Itamar Ben-Gvir ist Israels Minister fürs Grobe und UnappetitlicheDer israelische Sicherheitsminister wurde mehrfach wegen Extremismus verurteilt, vom Militärdienst ausgeschlossen und hat die politische Provokation zum Geschäftsmodell gemacht. Trotzdem – oder gerade deshalb – sitzt er heute am Kabinettstisch.23.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenUmringt von Polizisten: der israelische Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir.Eyal Warshavsky / ImagoBeschimpfungen aus dem eigenen Kabinett, Sanktionsdrohungen aus dem Ausland: Für viele Politiker würde das wohl das Ende der Karriere bedeuten. Für Itamar Ben-Gvir hingegen war es eine gute Woche. Am Mittwoch machte ein Video aus dem Hafen von Ashdod die Runde. Darin sieht man Israels Sicherheitsminister an festgenommenen Aktivisten der Gaza-Flottille vorbeilaufen. Sie knien auf dem Boden, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Ben-Gvir lächelt und schwenkt eine israelische Fahne. «Willkommen in Israel!», ruft er.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Er veröffentlichte das Video kurzerhand selbst. Scham darüber, bei solchen Aufnahmen ertappt worden zu sein, zeigte er keine. Im Gegenteil: Den absehbaren Ärger nahm er offenbar bewusst in Kauf. Denn Provokation und das Spiel mit der Empörung gehören seit langem zu seinem politischen Geschäftsmodell.Selbst wenn er dafür die halbe Welt gegen sich aufbringt. Zwanzig Länder bestellten nach der Veröffentlichung des Videos die israelischen Botschafter ein; in der EU wird mittlerweile über Sanktionen debattiert. Israels Aussenminister Gideon Saar schrieb wenig später, Ben-Gvir habe dem Land «wissentlich Schaden zugefügt» mit dieser «schändlichen Vorstellung». Auch der Regierungschef Netanyahu distanzierte sich – eine Seltenheit.Ben-Gvir wird das kaum beeindrucken. Netanyahu, darauf kann er vertrauen, wird ihn wenige Monate vor der Wahl nicht entlassen. Was man in Brüssel, London oder Berlin über ihn denkt, hat ihn noch nie beschäftigt. Ben-Gvirs Welt beginnt in den Hügeln des Westjordanlands und endet an der Küste des Mittelmeers.Auf Konfrontationskurs: Itamar Ben-Gvir auf einer Demonstration in Hebron 2008.Lior Mizrahi / Hulton / GettyErstes Date am Grab eines TerroristenDer heute 50-Jährige wächst in einer säkularen Familie als Kind kurdisch-irakischer Eltern auf. Politisch beschreibt er seine Eltern später als «moderat». Seine Radikalisierung habe mit der ersten Intifada Ende der achtziger Jahre begonnen, erzählt Ben-Gvir später. Er schliesst sich der Kach-Bewegung des Rabbiners Meir Kahane an. Deren Programm: die Ausweisung der Araber, ein jüdischer Staat nach religiösem Gesetz und kein Wahlrecht für Nichtjuden.Ben-Gvir wird Jugendkoordinator und wird nach eigenen Angaben mit vierzehn Jahren erstmals festgenommen. Als er mit achtzehn zum Militärdienst einrücken soll, verweigert die Armee ihm den Eintritt – wegen seiner extremistischen Haltung.1994 wird die Kach-Partei in Israel verboten, doch Ben-Gvirs politische Karriere nimmt Fahrt auf. Erstmals tritt er 1995 landesweit in Erscheinung. Im Fernsehen hält er die Kühlerfigur hoch, die vom Cadillac des damaligen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin abgerissen wurde. «Wir sind an sein Auto gekommen, wir kommen auch an ihn ran», sagt er. Wenige Wochen später wird Rabin von einem jüdischen Extremisten ermordet.Ähnlich schrill geht es weiter. Im selben Jahr verkleidet sich Ben-Gvir beim Purim-Fest als Baruch Goldstein. Der gebürtige Amerikaner hatte 1994 in Hebron 29 Palästinenser in einer Moschee erschossen und mehr als 100 weitere verletzt. Für ihn sei er ein «Held», ein «Vorbild», sagte Ben-Gvir noch Jahre später. Lange hängt ein Porträt Goldsteins im Wohnzimmer der Familie. Das erste Date mit seiner späteren Frau führte ihn zum Grab des Mannes.Vorbild von Minister Ben-Gvir: Grab des Extremisten Baruch Goldstein.Amir Cohen / ReutersBen-Gvir wird zum Hausanwalt der ExtremistenSeine ständigen Provokationen führen ihn regelmässig vor Gericht. 