Dresden begeistert Kulturliebhaber genauso wie Gourmets. Sven Döring In Berlin und München war fast jeder schon einmal, aber was ist mit Kempten? Oder Mannheim? Diese Städte sind vielleicht weniger spektakulär, dafür aber auch weniger überlaufen.In unserer Serie stellen wir die sogenannten B-Städte der beliebtesten Ferienländer in Europa vor. Und siehe da: B ist auch eine Reise wert – und manchmal sogar die bessere Wahl.MannheimMannheim? Wieso Mannheim? Das zwischen Neckar und Rhein gelegene Städtchen mit seinen knapp 330 000 Einwohnern zählt zu den am meisten unterschätzten Reisezielen in Deutschland – obwohl es immerhin einen Eintrag auf der Liste der Unesco-Stätten erobert und sich den Titel «City of Music» gesichert hat. Das Schloss Mannheim ist das grösste Barockschloss Deutschlands. Heute wird es als Universitätscampus genutzt. PD Die vielfältige Musikszene ist vielleicht nicht jedem bekannt, doch in Mannheim befindet sich mit der Pop-Akademie Baden-Württemberg ein Kompetenzzentrum für die Musik- und Kreativwirtschaft, das national wie international als eine der renommiertesten Nachwuchsschmieden für Pop-Musik gilt.Opernfans kennen die Qualitäten des Nationaltheaters Mannheim (NTM). Es wird derzeit generalsaniert und weicht für die Dauer der Arbeiten auf interessante Ersatzspielstätten wie ein historisches Kino oder die eigens zur Überbrückung errichtete Oper am Luisenpark (Opal) aus. In der Alten Feuerwache treten aufstrebende und etablierte Talente aus den Bereichen Jazz, Techno und Hip-Hop auf, und in der SAP-Arena finden Konzerte weltweit bekannter Bands statt. Aufgrund seiner vielen Konzerte und Festivals ist das deutsche Städtchen auch als «City of Music» bekannt. PD Mannheim besteht aus einem gitterförmigen System aus 144 Blocks, die nach einer Kombination aus Buchstaben und Zahlen benannt sind. Diese kuriose Stadtstruktur geht auf das 17. Jahrhundert zurück, als Mannheim als Festungsstadt geplant wurde. Für Erstbesucher ist das allerdings ungewohnt: Wo ist der denkmalgeschützte Wasserturm, der als eine der schönsten Jugendstilanlagen Deutschlands gilt? Und wo ist der Paradeplatz mit seinen Boutiquen und Concept-Stores? Es gibt sie, und es lohnt sich, nach ihnen zu suchen.Hotel: Im frisch renovierten Traditionshotel Mannheimer Hof treffen denkmalgeschützte Architektur im Stil der Neuen Sachlichkeit, elegante Art-déco-Elemente und modernes Design aufeinander. Dazu gibt es die auch bei Einheimischen beliebte «Joy Bar» und ein hauseigenes Theater. PD Durch seine zentrale Lage ist der «Mannheimer Hof» die ideale Unterkunft für einen Städtetrip. Restaurant: Das entspannte Zwei-Sterne-Restaurant Opus V steht für eine urbane, elegante und zugleich naturverbundene Gastronomie. Der Küchenchef Dominik Paul setzt auf ausgewogene Aromen und ausgezeichnete Produkte. Auch schön: die Lage auf dem Dach des Modekaufhauses Engelhorn.Attraktion: Kunstinteressierte Menschen halten sich über die Ausstellungen in den Reiss-Engelhorn-Museen auf dem Laufenden. Derzeit sind dort die faszinierende Glasmenagerie der polnischen Künstlerin Marta Klonowska (bis 21. Juni 2026) und eine Ausstellung über Dinosaurier (bis 2. August 2026) zu sehen.DresdenWas wurde Dresden schon alles angedichtet: «Florenz des Nordens», «Venedig an der Elbe». Diese kitschigen Vergleiche hat Sachsens Hauptstadt gar nicht nötig, sie stimmen auch nicht. Mit seinen renommierten Kunstmuseen, der opulenten Barockarchitektur, der breiten Elbe und der prachtvoll restaurierten Frauenkirche verströmt Dresden ein ganz eigenes Flair. Auch die traditionelle Küche ist alles andere als südländisch: