Die Eishockey-Supermacht Kanada liegt in der Weltrangliste plötzlich hinter der Schweiz – in Freiburg ist der grosse Goldfavorit die WM-AttraktionAuf den unerwarteten Meistertitel Gottérons folgt in der Eishockey-Hochburg Freiburg das Gastspiel des Rekordweltmeisters. Mit Superstars wie Macklin Celebrini und Sidney Crosby wollen die Kanadier sicherstellen, dass der Abschied aus der Schweiz mit einem Paukenschlag erfolgt.22.05.2026, 12.15 Uhr6 LeseminutenHattrick gegen Norwegen: Der kanadische Weltklasse-Stürmer Mark Scheifele.Anthony Anex / KeystoneDie eine gute Sache an dieser Welt, das hat die kanadische Schriftstellerin Lucy Maud Montgomery einmal geschrieben, sei der Umstand, dass auf es auf jeden Fall weitere Frühlinge geben werde. Nun mag das ja sein, aber in Freiburg fragen sie sich, was die Zukunft denn noch bringen soll, bei dieser Gegenwart. Die Kleinstadt erlebt in diesen Tagen ein unvergessliches, ein goldenes Frühjahr: Im April schwang sich Gottéron erstmals zum Schweizer Meister auf, an der Parade durch die Stadt jubelten dem Überraschungschampion mehr als 80 000 Menschen zu. Teilweise waren die entrückten Anhänger nicht in den Klubfarben eingekleidet – und das aus gutem Grund: Gottéron musste in der FKB-Arena zur Unzeit den Fanshop räumen, weil die Aufbauarbeiten für die WM begannen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mehr als 100 Mal in Folge war die vielleicht stilvollste moderne Eishockeyarena der Schweiz zuletzt bei Gottéron-Heimspielen mit 9372 abgesetzten Tickets ausverkauft. Es existiert eine lange Warteliste für Saisonabonnemente, und Gottérons abtretender Präsident Hubert Waeber sagt, es gebe eigentlich nur zwei Gründe, weshalb ein bestehender Inhaber seinen Platz freigibt: Im Fall eines Wegzugs oder bei Todesfällen.Glücklich darf sich schätzen, wer im Frühjahr 2026 unter den Lebenden weilt: Gottéron ist nach 89 Jahren endlich Meister und Freiburg erstmals seit 1990 wieder WM-Standort. Was bei der Vergabe ein Politikum war – das für die pandemiebedingt abgesagte WM von 2020 berücksichtige und nun übergangene Lausanne prüfte kurz sogar rechtliche Schritte.7500 Zuschauer beträgt die WM-Kapazität, fast 2000 weniger als bei Gottéron-Heimspielen. Und doch war in der ersten WM-Woche nur eine von 16 Partien ausverkauft. Der Weltstar Sidney Crosby hält Hof? Schön und gut. Aber Julien Sprunger ist er halt doch nicht. Immerhin: Auf der Tribüne hält am Donnerstag eine Frau eine selbst gebastelten Collage hoch. Sie hat den Kopf Crosbys auf eine Ziege geklebt. Soll heissen: Er ist der «Goat», der Grösste aller Zeiten.Zwei Alphörner und ein Kanadier mit mehr als 50 GeschwisternEs ist später Nachmittag, und auf dem Eis duellieren sich Crosby und seine kanadischen Teamkollegen mit Norwegen. Im Vergleich zum Hauptspielort Zürich ist die Szenerie in Freiburg beschaulicher, charmanter. Vor den Toren des Stadions wirbt der lokale Käsehersteller, im von ihm bewirtschafteten Chalet stehen zwei Alphörner. Als Dessert wird eine lokale Spezialität angeboten: Meringue mit Greyerzer Doppelrahm. Im Fan-Shop wird eine optimistisch bemessene Anzahl an Trikots der Aussenseiter Italien und Norwegen feilgeboten. Wobei das mit der richtigen Bestellmenge offenbar