Sie beseitigen Giftmüll, dienen als Modellorgane und lieben den Geschmack von Bitterlikör: unsere HaareUnsere Haare sehen wir jeden Tag. Und doch haben wir bisher kaum etwas über sie verstanden. Warum fallen sie vor allem den Männern in Massen aus? Und was kann man gegen Haarausfall tun? Erkundung eines biologischen Wunders.24.05.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenEines der wichtigsten Kommunikationsinstrumente des Menschen: pigmentierte Eiweissfäden auf dem KopfKlaus Vedfelt / GettyDass einem Säugetier die Haare ausfallen, ist eigentlich absurd. Man stelle sich einen Eisbären vor, plötzlich ohne Fell. Wenn Haare ausfallen, ist das meist ein Warnzeichen – etwa für Krankheiten, Parasiten, Mangelernährung oder einen Gendefekt. Nur beim Menschen scheint das Phänomen ganz normal: Von Geheimratsecken über Tonsur bis zur klassischen Glatze fallen vielen Exemplaren unserer Spezies die Haare aus; vor allem bei Männern ist Haarausfall verbreitet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Deutlich mehr als eine Million Männer fliegen jedes Jahr für eine Haartransplantation nach Istanbul. «Aus Eitelkeit», heisst es in Berichten. Aber Haare sind viel mehr als Zierwerk.Diese pigmentierten Eiweissfäden auf dem Kopf sind eines der wichtigsten Kommunikationsinstrumente des Menschen. Studien mit Augentracking zeigen: Betritt jemand einen Raum, mustern wir ihn üblicherweise auf drei Merkmale: erst Augen, dann Mund, als Drittes die Haare.Haarstil und Frisur setzen Zeichen für soziale Klasse oder Selbstbewusstsein und können als politische Signale eingesetzt werden. Der scharf geschnittene Kurzhaarpony einer Frau gilt heute vielen als Hinweis: Feministin!Aus psychologischen Befragungen ist bekannt: Wenn Menschen diesen Kommunikationskanal verlieren, führt das häufig zu Angst, manchmal zu Depressionen, bis hin zu einem Gefühl des Identitätsverlusts.Unsere Haare sehen wir jeden Tag. Und doch haben wir bisher kaum etwas über sie verstanden. Die meisten publizierten Studien untersuchten Mäusehaare. Zwischen Maus- und Menschenhaar gibt es allerdings viele Unterschiede, Erkenntnisse sind selten direkt übertragbar. «Eine Maus geht auch selten zum Dermatologen und will Haarausfall behandeln», sagt Ralf Paus. Der Dermatologe forscht an der Universität Miami und ist so renommiert, dass selbst andere weltweit geschätzte Experten über ihn sagen, bei Haaren sei er «der mit Abstand Beste».Wer etwas gegen Haarausfall tun will, muss zwischen Haarfollikel und Haarschaft unterscheiden. Der Haarschaft ist ein toter Eiweissfaden; wenn es sein muss, verzeiht er einem sogar Folter. «Wer mit starken Chemikalien seine Haare färbt, wer sie in Salzwasser badet oder so lange föhnt, dass es schon riecht, als würde man ein Steak in der Pfanne brutzeln, dann ist das Folter für die Haare», sagt der Dermatologe Ralf Paus. «Besser wäre es, auf solche Misshandlungen zu verzichten.»Ralf Paus, Dermatologe an der Universität Miami.PDDer Haarfollikel hingegen ist ein Sensibelchen – fällt er aus, ist er verloren. Dabei sind die Follikel die Orte, die unsere Haare produzieren und sie nachwachsen lassen; ein Mensch besitzt etwa zwei Millionen dieser Miniproduktionsstätten. «Und an jedem einzelnen kann man Organforschung betreiben», sagt Paus. Haarfollikel sind Miniorgane, anders als andere Organe lassen sie sich in einer speziellen Kulturlösung auch ausserhalb des Körpers gut aufbewahren – daher eignen sie sich besonders für die Forschung in der experimentellen Biomedizin. Erkenntnisse am sind womöglich auch auf andere Organe übertragbar.Was Haare, Hirn und Augen