Der Frieden im Nahen Osten war greifbar: Dann wurde Yitzhak Rabin von einem jüdischen Extremisten erschossen, und die Gewaltspirale drehte sich weiterHunderttausende von Menschen hatten sich am 4. November 1995 auf dem Platz der Könige Israels in Tel Aviv versammelt. Das Motto der Kundgebung lautete «Ja zum Frieden». Sie wurde zu einem Manifest der Gewalt.Michael Wolffsohn24.05.2026, 05.30 Uhr12 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Hunderttausende hatten sich am Abend des 4. November 1995 auf dem Platz der Könige Israels vor dem Tel Aviver Rathaus versammelt. Das Motto ihrer Kundgebung stand in riesigen Buchstaben vor der Rednertribüne: «Ja zum Frieden, nein zu Gewalt». Auf der Tribüne die Prominenz der vom Ministerpräsidenten und Friedensnobelpreisträger Yitzhak Rabin sowie vom Aussenminister Shimon Peres, ebenfalls Träger jenes Friedenspreises, geführten Regierungskoalition. Beide Urgesteine der sozialdemokratischen Partei der Arbeit (IAP).Am 13. September 1993 hatte Peres in Anwesenheit von Rabin und US-Präsident Bill Clinton in Washington (DC) mit der Palestine Liberation Organisation (PLO) das erste – und bisher letzte – Friedensabkommen mit dem vermeintlich ewigen palästinensischen «Todfeind» geschlossen. Rabin und der PLO-Führer Yasir Arafat hatten nach der Unterzeichnung durch Handschlag diesen Vertrag besiegelt. Arafat strahlte, der zwischen den beiden stehende Clinton ebenfalls. Der stets nüchterne und zurückhaltende Rabin rang sich ein eher gequältes Lächeln ab.Dem 13. September 1993 vorangegangen war die erste Intifada, der erste Palästinenser-Guerillakampf gegen die seit dem Junikrieg 1967 währende Besetzung von Gazastreifen und Westjordanland durch Israel. Von Dezember 1987 bis zum Sommer 1993 tobten dort sowie im israelischen Kernland Gewalt und Gegengewalt. Jede Seite nannte die Gewalt der anderen «Terror». Zimperlich war keine. «Brecht ihnen die Knochen», so hatte Rabin als Verteidigungsminister gleich nach Ausbruch des Massenaufstands seine Soldaten ermuntert und ermutigt.Doch der Tradition der israelischen Verteidigungsarmee (Zahal) gemäss hatte Rabin den Militärstrategen Clausewitz genau studiert – und erst recht nach fünf Jahren Intifada verstanden: dass nämlich jede militärische Strategie der politischen zu folgen habe und keine Gewalt eine politische Strategie ersetzen könne. Dass eben Krieg ein Instrument beziehungsweise Mittel der Politik zu sein habe und kein Selbstzweck.Kontakte zur PLODer Palästinenser-Terror hatte zwar nicht Israels Existenz gefährdet, sehr wohl aber die Normalität des Alltags aller Israeli. Etwas Besseres als die permanente Gegengewalt sei zumindest denkbar und sollte unter seiner Regie machbar werden. Koalitionspolitisch möglich wurde das Gewollte durch den Wahlsieg der Arbeitspartei im Juni 1992 unter seiner Führung.Mehr Israeli als zuvor hatten 1992 gleiche Gefühle oder Gedanken wie der IAP-Chef Rabin und sein Vize, Shimon Peres: Nur Gegengewalt bringt keine Lösung. Der Wählerauftrag war klar: Ein sicherheits- und friedenspolitischer Strategiewechsel war erwünscht – und nun auch koalitionspolitisch möglich. Für Israel aussergewöhnlich: Mit nur drei Parteien konnte eine Parlamentsmehrheit erreicht werden. Die Koalition bestand aus der sozialdemokratischen IAP, der linksliberalen Bürgerrechtspartei sowie der orientalisch/marokkanisch-jüdisch-orthodoxen und damals territorialpolitisch eher kompromissbereiten