Am Sonntag um elf Uhr begannen offiziell die ersten Erstrundenmatches der French Open in Paris, und wie immer, wenn Grand-Slam-Turniere im Tennis, diese Mammutveranstaltungen, Fahrt aufnehmen, sind die ersten Dramen nicht weit weg. So vielfältig die Protagonisten im Tennis sind, so verschieden sind auch die Begebenheiten und Geschichten. Leid hat viele Ausdrucksformen. Manchmal sind die Schrecken der Welt zu spüren, und manchmal geht es nur um ganz persönliche Qualen.Die Ukrainerin Marta Kostjuk, 23, die kürzlich in Madrid ihren größten Titel errang, besiegte relativ mühelos die gebürtige Russin Oxana Selechmetjewa, die nun für Spanien startet, mit 6:2, 6:3. Nach ihrem Auftaktsieg hielt sie allerdings keine Jubelrede beim Interview auf dem Court Simonne-Mathieu. Ihre Augen waren gerötet. Stunden zuvor hatte Russland einen Großangriff auf Kiew durchgeführt, Menschen getötet, für Zerstörung gesorgt. „Es war eines der schwierigsten Matches meiner Karriere“, sagte Kostjuk: „Heute Morgen, nur 100 Meter vom Haus meiner Eltern entfernt, zerstörte eine Rakete ein Gebäude. Es war ein sehr schwerer Morgen. Ich wusste nicht, wie dieses Match für mich ausgehen würde.“ Sie stockte mehrmals: „Ich habe einen Teil des Morgens geweint. Ich möchte heute nicht über mich selbst sprechen. Ich bin sehr froh, in der zweiten Runde zu stehen, aber all meine Gedanken und mein ganzes Herz sind heute bei den Menschen in der Ukraine. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Slawa Ukrajini.“„Heute Morgen, nur 100 Meter vom Haus meiner Eltern entfernt, zerstörte eine Rakete ein Gebäude“: Marta Kostjuk aus der Ukraine nach ihrem Erstrundensieg bei den French Open. Benoit Tessier/ReutersEine völlig andere Last verspürte der französische Profi Arthur Gea. Der 135. der Weltrangliste kämpfte ab 11 Uhr im Court Suzanne-Lenglen, der zweitgrößten Arena, gegen den russischen Weltklasse-Spieler Karen Chatschanow, als er beim Stand von 1:4 und eigenem Vorteil (Advantage Gea) plötzlich den Schiedsrichter John Blom aus Australien aufsuchte. „Sprechen Sie Französisch?“, fragte der 21-Jährige und sagte: „Ich habe Durchfall – ich muss wirklich dringend auf die Toilette. Ich halte es nicht mehr aus; ich werde mir gleich in die Hose sch...“ Er könne sich deshalb auch nicht mehr bewegen. Doch es passierte Erstaunliches: Gea durfte trotz seines Magen-Darm-Notfalls nicht sofort gehen, um sich zu erleichtern und Schlimmeres zu verhindern. Im Gesicht spiegelte sich sein Schmerz.Im Tennis existiert keine explizite Durchfall-Regel. Er musste das Spiel bis zum 2:4 zu Ende spielen, nahm dann eine medizinische Auszeit von drei Minuten und stürmte panisch vom Platz. Eine Toiletten-Pause konnte er nicht nehmen, sie war zu dem Zeitpunkt nicht erlaubt, sie darf man in der Regel nur zwischen zwei Sätzen beantragen. Gea, der noch mal austreten musste, gab zwar nicht auf, er wehrte sich tapfer, verlor aber letztlich 3:6, 6:7 (3), 0:6.Wenigstens konnte er ein Erstrundenmatch bestreiten, im Gegensatz seinem Landsmann Arthur Fils. Frankreichs größtes Tennistalent hatte am Vorabend seinen Start abgesagt, wegen einer Rückenverletzung. Der 21-Jährige, der in dieser Saison das Turnier in Barcelona gewann sowie in Miami und Madrid im Halbfinale stand, setzte damit eine für ihn frustrierende Serie fort. Bei den sechs Grand-Slam-Turnieren seit den Australian Open 2025 musste er entweder vor dem Turnier, vor einem Match oder im Match aufgeben. Angesichts seiner Begabung ein tragischer Verlauf.Litt Qualen aufgrund eines Magen-Darm-Infekts: der Franzose Arthur Gea. Aurelien Morissard/AP PhotoDramenfrei immerhin blieb diesmal Alexander Zverev bei seinem 6:3, 6:4, 6:2-Sieg gegen den Franzosen Benjamin Bonzi, der deutsche Weltranglistendritte hat allerdings auch schon in dieser Saison sein Kontingent an Turbulenzen weitgehend in Anspruch genommen. In Australien bot er sich mit dem Spanier Carlos Alcaraz ein episches Halbfinale mit zig Wendungen, das er eigentlich hätte gewinnen müssen. Zuletzt musste er sich erneut von dem Sportarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, 83, zweimal am Rücken behandeln lassen, schon im Dezember hatte er den Münchner aufgesucht. Er hatte daher auch sein Heimturnier in Hamburg vor den French Open ausgelassen.Und als beim Medien-Tag der French Open diverse Topspieler aus Protest wegen einer zu geringen Preisgeld-Beteiligung von den Gesamteinnahmen des Grand-Slam-Events ihre Auftritte auf nur 15 Minuten begrenzten, war Zverev ebenfalls beteiligt, als Unterstützer im Kampf um höhere Preisgeld-Anteile. Seit Sonntag aber läuft sein nächster Anlauf, mit dem Ziel erster Grand-Slam-Triumph, gestartet ist er schon mal gut. Wenngleich Bonzi, Nummer 95 der Weltrangliste, für einen Spieler von der Qualität Zverevs keine ultimative Herausforderung darstellte.In Summe reichte Zverev, der 2024 im Finale in Paris stand und den sicher geglaubten Sieg gegen Alcaraz noch aus der Hand gab, eine solide Leistung. Das klingt genau so unaufgeregt, wie es war. Er glänzte nicht mit Zauberschlägen, manchmal unterliefen ihm gar seltsame Fehler; einmal donnerte er einen Schmetterball direkt an die Plane hinter Bonzi. Gelegentlich traf er den Ball mit dem Rahmen, wobei der aufbrausende Wind das Spiel der beiden erschwerte. Im zweiten Satz gab er auf diese Weise gleich wieder sein Aufschlagspiel ab, just nachdem er dank eines Breaks 3:2 geführt hatte. Die Gabe, sich das Leben selbst schwer zu machen, besitzt er.Das sind die kleinen Zverev-Leiden, doch kaum erhöhte der Deutsche den Druck, war Bonzi chancenlos. „Es ist immer schön, mit einem Dreisatzsieg zu starten“, sagte Zverev nach dem Match beim Interview auf dem Platz: „Bei Matches in Grand-Slam-Turnieren über drei Gewinnsätze kann es immer Höhen und Tiefen geben.“ Diesmal hatte er die Tiefen im Griff. In der zweiten Runde am Mittwoch trifft er auf den tschechischen Weltranglisten-43. Tomas Machac, der sich mit 6:4, 6:4, 6:3 gegen den Belgier Zizou Bergs durchsetzte.