gemeinsam habenHaare bauen zum Beispiel ein Immunprivileg auf, einen Schutzwall, der es dem Immunsystem erschwert, dieses Miniorgan anzugreifen. Die Mechanismen sind dieselben, die während der Schwangerschaft garantieren, dass ein Frauenkörper den Fötus nicht abstösst. Auch unsere Augen und unser Gehirn schützen sich auf solche Weise gegen das eigene Immunsystem. Wenn dieser Schutzwall zusammenbricht, sprechen Ärzte von Autoimmunerkrankungen; beim Gehirn ist das beispielsweise multiple Sklerose, am Auge Autoimmun-Neuritis, auch eine Form von Diabetes, Mukoviszidose oder Pankreas-Erkrankungen stehen in Zusammenhang mit Immunproblemen.Paus und sein Team postulierten schon vor Jahren, kreisrunder Haarausfall bei Frauen habe seine Ursache im Immunsystem. «Damals wurden wir dafür stark angezweifelt», sagt Paus. «Heute gilt genau das als Stand der Wissenschaft.» Um kreisrunden Haarausfall zu behandeln, werden sogenannte Januskinase-Inhibitoren eingesetzt; die Medikamente hemmen bestimmte Immunsignale – und schützen so die Haarfollikel. Setzt man die Signalhemmer ab, fallen auch die Haare wieder aus. In diesem Fall sind die Erkenntnisse der Haarforschung übertragbar auf andere Bereiche: Ärzte nutzen Januskinase-Inhibitoren etwa bei Stammzelltransplantationen zur Behandlung von Leukämie.Das Signal, auf das unser Immunsystem reagiert, ist wahrscheinlich die Pigmentbildung, also die Farbbildung der Haare. Farblose, weisse Haare fallen deutlich seltener aus.Warum vor allem Männern die Haare ausfallenAnders als beim kreisrunden Haarausfall, der gleichermassen Frauen wie Männer trifft, ist erblicher Haarausfall vorwiegend Männersache. Androgene, also männliche Geschlechtshormone, stimulieren viele Haare so, dass sie ausfallen. Eines der Androgene, die den Haarausfall am deutlichsten verstärken, ist Dihydrotestosteron, ein Abbauprodukt von Testosteron.Männersache: Androgene, männliche Geschlechtshormone, stimulieren viele Haare so, dass sie ausfallen.Kostis Fokas / Moment RF / GettyBisher gibt es zwei klassische Medikamente gegen Haarausfall: Minoxidil – eigentlich ein Blutdrucksenker – weitet die Blutgefässe in der Kopfhaut, die Haarfollikel werden besser versorgt; allerdings gehören zu den Nebenwirkungen auch mitunter gefährliches Herzrasen.Finasterid – entwickelt, um das Prostatawachstum zu hemmen – senkt das Dihydrotestosteron in der Kopfhaut; die möglichen Nebenwirkungen hier sind noch heftiger: Oft kommt es bei regelmässiger Einnahme zu sexuellen Funktionsstörungen, in seltenen Fällen führt das Medikament zur Unfruchtbarkeit. Auch depressive Verstimmungen sind möglich, bis hin zu Suizidgedanken.Der Gedanke, Dihydrotestosteron zu senken, ist dabei erst einmal sinnvoll: Das Abbauprodukt von Testosteron wirkt auf alle Haarfollikel, während aber auf der Stirn Geheimratsecken entstehen, wachsen die Haare am Hinterkopf noch dicht. Warum, das versuchen Wissenschafter noch herauszufinden. «Offensichtlich ist: Die verschiedenen Kopfhautbereiche reagieren unterschiedlich auf dieselben Hormone», sagt Stefanie Heilmann-Heimbach; die Humangenetikerin sucht an der Universität Bonn nach genetischen Ursachen des erblich bedingten Haarausfalls.Es könne sein, dass es schon mit der genetischen Codierung der Haarfollikel beginne – schon bevor das erste Haar wachse, wäre dann festgelegt, dass Dihydrotestosteron den Haarfollikeln am Hinterkopf wenig ausmache, während es sie an der Stirngegend ausfallen lasse. «Die Theorie ergibt insofern Sinn, als es während der Embryonalentwicklung zu mehreren Auswanderungswellen von Zellen kommt – die betroffenen und