Die berühmteste Spezialität dürfte der Christstollen sein, es gibt aber auch weitere Klassiker wie Dresdner Sauerbraten, sächsische Kartoffelsuppe und Fettbemme. Alles eher schwere deutsche Kost. Ein Besuch in Dresden ist nicht komplett ohne eine Besichtigung der imposanten Frauenkirche. Sven Döring Doch auch in Dresden ist die Zeit nicht stehengeblieben. Neben abwechslungsreichen Multikulti-Küchen ist eine Reihe ambitionierter Restaurants entstanden, in denen regionale und internationale Produkte kreativ verarbeitet und alte Rezepte neu interpretiert werden. Hinzu kommen coole Bars, schicke Cafés und Bäckereien, die neben Eierschecken und Quarkkeulchen auch Croissants und Cheesecake anbieten.Im Szeneviertel Äussere Neustadt, rund um die Kreuzung von Louisen- und Görlitzerstrasse, trifft sich die Jugend auf ein kühles Dresdner Radeberger-Bier. Auch hier wird gegessen: mal eine Pizza aus dem Pappkarton, mal ein knusprig gebratener Fisch aus den nahen Moritzburger Teichen. So oder so: Dresden hat sowohl für Kunstliebhaber als auch für Gourmets viel zu bieten.Hotel: Das Fünf-Sterne-Hotel Gewandhaus Dresden bespielt einen sonnenblumengelben Barockpalast aus dem Jahr 1770, in dem sich zeitgeistorientiertes Design mit alter Pracht verbindet. Man schläft in duftig weissen Betten und kann von den Köstlichkeiten des hauseigenen Kuchenateliers kosten. Das Hotel Gewandhaus in Dresden ist in einem Barockpalast aus dem Jahr 1770 untergebracht. seaside-collection Restaurant: Das «Elements Deli and Restaurant» befindet sich in einem renovierten ehemaligen Lagerhaus und setzt auf regionale Küche mit Akzenten aus aller Welt. Im Deli gibt es täglich wechselnde, schnelle Gerichte, während im Restaurant auch einmal ein 48 Stunden lang gegartes amerikanisches Beef auf der Karte steht.Attraktion: Der Grosse Ballsaal und der sogenannte Propositionssaal im Dresdner Residenzschloss wurden Ende April nach mehrjähriger Wiederherstellung neu eröffnet. Zu sehen ist die Dauerausstellung «Masken und Kronen» mit kostbaren Raritäten, die zum Teil seit mehr als 80 Jahren nicht mehr öffentlich zugänglich waren.KemptenWer öfter von Zürich nach München oder umgekehrt fährt, kennt Kempten. Das 70 000-Einwohner-Städtchen liegt schön eingebettet zwischen Wiesen und Wäldern in der sanften Hügellandschaft des Allgäus in einer zutiefst bäuerlichen Region mit Obstbäumen, Braunvieh und so vielen Funklöchern, dass man beinahe von einer handyfreien Zone sprechen kann. Andererseits zählt Kempten dank seiner 2000-jährigen Geschichte zu den ältesten Städten Deutschlands und zu den schönsten in Bayern.Es lohnt sich also, anzuhalten, idealerweise an einem Mittwoch oder Samstag, wenn die Bauern der Umgebung auf dem Wochenmarkt am Hildegardplatz ihre Produkte anbieten. Die Stände stehen zu Füssen der prächtigen, 1652 errichteten St.-Lorenz-Basilika und biegen sich unter Pilzen, frisch gebackenem Brot, Äpfeln und Birnen, Käse, Fleisch, Fisch und Blumen. Insider holen sich zum Cappuccino vom Kaffeestand gegenüber eine ofenwarme Mohnschnecke von Hermines Brotstand, beliebt sind auch die frisch geschabten Allgäuer Kässpatzen aus dem gelben Spatzenmobil. Das denkmalgeschützte Rathaus in Kempten stammt aus dem Mittelalter. Andreas Ellinger Ganz in der Nähe befindet sich der grosszügig angelegte Rathausplatz mit Brunnen, mittelalterlichem Rathaus und netten Cafés. Er gilt als Kemptens Wohnzimmer und ist ein beliebter Treffpunkt, sowohl zum Frühstück als auch zum letzten Drink in lauen Sommernächten. Wer etwas Besonderes mit nach Hause nehmen möchte, geht in den Trachtenladen Alpenherz, in dem es