Backlash für die Afroamerikaner: Die konservativen Südstaaten ziehen die Wahlkreise neu – zum Nachteil schwarzer DemokratenDas Wahlrechtsurteil des Supreme Court vom April wird negative Folgen für die Vertretung der Afroamerikaner im Kongress haben. Zum ersten Mal seit 1965 wird diese wieder sinken.23.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer Minderheitsführer der Demokraten im Repräsentantenhaus, Hakeem Jeffries, ist Teil des Congressional Black Caucus. Er warnt vor den Folgen des Wahlrechtsurteils des Supreme Court vom 29. April.J. Scott Applewhite / APAfroamerikanische Kongressabgeordnete aus South Carolina sind eine Seltenheit. Zwischen dem Ende der Sklaverei bis 1897 gab es deren vier, danach dauerte es fast ein Jahrhundert, bis 1993 James Clyburn ins Repräsentantenhaus gewählt wurde. Der Veteran der Bürgerrechtsbewegung ist seither der einzige Schwarze in der siebenköpfigen Delegation des Südstaats; rund ein Viertel der Bevölkerung von South Carolina ist afroamerikanisch.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seine Wahl verdankte Clyburn der Wahlrechtsreform von 1965. Die Voting Rights Act sorgte zunächst dafür, dass Afroamerikaner im nach Rassen segregierten Süden der USA lokalpolitisch gerechter vertreten waren. In South Carolina verstrichen weitere 20 Jahre, bis Clyburn die Chance erhielt, seinen Bezirk, der sich von Charleston bis Columbia erstreckt, in Washington zu vertreten.Heute gehört der 85-Jährige zur Parteiprominenz der Demokraten: Er ist ein einflussreicher Machtpolitiker, der den Einfluss der afroamerikanischen Wähler innerhalb der Demokratischen Partei sicherte. 2020 galt er als Königsmacher von Präsident Joe Biden, weil er ihm in den Vorwahlen den Rückhalt der Afroamerikaner sicherte.Doch nun ist sein Kongresssitz akut bedroht. Soeben verabschiedete das Parlament in South Carolina eine neue Wahlbezirkskarte, die den bisherigen Bezirk von Clyburn auflöst und seine Wähler auf andere, republikanisch dominierte Bezirke verteilen will. «Verdünnen» nennt sich diese Taktik des sogenannten Gerrymandering – der Optimierung von Wahlkreisen durch die regierende Mehrheit. Das Ziel der Republikaner ist es, koste es, was es wolle, in den Zwischenwahlen im November den einzigen demokratischen Sitz für sich zu erobern. Es ist ein Manöver in allerletzter Minute: Am 4. Juni finden im Südstaat die Vorwahlen statt.Ein folgenreiches UrteilSouth Carolina ist nur ein Beispiel für die konkreten Folgen des jüngsten Urteils des Supreme Court. Insgesamt sind rund zwanzig Sitze in sogenannten Minderheit-Mehrheit-Bezirken bedroht, dort also, wo ethnische Minderheiten in der Mehrheit sind und wo nichtweisse Abgeordnete gewählt werden. Das ist fast ein Drittel der afroamerikanischen Fraktion (Congressional Black Caucus) im Kongress. Die Bezirke wurden aufgrund gesetzlicher Vorlagen in der Voting Rights Act von 1965 etabliert, um im Mehrheitssystem der USA einen gewissen Proporz für ethnische Minderheiten zu schaffen. Das Urteil des Supreme Court im Fall Louisiana contra Callais stellt das Prinzip auf den Kopf.Die konservative Mehrheit des Supreme Court gab am 29. April in einem Gerrymandering-Streit in Louisiana einer «nicht afroamerikanischen» Wählergruppe recht. Sie hatte eine Wahlkarte eingeklagt, die einen neuen Bezirk mit mehrheitlich afroamerikanischen Wählern erzeugt hätte. So hatte es ein gliedstaatliches Gericht angeordnet. In Louisiana sind die Afroamerikaner politisch immer noch untervertreten.Doch der Supreme Court sah in der Massnahme eine Verletzung des Gleichheitsgebots in der Verfassung – eine «rassenbasierte Diskriminierung». Mit einem Kunstgriff schwächte er den Schutzmechanismus der Voting Rights Act. Bisher galt eine zahlenmässige Untervertretung schon als Indiz für eine gesetzwidrige Diskriminierung. Der Oberste Gerichtshof findet diese Auslegung weder verfassungs- noch zeitgemäss. Dank dem «sozialen Fortschritt», hiess es in der Urteilsbegründung der konservativen Mehrheit, brauche es nunmehr eine klare «diskriminierende Absicht».Im Bürgerrechtskampf in den USA ging es um die gerechte politische Repräsentation in den Gliedstaaten und in Washington. Bürgerrechtler demonstrierten vor dem Bezirksgericht in Greenwood, Mississippi, am 25. März 1964.Bill Hudson / APPräsident Lyndon B. Johnson mit einer Gruppe führender Abgeordneter, kurz nachdem er 1965 die Voting Rights Act unterschrieben hatte, die als Durchbruch für