nicht-betroffenen Kopfhautareale gehören zu unterschiedlichen Auswanderungswellen.»Von Anfang an auf Ausfall codiert; das klingt zunächst wenig hoffnungsvoll, als sei Haarausfall genetisch in die Männer eingeschrieben. Es lässt sich aber auch anders deuten: Wer besser versteht, welche Signale der Gene sich über das Leben hinweg wie verändern, der begreift auch besser, warum Haare ausfallen – und kann etwas dagegen tun, noch lange bevor sich Symptome zeigen. Zudem wäre die Theorie, Haare seien von Anfang an codiert, schon heute ein Vorteil für die ästhetische Medizin: bei einer Haartransplantation.Haare in einen anderen Bereich der Kopfhaut einpflanzen ist dann wie eine Pflanze umtopfen – der Follikel behält seine genetische Codierung und bleibt daher auch am neuen Ort eher unempfindlich gegen Stoffe, die den Haarausfall anregen. Deshalb werden schon heute die Haare für eine Transplantation vor allem vom Hinterkopf oder dem Bart entnommen.Ein ideales Szenario für manche Humangenetiker ist ein genetischer Master-Schalter, mit dessen Hilfe man den Haarausfall ausschalten könnte, zum Beispiel indem man die Androgenrezeptoren der Haarfollikel deaktiviert, also genau die Stelle, an der männliche Hormone wirkten. Allerdings sind schon heute 380 Genorte bekannt, die zum männlichen Haarausfall beitragen – «und das sind noch lange nicht alle», sagt Heilmann-Heimbach. «Ein einziges Gen wird sehr wahrscheinlich nicht den magischen Trick liefern und alles lösen.»Stefanie Heilmann-Heimbach, Humangenetikerin an der Universität Bonn.PDEine Sache, sagt Heilmann-Heimbach, sei ihr noch wichtig: Das Androgenrezeptor-Gen werde auf dem X-Chromosom codiert, und dieses werde von der Mutter weitergegeben – deshalb halte sich der Mythos, die Mutter sei schuld am kahlen Kopf der Söhne. Doch das stimmt nicht. «Die väterlichen Gene tragen zum Gesamtzusammenhang aber genauso viel bei.»Ihr Team – im Übrigen ausschliesslich Frauen – habe während der vergangenen Jahre viel über die genetischen Ursachen von männlichem Haarausfall herausgefunden, ein Master-Schalter bleibe vorerst aber ein Idealszenario. Wer etwas gegen seinen Haarausfall tun wolle, müsse sich an einen Dermatologen wenden.Medikamente gegen Haarausfall: Ideen gibt es noch vieleDer Dermatologe Ralf Paus sagt, Forschung an den Androgenen sei zwar wichtig, Haarfollikel würden aber von vielen verschiedenen Signalen reguliert. «Es ist nicht hilfreich, wenn man immer nur an den gleichen Baum pinkelt.» Er und sein Team widmen sich daher vor allem anderen Hormonen, die im Haar wirken.Beispielsweise bildet ein Haarfollikel eigene Neurohormone, und zwar beinahe alle, die auch im Gehirn produziert werden. «Weshalb macht das Haar Neurohormone? Das wissen wir noch nicht», sagt Paus. Was er bereits wisse: «Einige dieser Hormone fördern den Haarwuchs, andere wirken hemmend.»Ähnlich überraschend: Der Haarfollikel von Männern produziert auch das Hormon Prolaktin – bei Frauen fördert es nach der Geburt die Milchbildung. Bei Männern hemmt es den Haarwuchs.In Zusammenarbeit mit einer amerikanischen Firma hat diese Erkenntnis zu einer klinischen Studie geführt: Kann eine Blockade des Prolaktinrezeptors männliche Glatzenbildung aufhalten? Die Studie läuft gerade. «Und das hat nichts mit androgenen Signalen zu tun», sagt Paus. «Das ist eine völlig neue Richtung!»Ohne Medikamente lässt sich erblicher Haarausfall kaum stoppen. Aber vorbeugen oder den Ausfall verlangsamen, das kann man gut.BoomzFoto / GettyDie Forschung am Haar jenseits der Androgene steht erst am Anfang. «Wir sind noch lange nicht fertig», sagt Paus, er habe noch