Schas.Bald nach dem Regierungswechsel von 1992, den man fast als Machtwechsel bezeichnen muss, wurden hinter den Kulissen mithilfe Norwegens Kontakte zur PLO aufgenommen. Es folgten, streng geheim, Verhandlungen in Oslo. Sie führten schliesslich zum Vertrag, der am 13. September 1993 in Washington (DC) unterzeichnet und als Oslo-Abkommen bezeichnet wurde.Ein pikantes Detail: Eine Schlüsselrolle bei der Vermittlung zwischen der PLO und Israel spielten das Diplomatenpaar Mona Juul und Terje Röd-Larsen sowie der damalige Generalsekretär der norwegischen Arbeiterpartei, Thorbjörn Jagland. Auf Jaglands Karriereleiter ging es danach steil aufwärts: Er wurde Ministerpräsident und später Chef des norwegischen Nobelkomitees. Politisch und moralisch abwärts ging es für alle drei im Jahre 2026. Bei der Aufarbeitung der Verbrechen des amerikanischen Sexualstraftäters Epstein stellte sich heraus, dass die drei politischen Friedensengel kommerziell und moralisch nicht so engelsgleich waren.Ein Mann des Friedens – und des KriegsDiese Erkenntnis ebenso wie Rabins «Brecht ihnen die Knochen» zu erwähnen, ist nur scheinbar banal. Sie geht weit über die Politik hinaus. Sie verdeutlicht, dass jeder Mensch vieles und viele ist. Auch Yitzhak Rabin. Ja, er war der Märtyrer seiner Friedenspolitik. Ebenso wie andere Friedenshelden: der Inder Mahatma Gandhi (ermordet 1948), der US-Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King (ermordet 1968), Ägyptens Präsident Anwar Sadat (ermordet 1981) oder der Palästinenser Issam Sartawi (ermordet 1983). Doch zugleich nein, denn: Rabin war zuvor auch ein Mann des Krieges. Ebenso wie Sadat. Beide hatten ihren Clausewitz verstanden – dass Krieg nur ein Mittel der Politik zu sein habe.Beide wussten und wiederholten mehrfach: Frieden ist ein Risiko. «Lasst uns das Risiko des Friedens auf uns nehmen», hatte Rabin mehrfach an seine Landsleute appelliert. Akzeptiert hatte dieses Risiko ungefähr die Hälfte der Israeli. Die andere Hälfte wütete, wobei nicht alle, gar die meisten nicht gegen Friedenspolitik an sich waren. Vielen, nicht nur den Extremisten, schien das Risiko zu hoch und der Sicherheitsfaktor zu niedrig bewertet.«Frieden und Sicherheit!», konterten vor allem Netanyahu, seine Likud- und die Nationalreligiöse Partei. Weniger überraschenderweise die Ultraorthodoxen. Mit der gleichen Parole «Frieden und Sicherheit» siegte 1996 Netanyahus Likud nach der Ermordung Rabins. Nur bei den Wahlen 1999 und 2021 reichte es nicht. Woher dieser Erfolg? So viel sei vorweggenommen: Die Friedenspolitik von Rabin und Peres hatte für jedermann erkennbar den palästinensischen Terror im und gegen den Alltag der Israeli in keiner Weise beseitigt, geschweige denn durch Diplomatie besiegt.1993 war Israels Gesellschaft in zwei einander feindliche Lager gespalten. Polarisierung und verbale Gewalt, wohin man schaute und hörte. Den Worten des Hasses folgte am 4. November 1995 die von Hass programmierte Tat: Yigal Amirs Mord an Rabin.Der Weg zum zweiten StaatDie Reaktion vieler Israeli auf Rabins Friedenspolitik unterschied sich trotz den völlig unterschiedlichen Rahmenbedingungen nicht wesentlich von jener der Inder Gandhi gegenüber, der Amerikaner gegenüber Martin Luther King, der Ägypter gegenüber Sadat oder der Palästinenser gegenüber Sartawi. Sie alle wurden nicht von feindlichen Agenten ermordet, sondern von Landsleuten, die sie als inneren Feind betrachteten. Aus