PfadnavigationHomeSportFußballWMÄrger ums WM-TorDer degradierte Torwart nannte Beckenbauer einen „Suppenkasper“Von Udo MurasStand: 07:57 UhrLesedauer: 7 MinutenDas Trio für die WM 1962: Hans Tilkowski, Wolfgang Fahrian und Günther Sawitzki (v.l.n.r.). Einen Tag vor Turnierstart wurde die Nummer eins gewechselt Quelle: picture alliance/Schirner SportfotoDie Degradierung von Oliver Baumann zugunsten von Manuel Neuer bewegt die Fußballfans. Dabei gab es im Kampf ums deutsche WM-Tor schon weitaus Schlimmeres. Es gab Zeiten, da regierte der Hass unter den Konkurrenten.Als ihm ein Mitspieler beim Skatspielen beiläufig erzählte, er habe gehört, dass morgen ein anderer im Tor stehen würde, blieb Hans Tilkowski ganz ruhig. Einen Tag vor der WM nimmt doch kein Trainer der Welt einen Torwartwechsel vor, so was hatte es ja noch nie gegeben. Dann aber kam Co-Trainer Helmut Schön vorbei und richtete aus, Chef Sepp Herberger wolle ihn sprechen, und da wurde Tilkowski schon mulmig. Ihm fiel wieder ein, dass der Bundestrainer häufiger beim Torwarttraining vorbeigeschaut und Schön gefragt hatte: „Helmut, was meinen Sie?“ Es war eine große Enttäuschung für Tilkowski, als er von Herberger erfuhr: „Hans, morgen gegen Italien steht Fahrian im Tor.“ Und so kam es – anno 1962.So sehr das Los von Oliver Baumann, der keine vier Wochen vor dem WM-Start abgelöst wurde, die Öffentlichkeit und auch ihn selbst aufwühlen mag – es gab Schlimmeres in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes. Ein gutes Vorzeichen ist ein kurzfristiger Wechsel allerdings nicht, die WM 1962 galt lange als die schlechteste der Deutschen nach dem Krieg und endete im Viertelfinale, ehe das zweimalige Vorrundenaus 2018 und 2022 alles in den Schatten stellte.Der Kampf um das WM-Tor war in den meisten Fällen weit vorher entschieden, in der Ära Manuel Neuer gab es gar keinen. Auch ein Sepp Maier war unangefochten.Im NS-Sport hatte der Trainer nicht das letzte WortOft genug aber gab es Ärger, Streit oder Probleme um den Posten zwischen den Pfosten. Schon der erste WM-Torwart, Willibald Kreß, war nicht unumstritten. Er selbst bat vor dem Halbfinale 1934 den Reichstrainer Otto Nerz, nicht spielen zu müssen, weil er sich mental nicht in der Verfassung sah – es ging das Gerücht, er habe Liebeskummer. Doch im NS-Sport hatte der Trainer nicht das letzte Wort, und der Fachamtsleiter Felix Linnemann befahl: Kreß spielt! Der patzte prompt, Deutschland verlor, und der „Kicker“ schrieb: „Kreß hat uns dieses Spiel verloren. Dieser Satz liest sich zwar hart, aber wir haben gar keine Möglichkeit, irgendeinen Grund für Milde zu finden.“ Er wurde nie wieder berufen.Lesen Sie auchDer nach dem WM-Sieg 1954 quasi heilig gesprochene Toni Turek wusste während der Vorbereitung auf die WM noch nicht, dass er spielen würde. Er war Herberger zu flatterhaft, neigte zu Mätzchen und verließ sein Tor zu oft. Am liebsten hätte der Bundestrainer Fritz Herkenrath nominiert, doch der war mit Rot-Weiss Essen auf Amerika-Tournee. So wurde Turek in Bern zum „Fußballgott“, aber nach der WM spielte er nur noch einmal.Der Fall Tilkowski/Fahrian war dann