zeitgeistorientierte Designerdirndl aus traditionellen Trachtenstoffen gibt.Hotel: Das Vier-Sterne-Hotel Bayerischer Hof verdankt seinen besonderen Charme dem gelungenen Nebeneinander von traditionellem bayrischen Stil und zeitgeistorientiertem Design. Dazu kommen die idyllische Lage an der Iller, die wunderschönen Restaurantstuben und ein romantischer Garten.Restaurant: «Nui» steht für «neu» im Allgäuer Sprachgebrauch – und darum geht es dem Küchenchef Mike Braunmüller in seinem Restaurant Nui im Goldenen Fässle. In den denkmalgeschützten Räumlichkeiten und auf der Terrasse werden Neuinterpretationen klassischer Gerichte oder spannende Eigenkreationen serviert.Attraktion: Die imposante Residenz gilt als eine der grossartigsten Klosteranlagen Bayerns. Der unglaubliche Prunk der Anlage wird erst in den Innenräumen offensichtlich – vor allem der Thron- und der Festsaal glänzen mit opulentem Stuck, farbenprächtigen Deckengemälden und einem kostbaren Parkett. Der Thronsaal in der Residenz. Getty Images PotsdamBerlin mag spannend und cool sein – was Pracht und Schönheit betrifft, spielt das nahe Potsdam aber in einer anderen Liga. In der ehemaligen Residenz der preussischen Könige befinden sich 17 prächtige Schlösser, darunter der sonnengelbe Rokokobau von Sanssouci und der im englischen Tudorstil erbaute Cecilienhof. Letzterer wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet und war Schauplatz der Potsdamer Konferenz von 1945, bei der die Alliierten über die Aufteilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg berieten. Das Schloss Cecilienhof wird zwar derzeit umfassend saniert, doch der von der Unesco ausgezeichnete Schlossgarten ist für Besucher geöffnet. Man kann dort lustwandeln und den Palast von aussen bewundern. Getty Images Das Schloss Sanssouci mit dem edlen Voltaire-Raum. Fans gepflegter Grünanlagen haben ohnehin die Qual der Wahl. Keine andere deutsche Stadt hat mehr von der Unesco als Welterbe deklarierte öffentliche Gärten. Dazu kommen die Wasserwege. Potsdam ist von Gewässern durchzogen. Die Seen, Kanäle und Ufervillen lassen sich im Rahmen einer Flusskreuzfahrt erkunden. Meist kommen die Boote auch an der berühmten Glienicker Brücke vorbei. Dieser geschichtsträchtige Ort markierte einst die Grenze zwischen Ostpotsdam und Westberlin. Während des Kalten Krieges fanden hier viel beachtete Agentenaustausche statt.Wer die Stadt zu Fuss erkunden möchte, beginnt am besten in der Altstadt am Luisenplatz, wo eine Miniaturausgabe des Brandenburger Tors steht. Von dort aus führt die verkehrsfreie Brandenburger Strasse, die von Läden und Lokalen gesäumt ist, bis zur katholischen Kirche St. Peter und Paul, die aus Backstein errichtet wurde. Alternativ kann man durch die von eleganten Backsteinbauten gesäumten Strassen des malerischen Holländischen Viertels mit seinen zahlreichen Kneipen, Terrassenlokalen und hübschen Geschäften bummeln. Eine grosse Anzahl von Studierenden und viele Berliner, die lieber am Rande der Hauptstadt leben, sorgen für reges Treiben und urbanes Flair. Die Miniaturversion des Brandenburger Tors am Luisenplatz. Robert Schnabel Hotel: Romantisch, wunderbar altmodisch und ziemlich deutsch: Das Hotel am Jägertor verdankt seinen Namen dem Jägertor, dem ältesten Stadttor von Potsdam, das unmittelbar gegenübersteht. Es bietet 62 geräumige Zimmer, ein opulentes Frühstücksbuffet und eine schöne Gartenterrasse.Restaurant: Eine historische Barockfassade, ein puristisches Interieur, ein malerischer Innenhof und Nico Werners neue preussische Küche – das «Kochzimmer» befindet sich in der traditionsreichen Gaststätte zur Ratswage