sich Zeit lassen, um ihren Weg im Leben zu finden. Vielleicht hätten Sie einen Rat, den ich meiner Schwester geben könnte von dem Professor aus Amerika?(Lacht.) Nun, das ist ein Problem, das ich gut kenne. Schon bevor meine beiden Kinder, Zwillinge, in dieses Alter kamen und ich eine persönliche Erfahrung damit machte, hatte ich 2014 an einem Ratgeberbuch für Eltern von Kindern in den Zwanzigern mitgeschrieben, dessen zentrale Botschaft lautet: Akzeptieren Sie die Grenzen Ihrer Macht und seien Sie geduldig! In der Neuzeit ist es in der westlichen Welt nicht möglich, Kinder in diesem Alter dazu zu bringen, die Frage zu beantworten, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen – und das sollte man auch gar nicht erst versuchen. Es liegt an den jungen Leuten selbst, das herauszufinden, und sie werden dafür sicher deutlich über 21 oder 22 sein. Meine Zwillinge sind jetzt 26. Mein Sohn ist fest entschlossen, seinen Weg in der Biomedizin zu machen; er ist in einem Doktorandenprogramm. Meine Tochter ist wirklich unentschlossen; sie hat vor einigen Monaten mit Sozial- und Kulturpsychologie an der London School of Economics begonnen, und grundsätzlich gefällt es ihr, aber sie ist nicht sicher, ob es das ist, was sie will. Deshalb ist der Ratschlag an Eltern, Geduld zu haben, besonders wichtig. Es ist verständlich, dass Eltern wollen, dass ihre Kinder einen stabilen und befriedigenden Weg im Leben finden. Ich kenne dieses Gefühl; ich wünsche es meinen eigenen Kindern, besonders meiner Wandertochter, aber Sie können das nicht für sie entscheiden. Sie können ihnen Ratschläge geben, wenn sie es wollen, aber wundern Sie sich nicht, wenn sie als Antwort die Augen rollen und das Thema wechseln.Jeffrey Arnett ist Professor für Psychologie an der Clark University in Worcester, Massachusetts, und Autor u.a. von „Emerging Adulthood: The Winding Road from the Late Teens Through the Twenties“.privatJa, meine Nichte und mein Neffe sind große Augenroller.Und ich kann das nachvollziehen, es geht um gewichtige Fragen nach der eigenen Identität, die während dieser Lebensphase entschieden sein wollen, und aus vielerlei Gründen dauert es einfach länger als in der Vergangenheit, sich zurechtzufinden: einen Job zu finden, einen Partner, vielleicht zu heiraten, Kinder zu bekommen. Wenn man darüber nachdenkt, wie viel Auswahl hatten die Menschen vor hundert, vor tausend Jahren? Aber es beunruhigt uns, wenn unsere Kinder noch so lange unentschlossen sind. Und wir sind reich und vernünftig genug, jungen Leuten den Luxus zuzugestehen, in einer so komplexen Welt ihren eigenen Weg zu wählen.Dass Sie Ihren eigenen Kindern Spielraum geben, hat mit den Erkenntnissen aus Ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu tun, oder?(Lacht.) Ja, sicher, aber ich habe kaum eine andere Wahl.Ausgangspunkt Ihrer Forschung ist ja die Beobachtung, dass der Fahrplan des Lebens für viele Menschen in den Industrienationen im Vergleich zu früher ein anderer ist. Die Schule abschließen, von zu Hause ausziehen, finanziell unabhängig sein, heiraten, ein Kind haben – früher hatte man das als typischer 25-Jähriger hinter sich; heutzutage ist man 30 oder älter, bis man als „erwachsen“ gilt. Sie als Entwicklungspsychologe sagen nun, dass zwischen der Jugend und dem vollendeten Erwachsenensein eine ganz eigenständige Phase existiert, zwischen 19 und 29, in der man kein Jugendlicher mehr ist – aber auch noch kein Erwachsener. Sie nennen das „emerging adulthood“, aufkommendes Erwachsenenalter, und sprechen von der vielleicht aufregendsten Phase des Lebens.Ja, was ich herausgefunden habe, ist, dass es für Menschen hilfreich ist, das als eine eigene Lebensphase zu betrachten, weil man dann vernünftigere Erwartungen daran hat. Wenn man einmal akzeptiert, dass in modernen Industriegesellschaften fast alle oder alle Menschen in ihren Zwanzigern Verpflichtungen wie Ehe, Elternschaft oder Berufseinstieg hinauszögern, dass sie stattdessen die eigenen Möglichkeiten erproben, ist man zumindest weniger besorgt, dass sie sich nicht sicher sind, was sie wollen, so wie Ihre Nichte und Ihr Neffe mit Anfang 20 oder sogar meine Tochter mit 26. Ich wüsste gerne, was sie will, aber ich verstehe sie. Dass sie ihren Weg noch sucht, ist . . . normal. Dass ich die Zwanziger als eine Zeit des Übergangs beschreibe, hat dieser Lebensphase das Stigma genommen, hoffe ich; früher gab es viele Klagen über Leute in dieser Altersgruppe: „Warum werdet ihr nicht erwachsen? Ihr seid ja so infantil!“ Dass junge Leute heutzutage später „erwachsen“ werden, ist ein Ausdruck von Freiheit. Es ist keine Abweichung, es ist nicht pathologisch, es ist kein moralisches Versagen. So sind die Dinge jetzt, und das ist gut. Meine Tochter und Ihre Nichte als Frauen hätten zu jeder anderen Zeit überhaupt keine Chancen gehabt. Jetzt tun sie es, und das sollte uns freuen, obwohl es für uns nicht immer einfach ist, sie bei ihren Kämpfen zu beobachten. Dass sie während dieser Zeit durchs Leben eher schlendern und ihre Meinung von einem Jahr zum nächsten ändern, ist in vielerlei Hinsicht eine wundervolle Sache.In einem TED-Talk sprachen Sie 2015 davon, wie die Sexuelle Revolution und die Frauenbewegung es beide beförderten, dass Frauen keinen Ehemann mehr brauchen, der für sie sorgt. Sie haben mehr Chancen, weil sie besser ausgebildet sind für die Wissensökonomie. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, es gibt ein schönes deutsches Wort dafür, den Einstieg ins Berufsleben zu verschieben und mehr Zeit in Bildung und Ausbildung zu investieren: „Bildungsmoratorium“. Ich hatte das auch, und meine Eltern waren so nett, mich zu unterstützen.Es gab schon immer einige Leute, die diese Art Privileg hatten, aber in der Vergangenheit war das auf Männer aus wohlhabenden Familien beschränkt. Junge Männer, die arm waren oder aus armen Familien kamen, und Frauen hatten keine Chance auf solch ein (benutzt das deutsche Wort) „Bildungsmoratorium“. Die Frauen heirateten früher und bekamen früher Kinder. Heute geht es während dieser Lebensphase hauptsächlich darum, den eigenen Platz in der Welt zu finden.