so eine Sache ist: Ein Schild informiert darüber, dass die Schals der Slowakei «leider ausverkauft» seien.Von in groteskem Umfang abgesteckten Rayons, wie man sie inzwischen von Fussballgrossveranstaltungen kennt, ist das hier alles ein paar Galaxien entfernt. Direkt hinter den Abschrankungen stehen ein paar Müllpressen. Und auf der anderen Seite liegt das Fussballstadion St. Léonard, die Heimstätte des inzwischen in die 3. Liga abgestürzten ehemaligen Cup-Finalisten FC Fribourg, dessen ehemalige Präsidentin Magdalena Lauper kürzlich per Strafbefehl unter anderem wegen Misswirtschaft verurteilt worden ist. Sie hat Berufung eingelegt.Die kanadischen Eishockeyprofis werden davon wenig mitbekommen, ihre Berührungspunkte mit dem Spielort dürften sich darauf beschränken, über das jenem der Montreal Canadiens angelehnten Logo Gottérons zu staunen. Vermutlich haben sie noch nicht einmal das heimliche Wahrzeichen der Stadt erkundet: Das Funiculaire, die letzte Standseilbahn mit Wasserballast der Schweiz. Denn die Kanadier sind in Bern einquartiert, über die 25 Autominuten pro Weg kann ein Nordamerikaner nur müde lächeln. Am vergangenen Wochenende nutzte das Team einen spielfreien Tag zum Besuch der Super-League-Partie YB gegen Sitten. Bei all den Attraktionen dieses Landstrichs mutet das als eigenwillige Freizeitgestaltung an: Numa Lavanchy dabei zuzusehen, wie er ins Nirgendwo flankt.Aber für Ryan O'Reilly scheinen genau solche Kuriositäten einen nicht unwesentlichen Teil des WM-Reizes auszumachen. O'Reilly, 35, ist ein grosser Name in der Welt des Eishockeys mit einer faszinierenden Lebensgeschichte: Seine Eltern nahmen immer wieder Pflegekinder auf. Bis er das Erwachsenenalter erreichte, hatte er auf diese Weise neben drei leiblichen insgesamt 49 zusätzliche Geschwister. Er sagt, die Erfahrungen hätten ihn viel fürs Leben gelehrt, vor allem, dass jeder Mensch seine eigene Geschichte habe.Da überrascht es nicht, dass O'Reilly in der NHL als mannschaftsdienlicher Musterprofi gilt und einen vorzüglichen Ruf geniesst. Er hat den Stanley-Cup gewonnen, zwei Mal WM-Gold und 2019 die Selke-Trophy für den besten Defensivstürmer der NHL. In seiner illustren Karriere hat er in der NHL etwas mehr als 91 Millionen Dollar verdient. Und doch ist er wieder hier, im Dienst des Ahornblatts, es ist seine achte WM. Er sagt: «Die Bedeutung mag in Nordamerika eher gering sein. Aber im Rest der Welt sieht es anders aus. Die Stadien sind immer voll. Ich bin 35 und weiss, dass ich nicht mehr ewig spielen kann. Ich geniesse die Turniere. Man kommt an neue Orte, die man sonst vielleicht nie sehen würde.»Sein vier Jahre älterer Bruder Cal scheint das ähnlich zu sehen – er verbrachte den Winter erst in der Schweiz bei den SCL Tigers und dann in Norwegen.Gegen eben dieses Norwegen ist es Ryan O'Reilly, der sein Kollektiv vor einer Blamage bewahrt: 99 Sekunden vor Schluss rettet er sein Team in die Verlängerung, dort komplettiert Mark Scheifele mit dem Treffer zum 6:5 seinen Hattrick. Scheifele war in der abgelaufenen Saison der fünftbeste Skorer der NHL. Der erst 19-jährige Teamcaptain Macklin Celebrini sogar die Nummer 4.Die Kanadier stellen 438 NHL-ProfisKeine andere Equipe an dieser WM ist auch nur annähernd so vorzüglich besetzt wie der unumstrittene, ungeschlagene Titelfavorit Kanada. Das Mutterland des Eishockeys, die Nation der Superlative. 