Westliche Eltern sind Diskutierweltmeister, doch ihre Kinder kooperieren kaum. Warum «Taten statt Worte» – inspiriert von indigenen Völkern wie den Inuit – auch im modernen Familienalltag Wunder wirkt.Anita Blumer (Text), Jan von Holleben (Bilder)17.05.2026, 05.30 Uhr10 LeseminutenOft habe ich das Gefühl, hier laufe etwas falsch. Natürlich, Kinder grosszuziehen, ist anstrengend. Aber das? Täglich streiten, schimpfen, drohen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vielleicht liegt es an meinem Alter. Ich bin dreiundvierzig und wahrscheinlich in der Perimenopause. Meine Kinder sind zwei, fünf und sieben Jahre alt: zweimal Trotzphase und einmal Zahnlückenpubertät. Eine explosive Mischung. Dann ist da noch mein Partner, der die Hälfte der Familienarbeit übernimmt. Er ist eigentlich sehr ausgeglichen, und doch häufen sich auch bei ihm die Momente, in denen er Dinge sagt, die er danach bereut, und die Kinder gröber anfasst, als ihm lieb ist.Sind wir eine dysfunktionale Familie, oder hat der Wahnsinn System?Meine Schwester, die sommers als Rinderhirtin arbeitet, erzählt vom Familienalltag auf der Alp: Die Kinder gehen von sich aus zum Mittagsschlaf, wandern kilometerweit und packen mit an. Ihre These: Es gibt weniger Machtkämpfe, weil die Kinder freier sind – und eine Aufgabe haben.Ähnlich sieht es die amerikanische Journalistin Michaeleen Doucleff. In ihrem Bestseller «Hunt, Gather, Parent» untersucht sie, warum die Kinder bei den Maya, Hadza und Inuit viel reibungsloser kooperieren als unsere kleinen westlichen Diskutierweltmeister. Das Buch erschien vor fünf Jahren, und ich wünschte, ich hätte es damals gelesen. Denn schon nach den ersten Seiten bin ich sicher: Ich halte hier die Lösung für unser tägliches Drama in den Händen.Mein Partner ist skeptisch. Vielleicht liegt es daran, dass wir ständig von unseren Kindern unterbrochen werden, wenn ich ihm die Ansätze des Buches erklären will. Ich muss mich kurzfassen: Doucleff schreibt, wir sollten aufhören, pausenlos auf unsere Kinder einzureden, sie zu loben, zu animieren, ihnen Fragen zu stellen, sie anzuweisen, zu korrigieren, zu ermahnen, etwas zu bemängeln oder zu kommentieren, zu nörgeln und zu schimpfen. Doucleff glaubt, dass Kinder uns nur kopieren, wenn sie ständig Aufmerksamkeit einfordern. Dabei haben sie ein natürliches Bedürfnis nach Kooperation. Das untergraben wir, wenn wir ihnen immer sagen, was sie als Nächstes zu tun haben. Man kennt es aus der Arbeitspsychologie: Autonomie motiviert, Kontrolle stresst.Beim Video-Call sagt Michaeleen Doucleff: «Niemand wird gerne herumkommandiert, und kleine Kinder sind da keine Ausnahme.» Die Wissenschaftsjournalistin ist mit ihrem Mann und der neunjährigen Tochter von San Francisco nach Texas gezogen. Sie wollte einer jener Kulturen näher sein, die sie in ihrem Buch untersucht hat. «Wir sind hier etwa eine Stunde von der mexikanischen Grenze entfernt. Es ist eine raue Gegend, es gibt Einflüsse der indigenen mexikanischen Kultur, der weissen Ranger und natürlich auch des modernen Lebens», erzählt sie.Jetzt wird alles anders!Auch in den Maya-Familien in Mexiko, die Doucleff besuchte, müssen Kinder morgens zur Schule gehen. Und bei den Inuit in Kanada gehören Fernseher und Smartphones genauso zum Alltag wie bei uns. Lediglich die Hadza in Tansania leben noch überwiegend so wie unsere Jäger-und-Sammler-Vorfahren. «Die Umstände machen es Eltern heute nicht gerade leicht», sagt Doucleff, «aber viel hängt auch damit zusammen, wie wir mit unseren Kindern umgehen.»Doucleff findet: Wir konditionieren Kinder darauf, nur auf Anweisung zu reagieren. Westliche Eltern sagen ihren Kindern gewohnheitsmässig, was sie zu tun haben, oder tarnen ihre Anweisungen als Fragen: Willst du die Schuhe ausziehen? Sagst du Hallo? Gibst du das Spielzeug jetzt mal