53 Anklagen habe er mittlerweile hinter sich, zählte er einmal selbst. Die Vorwürfe reichen von Landfriedensbruch und Sachbeschädigung über Behinderung von Polizeibeamten bis hin zu rassistischer Hetze und Unterstützung terroristischer Organisationen. Mindestens achtmal wird er verurteilt.Die juristischen Gefechte prägen auch seine Berufswahl. Er studiert Jura, nachdem ein Richter ihm empfohlen hatte, sich in seinen zahllosen Verfahren selbst zu vertreten. Die Anwaltskammer versucht zwar, ihm die Zulassung zu verweigern. Doch er klagt, gewinnt und besteht das Examen. Zu seinen Mandanten zählen der kahanistische Aktivist Bentzi Gopstein, Täter des Brandanschlags von Duma, bei dem 2015 ein palästinensisches Baby und seine Eltern verbrannten. «Haaretz» nannte ihn den «Hausanwalt des jüdischen Extremismus».Der Einstieg in die Politik verläuft holprig. 2012 gründet er die Partei Otzma Yehudit, die «Jüdische Macht». Von vielen wird sie als Nachfolgerin von Meir Kahanes verbotener Kach gesehen. Ben-Gvir versucht sich in der Folge etwas moderater zu geben. Das Goldstein-Bild über dem Sofa verschwindet, den Terroristen mag er nun nicht mehr als Helden bezeichnen. Er sei «gereift», sagt er.Vielleicht auch deshalb, weil die Partei mit allzu lauten Provokationen kaum Fuss fassen kann. Bei den Knesset-Wahlen 2019 erhält Otzma Yehudit gerade einmal 83 600 Stimmen, bei den Neuwahlen im März 2020 erreicht die Partei nur noch 0,42 Prozent und kommt nicht ins Parlament.Erst 2021 gelingt ihm der Sprung in die Knesset. Die Partei tritt auf einer gemeinsamen Liste mit der nicht minder radikalen religiös-zionistischen Partei von Bezalel Smotrich an. Angeblich ermuntert von Benjamin Netanyahu persönlich, der öffentlich vor einem Scheitern an der Sperrklausel gewarnt hatte. Bei den Wahlen 2022 gewinnt das Bündnis vierzehn Sitze. Ben-Gvir wird Minister für nationale Sicherheit und ist als solcher zuständig für die Polizei und das Gefängniswesen.Minister der Aufrüstung: Ben-Gvir besichtigt Sturmgewehre, die nach den Anschlägen vom 7. Oktober 2023 an Freiwillige einer Sicherheitseinheit ausgegeben werden.EPAProfiteur der KriseIm Amt agiert Ben-Gvir nach derselben provokanten Logik wie als Aktivist. Er besucht den Tempelberg zu symbolisch aufgeladenen Zeitpunkten, jedes Mal ein gezielter Affront gegen den diplomatischen Status quo. Er ordnet an, palästinensische Flaggen aus dem öffentlichen Raum zu entfernen.Im vergangenen März stimmt die Knesset für die Todesstrafe für palästinensische Terroristen. Ben-Gvir hat jahrelang dafür geworben. Die Geburtstagstorte, die ihm seine Frau wenig später überreicht, ist verziert mit einem Strick. Die Aufschrift: «Manchmal werden Träume wahr.»Zu einem Massenphänomen wird Ben-Gvir mit diesem Kurs zwar nicht, für einen stabilen Einzug ins Parlament reicht es mittlerweile aber. Aktuelle Umfragen sehen seine Partei bei 8 bis 9 Prozent.Der 7. Oktober 2023 hat in Israel etwas verschoben. Das schlimmste Massaker an Juden seit dem Holocaust lastet auf den Israeli. Die Gewissheit, dass Sicherheit durch Mässigung zu erreichen sei, ist für viele zerbrochen. In dieser Stimmung erscheint Ben-Gvir nicht als Symptom einer Krise, sondern als deren konsequente Antwort – hart, kompromisslos, ohne Rücksicht auf ausländische Empfindlichkeiten.Seine Wähler sehen in ihm keinen Extremisten. Sie sehen einen, der sagt, was andere nur denken. Das ist Ben-Gvirs eigentliche politische Leistung: Er hat die Grenze zwischen dem Sagbaren und dem Unsagbaren so weit verschoben, dass sein Auftritt im Hafen von Ashdod für einen Teil der israelischen Öffentlichkeit keine Entgleisung war – sondern ein Zeichen der Stärke.Widerstand: Menschen protestieren gegen die von Ben-Gvir verschärfte Verhängung der Todesstrafe.Ammar Awad / ReutersPassend zum Artikel
Itamar Ben-Gvir: Israels Minister fürs Grobe und Unappetitliche
Der israelische Sicherheitsminister wurde mehrfach wegen Extremismus verurteilt, vom Militärdienst ausgeschlossen und hat die politische Provokation zum Geschäftsmodell gemacht. Trotzdem – oder gerade deshalb – sitzt er heute am Kabinettstisch.











