Die Fallzahlen sexuell übertragbarer Krankheiten steigen an. Doch das ist wohl weniger alarmierend als gedachtNach Jahrzehnten des Safer-Sex-Paradigmas werden Kondome seltener verwendet, mehr Fälle von Chlamydien, Syphilis und Gonorrhö werden verzeichnet. Gleichzeitig sinkt die Risikofreudigkeit im Sexualleben vieler. Ein Arzt erklärt, wie das zusammenpasst.22.05.2026, 16.50 Uhr4 LeseminutenDie EU-Gesundheitsbehörde ECDC empfiehlt die Verwendung von Kondomen, um Geschlechtskrankheiten vorzubeugen.Hasnoor Hussain / ReutersDer jüngste Bericht der EU-Gesundheitsbehörde klingt alarmierend: Die Fallzahlen sexuell übertragbarer Krankheiten (STI) erreichen in Europa «Rekordniveau», wie das ECDC für das Jahr 2024 vermeldet. Vor allem die Zahlen von Gonorrhö und Syphilis trieben den Anstieg.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit Jahren werden gestiegene Fallzahlen sexuell übertragbarer Krankheiten in Europa gemeldet. Auf die bakterielle Infektionskrankheit Gonorrhö, auch Tripper genannt, entfielen 2024 gemäss ECDC 106 331 Fälle, ein Zuwachs von 303 Prozent seit 2015. Die Zahl der Syphilis-Fälle hat sich im selben Zeitraum auf 45 577 mehr als verdoppelt. Bei der am weitesten verbreiteten Krankheit Chlamydien verzeichnet das ECDC 2024 213 443 Fälle. In der Schweiz sieht es ähnlich aus.Das ECDC stellt fest, dass die am stärksten betroffene Gruppe nach wie vor Männer sind, die mit Männern Sex haben. Aber auch bei Heterosexuellen steigen die Fallzahlen, gerade bei Frauen im gebärfähigen Alter. Von 2023 auf 2024 haben sich die Fälle auf 140 verdoppelt, bei denen eine Syphilis-Infektion von einer Mutter auf ihr Kind während der Schwangerschaft oder der Geburt übertragen wurde. Die betroffenen Kinder haben häufig mit lebenslangen Folgen der Infektion zu kämpfen.Auch andere sexuell übertragbare Krankheiten können schwerwiegende gesundheitliche Probleme mit sich bringen: Chlamydien und Gonokokken – die Bakterien, die Tripper auslösen – können bei Frauen Unfruchtbarkeit verursachen oder zu Schwangerschaftsabbrüchen führen.Mehr Diagnosen bedeutet nicht unbedingt mehr FälleSafer Sex ist spätestens seit der Aids-Epidemie der 1980er Jahre ein zentrales Paradigma der Sexualaufklärung. Wer ausserhalb monogamer Partnerschaften Geschlechtsverkehr hat, soll sich schützen; STI-Tests sind relativ breit verfügbar. Seit einigen Jahren gibt es gut wirksame Prophylaxen und Behandlungsmöglichkeiten. Wie kann es unter diesen Bedingungen zu solch einem Anstieg kommen?Benjamin Hampel, Chefarzt am Checkpoint Zürich.PDDie Fallzahlen sagen nicht unbedingt das aus, was sie auf den ersten Blick vermuten lassen, folgt man Benjamin Hampels Interpretation. Er ist Chefarzt am Checkpoint Zürich, einem Zentrum für sexuell übertragbare Infektionen, und leitet eine Forschungsgruppe an der Universität Zürich. Der «Hauptgrund» für den Anstieg sei nicht unbedingt eine gestiegene Verbreitung der Infektionen, sagt Hampel. Es werde vor allem mehr getestet.Seit etwa zehn Jahren werde Risikogruppen – besonders Menschen mit wechselnden Sexualpartnern – empfohlen, sich regelmässig testen zu lassen. «Davor hat man eigentlich nur getestet, wenn Beschwerden vorlagen», so Hampel im Gespräch. «Man hat gehofft, dass die Gesamtzahl der Diagnosen dadurch irgendwann sinkt.»So ein Rückgang sei bisher jedoch nicht beobachtet worden, vor allem bei Chlamydien und Gonokokken. Diese würden zu schnell weitergegeben, als dass das gelegentliche Testen die Verbreitung stoppen würde, sagt Hampel. Bei Syphilis habe das vermehrte Testen wiederum Wirkung entfaltet, da sich die Krankheit auf bestimmte Gruppen konzentriere, etwa homo- und bisexuelle Männer.