Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking versuchte es nochmal mit einer kleinen Machtdemonstration. In der 65. Minute brachte er Mohamed Amoura ins Spiel, einen pfeilschnellen Angreifer mit Hang zur Selbstsabotage, Ablöse: 15 Millionen Euro. In der 74. Minute machte sich dann der Kroate Lovro Majer bereit, ein sehr begabter, wenngleich etwas wankelmütiger Spielmacher, der mal 25 Millionen Euro gekostet hat. Währenddessen stand Hecking mit verschränkten Armen am Spielfeldrand, er machte eine ernste Miene zum, nun ja, höchst mittelprächtigen Spiel, das sein Team da gerade in der Wolfsburger Arena aufführte.Ob er da heimlich nachgerechnet hat? 15 Millionen plus 25 Millionen, das ergibt 40 Millionen, genauso viel also, wie der gesamte Kader des SC Paderborn laut Branchendienstleister Transfermarkt.de wert sein soll. Zwei Wolfsburger Spieler, so teuer wie der gesamte Paderborner Kader!Dieter Hecking, 61, ist natürlich viel zu seriös für nutzlose Machtdemonstrationen oder ebenso nutzlose Rechenspielchen. Dennoch erinnerte er am Donnerstag, als der Tag schon von der Nacht verdrängt worden war, noch einmal daran, dass irgendwelche Spaßvögel vor dem Spiel die „Marktwerte“ in ihren Artikeln niedergeschrieben hätten. Alles Humbug, meinte der Coach sinngemäß. Zwei enge Spiele würden es werden, „davon war auszugehen“, beim ersten Spiel sei es auch so gekommen. Ein verschmitztes Grinsen, und Hecking schob nach: „Schönen Abend noch.“Lebenserfahrung lässt sich eben nicht lernen, Hecking war richtig gelegen: 0:0 endete das Relegationshinspiel zwischen Wolfsburg und dem Zweitligavertreter SC Paderborn. Es handelte sich um eine jener Partien, deren Ergebnis zwar auch hätte anders ausfallen können, wenn eine der Mannschaften eine ihrer zwar seltenen, aber gar nicht schlechten Torchancen genutzt hätte. Tarnen und Täuschen war allerdings nicht drin. Auch wenn die Protagonisten hätten verstecken wollen, dass sie sich mitten in einem Hinspiel in der Abstiegsrelegation befanden: Sämtliche Merkmale dieser sehr existenziellen Ausscheidungsduelle wären doch irgendwann zum Vorschein gekommen.„Warum nicht all-in heute?“, fragte sich Hecking in seinem Eingangsplädoyer selbst, im Wissen, dass es sonst jemand anderes tun würde. Die Antwort: „Na, weil’s zwei Spiele sind.“ Insgesamt war der Coach durchaus zufrieden, die Wolfsburger Restverteidigung habe sich „nicht locken“ lassen, einen „seriösen“ Auftritt habe sein Team dargeboten. Dem Vorwurf der Schönrednerei hatte er sich mit dieser Analyse tatsächlich nicht schuldig gemacht. Der Favorit kontrollierte das Geschehen weitgehend und hätte dieses Törchen schießen können, wenn der in aussichtsreicher Position zum Abschluss gekommene Angreifer Adam Daghim (erste Halbzeit) routinierter gewesen wäre und/oder Mittelfeldmann Yannick Gerhardt freistehend im Paderborner Strafraum präziser geköpfelt hätte (zweite Halbzeit). Mehr offensive Mobilisierung hätte jedoch auch mehr Risiko bedeutet, mehr Risiko wiederum eine höhere Wahrscheinlichkeit, sich eine solide Ausgangslage fürs Rückspiel am Montag in Paderborn zu verhageln.„Wir haben gemacht, was wir konnten“, sagte SCP-Coach KettemannZumal sich Ralf Kettemann, der Trainer des Zweitligisten, mit Recht „zufrieden“ zeigten konnte mit der „Haltung“, die sein Team an diesem Abend demonstriert habe. „Es gab Situationen, die wir überstehen mussten, und das haben wir geschafft“, sagte Kettemann und bilanzierte: „Wir haben gemacht, was wir konnten.“ Kompaktes und leidenschaftliches Verteidigen war hierbei die Paderborner Kernkompetenz. Und vorn sollte zwar nicht gleich der liebe Gott, aber gerne eine jener glücklichen Fügungen helfen, die es zum Favoritensturz manchmal braucht. Wie beinahe in der 84. Minute, als Paderborns Filip Bilbija den Ball am VfL-Torwart Kamil Grabara vorbeispitzelte, das 1:0 für den Außenseiter war beinahe schon vollzogen, ehe zuerst Denis Vavro und dann Joakim Maehle vor der Torlinie klären konnten. Kollektives Durchatmen in der (ausverkauften!) Wolfsburger Arena. Um ein Haar wäre der auf mindestens 180 Minuten ausgelegte Matchplan durch ein keinesfalls eingeplantes Gegentor sabotiert worden.Paderborns Filip Bilbija (rechts) hätte das Spiel kurz vor Schluss auf den Kopf stellen können – hat er aber nicht. Julian Stratenschulte/dpaMan tue eben, was man tun muss, sagte Rettungsdienst Maehle und hob sogleich zu einer umfassenden Motivationsrede ab: Mit einem „guten Gefühl“ gingen er und seine Kollegen aus diesem Spiel raus: „Wir sind stark, wir haben alles zu gewinnen.“ Zudem verfügten die Wolfsburger über „Motivation“ und „Qualität“. Was man eben so sagt, wenn das erste Ausscheidungsduell absolviert ist und das zweite bevorsteht. All jene, die dem Unterhaltungsfaktor dieser Relegationspaarung ohnehin skeptisch gegenüberstanden, bekamen jedenfalls genau das Hinspiel vorgesetzt, das sie befürchtet hatten.Immerhin, zwei gute Nachrichten gibt es für alle Wolfsburger: Vielleicht hilft im Rückspiel die Sperre für SCP-Abwehrmann Jonah Sticker, der kurz vor Spielschluss mit Gelb-Rot vom Feld flog (94. Minute). Zudem muss die Werkself nun nicht mehr gegen ihren eklatanten Heimnachteil ankämpfen. Nur zwei Siege in mittlerweile 18 Saisonspielen vor eigenem Publikum hat der VfL eingefahren. Und doch kann ein Sturz in die Zweitklassigkeit noch abgewendet werden, am Montag im Rückspiel in Paderborn.
VfL Wolfsburg in der Relegation gegen Paderborn: Ein Matchplan für 180 Minuten
Der SC Paderborn tut, was er kann, Wolfsburg geht kein Risiko ein: Alle Skeptiker bekommen genau das Hinspiel vorgesetzt, das sie befürchtet hatten.