dem anderen Kind?Doucleff schreibt: «In der überwiegenden Mehrheit der Kulturen weltweit reden die Eltern nicht unablässig auf ihre Kinder ein oder stellen sie ständig vor eine Wahl. Stattdessen handeln die Eltern.»Eine ganz normale Zumutung«Also dann trage ich das Kind einfach wortlos in die Badewanne?», argwöhnt mein Partner. Meine sektiererische Begeisterung irritiert ihn sichtlich. Seit Tagen rede ich darüber, dass wir zu viel reden. Er findet, dass es bei uns doch gar nicht so schlecht laufe. Es ist unser Muster. Ich sage: Das ist eine Zumutung. Er sagt: Das ist ganz normal. Er hat mehr Geduld als ich. Aber irgendwann ist auch er mit den Nerven am Ende. Das bestätigt mir: Wir haben gute Gründe, offen zu sein für dieses Experiment.Als mein Freund den nörgelnden Siebenjährigen beim Abendessen fragt: «Willst du lieber in der Mitte sitzen? Wir können den Stuhl wechseln? Gell, du sitzt normalerweise in der Mitte?», schaue ich ihn entsetzt an. Es ist genau diese Art der Kommunikation, die ich abschaffen will. Oft habe ich das Gefühl, dass ich meine Kinder mit Fragen, Kommentaren und Anregungen bombardiere, um die Kontrolle zu behalten – damit sich die vielen Brandherde nicht weiter ausbreiten. Für Doucleff ist das ein Trugschluss. Sie glaubt, dass Kinder erst dann runterfahren können, wenn ihre Umgebung ruhig wird.Oft bombardiere ich die Kinder mit Fragen, um die Kontrolle zu behalten. Doch sie brauchen Ruhe zum Herunterfahren.Tatsächlich reicht es in unserer kleinen Wohnung, das Badewannenwasser einzulassen, und schon eilen die Kinder – magisch angezogen vom Rauschen des Wassers – herbei und hüpfen in die Wanne. Manchmal ist die Theorie ganz leicht in die Praxis umzusetzen – und manchmal nicht.Eine weitere These des Buches: Wir sollten kleinen Kindern ermöglichen, im Haushalt mitzuhelfen, auch wenn das zunächst mehr Arbeit als Nutzen bringt. Wenn kleine Kinder erfahren, dass ihr Beitrag wertgeschätzt wird – sei es das Geplansche am Spülbecken, die zu einem Knäuel gefaltete Wäsche oder der selbstgetragene Teller, aus dem die Hälfte des Essens auf den Boden gleitet –, wird die Mitarbeit im Haushalt für die Kinder positiv aufgeladen. Wenn die Kinder grösser sind, so die Theorie, helfen sie ganz selbstverständlich mit. Dabei geht es weniger um die Entlastung der Eltern als um das Bedürfnis der Kinder, Verantwortung zu übernehmen. Doucleff schreibt, dass Kinder sich oft danebenbenähmen, weil sie schlicht gelangweilt seien. Genau wie wir Erwachsenen brauchen auch sie eine Aufgabe und das Gefühl, wertvoll für die Gemeinschaft zu sein.Das Buch liefert weitere Ratschläge, Klassiker wie: Spannungen durch spielerische Fragen oder Geschichten auflockern. Kann an guten Tagen funktionieren, aber um meine Erfolgschancen zu erhöhen, konzentriere ich mich bei meinen Bemühungen auf die beiden zentralen Punkte: weniger reden, mehr Mitarbeit ermöglichen.Jetzt wird alles andersTag eins: Ich finde, es klappt ganz gut. Je weniger ich rede, desto ruhiger werde ich, es ist eine endlose Meditation. Im Geist bin ich ganz Inuit-Mutter. Fühlt sich nicht wirklich authentisch an, aber souverän.Eine Szene an diesem Tag: Ich sitze auf einer Bank auf dem Schulplatz und unterhalte mich mit einer anderen Mutter. Der Zweijährige kommt und will mit mir Fussball spielen. Ich schaue ihn an und schüttle den Kopf. Er sagt: «Doooch, tschutte!» Ich schaue ihn nicht mehr an und rede weiter. Er versucht es noch ein zweites Mal und macht sich dann auf, mit den anderen Kindern zu spielen.Normalerweise hätte ich ihm erklärt: «Weisst du, ich möchte jetzt kurz hier sitzen und mich unterhalten. Spiel doch mit deiner Schwester.» Dann hätte er seine Bitte wiederholt, ich hätte mein Nein wiederholt, und er wäre wütend geworden. Dann hätte ich etwas gesagt wie: «Okay, ich spiele kurz mit