der Geschichte wissen wir: Auch ohne Morde kann Friedenspolitik Gesellschaften polarisieren. Man denke an die Neue Ostpolitik der Regierung Willy Brandt und Walter Scheel von 1969 bis 1972.Kern des Oslo-Abkommens war die strategische, in fünf Jahren schrittweise geplante, doch nicht explizit formulierte Weichenstellung in Richtung eines Staates Palästina im Westjordanland und im Gazastreifen, also die Zweistaatenlösung. Hier Israel, dort Palästina. Weder die Jerusalemfrage noch die Grenz- oder Siedlerproblematik wurde geregelt.Nach dem Motto «Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach» hatten sich sowohl Rabin und Peres als auch Arafat und sein Umfeld auf diesen ersten Schritt geeinigt. Freund und Feind war freilich klar, dass die Weichen für den Weg zum zweiten Staat gestellt worden waren. Daher die Polarisierung. Nicht nur bei den Israeli, bei den Palästinensern ebenso. Palästinensische Extremisten wollten nicht nur das Westjordanland und den Gazastreifen, sondern auch das israelische Kernland.Die Folge: Terror und Gegenterror. Bald mordeten palästinensische Extremisten, bald israelische. Jeder Mord eine nächste Stufe auf der Leiter der Eskalation. Um die Anhänger seiner Friedenspolitik zu mobilisieren, hatten Rabin und sein Partner und zuvor Erzrivale Shimon Peres die abendliche Tel Aviver Grosskundgebung vom 4. November 1995 geplant.Mit einem grossen SchreiDie Stimmung der Massen war ausgelassen, man war untereinander. Rabin sprach todernst. Dann wurde die Hymne der israelischen Friedensbewegung gesungen. Die Sängerin Miri Aloni sang vor, die Massen sangen mit, und alle schwenkten ausgelassen, fröhlich und entspannt die hochgestreckten Arme. Rabin nicht, als fast Einziger auf der Bühne. Er wirkte zugleich schüchtern und entschlossen. «Darum singt das Lied des Friedens, flüstert keine Gebete. Trotz allem singt das Lied des Friedens, mit einem grossen Schrei!», sangen die Massen. Rabin quälte sich ein Lächeln ab.Kurz danach ein anderer lauter Schrei: drei Schüsse auf den Ministerpräsidenten. Er brach zusammen und erlag wenig später seinen Verletzungen. Trauergäste aus aller Welt pilgerten zu seiner Beerdigung. In diesem Augenblick gab es weltweit echte Trauer, tief empfundene, aufrichtige Beileids- und Friedensbekundungen. In allen Medien verbreitet, hörbar und sichtbar.Wie so oft: Bilder täuschen, selbst wenn sie echt sind. Und die Bilder scheinbar einheitlicher Trauer in, um und ausserhalb Israels waren echt. Sie zeigten allerdings nur einen Teil der politischen Wirklichkeit. Den der Kompromissbereiten. Die nicht kompromissbereite Seite der Bevölkerung war unsichtbar. Es gab sie nach wie vor, und sie machte sich schnell bemerkbar. In Israel und bei den Palästinensern. Polarisierung. Eskalation der Gewalt in Wort und Tat.Knapp verlor Rabins Nachfolger Shimon Peres im Mai 1996 die Wahlen gegen Benjamin Netanyahus Likud, der ab 1993 die Anti-Oslo-Front Israels angeführt hatte.Diplomatie und TerrorDer politische Richtungswechsel war zwar knapp, aber eben doch möglich. Weshalb? Der entscheidende Grund wurde bereits erwähnt. Der knappen Mehrheit der Israeli kam die eigene Sicherheit vor palästinensischem Terror erheblich zu kurz.Der Tenor lautete: Frieden mit den Palästinensern ja, doch nein zum Verzicht auf Sicherheit vor palästinensischem Terror. So gesehen hatte der PLO-Chef Arafat – von den extremistischeren Palästinensern ganz zu schweigen – seit Oslo objektiv die in seinem persönlichen sowie im gesamtpalästinensischen Interesse falsche Strategie gewählt, nämlich die Doppelstrategie aus Diplomatie und Terror.Diese subjektiv nachvollziehbare, doch objektiv falsche Entscheidung lässt sich erklären. Sie führt zum Problem der Spannung zwischen der Wahrnehmung aus der Situation und der Langzeitwirklichkeit andererseits.Aufgrund der welt- und regional- beziehungsweise nahostpolitischen Rahmenbedingungen unmittelbar vor Oslo dürften Arafat und sein Umfeld von einem doppelten Denkansatz geleitet worden sein. Der erste, welt- und regionalpolitische: Nach dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 und erst recht nach der Vereinigung Deutschlands im Oktober 1990 gab es keine DDR mehr. Sie hatte seit dem Besuch Walter Ulbrichts in Ägypten 1965 im Auftrag der Sowjetunion alle antiwestlichen und natürlich antiisraelischen Nahoststaaten nach Kräften unterstützt. Allen voran die militanten Palästinenserorganisationen.Dann die noch schlimmere und folgenreichere Schwächung der Palästinenser: Seit dem Rücktritt Gorbatschows im Dezember 1991 existierte der grosse Bruder der DDR nicht mehr: die Sowjetunion. Aus ihr waren Russland und andere Republiken geworden. Sie hatten andere Sorgen als die brüderliche Hilfe für die Palästinenser. Bekanntlich war die UdSSR seit 1955 die entscheidende militärische, geheimdienstliche, politische und finanzielle Stütze der Palästinenser sowie ihrer Partner in Gesinnung und Tat.«Gewalt lohnt sich»Selbstverschuldet hatte sich die PLO unter Arafat, ebenfalls 1991, ins Abseits manövriert. Besonders und zusätzlich gegenüber den USA, die im Januar und Februar 1991 Arafats Verbündeten, den irakischen Diktator Saddam Hussein, im zweiten Golfkrieg bekämpft und besiegt hatten. Die PLO hatte auf das falsche Pferd gesetzt und sich mit dem Irak solidarisiert und sich damit welt- und regionalpolitisch isoliert. Aufseiten der Palästinenser keine Weltmacht weit und breit. China war geografisch weit weg (noch weiter als die Sowjetunion) und macht- sowie wirtschaftspolitisch noch nicht so gewichtig wie heute.Der zweite, israelpolitische Denkansatz der Palästinenser von Arafat bis zu den grossen Scharfmachern dürfte gewesen sein: Gewalt lohnt sich, sie führt zum Ziel, denn die Intifada hat gezeigt: Unter Gewalt gibt Israel nach und gibt bisherige Positionen preis.Diese Grundannahme war empirisch seit dem Beschluss der Uno vom 29. November 1947 mehrfach widerlegt worden. Die in jener Resolution vorgesehene Teilung von Britisch-Palästina in einen jüdischen und einen palästinensischen Staat hatten die Zionisten zähneknirschend angenommen. Die palästinensische Führung griff bereits tags darauf, am 30. November, zu den Waffen. Sie wollte ganz Palästina und hatte am Ende des bis 1949 währenden Krieges nichts.Israel hatte mehr Land erobert als vom Uno-Teilungsplan zugewiesen, das Westjordanland und Ostjerusalem hatte Jordanien annektiert, den Gazastreifen hatte Ägypten, wie es «völkerrechtlich» kontrafaktisch hiess, verwaltet. Es folgten palästinensische Terroraktionen. Im sechstägigen Junikrieg 1967 eroberte Israel ausser der Sinai-Halbinsel und den Golanhöhen das Westjordanland, Ostjerusalem und den Gazastreifen. Palästina als Staat war Lichtjahre entfernt. Dann eben von Dezember 1987 bis zum Sommer 1993 die Intifada – und der israelische Strategiewechsel. Mussten sich die Befürworter fortzusetzender