eine Menge verrückter Ideen. Beispielsweise könne der Haarfollikel riechen – «es hat die Rezeptoren dafür». Ein bestimmter Geruchsstoff, der in vielen Aftershaves und Parfums vorkomme, stimuliere diesen Rezeptor, «und darüber freut sich der Haarfollikel.» Es wachse länger, hemmende Faktoren würden heruntergedreht.Und sogar schmecken könne dieses Miniorgan – Paus sagt, er und sein Team hätten das erst 2025 entdeckt: «Haarfollikel haben Bitterrezeptoren.» Besonders stimulierend wirke ein Geschmack, der in vielen Bitterlikören vorkomme; dieser fördere nicht nur das Wachstum, sondern auch die Haarfarbe. «Wenn es nun so einfach wäre, dass man sich Bitterlikör über die Kopfhaut kippen könnte, wäre das super», sagt Paus. «Aber man muss schon sehr präzise mit dem speziellen Stoff arbeiten. Die Erkenntnis liefert eine Basis, aus der irgendwann ein natürliches Therapeutikum entstehen kann.»Haare dienen dem Körper als Depot für GiftmüllUnsere Haare leisten heute schon viel – ästhetisch, sozial und psychologisch. Noch wichtiger ist ihr Potenzial für unsere Gesundheit: In Zukunft könnten sie sogar den Ausfall anderer Organe teilweise ersetzen.Eine der wichtigsten Funktionen unserer Haare ist, Stoffe aus dem Blut herauszuziehen, die schädlich sein können – und diese im Haarschaft zu deponieren. Der Haarschaft ist tot; was dort gelagert ist, kann dem Körper nicht mehr schaden. Ist das Depot mit potenziellem Giftmüll gefüllt, fällt es aus und wächst nach. Kulturell wird dieses Wissen bereits verarbeitet: Bei Krimiserien schauen sich Forensiker die Haare an.Ein anderes Organ, das ebenfalls Giftstoffe aus unserem Körper entfernt, ist die Leber. Und «wenn man sich anschaut, wie viele Enzyme und Funktionsverwandtschaften der Leber man im Haarfollikel wiederfindet, ist das erstaunlich», sagt Paus. Menschen haben nur eine Leber, aber zwei Millionen Haarfollikel. «Da liegt doch die Frage nahe: Kann man die Haarfollikel nicht einspannen, wenn die Leberfunktion leidet?»Eine Tinktur könnte die leber- oder nierenähnlichen Funktionen im Haarfollikel stimulieren, um genau diese Aufgabe der Giftmüllentsorgung zu unterstützen.Was im Alltag gegen Haarausfall hilftOhne Medikamente lässt sich erblicher Haarausfall im Alltag kaum stoppen. Zumindest aber vorbeugen oder den Ausfall verlangsamen, das kann man gut.Zum einen gilt es Stress zu vermeiden. Fast alle Stresshormone hemmen das Haarwachstum. Zum anderen hilft eine gesunde und ausgewogene Ernährung dem ganzen Körper und seinen Prozessen, also auch den Haaren.Unter dem Begriff «No Poo» wurde es zum Trend, seine Haare seltener zu waschen, mit dem Ziel, so die Talgproduktion, also die natürliche Fettung der Haare, anzuregen – allerdings ist das ein Mythos. Talgproduktion ist genetisch veranlagt und lässt sich kaum oder gar nicht beschleunigen; Entzündungen der Kopfhaut hingegen sind nachgewiesen schädlich für die Haarfollikel – also besser regelmässig, womöglich sogar täglich Haare waschen, am besten mit einem Anti-Schuppen-Shampoo.Und, wer weiss, vielleicht gibt es bald ja doch einen Master-Schalter oder eine Tinktur, die uns Menschen gegen den Haarausfall hilft. Zumindest in dieser Eigenart wären wir als Säugetiere wohl gern ein bisschen weniger besonders.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Unsere Haare: Giftmüllbeseitiger, Modellorgane und Bitterlikör-Liebhaber
Unsere Haare sehen wir jeden Tag. Und doch haben wir bisher kaum etwas über sie verstanden. Warum fallen sie vor allem den Männern in Massen aus? Und was kann man gegen Haarausfall tun? Erkundung eines biologischen Wunders.