dir, aber danach unterhalte ich mich weiter.»Aber ist es nicht absurd, einem Zweijährigen solche Deals vorzuschlagen? Als meine älteren Kinder irgendwann damit begannen, für alles eine Gegenleistung zu fordern («Okay, ich putze mir die Zähne, aber dafür will ich noch ein Video schauen»), war mir sofort klar, wer ihnen diese unsympathische Strategie beigebracht hatte.Ein befreundeter Vater fragt: Ist es denn in Ordnung, das Kind einfach zu ignorieren? Darüber muss ich nachdenken: Für mich fühlte es sich nicht wie Ignorieren an, sondern so, als gäbe ich dem Kind die Gelegenheit, seine Wahrnehmung zu schärfen und ihr zu vertrauen. Aber tatsächlich ist mir nicht immer klar, ob ich das Kind ignoriere oder ihm zutraue, seinen Kummer selbst zu durchleben, ohne dass ich erkläre, verhandle, relativiere, ablenke. Äusserlich sieht beides gleich aus, aber die Haltung dahinter ist verschieden: Die eine ist wohlwollend, die andere passiv-aggressiv. An diesem Tag bin ich innerlich zugewandt und äusserlich ruhig: Ich erkläre wenig, höre viel zu und lasse mir Zeit, nachzudenken, wenn mir die Kinder eine Frage stellen. Es funktioniert. Die Kinder werden ruhiger. Doch die üblichen Streitereien zwischen den Geschwistern bleiben.Das ist die grösste Herausforderung in unserem Familienalltag: die Kämpfe der beiden älteren Kinder. Mit unseren Schlichtungsversuchen heizen wir sie oft weiter an. Ein Teufelskreis. Aber an diesem Tag bleibt das grosse Drama aus. Vielleicht werden sich auch diese Konflikte legen, wenn ich mich weniger einmische. Wir erleben einen der ruhigsten Abende seit langem. Ich bin überzeugt: Ab jetzt wird alles anders.Ich bin euphorisch, bombardiere andere Eltern auf dem Schulhof mit den Thesen aus dem Buch, bis mir mein Zweijähriger mit dem Laufrad ins Bein fährt. Er ist aus irgendeinem Grund wahnsinnig wütend auf mich. Ich beuge mich zu ihm runter, peinlich berührt, weil er «Gaggi-Mami» skandiert und mich haut. Erst als eine der umstehenden Mütter erkennt, dass sein Lenkergriff verrutscht ist, beruhigt er sich. Ich lächle betreten.Mit Erziehungsratgebern ist es ja so eine Sache. Theoretisch ergibt alles Sinn, auf einmal meint man zu wissen, wie es geht – bis eine harmlose Situation von einer Sekunde zur nächsten aus dem Ruder läuft. Im emotionalen Ausnahmezustand sind die klugen Sätze plötzlich wertlos, und übrig bleibt dann das vertraute Gefühl des Scheiterns.«Machsch ämal»Kennen die Mächlers das auch? Ich besuche die Bauernfamilie in den Glarner Ennetbergen. Meine Schwester ist dabei, sie hat früher für die Familie gearbeitet. Auf den Wiesen liegt Schnee, vor dem kleinen, alten Holzhäuschen mit der Schindelfassade steht ein grosser, neuer Freilaufstall.Christina wendet belgische Waffeln in der Pfanne, der einjährige Köbi krabbelt uns entgegen, in der Stube spielen die Grossen: Anni, Lisa und Kari, acht, fünf und drei Jahre alt. Aus der Nebenstube kommt Melgg und legt ein Holzscheit in den Ofen. Melgg und Christina wirken tiefenentspannt, als sie wenig später am Küchentisch sitzen und meine Fragen beantworten, während der kleine Kari auf meinen Schoss klettert und sich über die Waffeln hermacht. Wahrscheinlich liegt es auch an den Sommermonaten auf der Alp, dass der Kleine so zutraulich ist. Dort leben die Kinder mit den Eltern und den Angestellten auf engem Raum zusammen.Christina sagt: «Ich glaube, der Vorteil in der Landwirtschaft ist, dass die Kinder am Arbeitsalltag teilnehmen können, in anderen Berufen geht das ja weniger.» Sie und Melgg erzählen, dass die Kinder eigentlich nie helfen müssen, aber immer dürfen. Und wenn sie doch mal müssen, leuchtet ihnen die Notwendigkeit ein, und das läuft dann auch gut. Melgg sagt: «Natürlich dauert mit den Kindern alles länger. Aber ich kann dem Kind nicht sagen: Nein, das kannst du nicht. Auch wenn ich weiss, dass das wahrscheinlich nichts wird, ermutige ich das Kind und sage: Machsch ämal.» Ihm ist wichtig, den Kindern etwas zuzutrauen.Ich erzähle von Doucleffs Buch, und wir scherzen, dass die Mächlers die Indigenen aus dem Glarnerland sind. Tatsächlich gibt es Parallelen: Bei den Maya, Inuit und Hadza spielen die Eltern nicht mit den Kindern, stattdessen werden die Kinder eingeladen, am Leben der Erwachsenen teilzuhaben. Oder wie Melgg sagt: «Man muss die Kinder aufs eigene Niveau heben, nicht zu ihnen runtergehen.»