der erste, der sich zu einem Skandal entwickelte: Tilkowski hatte alle Qualifikationsspiele bestritten – so wie nun Baumann – und stieg im Bewusstsein, die Nummer eins zu sein, in den Flieger nach Chile. In dem saß aber auch Wolfgang Fahrian von der zweitklassigen TSG Ulm 46. Erst mit 18 hatte er sein Debüt als Torwart gegeben, nominell war er ein Verteidiger. Seine Leistungen in der Zweiten Liga Süd waren aber derart auffällig, dass er zum letzten WM-Test ins Tor gestellt wurde, und als das Turnier begann, stand er dort an seinem 21. Geburtstag immer noch.Tilkowski nahm es nicht gerade sportlich, erklärte seinen Rücktritt, forderte ein Rückflugticket, was ihm verweigert wurde, und trat im Zimmer, das er mit Fahrian teilte, einen Stuhl kaputt. Auf dem Rückflug wollte er Herberger an den Kragen, Mitspieler hielten ihn fest und erst eineinhalb Jahre später kam es zur Aussöhnung mit dem Bundestrainer. Das Verhältnis der Torhüter war weniger angespannt. In Bezug auf Fahrian betonte Tilkowski: „Zwischen uns hat es keinen Streit und kein böses Wort gegeben.“ Späte Genugtuung für Tilkowski: Bei der WM 1966 stand er im (Wembley-)Tor, der Hype um Fahrian war da längst vorbei.Es folgten die goldenen Siebziger, in denen keiner ernsthaft an Sepp Maier rüttelte. Er stand vor drei Turnieren als Nummer eins fest, der Gladbacher Wolfgang Kleff nahm es mit Humor: „Sepp Maier hat seinen Hund erschossen. Der macht immer kleff, kleff!“Beckenbauer machte Uli Stein angeblich HoffnungenWeniger lustig wurde der Konflikt um Maiers Erbe. Harald „Toni“ Schumacher war zwar 1980 Europameister und 1982 WM-Zweiter geworden, aber vor der WM 1986 sah der Hamburger Uli Stein seine Chance gekommen. Auch weil Teamchef Franz Beckenbauer – einst sein Mitspieler beim HSV – ihm angeblich Hoffnungen gemacht hatte, in Mexiko zu spielen. Kurz vor dem Abflug ging die Tendenz in Richtung Schumacher, was Stein erzürnte: „Ich habe nicht das Gefühl, dass es in der Nationalmannschaft nur nach Leistung geht.“ Darin sah er sich bestätigt, als ihm der „Kaiser“ sagte: „Es gibt überhaupt keinen besseren Torhüter bei dieser WM. Aber hier kannst du nicht spielen.“ So steht es jedenfalls in Steins Memoiren, in denen er Schumacher 1993 unterstellte, er habe „alle Register des Psychoterrors“ gezogen, „inklusive persönlicher Diffamierungen“.Der hatte schon 1987 in seinem berühmten Skandalbuch „Anpfiff“, das zu seinem Abpfiff in der Nationalelf und beim 1. FC Köln wurde, über die Tage in Mexiko geschrieben: „Stein kennt vor allem unfaire Methoden, also sitzen seine Hiebe vor allem unter der Gürtellinie. Ich bat den Co-Trainer, außerhalb der Blick- und Giftzone des hasserfüllten Mitspielers trainieren zu dürfen.