PfadnavigationHomeKulturArtikeltyp:MeinungErste Enzyklika von Papst Leo XIV.Silicon Vatican – Rom ringt mit der KI um die Seele des MenschenStand: 15:42 UhrLesedauer: 3 MinutenWeihrauch statt WLAN: Der Papst im PetersdomQuelle: Gregorio Borgia/AP/dpaPapst Leo XIV. widmet seine erste Enzyklika der KI und stellt Rom gegen das Silicon Valley. Es geht um Seele, Macht und Trost im Alltag. Einem weltlichen Problem ist aber auch der Heilige Vater nicht gewachsen.Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Papst sich zur künstlichen Intelligenz äußern würde. Rom kann kaum tatenlos zusehen, wenn plötzlich eine andere Instanz anfängt, im Ton der Unfehlbarkeit unergründliche Sätze zu verbreiten.Für Montag hat Leo XIV. seine erste Enzyklika angekündigt. Sie trägt den weihevollen Titel „Magnifica Humanitas“ – „großartige Menschlichkeit“ – und handelt vom „Schutz des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz“. Unterschrieben hat der Heilige Vater das Schreiben schon am 15. Mai. An jenem Datum jährte sich die Enzyklika „Rerum Novarum“ seines Namensvetters Leo XIII. zum 135. Mal, die Antwort der Kirche auf die Industrielle Revolution. Diesmal soll es nicht um Blaumänner gehen, sondern um Blue Chips, jene gigantischen Tech-Unternehmen, die sich ebenfalls brennend für die Seele des Menschen interessieren, sofern sich diese in lukrativen Datensätzen erfassen lässt. Womöglich plant der Papst, die Seelen in letzter Sekunde zu retten, bevor sie endgültig in der Cloud verschwinden.Schon der Titel ist eine Kampfansage gegen eine Welt, in der Menschen Liebesbriefe und ihre letzten Worte an die KI outsourcen. „Magnifica Humanitas“ klingt nach Renaissancefresko, nach Lichtstrahl und Adams Finger, kurz bevor er auf dem Smartphone herumwischt. Ob die Diktierfunktion von Claude überhaupt Latein kann?Lesen Sie auchBis die Kirche jeden Winkel der Welt missioniert hatte, dauerte es Jahrhunderte. Das neueste Update von ChatGPT verbreitet sich binnen Minuten von Hokkaido bis Gelsenkirchen. In aller Welt gehen die Leute vor ihren Taschenorakeln auf die Knie. Offenbar fühlt sich die Kirche nun bemüßigt, sich zu einer Art Gegen-Silicon-Valley zu erklären. Die obersten Evangelisten beider Lager teilen außer ihrem Glauben an Erlösung durch ihren jeweiligen Gott höchstens den Hang zu Hoodies und Prada-Sneakern. In der Glaubenskongregation hat man es dafür eher nicht so mit Seed-Runden, Keynotes und Beta-Versionen. Auf der einen Seite des Atlantiks arbeitet man fieberhaft an der Selbstverkleinerung des Menschen. Auf der anderen Seite tritt man an, unsere Würde und Größe zu verteidigen – nicht ganz glaubwürdig, da es von Leuten kommt, die von Menschen gern als Schäfchen sprechen. Die Konkurrenz ist aber auch nicht humanistischer unterwegs. Nicht nur Elon Musk und Sam Altman halten den Homo sapiens für ein skalierbares Produkt. Die deutsche Politik schafft das in der Rentendebatte sogar ohne KI.Bei der Präsentation am Montag lässt sich Leo XIV. von Christopher Olah begleiten, Anthropic-Mitgründer und Leiter der Interpretierbarkeitsforschung. Sein Job besteht darin, herauszufinden, was in großen Sprachmodellen vorgeht. Das weiß nämlich keiner so genau. Man könnte sagen: Der Papst hat sein Silicon-Valley-Pendant geladen, den Obermediator einer anderen höheren Macht, seinen Dolmetscherkollegen in Sachen Blackbox-Exegese. Die Offenbarung ist am Ende womöglich auch nur eine Fehlermeldung.Lesen Sie auchDie Wahl des Gastes ist nicht unriskant. Die Kirche droht im Rennen um Anhänger beziehungsweise Abonnenten den Anschluss zu verlieren. Nur noch knapp 45 Prozent der Bundesbürger sind Mitglied einer der großen Kirchen. Dafür nutzen sehr viel mehr Menschen KI. Bei Jüngeren ist der Befund besonders bitter. 90 Prozent können sich einen Alltag ohne KI kaum noch vorstellen. Ein Prompt wird eben deutlich schneller erhört als ein Stoßgebet. Und es ist zwar schön, wenn man nicht dauernd mit Updates behelligt wird. Wenn aber nur alle 135 Jahre eines kommt, ist das auch nicht gerade ein Zeichen von gutem Customer Service.