und ist schon allein ein Grund, nach Potsdam zu fahren.Attraktion: Das 2017 eröffnete Museum Barberini gilt als herausragende Adresse für impressionistische Landschaftsmalerei. Gezeigt werden Werke von Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir, Berthe Morisot, Camille Pissarro und anderen, die zur privaten Sammlung des Unternehmers und Museumsstifters Hasso Plattner gehören. HamburgWas weiss man über Hamburg? Die zweitgrösste Stadt Deutschlands ist ein bedeutendes Wirtschaftszentrum, in dem sich die Hauptsitze von Airbus, Unilever sowie zahlreicher Medien-, Design- und Schifffahrtsunternehmen befinden. Es gibt einen riesigen Hafen und gleich daneben das Szeneviertel St. Pauli mit der einst berüchtigten Reeperbahn.Was noch? Die Hamburger halten sich gerne bedeckt. Sie bewerben ihre Stadt nicht und behalten deren Vorzüge lieber für sich. Dabei belegt Hamburg Platz 20 auf der Liste der lebenswertesten Städte der Welt und Platz 9 im aktuellen Weltglücksatlas. Es ist die Stadt mit der höchsten subjektiven Lebenszufriedenheit in Deutschland und die einzige deutsche Stadt, die von der «New York Times» als einer der «52 Places to Go» aufgeführt wird.Dafür gibt es viele Gründe. Offensichtlich für jeden. Hamburg ist schön. Mit dem vielen Wasser, den 2500 Brücken, den eleganten hanseatischen Palästen und den überraschend spannenden Neubauten hat die Metropole mit knapp zwei Millionen Einwohnern schon allein optisch viel zu bieten. Man denke nur an die von Herzog & de Meuron entworfene Elbphilharmonie und die komplett neu entwickelte Hafencity mit der wunderschönen Speicherstadt. Die Elbphilharmonie, entworfen von den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron, ist das Konzerthaus von Hamburg. Thies Rätzke Das Hamburger Nachtleben ist seit je legendär, und weil hier nicht scharenweise Touristen einfallen, ist es wirklich cool, schräg und vielschichtig geblieben. In der Innenstadt gibt es elegante Cocktailbars wie das Le Lion, in St. Pauli angesagte Kneipen wie die Möwe Sturzflug oder das The Chug Club. Auch die Kulturszene kann sich sehen lassen. In Museen wie den Deichtorhallen und der Kunsthalle werden spannende Ausstellungen gezeigt. Es gibt hervorragende Musicals, und die Aufführungen im Hamburger Schauspielhaus sorgen immer wieder für Gesprächsstoff. Hinzu kommen viele gute Restaurants, schöne Einkaufsmöglichkeiten und sehr viel Grün – kein Wunder, dass die Menschen hier glücklich sind! Der Hamburger Fischmarkt findet jeden Sonntagmorgen statt. Lisa Knauer Hotel: Das schönste Hotel in Hamburg, vielleicht sogar das schönste in ganz Deutschland, ist das Fairmont Hotel Vier Jahreszeiten. Hinter der Drehtür des strahlend weissen Palasts an der Binnenalster eröffnet sich eine Welt von unprätentiöser Eleganz mit 156 Zimmern und Suiten und einem phantastischen Restaurant. Matthias Plander Guido Leifhelm Das vielleicht schönste Hotel Deutschlands: Das Fairmont Hotel Vier Jahreszeiten. Restaurant: Wer Fisch und Meeresfrüchte mag, ist im «Jellyfish» genau richtig. Das puristisch gehaltene Sterne-Lokal im Schanzenviertel bietet fünf-, sechs- oder siebengängige Menus mit innovativen Kreationen aus Top-Produkten an. Am Wochenende gibt es auch ein attraktives Mittagsmenu.Attraktion: Der sogenannte Grüne Bunker ist ein ehemaliger Hochhaus-Luftschutzbunker aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, der in ein Kulturzentrum, ein Hotel und einen öffentlichen Park umgewandelt wurde. Von der Aussichtsplattform aus können Besucher den Blick auf die Hamburger Skyline geniessen. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.