palästinensischer Gewalt dadurch nicht geradezu ermutigt fühlen?So gesehen ist Arafats Doppelstrategie aus Diplomatie plus Gewalt als innerpalästinensischer Kompromiss zu verstehen. Genau diesen mussten und haben viele Israeli als Fortsetzung der Gewalt mit friedenspolitischer Überpinselung wahrgenommen, ja wahrnehmen müssen. Oslo hatte, so sahen sie es, für Israel eine Situation geschaffen, für die das Jiddische eine zutreffende Beschreibung bietet: «Mackes (auf Deutsch Schläge) und faule Fisch.»Tod dem «Verräter»Das heisst: Beide Seiten der «Oslo-Gegner» hatten situationsbezogen und aus dem Zeitpunkt heraus recht, aber nicht strategisch und auf den längeren Zeitraum bezogen. Strategisch recht hatten Rabin und Peres – sie scheiterten.Ein Blick auf den Rabin-Mörder Yigal Amir und sein Umfeld ist aufschlussreich, denn er erschwert soziokulturelle und religionspolitische Verallgemeinerungen: geboren in eine aus Jemen stammende orthodoxe Familie, aufgewachsen im Stadtteil Nave Amal (übersetzt «Wohnstatt der Arbeit») von Herzliya, etwas nördlich von Tel Aviv, in einem nicht wohlhabenden Umfeld.Sozioökonomisch scheint alles klar: eine Familie orientalischer Juden, die oft religiöser und wirtschaftlich schlechtergestellt sind und sicherheitspolitisch eher den «Falken» angehören als ihre euro-amerikanischen (aschkenasischen) Landsleute. Yigal Amirs Mutter war Kindergärtnerin. Nach dem Verbrechen ihres Sohnes verlor sie ihre Anstellung. Der Vater führte «heilige Arbeit» aus: Er war ein hochspezialisierter Schreiber, der von Hand mit der Feder die Tora (Pentateuch) sowie die Texte für die Gebetsriemen jüdischer Männer und Türrahmen-Kapseln schrieb.Passt das ins Bild? Keineswegs, denn aus demselben Stadtteil stammt auch die ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshofs, Esther Chajut. Aschkenasischer Herkunft, nicht religiös und sicherheitspolitisch eher eine Taube.Yigal Amir besuchte eine Jeschiwa, eine orthodoxe Talmud- und Tora-Schule. Passt das ins Bild? Nein, denn jede wahre Orthodoxie, jüdisch oder nichtjüdisch, versteht das Weltgeschehen allein als «Werk Gottes». Greift der Mensch hier ein, ist dieser Menschen-Hochmut quasi «Nachhilfe für Gott» und folglich «Ketzerei».Die Ketzer der OrthodoxieEin Ketzer war folglich auch der nationalreligiöse Rabbiner Shlomo Aviner, der Amirs letzter Gesprächspartner vor dem Rabin-Mord gewesen sein soll. Beide waren sich einig: Rabin sei ein «Verräter». Ob auf ihn das Todesurteil anzuwenden sei, soll Amir gefragt haben. «Ja, aber ich kann dieses Urteil nicht vollstrecken.»Der nationalreligiöse Rabbi hat zwar die jüdisch-nationalreligiöse Sicht auf Gott und die Welt verstanden, aber, wie das nationalreligiöse Judentum ganz allgemein, nicht den Kern des wirklich Religiösen beziehungsweise Orthodoxen: dass alle, alles, jeder und jedes Gottes Werk sei.Das nationalreligiöse Judentum ist das, was der Islamismus für den Gottesglauben und der Leninismus für die Lehre von Karl Marx ist: die ideologische Legitimierung der «Ketzerei». Ketzerei, weil der Mensch in «Gottes Werk» eingreift. Für ultraorthodoxe Juden ist daher der Zionismus beziehungsweise der Staat Israel «Gotteslästerung».Folgerichtig verweigern ultraorthodoxe Juden den Wehrdienst in Israel. Das Lernen und Lehren der Tora, also der «Wege Gottes» und der «Wege zu Gott» («Halacha»), sei ein besserer Schutz für die Juden als Israels Armee, sagen sie. Dies sei Wahnsinn