Normalerweise werden Enzykliken von Papstsprechern oder Mitarbeitern einschlägiger Dikasterien im vatikanischen Pressesaal vorgestellt. Oder die Texte werden umstandslos veröffentlicht, in der Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ oder auf der Webseite des Heiligen Stuhls.Bei der mit Spannung erwarteten ersten Enzyklika „Magnifica humanitas“ („Großartige Menschheit“) von Papst Leo XIV. ist alles anders. Der Papst selbst wird am Pfingstmontag zur Vorstellung seiner „Regierungserklärung“ in die Synodenhalle im Vatikan kommen, eine Ansprache halten und nach der Veranstaltung den Schlusssegen spenden. Zusätzlich werden ranghohe Kurienmitarbeiter zum Hauptthema der Enzyklika sprechen, zu den Chancen und vor allem den Risiken der Künstlichen Intelligenz (KI).Trump nennt Olah eine „linke und woke“ FirmaUnd schließlich kommt ein Laie zu Wort, den Leo persönlich eingeladen haben soll: Christopher Olah, milliardenschwerer KI-Unternehmer. Der Kanadier, 1993 in Toronto geboren, gehörte 2021 zu den Gründern des KI-Entwicklers Anthropic mit Sitz in San Francisco. Zuvor war Olah für Google Brain und Open AI tätig. Olah gilt als Pionier bei der Entwicklung einer Unternehmenskultur, die den Fortschritt der Fähigkeiten der KI mit der Risikominimierung in Einklang zu bringen versucht.Deshalb nimmt auch das von Olah mitgegründete Unternehmen Anthropic unter den KI-Giganten des Silicon Valley neben den Chancen der KI besonders auch deren Risiken in den Fokus. Präsident Donald Trump hat Anthropic bei Gelegenheit als „radikal linke und woke Firma“ bezeichnet. Ende Februar setzte das Pentagon Anthropic vor die Tür, weil sich das Unternehmen geweigert hatte, seine KI-Kapazitäten auch für „automatisierte“ Kriegsführung und die Überwachung der Zivilbevölkerung zur Verfügung zu stellen. Zudem wurde Anthropic von „Kriegsminister“ Pete Hegseth zum Lieferkettenrisiko für alle staatlichen Institutionen deklariert und damit von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen.Die wachsende Rolle von KI im KriegAnthropic hat gegen den Bann geklagt, der Prozess ist anhängig. Dass ein Regierungskritiker wie Olah bei der Vorstellung der KI-Enzyklika des ersten Papstes aus den USA eine wichtige Rolle spielt, dürfte den theologisch-politischen Graben zwischen Vatikan und Weißem Haus weiter vertiefen.Unterzeichnet hat Leo die Enzyklika am 15. Mai, dem 135. Jahrestag der Veröffentlichung der Enzyklika „Rerum Novarum“ („Über die neuen Dinge“) durch Papst Leo XIII. (1873 bis 1903).Schon mit seiner Namenswahl hat sich Leo XIV. ausdrücklich in die Tradition des „Arbeiterpapstes“ gestellt, der mit „Rerum Novarum“ am Ende des 19. Jahrhunderts die Grundlage für die Sozialtheorie der Weltkirche für das 20. Jahrhundert gelegt hatte. Leo XIII. hat das kirchliche Lehramt anschlussfähig gemacht für die gesellschaftlichen Folgen der industriellen Revolution. Leo XIV. will dem Wort der Weltkirche an der Schwelle zur KI-Revolution Gehör verschaffen.Diesen Zusammenhang hat Leo XIV., zehn Tage nach seiner Papstwahl vom 8. Mai 2025, in einer Rede ausdrücklich selbst hergestellt: So wie sich Leo XIII. „den Herausforderungen der ersten industriellen Revolution gestellt hat, so stehen wir heute vor einer neuen: der Revolution der KI und ihrer Auswirkung auf Gerechtigkeit, Arbeit und Menschenwürde“.Die wachsende Rolle der KI im Krieg wird im Schlusskapitel der Enzyklika besonders beleuchtet: Wenn Maschinen statt Menschen über Leben und Tod, über Zeit und Ort konkreter Militärschläge entscheiden, wird selbst der restriktivste Begriff vom gerechten Krieg obsolet.
Papst Leo XIV.: Enzyklika zur Künstlichen Intelligenz
Leo XIV. thematisiert in seiner ersten Enzyklika die Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz. Vertieft das die Gräben zur Trump-Regierung?