«Die Leute wollen maximal abgesichert sein»Das gestiegene Testaufkommen sei aber längst nicht der einzige Grund für die steigenden Zahlen. Auch das Sexualleben selbst habe sich verändert, sagt der Mediziner, etwa aufgrund der Nutzung von Dating-Apps. Er beobachtet eine «höhere Akzeptanz für offene Sexualität». Zudem belegen Statistiken, dass europaweit der Gebrauch von Kondomen zurückgehe.Das bedeutet nicht, dass die Menschen in Europa sexuell risikofreudiger sind als noch vor zehn Jahren – im Gegenteil. «Es herrscht ein Zeitgeist, in dem die Leute maximal abgesichert sein wollen», sagt Hampel. «Man trackt alles, vom Vitaminstatus bis hin zur Einnahme von STI-Prophylaxen.» Auch weisen Studien darauf hin, dass gerade junge Menschen seltener Geschlechtsverkehr haben als früher.Hampels Einschätzung führt zu einem paradoxen Befund: Einerseits lassen sich viele Menschen häufiger auf sexuell übertragbare Infektionen testen, andererseits haben sie mit mehr Partnern ungeschützten Sex. «Für mich ist das kein Widerspruch», sagt der Mediziner. «Man möchte das volle Erlebnis, aber ohne Risiko, man will ‹de Foifer und s Weggli›», also zwei sich ausschliessende Ansprüche.Angst als Mittel der Prävention funktioniert nichtDie Prävention sexuell übertragbarer Krankheiten ist also ein Balanceakt. Sie sollte weder überängstlich noch unvorsichtig sein. Laut Hampel investieren viele europäische Staaten nach wie vor zu wenig in Tests und Prävention.Auch das ECDC fordert «leichteren Zugang zu Tests, schnellere Behandlung und eine stärkere Benachrichtigung von Sexualpartnern, um die Weitergabe der Infektion zu verhindern». In der Schweiz müssen Tests privat bezahlt werden, wenn keine Symptome vorhanden sind – und sind teuer.Wie nützlich bei Chlamydien und Gonorrhö ein Test ohne Symptome und ohne Wunsch nach Schwangerschaft sei, werde derzeit stark diskutiert, sagt Hampel. Denn durch die häufige Gabe von Antibiotika entwickeln sich Resistenzen, die wiederum eine Verbreitung von Geschlechtskrankheiten fördern können. Das wird besonders bei Gonorrhö zunehmend zum Problem.Deswegen warnt der Mediziner davor, mit Angst als Mittel der Prävention zu arbeiten. Das funktioniere nur bei «Leuten, die ohnehin schon ängstlich sind». Der Experte sieht es insgesamt als positive Entwicklung an, wenn Sex weniger angstbesetzt wird. «Angst kann impulsives Verhalten fördern und somit sogar das Risiko erhöhen», sagt er.Für schwule Männer etwa war die Zeit der Aids-Epidemie ab den 1980er Jahren eine traumatische Erfahrung. Dank der weiten Verbreitung von Prophylaxen und Behandlungsmassnahmen sind HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten längst kein Todesurteil mehr. «Dass dieses Trauma nun langsam endet, ist nichts Schlechtes», sagt er.Passend zum Artikel
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Nach Jahrzehnten des Safer-Sex-Paradigmas werden Kondome seltener verwendet, mehr Fälle von Chlamydien, Syphilis und Gonorrhö werden verzeichnet. Gleichzeitig sinkt die Risikofreudigkeit im Sexualleben vieler. Ein Arzt erklärt, wie das zusammenpasst.