438 NHL-Profis stellen die Kanadier, ziemlich genau so viele wie Finnland, Schweden und die USA zusammen. Es gibt 8500 Eisfelder und mehr als 150 000 lizenzierte Spieler. Angesichts dieser Kennzahlen ist diese Pointe so dürftig, sie könnte von Mario Barth sein: Kanada belegt in der offiziellen Eishockey-Weltrangliste nur Rang 3. Hinter den USA und der Schweiz.Der Grund dafür ist, dass die stolzeste Eishockeynation der Welt zuletzt in verschiedener Hinsicht entzaubert wurde. Kanada hat nur zwei der letzten acht Weltmeisterschaften gewonnen, was den hochtrabenden eigenen Ansprüchen nicht annähernd genügt. Im Olympia-Final setzte es eine sehr schmerzhafte Niederlage gegen den erstarkten Rivalen USA ab.Und dann waren da all die höchst unappetitlichen Geschichten, die rund um den Verband «Hockey Canada» kursierten und 2022 zum Rücktritt des gesamten Vorstands führten: Jahrzehntelang war verbandsintern eine schwarze Kasse geführt worden. Sie wurde dazu verwendet, in über zwanzig Missbrauchsfällen aussergerichtliche Vergleiche zu schliessen, es flossen mehrere Millionen.Um weitere Skandale zu verhindern, gilt inzwischen für alle Teammitglieder eine strenge Verhaltenscharta. Einer, der mit den Kanadiern am Spengler-Cup teilnahm, erzählte der NZZ, er habe vor der Abreise online mehrere Fragebogen ausfüllen müssen: Wie verhalte ich mich in Situation xy korrekt? Man darf davon ausgehen, dass die Kanadier das Berner Nachtleben nicht so ausgiebig auskosten werden, als dass sie sich frühmorgens der sagenumwobenen Schummrigkeit des Kult-Lokals «Dead End» hingeben.Erstmals seit 1983 fehlt das Team Canada am Spengler-CupDer Trip in die Schweiz soll für den Rekord-Weltmeister am 31. Mai im 29. Titel münden. Es wäre ein würdiges Adieu aus hiesigen Gefilden, denn so schnell wird man eine kanadische Auswahl in der Schweiz nicht mehr zu Gesicht bekommen: Am 1. Mai wurde bekannt, dass das Team Canada erstmals seit 1984 nicht mehr am Schauturnier Spengler-Cup teilnehmen wird. Kanadisches Schaffen hat im Schweizer Eishockey in den letzten fünf Jahren einen massiven Bedeutungsverlust erlitten. In der abgelaufenen Saison spielten nur noch 22 Kanadier in der National League – 2012/13 waren es bei deutlich weniger spielberechtigten Ausländern noch 62 gewesen.Die Furcht, wie zuletzt kein kompetitives Team mehr stellen zu können, bewog Hockey Canada zum zumindest temporären Rückzug; ein Comeback dürfte es erst dann geben, wenn der einstige Seriensieger wieder auf erstklassiges Spielermaterial zurückgreifen kann.Vielleicht wäre der Spengler-Cup aufs Alter etwas für Ryan O'Reilly, den Abenteurer im kanadischen Team – über die Jahre haben immer wieder einstige NHL-Granden ein Gastspiel gegeben. Denn gewiss, es wird nicht nur der nächste Frühling kommen, sondern auch der Winter. Unweigerlich sogar in Freiburg, obwohl sich der Kanton wünschen würde, die Zeit einfrieren zu können. Wenigstens für eine Weile, ehe die gleissende Sommerhitze die ersten Erinnerungen an den süssesten Hockey-Lenz einer ganzen Generation wegschmelzen lässt.Passend zum Artikel