Wilde Mähne, markanter Schnauz, verführerische Locken: Haare sprechen BändeSie symbolisieren Macht und Ohnmacht, Anpassung und Rebellion. Frisuren und Bärte bestimmen, wie wir gesehen werden wollen und uns selbst sehen. Warum der Mensch ein solches Theater um seinen Schopf veranstaltet, zeigt ein Blick in die Kunstgeschichte.Viola Schenz, München15.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenHaarige Aufbauten auf dem Kopf: die französische Königin Marie Antoinette im Krönungsrobe auf einem Gemälde von Jean-Baptiste Gautier Dagoty, 1775.UIG / GettyWer schön sein will, muss bekanntlich leiden – und sollte starke Nackenmuskeln haben. Diese nämlich brauchte es für den Aufbau eines Pouf. Das war jene Turmfrisur, die der Hoffriseur von Königin Marie-Antoinette im Jahr 1775 kreierte. Dazu benötigte Léonard-Alexis Autié ein Kissen (franz. pouf), ein Drahtgestell, Tierhaare, Puder, Pomade, Parfum, viele Bedienstete und noch mehr Geduld.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit seiner Extravaganz avancierte der Pouf zum Sinnbild eines selbst- und verschwendungssüchtigen Adels. Denn am französischen Hof des 17. und 18. Jahrhunderts bestimmte auch die Frisur den Status, und mit dem haarigen Monstrum liess sich Macht vortrefflich inszenieren.Losgetreten hatte die Perückenmode Ludwig XIV. (1638–1715), König von Frankreich. Dies aus banalen Gründen: Er wollte seinen frühen Haarausfall kaschieren. Den Höflingen galt ihr Monarch als modisches Vorbild. Wer in Versailles Nähe zur Herrschaft demonstrieren wollte, tat es ihm gleich und griff ebenso zu diesem lästigen, juckenden Kopfputz.Um Ehrgeiz und Gehabe dreht sich auch die Ausstellung der Kunsthalle München mit dem bündigen Wortspieltitel «Haar – Macht – Lust». Sie versammelt gut 200 Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Videos, Schmuckstücke, Möbel und Modekreationen aus deutschen und internationalen Museen. Und sie erklärt eindrucksvoll, warum der Mensch, seit er sich zivilisiert hat, ein solches Theater um seinen Schopf veranstaltet.Üppige Haarpracht: Sandro Botticellis Profilbildnis einer jungen Frau, 1475.NZZ – BildredaktionSträhnen als MarkenzeichenAusser Machtinstrument sind Haare natürlich ein Schönheitssymbol. Dass die Frisur sitzt, war schon in der Frühantike wichtig. Ein neuassyrisches Relief aus dem 9. Jahrhundert vor Christus zeigt den Kopf eines Genius, einer Art Schutzgeist, mit Lagen enger Locken und senkrechter Wellen. Solche Haar- und Barttracht weist ihn als Herrscher aus. In Stein gehauen, ersetzte das Haar Zepter und Krone. Unterworfene Fürsten waren gut beraten, den assyrischen Haarstil zu übernehmen, wollten sie dazugehören.Kopfschmuck spielte für antike Herrscher auch eine andere praktische Rolle. Üblicherweise liess man sich als Büste darstellen, und da zählte der Wiedererkennungseffekt. Wer nicht das Glück hatte, über eine Hakennase oder ein kantiges Kinn zu verfügen, versuchte sich den Bürgern Athens und Roms über auffällige Strähnen und Locken einzuprägen.Das passt zur wechselvollen Geschichte des preussischen Schnauzbarts: Bärte standen in Mitteleuropa bis zur Revolution von 1848 für radikale Ansichten. Postbeamten und Referendaren waren sie zunächst verboten. Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs jedoch in konservativen Kreisen eine Vorliebe für gezwirbelte Bärte, militärische Ränge entwickelten sogar ihre jeweils eigenen Formen.Das galt auch Epochen später noch. Die Löwenmähne Ludwig van Beethovens etwa wurde zum Sinnbild seiner temperamentvollen Musik. Mit solcher Haarpracht wurde er immer wieder idealisiert dargestellt, namentlich von Joseph Karl Stieler auf dem berühmtesten Beethoven-Porträt von 1820. Der Schnauz Friedrich Nietzsches wiederum beherrschte dessen Gesicht derart, dass er als Markenzeichen hervortrat, hinter dem die Person verschwand, wie eine Büste in der Schau bezeugt.Die Bärte gerieten immer raffinierter und pompöser, es brauchte nächtliche Bartbinden und Pomade. Damit Letztere sich nicht beim Teetrinken im Dampf auflöste, erfand man «Barttassen», ausgestattet mit einem schützenden Steg. Über drei putzige Porzellan-Exemplare aus dem Deutschen Hygiene-Museum Dresden kann man hier schmunzeln.Für Frauen lautet seit je die Devise: je länger und voller die