als Methode, sagen die einen, es sei tiefe Religiosität, sagen die anderen. So oder so, die Ultraorthodoxen greifen nicht zur Waffe. Die jüdische Orthodoxie weigert sich in ihrer Reinform, in den von Gott programmierten Weg zur religiösen und dadurch auch weltlichen «Erlösung» auch nur irgendwie einzugreifen.Abgesehen davon übersah der schreckliche Rabbi einen wichtigen Umstand: Ein einzelner Rabbiner oder Richter darf nie und nimmer ein Todesurteil fällen. Im Namen der Religion und diese als Alibi missbrauchend, haben die beiden Scheinreligiösen Amir und Aviner die Substanz der jüdischen Religion nicht verstanden oder, wohl eher , nicht verstehen wollen.«Land für Frieden»Doch von der Religionspolitik wieder zur Politik . Nach Rabin boten sich den Palästinensern vier Gelegenheiten zu einer Staatsgründung. Viermal war Israel auch nach Rabin bereit, das «Risiko des Friedens» einzugehen: im Sommer 2000 auf dem Dreiergipfel der USA, Israels und Palästinas von Camp David unter Clinton, Israels Ministerpräsident Barak und Yasir Arafat. Israels Ministerpräsident bot Arafat 97 Prozent des Westjordanlandes und dazu Teile Ostjerusalems als Hauptstadt an. Die PLO reagierte mit der zweiten Intifada. Barak hakte im Januar 2001 verbessernd nach. Auch dieses Angebot wurde abgelehnt. Die Intifada eskalierte.In der zweiten Intifada obsiegte Israel bis 2005 militärisch. Ministerpräsident Ariel Sharon, ein Falke, hatte sich, wie Rabin, an Clausewitz erinnert: Ohne Politik sind militärische Aktionen sinnlos. Unter dem Motto «Gaza zuerst» folgte im Sommer 2005 die vollständige Räumung des Gazastreifens. Im September 2008 unterbreitete Israels Ministerpräsident Ehud Olmert dem Palästinenser-Präsidenten Abbas einen Vorschlag, der weitgehend dem Baraks aus dem Jahre 2001 ähnelte. Keine Antwort. Das Ziel war: erst palästinensische Quasistaatlichkeit im Gazastreifen, dann auch im Westjordanland. Dem Rat folgend: «Land für Frieden». Das Ergebnis bis zum 7. Oktober 2023: Für Land gab es Raketen von der Hamas und am 7. Oktober 2023 ein Massenmassaker.Man kann darüber streiten, ob der palästinensische Westjordanland-Flickenteppich plus Gazastreifen des Trump-Plans aus dem Jahre 2020 die Dynamik zur Staatsgründung hätte entfalten können. Alle palästinensischen Organisationen haben abgelehnt.Jedes palästinensische Nein, jede neue aktive oder reaktive, individuelle oder institutionell organisierte Gewalt von Palästinensern stärkte und stärkt die Falken in Israel. Nach mehr als hundertvierzig Jahren palästinensischer Gewaltstrategie liegt heute Gaza-Palästina in Schutt und Asche, im Westjordanland fehlt dazu nicht mehr viel.Michael Wolffsohn ist Historiker und Publizist sowie u. a. Autor von «Eine andere Jüdische Weltgeschichte» (2023) und «Wem gehört das Heilige Land?» (2013).Der politische MordVerschwörungen, Attentate und politische Morde prägen die Geschichte und verändern die Welt. Aber wie laufen sie ab? Was macht sie erfolgreich, was bringt sie zum Scheitern? Welche Nebenwirkungen haben sie? Und was passiert mit den Opfern und den Tätern? In einer Artikelserie widmet sich die NZZ in den kommenden Wochen einigen der gravierendsten politischen Morde der Weltgeschichte. Am 30. Mai lesen Sie über die Ermordung des französischen Revolutionärs Jean Paul Marat, der am 13. Juli 1793 von der Adligen Charlotte Corday erstochen wurde und dessen Tod eine neue Welle der Gewalt auslöste.Passend zum Artikel