die Bürgerrechte in den USA gilt.APIst im Namen der Parteipolitik nun alles erlaubt?Die zur Schau gestellte Farbenblindheit der konservativen Mehrheit erregte heftigen Widerspruch der drei linksliberalen obersten Richterinnen. Das Urteil sei ein Blankocheck für die Diskriminierung, schrieb Richterin Elena Kagan in der Gegenmeinung. Dass Legislatoren ein rassenbezogenes Motiv hinterlassen würden, sei «eine beinahe phantastische Vorstellung». Die Voting Rights Act, die mit dem «buchstäblichen Blut von Unionssoldaten und Bürgerrechtsdemonstranten» geschrieben worden sei, werde zur Makulatur gemacht.Die Konservativen im Supreme Court verwahren sich gegen den Vorwurf, Diskriminierung zu fördern oder die Zwischenwahlen zu manipulieren. Entsprechende Unterstellungen nannte Richter Samuel Alito «beleidigend», «trivial» und «grundlos». Präsident Trump und die Republikanische Partei feiern das Urteil als längst fälligen Sieg im Namen der Gleichheit. Eine Sprecherin der Republikanischen Partei sagte gegenüber «Politico»: «Die Demokraten geraten in Panik, weil Jahrzehnte verfassungswidriger, rassenbasierter Wahlkreismanipulation endlich aufgedeckt werden – und weil sie kein Monopol mehr auf schwarze Wähler haben.»Doch Tatsache ist, dass das Urteil vor allem einer Partei nützt, den Republikanern, und einer Gruppe schadet: schwarzen Demokraten. Denn in den USA wählen die Afroamerikaner grossmehrheitlich demokratisch. 2024 konnte Trump zwar bei dieser Wählergruppe zulegen, aber es stimmten immer noch 71 Prozent der Männer und 90 Prozent der Frauen für Kamala Harris. Von den 62 afroamerikanischen Kongressabgeordneten sind gerade einmal 5 Republikaner.Zudem wählte das Richtergremium einen äusserst heiklen Zeitpunkt für sein Urteil. Die USA befinden sich mitten in den Vorwahlen für die Midterms im November. Obwohl briefliche Stimmen in verschiedenen Gliedstaaten schon abgegeben wurden, stoppten die regierenden Republikaner in diversen Gliedstaaten des Südens die Wahl. Mittels Algorithmen versuchen sie eiligst, ihre Wahlkreise zu optimieren. In Louisiana, Florida und Tennessee wurden bereits neue Wahlkarten in Kraft gesetzt. In Alabama, Georgia und South Carolina ist der Prozess im Gang. Sie hoffen, so in letzter Minute den erwarteten Wahlsieg der Demokraten im November verhindern zu können.Die Republikaner könnten es bereuenAber es gibt auch Stimmen unter den Republikanern, die zur Besonnenheit mahnen. Der Gouverneur von Georgia, Brian Kemp, will die Wahlen dieses Jahr nach Plan durchführen, hat aber eine Sondersession zur Wahlkreisplanung für 2028 einberufen. Es gelte, ein Wahlchaos zu vermeiden. In South Carolina ist ein Streit unter den Republikanern ausgebrochen. Der Senat und der Gouverneur zeigten wenig Appetit, eine Sondersession zur Wahlkreisschiebung einzuberufen. Die Trump-Republikaner im Parlament wollen eine solche nun durchstossen. Sie stehen unter massivem Druck von Präsident Trump, der sie zu einem maximalen Gerrymandering aufgerufen hat und Politiker, die sich widersetzen, bestraft.Doch das arithmetische Spiel mit den Wahlkreisen hat auch seine Tücken. Denn in einem Wahljahr, in dem die Republikaner im Gegenwind stehen, könnte es riskant sein, zu viele demokratische Wähler auf republikanische Bezirke zu verteilen. Plötzlich könnten für die Republikaner sichere Wahlkreise umkämpft sein.Zudem bereiten sich die Demokraten vor, in den Teilstaaten, wo sie dominant regieren, die Wahlbezirke auf ähnliche Art neu zu ziehen, um Stimmen der republikanischen Minderheit zu schwächen. Auch in Kalifornien oder im Rostgürtel der USA gibt es Minderheit-Mehrheit-Bezirke, die sich auflösen lassen. Netto könnten die Demokraten laut Experten sogar den Gerrymandering-Wettstreit am Ende gewinnen.James Clyburn, der Politikveteran aus South Carolina, lässt sich jedenfalls nicht beirren. «Es geht nicht um meinen Bezirk», sagte er letzte Woche. «Es ist ein umfassender Versuch, Jim Crow 2.0 wiederaufleben zu lassen.» So nannte die Bürgerrechtsbewegung die Rassengesetze in den Südstaaten, die den Zugang zu politischen Ämtern erschwerten und gezielt die Stimmabgabe von Minderheiten in den USA beschränkten. Er werde deshalb auf jeden Fall kandidieren. In welchem Bezirk auch immer.Er ist eine afroamerikanische Ikone und muss um seinen Sitz zittern. Der Kongressabgeordnete James Clyburn an der Abdankungsfeier von Reverend Jesse Jackson am 2. März 2026.Matt Kelley / ReutersPassend zum Artikel