PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftSupersportwagenGodzilla geht in Rente – eine letzte Runde mit dem Nissan GT-RVon Thomas GeigerStand: 08:22 UhrLesedauer: 6 MinutenTechnisches Präzisionsinstrument mit maximalem Angriffswillen: mit dem Nissan GT-R Nismo durch Tokio Quelle: NissanEr war brutal, unbeirrbar und ein bisschen zu ehrlich für diese Welt: Nissan verabschiedet sich vom GT-R, den einzigen Supersportwagen aus Japan. Ein Jammer, wie sich einer letzten Ausfahrt durch Tokio zeigt. Doch es bleibt ein Hoffnungsschimmer.Ich habe ihn zwar nie getroffen, doch ich bin Izumi Shioya zu aufrichtigem Dank verpflichtet. Shioya-san ist einer von nur neun „Takumi“, die für Nissan in 18 Jahren 48.000 Exemplare des GT-R zusammengebaut und dafür mit ihrer Unterschrift gebürgt haben. Weil ich jetzt noch einmal in einem „seiner“ Autos sitze, fühle ich mich dem Meisterschrauber besonders nah und verbunden.Dabei muss ich allerdings auch eine Träne verdrücken. Denn diese Ausfahrt ist zugleich ein Abschied. Der GT-R wird aus der Nissan-Flotte verschwinden, bereits am 26. August vergangenen Jahres lief das letzte Exemplar vom Band laufen lassen. Ich kenne das Modell schon seit seiner Weltpremiere im Hersbt 2017 kurz vor der Motorshow in Tokio, als der damalige Nissan-Chef Carlos Ghosn alleine mit dem Sound des Sechszylinders fast eine Tiefgarage zum Einsturz gebracht hätte. Deshalb habe ich das Angebot gerne angenommen, eine letzte Runde mit diesem Supersportwagen durch Tokio zu drehen, wo seine Geschichte begonnen hat und wo er dank Hollywood und „Fast & Furious“ zum Mythos wurde. Lesen Sie auchEs gibt Autos, die laufen viel zu lange und fallen dann irgendwann einfach aus der Zeit. Es gibt andere, die verabschieden sich in Würde. Und es gibt den Nissan GT-R, dessen Abschied so brutal ist wie sein ganzes Wesen. Kein sanftes Ausrollen, kein nostalgisches Verblassen, sondern ein wütendes Brüllen, das anschreit gegen ein Ende, das keiner will. Das Brüllen eines Maschinenwesens, das nicht umsonst Spitznamen „Godzilla“ abbekommen hat. Und das gebaut wurde, um zu dominieren – und nicht, um irgendwann höflich abzutreten.Einmal noch ertönt dieses Brüllen und Grollen in den Häuserschluchten von Yokohama, wenn der Startknopf die Bestie weckt, dann dringt dieses unheilvolle Vibrieren erst durchs Blech und dann durch Mark und Bein. Schon auf dem Expressway über die Bay und hinein nach Tokio macht der GT-R unmissverständlich klar, dass es hier nicht um Stil oder um Etikette geht, sondern um Geschwindigkeit.Shioya-san hatte seine Hände nämlich nicht bei irgendeinem GT-R im Spiel. Für diese letzte Begegnung kommt der Wagen in der Nismo-Ausführung: Schärfer, kompromissloser, noch näher an dem, was dieser Wagen im Kern immer war – ein technisches Präzisionsinstrument mit maximalem Angriffswillen. Mehr Carbon, weniger Komfort, direktere Reaktionen – als hätte Nissan selbst noch einmal daran erinnert, was „Godzilla“ wirklich bedeutet. Ein Gasstoß genügt. Die Drehzahl schnellt hoch, die Turbos setzen nach, und für einen Moment wirkt es, als würde sich die Welt neu sortieren müssen, bevor sie wieder hinterherkommt. 600 PS, 652 Newtonmeter, 2,8 Sekunden auf 100 km/h und bei Vollgas 315 km/h – das sind Zahlen, die heute vielleicht nicht mehr ganz so spektakulär klingen wie bei der Jungfernfahrt Anfang 2008, als der GT-R den Volumenhersteller Nissan plötzlich in die Liga von Lamborghini und Ferrari katapultiert hat. Erst recht nicht, seit Elektromotoren Leistung inflationär gemacht haben. Doch im GT-R fühlt sich das alles anders an. Unmittelbarer. Roh.Holzhammer statt SkalpellWo andere Supersportwagen ihre Kraft mit chirurgischer Präzision dosieren, schlägt dieser Nissan mit dem Holzhammer zu. Das hat Konsequenzen – und Charakter. Denn natürlich gibt es sie, die filigranen Feinmechaniker von Ferrari und die mit der Geduld und der Konsequenz eines Steuerprüfers zur Perfektion entwickelten Porsche. Sie zelebrieren Geschwindigkeit als Kunstform, als Balance