Die Europäische Seuchenschutzbehörde ECDC hat am Donnerstag die neuesten Zahlen zu bakteriellen Infektionen bekannt gegeben, die beim Sex übertragen werden. Auch wenn sich der Trend bereits abgezeichnet hat, sind die Zahlen doch drastisch. Im Jahr 2024 infizierten sich in Europa 106 331 Menschen mit Gonorrhoe, 45 577 mit Syphilis, Chlamydien bleiben mit 213 443 Fällen die am häufigsten gemeldete sexuell übertragbare Infektion. Die Zahl der Gonorrhoe-Fälle hat sich demnach in zehn Jahren verdreifacht, die Syphilis-Fälle haben sich im gleichen Zeitraum mehr als verdoppelt. Auch das Lymphogranuloma venereum (LGV), eine Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Chlamydia trachomatis übertragen wird, breitet sich weiterhin aus, mit 3 490 gemeldeten Fällen.„Sexuell übertragbare Infektionen nehmen seit zehn Jahren zu und erreichten 2024 einen neuen Höchststand“, wird Bruno Ciancio in einer Pressemitteilung der ECDC zitiert, er ist Referatsleiter für direkt übertragbare und durch Impfungen vermeidbare Krankheiten. Unbehandelt könnten diese Infektionen schwere Komplikationen verursachen wie chronische Schmerzen und Unfruchtbarkeit sowie, im Falle von Syphilis, Probleme mit dem Herzen oder dem Nervensystem. Schutz sei „nach wie vor ganz einfach“: Kondome. Diese sollte immer verwenden, wer Sex mit neuen oder mehreren Partnern hat. „Und lassen Sie sich testen, wenn Sie Symptome wie Schmerzen, Ausfluss oder eine Wunde haben.“In der heterosexuellen Bevölkerung steige insbesondere die Zahl der Syphilis-InfektionDie neuen Zahlen zeigen auch, dass der Anstieg bakterieller sexuell übertragbarer Krankheiten nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichmäßig betrifft. Männer, die Sex mit Männern haben, sind mit großem Abstand dem größten Risiko ausgesetzt. In dieser Gruppe sind die Infektionen mit Gonorrhoe und Syphilis besonders häufig.In der heterosexuellen Bevölkerung steige insbesondere die Zahl der Syphilis-Infektion, schreibt das ECDC in einer Mitteilung. Unter Frauen im gebärfähigen Alter sei der Anstieg besonders auffällig. Die Folge sei fast eine Verdoppelung der Fälle von der Mutter auf das Kind übertragener Syphilis in nur einem Jahr – von 78 solcher „kongenitalen Infektionen“ im Jahr 2023 auf 140 Fälle im Jahr 2024 in den 14 Ländern, die Daten dazu gemeldet haben. Diese Entwicklung sei „besonders besorgniserregend“ sagte Ciancio. Eine solche Infektion könne potenziell zu lebenslangen Komplikationen führen.Für die drastische Zunahme der Infektionen gibt es keine einfache Erklärung. Möglich ist, dass sich nach Jahrzehnten der Vorsicht aus Angst vor einer HIV-Infektion inzwischen eine neue Sorglosigkeit breit macht, nachdem es wirksame Medikamente gegen das Immunschwächevirus gibt. Vermehrtes Testen in einigen Bevölkerungsgruppen, die einem besonders hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind, könne auch zum Anstieg der dokumentierten Fallzahlen beigetragen haben, so das ECDC. Ein Anstieg gemeldeter Fälle kann also auch ein Anstieg der Diagnosen sein, nicht zwingend der tatsächlichen Infektionen. Ein weiterer Treiber könne ein verändertes Risikobewusstsein, sinkender Gebrauch von Kondomen und häufigerer Partnerwechsel sein.Da einige Infektionen zunächst ohne Symptome verlaufen, betont das ECDC den Nutzen von Tests, auch Screening-Programme könnten in einigen Bevölkerungsgruppen gezielt die Fallzahlen senken. Doch nichts verhindert eine Infektion so zuverlässig, wie ein Kondom.