Auf den ersten Blick ist alles wie immer. Keine flirrende Geschäftigkeit, keine produktive Unruhe in dieser zweiten Sitzung des Frankfurter Stadtparlaments nach der Kommunalwahl im März. Nur einige müde Gesichter deuten darauf hin, dass die Spitzen von CDU, Grünen, SPD und auch Volt, als Juniorpartner, inzwischen seit fünf Wochen unzählige Stunden und in unterschiedlichsten Konstellationen zusammengesessen haben, um über eine neue Stadtregierung für Frankfurt zu beraten. Ein Bündnis dieser vier Fraktionen ist inzwischen offenbar die einzige noch verbleibende Option.Die bisherige Stadtregierung – Grüne, SPD, Volt und bis zum Sommer 2025 auch die FDP –, die vor fünf Jahren mit einem Koalitionsvertrag unter dem Titel „Eine neues Frankfurt gestalten“ begonnen hatte, haben die Frankfurter im März abgewählt. CDU-Politiker Thomas Dürbeck spricht in der Sitzung des Stadtparlaments von der „gescheiterten Koalition“.„Wir wären froh, wenn wir weiter wären“Die CDU war im März die Wahlsiegerin. Fünf Jahre saßen ihre Vertreter nicht nur auf der Oppositionsbank, sondern haben bei den Sitzungen des Stadtparlaments auf Drängen der bisherigen Regierung am Rand ganz rechts außen sitzen müssen. Inzwischen sind sie wieder zurück, weiter in die Mitte gerückt. Acht ihrer bisherigen Plätze nimmt nun die AfD ein.Wer erwartet hat, dass an diesem Donnerstagabend die künftigen Partner auch nur für einen Plausch zusammenstehen, wird enttäuscht. Nichts im Agieren der 57 von 93 Stadtverordneten deutet darauf hin, dass sie bis zur nächsten Sitzung des Stadtparlaments im Juni ein Bündnis bilden wollen.Im Gegenteil. Nach Formalien wie Fragestunde und Aktuelle Stunde setzt die CDU zum Angriff auf Klima- und Umweltdezernentin Tina Zapf-Rodriguez (Die Grünen) an. Anlass ist ein lapidarer, schriftlich vorliegender Bericht der Dezernentin zum Antrag des fraktionslosen Stadtverordneten Jumas Medoff, die Stadtregierung solle die Potentiale zur Nutzung von Geothermie im Stadtgebiet systematisch prüfen und nutzen.Grünen-Kritiker: Yannick Schwander, stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender im RömerMaximilian von LachnerYannick Schwander, umweltpolitischer Sprecher der CDU, vor allem aber stellvertretender Fraktionschef und in dieser Rolle Teil der Sondierungskommission der Union, nutzt den Bericht zur Geothermie zur Fundamentalkritik an der Grünen-Politikerin, auch wenn er betont, es gehe ihm nicht um eine Abrechnung. „Wir wären ja froh, wenn wir weiter wären.“ Es gehe darum, „endlich Fakten zu schaffen“, sagt Schwander und verweist auf das zentrale Thema der kommunalen Wärmeplanung, eine der größten energiepolitischen Veränderungen für Frankfurt in den nächsten Jahrzehnten.Frankfurt ist gesetzlich verpflichtet, bis zum 30. Juni einen Wärmeplan zu erstellen, der aufzeigt, wo die Stadt vorsieht, Bürger künftig mit Fernwärme zu versorgen, und wo Frankfurter den Umstieg auf die erneuerbaren Energien selbst organisieren müssen, etwa durch Wärmepumpen. Der Plan liegt öffentlich als Entwurf aus. Schwander wirft Zapf-Rodriguez jedoch mangelnde Kommunikation, fehlende Transparenz und „Ehrlichkeit“ gegenüber den Bürgern vor, da sie nicht sage, was auf die Bürger zukomme.„Transparenz und gute Kommunikation sind gerade dann unabdingbar, wenn es nicht nur Applaus gibt“, sagt Schwander und fordert, „das Tempo zu erhöhen, um das Informationsdefizit endlich zu beseitigen“. Sonst werde der richtige Zeitpunkt verpasst, die Bürger mitzunehmen. „Das wird ein Fehler“, sagt er und schaut in das fassungslose Gesicht der Stadträtin der Grünen, die offensichtlich mit dem Angriff nicht gerechnet hat. Schon gar nicht beim Thema der erneuerbaren Energien, auf dem sich die Grünen der Meinungsführerschaft eigentlich sicher sind.Zuhörerinnen: Ordnungsdezernentin Annette Rinn (FDP) und Umweltdezernentin Tina Zapf-Rodríguez (Die Grünen) verfolgen die Parlamentssitzung von den Magistratsbänken aus.Maximilian von LachnerDer Grünen-Stadtverordnete Thomas Schlimme argumentiert, dass „der Vorwurf ein bisschen krass“ sei und der Bericht zur Geothermie keinen Anlass biete, „sich so kritisch zu äußern“. Schließlich sähen CDU, Grüne und SPD – also die künftigen Koalitionspartner – Geothermie und die Wärmeplanung allesamt nicht kritisch. „Wir sind uns am Ende doch alle sehr einig“, sagt er. Zapf-Rodriguez hingegen konstatiert, dass die Einigkeit „doch nicht so riesengroß ist“. Man stehe ganz am Anfang einer Debatte. Ob sie dabei von der Wärmeplanung spricht oder von anderen Differenzen mit der CDU, bleibt offen.SPD betont die eigenen ErfolgeDie SPD dagegen nutzt den Abend strategisch klug. Verweist auf die Trendwende bei der Schaffung von Sozialwohnungen durch Planungsdezernent Marcus Gwechenberger (SPD). Der neue Partei- und Fraktionschef Kolja Müller, Mitglied der Sondierungskommission seiner Partei, verweist in seiner ersten Rede im Stadtparlament zudem auf die Erweiterung der Europäischen Schule in Praunheim. Sei die Europäische Schule erst einmal auf das Areal der Bundesbank am Miquelknoten umgezogen – auch diese Umzugsperspektive ein Verdienst der SPD, „Dank an Gwechenberger, Schuldezernentin Sylvia Weber und Oberbürgermeister Mike Josef“ –, werde daraus eine normale Schule, die Praunheim dringend benötige.Parteistratege: der neue SPD-Fraktionschef Kolja Müller am RednerpultMaximilian von LachnerMüller sagt es und hält eine flammende Rede, dass die SPD „die Partei des Bildungsaufstiegs“ sei, um dann Kämmerer Bastian Bergerhoff (Die Grünen) einen Seitenhieb zu verpassen, da der „nicht müde werde, die Kosten für Bildung anzuprangern“. Bergerhoff hatte bei der Vorlage des Jahresabschlusses darauf hingewiesen, dass Schuldezernentin Weber ein ungedecktes Defizit von 190 Millionen Euro zu verantworten habe.Die Erweiterung der Europäischen Schule, der die Stadtverordneten am Donnerstagabend zugestimmt haben, ist mit 58 Millionen Euro kalkuliert. Eine Summe, die die schulpolitische Sprecherin Sara Steinhardt, Mitglied der CDU-Sondierungsrunde und bisher eine der schärfsten Kritikerinnen von Schuldezernentin Weber, erwähnt. Schließlich sei das ein Betrag, „den man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen müsse“. Aber sie kritisiert die Summe und damit die Dezernentin nicht scharf, sondern stellt vielmehr die Frage, warum vieles, auch Schulneubauten in Frankfurt immer so viel teurer seien als andernorts. „Liegt es eventuell auch an der schlechten Projektsteuerung?“