Zum Auftakt dieses Pfingstwochenendes teilen sich viele den Weg in den Süden Frankfurts: Tausende Metallica-Fans stauen sich Richtung Stadion, viele in schwarzen Shirts, Bierbecher in der Hand. Kurz vor dem Ziel biegt ein Teil von ihnen ab, hinein in den Stadtwald, wo zwischen Bäumen und Lichterketten der Wäldchestag beginnt. Wer den Asphalt hinter sich lässt, steht nach wenigen Schritten mitten in einem Volksfest, das für viele Frankfurter seit Generationen dazugehört und für andere, wie Lena Pitz und Sofie Korwarsch, noch eine Entdeckung ist.Schon der Übergang wirkt wie eine kleine Verwandlung. Der Straßenlärm wird leiser, Vogelstimmen und Musikfetzen treten in den Vordergrund. Zwischen den Stämmen blitzen bunte Lichtschriften auf, Riesenradgondeln und Kettenkarussellkörbe ragen in die Baumkronen, Zuckerwatte und gebrannte Mandeln duften durch das Grün. Versteckt im Unterholz erscheinen Fahrgeschäfte, als wären sie aus dem Wald herausgewachsen. „Es wirkt alles so verwunschen hier“, sagt später Sofie Korwarsch und fasst damit das Besondere dieses Volksfests zusammen: Volksfest mitten im Wald, nicht im Schatten der Hochhäuser.Die beiden jungen Frauen leben seit mehreren Jahren in Frankfurt. Beide kennen die Dippemess', das Volksfest auf dem Festplatz, den Wäldchestag aber bisher nur vom Hörensagen. Nun stehen sie im Wald, die Sonne scheint durch die Blätter, es ist heiß, aber im Schatten der Bäume erträglich.Kindlicher Spaß: Lena Pitz und Sofie Korwarsch angeln Gummienten bei einem Stand auf dem Wäldchestag.Emil EichingerSauer oder süß gespritzt?Ein paar Stände weiter bestellt eine Besucherin „einen gespritzten Äppler, bitte“. Die Bedienung fragt routiniert zurück: „Sauer oder süß gespritzt?“ Die Kundin runzelt die Stirn. „Sauer, gibt es denn so etwas wie süß gespritzt?“ Ein Moment zwischen Irritation und Lachen, in dem klar wird, wie sehr der Wäldchestag auch ein Ort ist, an dem Zugezogene und „alte“ Frankfurter aufeinandertreffen, samt unterschiedlicher Vorstellungen davon, wie Apfelwein korrekt ins Glas gehört.Derweil bahnt sich Waldtraut ihren Weg übers Fest: eine Biene mit breitem Lächeln, großen Augen und gelb-schwarzen Streifen. Es ist das Maskottchen des Wäldchestags, seit über zwanzig Jahren lockt sie von Plakaten. In diesem Jahr läuft sie erstmals leibhaftig über den Platz. An ihrer Seite Oberbürgermeister Mike Josef (SPD), begleitet von einer Traube von Menschen. Gemeinsam ziehen sie über das Gelände, stoppen an Ständen, schütteln Hände. Auf der Bühne greift der Oberbürgermeister zum Zapfhahn, ein paar Schläge, ein Zischen, Applaus – der Wäldchestag ist eröffnet.Mike Josef, Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt, eröffnet das Wäldchestagfest mit dem Anstich eines Bierfasses.Emil EichingerDas hohe Kettenkarussell „Symphonica“ dreht da aber schon seine Runden. Es ragt über die Bäume hinaus, in den Gondeln hängen die Beine frei in der Luft. Zwischen Blättern tauchen Hochhäuser auf, das Stadiondach, Straßenachsen. Über den Baumwipfeln schwebt die Stadt als Miniaturbild. Der Wäldchestag zeigt hier, was ihn besonders macht: Im Wald öffnet sich eine der spektakulärsten Aussichten auf die Skyline.Unweit davon steht das Riesenrad, das im Laufe des Abends zur stilleren Alternative wird. Als die Sonne sinkt, drehen sich die Gondeln durch goldenes Licht. Von oben wirkt der Festplatz wie eine leuchtende Insel im dunkler werdenden Grün: Kirmeslichter, die zwischen den Baumkronen aufblitzen, Karusselle, die farbige Kreise in die Luft malen, Wege, die wie Lichtschlangen durch den Wald ziehen.Ausblick aus dem Riesenrad: Die Frankfurter Skyline und der Hochkettenflieger „Symphonica“bei Sonnenuntergang.Emil EichingerHinter all dem steckt eine Tradition, die weit zurück reicht. Die historischen Wurzeln des Wäldchestags lassen sich nicht eindeutig bestimmen. Überliefert sind Berichte von Frühlingsfesten, Handwerkerumzügen und Pfingstbräuchen: Zunftobere traten ihr neues Amt an, Knechte und Mägde begleiteten Vieh auf die Weiden, Bürger erhielten vom Kaiser die Erlaubnis, im Stadtwald Brennholz zu sammeln. Spätestens im 19. Jahrhundert wurde daraus ein fester Termin: Dienstag nach Pfingsten zogen Frankfurterinnen und Frankfurter mit Körben und Kannen in den Wald, breiteten Decken aus oder kehrten beim Forsthaus ein.Heute stehen anstelle von Picknickdecken Fahrgeschäfte und Festzelte. Doch die Idee, den Stadtwald als gemeinsamen Raum zu nutzen, ist geblieben. Familien, Arbeitskollegen, Jugendliche, ältere Paare, Metal‑Fans im Bandshirt und Kinder mit Seifenblasenpistolen teilen sich Wege und Bierbänke. Der Wäldchestag wird noch immer als „Frankfurter Nationalfeiertag“ bezeichnet, auch wenn längst nicht mehr jede Firma den Dienstagnachmittag freigibt. Für jene, die kommen, bietet sich im Wald eine Art Gegenentwurf zum durchgetakteten Alltag.Später am Abend, als die Lichterketten über den Wegen stärker leuchten als der Resthimmel, beginnt der Rückweg. Man fährt nicht nur mit einem Ohrwurm nach Hause. Der Wäldchestag hinterlässt das Gefühl, dass es möglich ist, für ein paar Stunden alles mitzunehmen, was sonst Kindern vorbehalten scheint: ungebremstes Lachen, wacklige Knie nach der Fahrt, leuchtende Augen, wenn hinter den Bäumen plötzlich ein Riesenrad auftaucht.Auch für die Wäldchestag-Neulinge Lena Pitz und Sofie Korwarsch steht am Ende fest, dass es nicht bei diesem ersten Mal bleiben soll. „Nächstes Jahr kommen wir früher und bleiben länger“, sagt Pitz am Waldrand, während die Musik hinter ihnen leiser wird. Ihre Freundin nickt und sieht noch einmal zurück auf die Lichter zwischen den Bäumen.