Haare, desto schöner, weil jugendlich-vital. Venus, die römische Göttin der Liebe und Schönheit und Pendant zur griechischen Aphrodite, ist meist mit explizit dichtem, wellig langem Haar dargestellt. Damit das Waschen-Schneiden-Legen optimal klappte, benötigte aber auch oder besonders eine Göttin mindestens vier Assistentinnen, wie ein Bild von Giorgio Vasari aus dem Jahr 1558 zeigt.Verführerisches weibliches HaarIm 19. Jahrhundert galt Kaiserin Elisabeth (Sisi) von Österreich mit ihrer ungewöhnlichen Mähne als «Schönste im ganzen Land». Doch Vorsicht: Zu viel und zu verwegen durfte es auch nicht ausfallen. Damals kam die «Femme fatale» auf, jene Verführerin mit heimtückischem Schopf. Auf John William Waterhouses Gemälde «Die schöne Frau ohne Gnade» von 1893 wickelt sich deren Haar gefährlich um den Hals ihres ritterlichen Liebhabers.Das Haar als Waffe der Frau: in John William Waterhouses Gemälde «La Belle Dame sans Merci», 1893.Sammlung Hessisches Landesmuseum DarmstadtMännliche Wunschträume gebären immer neue weibliche Stereotype. Zu den entfernten Vorläuferinnen mit verfänglichen Zotteln zählen Eva, Medusa und Maria Magdalena. Auch sie bekommen bei «Haar – Macht – Lust» ihre Auftritte.Eine Bedrohung durch weibliches Haar empfinden heute nur noch streng religiöse Gemeinschaften und radikale Regime. Das Haar muss verborgen werden, das gebietet die Demut oder fordert die Misogynie ein. Katholische Nonnen hüllen ihren Kopf in Hauben, orthodoxe Jüdinnen in Perücken, das islamische Kopftuch ist ein männliches Unterdrückungsinstrument.Das zeigt der Fall der 22-jährigen Jina Mahsa Amini, die im September 2022 wegen «ungenügender Verschleierung» von der Teheraner Sittenpolizei verhaftet und geschlagen wurde. Drei Tage später starb sie im Gefängnis. Die Ausstellung erinnert nun an sie und die vielen anderen mutigen Iranerinnen.Nach dem gewaltsamen Tod von Jina Mahsa Amini schneidet sich eine Frau in Istanbul 2022 als Zeichen des Protests die Haare ab.Chris McGrath / GettyWährend Südafrikas Apartheidregime diente der sogenannte Bleistifttest als eine Art Rassendiagnose: Fiel der Stift, der ins Haar gesteckt worden war, zu Boden, galt man als weiss, blieb er stecken, als schwarz. Kemang Wa Lehulere, ein südafrikanischer Videokünstler, führt die Prozedur ad absurdum, indem er sich so viele ins Kraushaar steckt, bis es nur noch aus Stiften zu bestehen scheint.Apropos Afrika: Des Sonnenkönigs Perücken existieren weiter, auch dort. Sie waren bald am französischen Hof ein solches Statussymbol, dass auch Vertreter der unteren Stände wie Richter und Beamte einfachere Versionen trugen als Zeichen ihrer Amtswürde. In Grossbritannien und dessen ehemaligen Kolonien tut man das noch heute, wie Porträts von Richtern und Staatsanwälten am obersten ghanaischen Gericht beweisen. Sie alle posieren mit weissen Richterperücken auf schwarzem Haar – welch kulturhistorisches Kuriosum.Rebellion der FrisurenArtifizielle Perücken sind das eine, natürlich gewachsene Mähnen das andere: Je länger und wilder das Haar, desto unangepasster die Träger, desto grösser die Verachtung fürs «Establishment». Der Musical-Klassiker über die Jugendproteste im Amerika der 1960er Jahre heisst schlicht «Hair», das sagt alles.Hippie-Zusammenkünfte waren ein Meer aus Mähnen. «Hair Peace» schrieb das üppig haarige und frisch getraute Paar John Lennon und Yoko Ono im März 1969 über ihr Bett im Amsterdamer Hotel Hilton. Statt Flitterwochen inszenierten sie ein «Bed-In for Peace». Die Idee ging auf, die Aufnahmen ihrer originellen Pyjama-Party wurden zu Ikonen. Man kann ein Poster davon im Museumsshop erwerben.Das frisch getraute Paar John Lennon und Yoko Ono im März 1969 in ihrem Bett im Amsterdamer Hotel Hilton.Nico Koster / PrivatsammlungHaare sind ein dankbares Thema für eine Ausstellung: Alle können damit etwas anfangen, alle kennen das Hoffen und Bangen beim Friseur. Über dessen Rolle, die hier nur historisch gestreift wird, erführe man gerne mehr. Auch darüber, wie all die Frisurmoden der vergangenen Jahrzehnte zustande kamen, mit ästhetischen Höhen (1920er Jahre) und Tiefen (1970er und 1980er Jahre). Das Thema ist unerschöpflich, und der nächste «Bad Hair Day» kommt bestimmt.Haar – Macht – Lust, Kunsthalle München, bis 4. Oktober.Passend zum Artikel