Am Freitag habe ihm der Wecker Schmerzen bereitet, erzählt Bennet Wiegert, als dieser ihn um 5.50 Uhr aus seinen Träumen klingelte. Sonst Routine bei schulpflichtigen Kindern, doch an diesem Morgen war einiges anders als sonst. Wiegert war erst um 1.30 Uhr ins Bett gekrochen, „für meine Verhältnisse sehr spät“. Am Vorabend hatte der Trainer des SC Magdeburg seinen Profihandballern eine seltene Anweisung erteilt: Sie sollten „die Sau rauslassen“, als Belohnung für eine außergewöhnliche Leistung. Der 31:30-Erfolg über den ärgsten Verfolger und Tabellenzweiten SG Flensburg-Handewitt bescherte den Sachsen-Anhaltern die vorzeitige Meisterschaft, die dritte unter der Ära von Wiegert.Auch wenn er es nicht gerne hört, so hat der 44-Jährige in seiner mittlerweile fast elfjährigen Schaffenszeit als Trainer beim SCM dem Klub zur europäischen Topmarke entwickelt. Nimmt er ein solches Lob entgegen, verweist der gebürtige Magdeburger reflexartig neben den Spielern auf alle Funktionsträger und Helfer im Verein, „ohne die solche Erfolge niemals möglich“ wären. Gleichwohl war es seine dritte Meisterschaft in leitender Funktion, in der weltbesten Liga, ein Titel also, der nicht nur nach Ansicht von Wiegert nicht zu toppen ist. Er habe das „auch vergangenes Jahr gesagt, als wir die Champions League gewonnen haben und die Füchse Berlin die Meisterschaft“, erklärt Wiegert. Im Gegensatz zum Fußball, wo die Premier League die Benchmark ist, sei im Handball die Leistungsdichte weder in Spanien, Frankreich oder sonstwo derart hoch wie in der deutschen Bundesliga. Dieser Titel erfordere „eine unheimliche Konstanz auf eine sehr lange Strecke“.Handball:Gislason bleibt BundestrainerDer Isländer und der Deutsche Handballbund einigen sich auf einen Vertrag bis 2028. Der Verband setzt damit vor der Heim-WM auf Kontinuität.Selbst besagte Champions League, die der SCM unter Wiegert vor einem Jahr schon zum zweiten Mal nach 2023 gewonnen hat, könne da nicht mithalten. „In der Champions League kannst du eine mittelmäßige Vorrunde spielen, dich im Viertelfinale steigern und im Final Four in zwei Spielen über dich hinauswachsen“, sagte Wiegert. In der Bundesliga bedeute eine Schwächephase schnell das Ende aller Titelträume. Ein Beispiel: „Wir gewinnen in Barcelona und geben danach einen Punkt in Erlangen ab, aber verdient.“ Das war einer von sehr wenigen Ausrutschern seiner Mannschaft. Hinzu kamen ein weiteres Remis und eine einzige Niederlage beim ehemaligen Serienmeister THW Kiel.Die Partie gegen Flensburg am Donnerstagabend war der jüngste Beleg für das enorme Niveau in der Liga. Die Gäste lagen, angeführt vom dänischen Welt- und Europameister Simon Pytlick, der mit acht Treffern die Bestmarke setzte, meist in Front. Pytlick ist jener linke Rückraumspieler, der die deutsche Nationalmannschaft in Köln vier Tage zuvor fast im Alleingang bezwungen hatte. Die Magdeburger indes riefen ihre Bestform nicht ab, was Wiegert erwartet hatte: „Wir hatten schon einen Rucksack auf den Schultern“, sprich, der Druck vor heimischem Publikum im Duell mit dem ersten Herausforderer den Titel zu holen, war enorm: „Uns fehlte die Leichtigkeit.“ Da habe es auch nicht geholfen, dass Wiegert die Partie zuvor gezielt kleinredete, denn auch im Falle einer Niederlage wäre seiner Mannschaft der Triumph bei sieben Punkten Vorsprung kaum zu nehmen gewesen.Ein Schlückchen von oben: Meisterainer Bennet Wiegert lässt die obligatorische Titeltaufe gerne über sich ergehen. Michael Taeger/Jan Huebner/ImagoAngetrieben von den 6600 Fans in der ausverkauften Halle steckten die Gastgeber alle Rückschläge weg. Dann vollendete Magnus Saugstrup einen Konter in allerletzter Sekunde zum 31:30, der lange per Videobeweis überprüft wurde. Welchen Willen und welche Intensität diese Magdeburger Mannschaft an den Tag legt, hatte eine Szene eineinhalb Minuten vor dem Ende gezeigt: Gisli Kristjansson, mit sechs Treffern bester Magdeburger Torschütze, und Pytlick hechteten nach einem abgeblockten Ball, auch Magdeburgs Oscar Bergendahl und Flensburg Domen Novak stürzten sich ins Getümmel, ehe die Schiedsrichter das Knäuel aus vier muskelbepackten Handballprofis per Pfiff entwirrten. Kein Ball wurde verloren gegeben, um jeden Zentimeter Boden wurde gerungen, in einem Theater, in dem fast alle Darsteller zur Weltelite zählen.Die Spannung bis zum Champions-League-Final-Four hochhalten? Darin sieht der Trainer kein ProblemWas ihm dieser Titel bedeute? „Fragen Sie mich das in sechs oder zehn Jahren“, sagt Wiegert, er könne das zu diesem Zeitpunkt schwer einordnen. „Die Einflüsse jetzt sind super präsent, das fühlt sich natürlich gut an“. Aber an seine erste Meisterschaft mit dem SCM 2022 erinnere er sich noch sehr gut. Als Spieler hatte Wiegert mit seinem Heimatklub schon Meisterschaft und Champions League gewonnen; als Trainer hat sein Team um die Rückraumachse aus den Isländern Kristjansson und Omar Ingi Magnusson sowie dem Schweden Felix Claar das Eins-gegen-eins-Spiel nahezu perfektioniert. Durchbrüche dieser so wuchtigen wie flinken Akteure sind schwer zu verhindern. Auch die Defensive, das Torhüter-Duo, das Tempospiel: alles erstklassig und auf diesem Niveau das Fundament des Erfolgs. Die Besonderheiten seiner Auswahl beschreibt Wiegert so, wenn er sich kurz halten muss: „Widerstandsfähigkeit, Teamfähigkeit und die Bereitschaft, das eigene Ego hinter Mannschaftsziele zu stellen.“So stand der Trainer am Donnerstag nach vollbrachter Tat sichtbar erleichtert auf dem Spielfeld, ließ sich von seinen Spielern mit Bier überschütten und genoss den Moment. Angesichts des Charakters der Mannschaft müsse man sich keine Sorgen machen, dass diese in den drei ausstehenden und bedeutungslosen Ligaspielen nachlasse, zumal es noch einen nicht ganz unwichtigen Titel zu verteidigen gilt: Am 13. und 14. Juni ist das Finalturnier in der Champions League, Magdeburg trifft im deutschen Halbfinale auf die Berliner Füchse. Es könnte noch ein schmerzhafter Morgen warten auf den Trainer Bennet Wiegert.