aus Design, Klang und Technik. Der GT-R dagegen interessiert sich für solche Zwischentöne nur am Rande. Er will vor allem eins sein: schneller als die anderen. Und er ist es oft.Lesen Sie auchNicht nur auf der Geraden: Während sein Grollen die Tunnel unter Tokio flutet, krallen sich die Reifen in den Asphalt, und der Wagen zelebriert die Kureven nicht, er nimmt sie. Das Fahrwerk wurde für den Nismo noch einmal deutlich nachgeschärft, die Doppelkupplung sortiert die Gänge mit brutaler Effizienz. Das Ergebnis ist kein filigraner Tanz, sondern ein kompromissloser Angriff. Und doch ist da diese erstaunliche Kontrolle. So einschüchternd die nackten Daten auch sind, so berechenbar bleibt das Auto. Die Lenkung arbeitet präzise, das Chassis vermittelt Vertrauen, die Elektronik hält sich im richtigen Moment zurück. Der GT-R verlangt Respekt, aber er fordert keine Opfer. Er funktioniert. Immer. Während viele Supersportwagen Distanz schaffen – durch Preis, durch Exklusivität, durch ihre fast zerbrechliche Aura – wirkt der Nissan erstaunlich zugänglich. Fast bodenständig. Zumindest gemessen an dem, was er kann. Das galt bis kurz vor Schluss auch für den Preis: Über Jahre hinweg war der Nissan GT-R das vielleicht größte Schnäppchen im Hochleistungssegment. Erst als Nismo rückt er mit einem Preis von rund 185.000 Euro näher an die Konkurrenz heran. Und selbst dann bleibt ein Rest dieser alten Provokation: zu schnell für das Geld, zu gut für seine Herkunft.Lesen Sie auchHerkunft – das ist beim GT-R ein Stichwort, das erst auf den zweiten Blick seine volle Bedeutung entfaltet. Der GT-R war nicht immer dieses eigenständige Monster. Seine Wurzeln liegen im Nissan Skyline, einer Baureihe, die in Japan längst Kultstatus hatte, bevor der Rest der Welt überhaupt Notiz davon nahm. Die frühen Skyline-GT-Modelle waren leicht, schnell und technisch ambitioniert – doch erst mit dem GT-R machte Nissan Ernst und lancierte ein Auto, das nicht mehr erklären wollte, woher es kommt, sondern nur noch, was es kann. Und das von Anfang an eine Kampfansage war. Nicht mit Eleganz, sondern mit Effizienz. Nicht mit Understatement, sondern mit Nachdruck. Wenn der GT-R aus der Kurve heraus anschiebt, wenn die Turbos Druck aufbauen und der Allradantrieb die Kraft in Vortrieb übersetzt, dann entstehen Momente, in dem alles andere zur Nebensache wird. Kein Design, kein Image, keine Marke – nur noch Bewegung. Dieser Purismus ist vielleicht seine größte Stärke. Und gleichzeitig der Grund, warum sein Abschied nicht nur das Ende eines Modells darstellt, sondern auch das Ende einer Idee.Lesen Sie auchAber genau wie das Monster, das ihm seinen Beinamen gegeben hat, ist der GT-R offenbar nicht totzukriegen. Auf den Straßen von Tokio begegnet man ihm ständig, und auch der neue Nissan-Chef Ivan Espinosa hat ihn ins Herz geschlossen. Vor einen Jahr haz er die Augabe übernommen, den kriselnden Autohersteller zu sanieren, die Märkte neu zu sortieren und die Produktpalette zusammenzustreichen. Da scheint es wahrlich Wichtigeres als einen neuen Supersportwagen, doch Epsinosa weiß, dass zum Erfolg auch Leidenschaft gehört. Deshalb wird hinter den Kulissen bereits mit Hochdruck an einem Nachfolger für den GT-R gearbeitet. Wenn es dann so weit sein sollte, hoffe ich, dass Izumi Shioya noch als Takumi in Amt und Würden ist – und auch bei der nächsten Godzilla-Generation die Hände im Spiel hat. Und bis dahin bleibt die Erinnerung an ein Auto, das sich nie um Konventionen geschert hat. Autotester Thomas Geiger kennt den GT-R schon seit seiner Weltpremiere vor 19 Jahren. Die letzte Ausfahrt durch die japanische Hauptstadt machte ihn deshalb mehr als nur ein bisschen wehmütig.
Nissan GT-R: Der letzte Abschied eines legendären „Godzilla“-Monsters - WELT
Er war brutal, unbeirrbar und ein bisschen zu ehrlich für diese Welt: Nissan verabschiedet sich vom GT-R, den einzigen Supersportwagen aus Japan. Ein Jammer, wie sich einer letzten Ausfahrt durch Tokio zeigt. Doch es bleibt ein Hoffnungsschimmer.







