Vielfalt ist Bürde. Die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel geht noch einen Schritt weiter; dort gilt Vielfalt als Strafe, als göttliche Sanktion für die Anmaßung, Städte und Türme zu errichten. „Und dies ist der Anfang ihres Tuns“, übersetzt Luther, „nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!“ (1. Mo 11,6)

In der jüdisch-christlichen Tradition beginnt die Sprach- und Kulturverwirrung in Mesopotamien, dem Ort, an dem vor bald 6000 Jahren die urbane Zivilisation entstand. Gott ist enttäuscht. Zum dritten Mal muss er erkennen, wie missraten seine Schöpfung ist, der Mensch. Gott hat ihn aus dem Paradies geworfen, ihn in der Sintflut zu ertränken versucht – in Babylon sorgt er dafür, dass für alle Zeiten Missverständnis und Zwietracht herrschen.

Mit dem neutestamentlichen Pfingstwunder – der plötzlichen Vielsprachigkeit der Apostel – wird die göttliche Strafmaßnahme zwar insoweit geheilt, als die christliche Botschaft nun polyglott verkündet und vernommen wird. Doch auch der Gottessohn kann nur im Jenseits erlösen. Auf Erden bleibt die Kakofonie der tausend Sprachen. Und mit ihr die Verwirrung der Kulturen, Gesellschaften, Religionen, Anschauungen und Bräuche.