Überzogene AnsprücheAls ich meinem Freund vom Besuch bei den Mächlers erzähle, erinnert er mich daran, dass auch wir unseren Kindern immer viel zugetraut haben. Und es stimmt, dass der Zweijährige bereits Gurken schneidet und die Grossen schon früh allein durch die Siedlung unterwegs waren. Trotzdem ist unser Alltag von Machtkämpfen geprägt. Gefühlt diskutiere ich von morgens bis abends über Dinge wie Süssigkeiten, Filmchen, was es zu essen gibt. Umgekehrt werden die Basics wie Händewaschen, Jacke-Aufhängen, Zähneputzen kaum je anstandslos eingehalten.In meiner Wahrnehmung sind meine Kinder besonders stur und haben überzogene Ansprüche an mich und das Leben. Oder bin ich es, die zu viel erwartet? Ich übe, nicht auf jeden Pieps zu reagieren, den die Kinder von sich geben. Wie komme ich denn darauf, dass sie alles machen sollen, was ich sage?Eine ganz normale Zumutung.In Doucleffs Buch heisst es: Westliche Eltern überschätzen die emotionalen Fähigkeiten ihrer Kinder. Die Inuit hingegen wissen, dass Kinder nicht respektvoll, grosszügig und selbstbeherrscht sind. Sie diskutieren nicht, egal wie sich das Kind aufführt. Die Erwachsenen lassen es auf sich beruhen und vertrauen darauf, dass sein Verhalten mit der Zeit von selbst reifer wird.Schweigen verlangt SelbstbeherrschungIch lege mit der Fünfjährigen Wäsche zusammen. Sie war schon immer interessiert an Hausarbeit und ist ziemlich geschickt. Der Zweijährige will helfen und faltet die Unterhose zu einem Knäuel. Seine Schwester reisst ihm das Teil aus der Hand und sagt ihm, dass er es falsch mache. Wieder schmerzt die Erkenntnis, dass sie diese Unerbittlichkeit nur bei uns abgeschaut haben kann. Der Kleine reagiert erbost, es gibt Streit, ich bleibe ruhig, einatmen, ausatmen. Der Streit legt sich wieder.Weniger zu sprechen und einzugreifen, erfordert Konzentration und Selbstbeherrschung.Ständig falle ich in alte Muster zurück: Ich weise die Kinder unnötig zurecht, stelle ihnen hohle Fragen oder verstricke mich in absurde Diskussionen.Warum fällt es mir so schwer, einfach mal den Mund zu halten? Die Erziehungswissenschafterin Beate Schwarz schreibt mir: «Erziehung findet immer in einer bestimmten Gesellschaft und Kultur statt. Wir sind eine Wissensgesellschaft, in der formale Bildungsabschlüsse wichtig sind und in der nicht alle Fähigkeiten nur durch Beobachtung gelernt werden (obwohl gerade Kleinkinder sehr viel durch Beobachtung lernen), vermutlich ist unsere Erziehung deshalb sehr viel verbaler als in anderen Kulturen. Viele Eltern möchten ihre Kinder zu eigenständigen Personen erziehen und beziehen sie deswegen in Entscheidungen mit ein, was die Kinder natürlich auch überfordern kann.»Ein Monat ist vergangen. Schweigen ist meine neue Superkraft. Wenn die Kinder beim Abendessen nörgeln, aufspringen, tausend Wünsche gleichzeitig haben, höre ich erst einmal nur zu. Und tatsächlich: Irgendwann färbt meine Ruhe auf die Kinder ab.An guten Tagen funktioniert das. An schlechten höre ich mich im Sekundentakt Anweisungen erteilen. Dann wird mir schmerzlich klar: Ich bin keine Inuit-Mutter. Und ich werde es auch nie sein.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Erziehen wie die Inuit: Warum Eltern öfter schweigen sollten
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