“Auch Stein forderte ein Rückflugticket und verdiente es sich mit allerlei Eskapaden. Unter anderem, weil er Beckenbauer einen „Suppenkasper“ und die Mannschaft eine „Gurkentruppe“ nannte. Auch andere Spieler ließen sich lustige Namen für Kollegen und Trainer einfallen, aber Steins Schöpfungen wurden an die Presse durchgestochen, was dem Schumacher-Lager sicher nicht ungelegen kam.Stein jedenfalls flog als zweiter Deutscher der WM-Geschichte (nach Johann Pesser 1938) aus dem Kader und durfte nie wieder ins deutsche Tor. Das Finale (2:3 gegen Argentinien) verfolgte er schon zu Hause auf dem Sofa, und als Schumacher bei einem Gegentor patzte, „dankte ich dem Herrn lautlos dafür, dass es doch noch Gerechtigkeit auf Erden gibt“.So schlimm wie vor 40 Jahren wurde es nie wieder, aber Gift wurde weiter versprüht, denn eins änderte sich nie: Es konnte nur einen geben. Nur 1934 wurde der Torwart aus sportlichen Gründen während der WM getauscht. Erst im Spiel um Platz drei (fünfmal) schlug bisher die Stunde der Vertreter.Vor der EM 2004 muckte Jens Lehmann aufDass aber Weltmeister Bodo Illgner auch 1994 den Kasten hütete, bereute Bundestrainer Berti Vogts öffentlich: „Ich habe den falschen Torwart aufgestellt.“ Davon hatte der loyale Andy Köpke wenig, immerhin durfte er 1998 ran, als ihm schon zwei ehrgeizige junge Männer im Nacken saßen. Oliver Kahn und Jens Lehmann bekämpften sich nach Köpkes Rücktritt acht Jahre lang beharrlich. Zunächst spielte Kahn drei Turniere, aber vor der EM 2004 muckte Lehmann erstmals auf: „Ich hätte es verdient, wieder mal zu spielen, weil ich sechs Jahre gewartet habe. Meine Leistung ist konstanter. Ich kann jetzt wirklich nicht sagen, dass einer besser ist als ich.“Jürgen Klinsmann teilte diese Auffassung. Der neue Bundestrainer rief 2004 einen offenen Zweikampf aus, und den führten die Keeper nicht nur auf dem Feld. Sie redeten mehr über- als miteinander. Lehmann lästerte: „Worüber soll ich mit ihm reden, ich habe keine 24-jährige Freundin.“ Kahn konterte, das sei „Kindergartenniveau“.Als Klinsmann zwei Monate vor der WM 2006 Lehmann zur Nummer eins erklärte, rechneten alle mit Kahns Rücktritt, als der eine Pressekonferenz einberief. Auf der verkündete er aber, sich in seine Rolle zu fügen. Größe bewies Kahn auch vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien, als er Lehmann die Hand reichte und ihm sagte: „Das ist jetzt dein Moment. Nutze ihn.“ Das Bild flimmerte im Berliner Olympiastadion über die Anzeigetafel, und das Publikum applaudierte. Seine Erklärung dafür: „Ich hatte das Glück, Helmut Schmidt als Vorbild zu haben. Er wurde 1982 durch ein Misstrauensvotum vom Bundestag abgewählt. Es gab einen Moment, den ich immer im Kopf trage: als Schmidt durch die Reihen marschierte und als großer Staatsmann Helmut Kohl, seinem Kontrahenten und Nachfolger als Bundeskanzler, die Hand reichte. Das war ein Moment der Größe, der sich bei mir eingeprägt hat.“ Lehmann brachte Deutschland weiter, aber nicht ins Finale, und so sagte Kahn: „Mit mir wären wir Weltmeister geworden.“Einen Überblick über die deutsche WM-Geschichte gibt der Autor in seinem Buch: „Die Turniermannschaft. Chronik der deutschen WM-Spiele“ (Arete-Verlag, 29,95 Euro)
Ärger ums WM-Tor: Auf dem Rückflug wollte der degradierte Torwart Sepp Herberger an den Kragen - WELT
Die Degradierung von Oliver Baumann zugunsten von Manuel Neuer bewegt die Fußballfans. Dabei gab es im Kampf ums deutsche WM-Tor schon weitaus Schlimmeres. Es gab Zeiten, da regierte der Hass unter den Konkurrenten.












