PfadnavigationHomeKulturArtikeltyp:MeinungLetzte „Late Show“Wie man seine Feinde liebt – der starke Abgang des Stephen ColbertStand: 11:06 UhrLesedauer: 7 MinutenLicht aus: Stephen ColbertQuelle: CBS via Getty Images/CBS Photo ArchiveDass CBS die Show ihres Talkstars Stephen Colbert auslaufen lässt, erklärt der Sender geschäftlich. Umso fröhlicher widmete sich die letzte Sendung den wahren Päpsten und dem geistigen Klimawandel in Amerika: Es handelt sich einfach um ein grünliches Raum-Zeit-Paradox.Liebe deine Feinde! Von allen christlichen Geboten ist dies das schwerste – und unbegreiflichste. Denn was tut man denn, wenn man seine Freunde liebt? Geht es etwa um eine Gefühlsaufwallung? Handelt es sich um einen Rechtsakt? Eine Kapitulation? Löscht man sich dabei selbst aus oder ist es möglich, dieses unbegreifliche Gebot zu erfüllen und trotzdem seine Selbstachtung zu bewahren? Muss man seine Feinde zum Tee einladen?Der amerikanische Satiriker und Moderator Stephen Colbert, der seit elf Jahren in Nachfolge von David Letterman die „Late Show“ des Fernsehsenders CBS moderierte, hat bei seinem letzten Auftritt gezeigt, wie Feindesliebe in der Praxis aussieht. Er hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er den amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten für eine Katastrophe auf zwei Beinen hält.Als CBS bekanntgab, dass die „Late Show“ ersatzlos gestrichen wird, sparte Colbert nicht mit Witzen auf Kosten des Managements. Als die Konzernleitung von Paramount – das ist die Firma, der CBS gehört – dann behauptete, die Kündigung von Stephen Colbert habe rein geschäftliche Gründe und überhaupt nichts mit Politik zu tun, bezeichnete der Moderator das ohne Scheu als Bullshit. Aber in seiner letzten Sendung, die in der Nacht vom 21. auf den 22. Mai ausgestrahlt wurde, hatte Stephen Colbert offenbar beschlossen, nicht mit einem Wutschrei, sondern mit einem Lächeln von der Bühne Abschied zu nehmen. So gingen alle Witze, die er an diesem Abend machte, auf Kosten von einem einzigen Menschen: ihm selbst.Lesen Sie auchSchon lange vor Trump war Stephen Colbert auf der linksliberalen Seite des politischen Spektrums zu Hause. Er unterscheidet sich aber von anderen amerikanischen Linken durch ein interessantes Detail: Er ist praktizierender Katholik. Unter anderem darum ging es bei dieser letzten „Late Show“. Denn alle Welt rätselte seit Tagen, wen Colbert sich als letzten prominenten Gast aufs Sofa setzen würde; es musste ja jemand ganz Besonderer sein.Lesen Sie auchUnd so saßen bei diesem letzten Auftritt – rein zufällig, versteht sich – alle möglichen berühmten Schauspieler und Kolleginnen im Publikum und fragten, ob Colbert sie vielleicht interviewen wollte; als er ihnen sagte, nein, sie seien leider nicht eingeladen, waren sie allesamt furchtbar beleidigt. Endlich wurde enthüllt, wer der Stargast sein würde: seine Heiligkeit Leo XIV. In Person. Frisch eingeflogen vom Vatikan!Allerdings weigerte der Star sich in letzter Minute, aus seiner Garderobe zu kommen. Dafür hatte er einen sehr guten Grund: Man hatte die Frechheit besessen, ihm zur Stärkung simple New Yorker Hotdogs in die Garderobe zu servieren: ihm, der doch aus Chicago stammt, also daran gewöhnt ist, dass seine Kochwurst in einem Mohnbrötchen steckt und mit einer Dillgurke verziert ist! Der Papst – vertreten durch einen bemerkenswert kräftigen Proletenarm – schleuderte also wütend Hotdog-Brocken aus seiner Garderobe und trat nicht auf. Das war ziemlich komisch.Amerika war für uns die größte Demokratie der Welt, die Heimat der FreienEin paar Nächte zuvor hatte Stephen Colbert zusammen mit seinem längst pensionierten Vorgänger David Letterman einem anarchischen Akt der lustvollen Zerstörung gefrönt. Letterman hatte kräftige Möbelpacker bestellt, die die komplette Studiogarnitur aufs Dach des Ed-Sullivan-Theaters am Broadway hievten, von dem aus die „Late Show“ ausgestrahlt wird. Danach warfen die Möbelpacker das Zeug unter großem Hallo vom Dach.Mittlerweile war offenbar Ersatz geschaffen worden; weder Stephen Colbert noch sein prominenter Gast saßen auf dem Fußboden. Bei jenem Gast handelt es sich um Paul McCartney, dem jungen Greis von 83 Lenzen, der – weil Ringo Starr sich nicht mehr so häufig in der Öffentlichkeit blicken lässt – sozusagen postum die Beatles insgesamt vertritt; und nur auf den ersten Blick wirkte das ein klitzekleines bisschen enttäuschend. In Wahrheit erwies sich der Auftritt von McCartney als dramatisch äußerst folgerichtig.Im Gespräch mit ihm fiel die einzige politische Äußerung des Abends, und sie war nicht polemisch, sondern bang und wehmütig. Im Ed-Sullivan-Theater fand nämlich der erste Auftritt der Beatles in den Vereinigten Staaten statt; und vor diesem Auftritt waren die vier Arbeiterjungen aus Liverpool noch nie in Amerika gewesen. Also fragte Stephen Colbert, was Amerika denn für McCartney bedeutet habe. Sie alle hätten amerikanische Musik geliebt, antwortete der übrig gebliebene Beatle, vor allem den Rock’n’Roll. Pause. „Außerdem war Amerika für uns die größte Demokratie der Welt, die Heimat der Freien.“ Dann fügte McCartney mit einer schwankenden Handbewegung hinzu: Das sei Amerika immer noch – hoffentlich, vielleicht.Nun bekam die Show einen Zug ins Science-Fiction-Hafte. Immer wieder fing die Leinwand hinter Stephen Colbert an, grünlich zu flimmern. Irgendwann ging er, von der Kamera verfolgt, hinter die Bühne, um nachzuschauen, was da kaputt war. Er stieß auf einen grünen Malstrom, der sich unablässig in der Luft drehte – und nun trat Neil DeGrasse Tyson aus der Kulisse.Bei Neil DeGrasse Tyson handelt es sich um den Helden jedes amerikanischen Kindes, das sich für Physik und Weltraumfahrt interessiert: Er ist ein schwarzer Wissenschaftler, Direktor des Planetariums im Museum of Natural History, der regelmäßig im Fernsehen und auf YouTube die schwierigsten Zusammenhänge erklärt. Man habe es hier, sagte er Stephen Colbert, mit einer Einstein-Rosen-Brücke zu tun, einem Riss im Raum-Zeit-Kontinuum, der aufgrund der Paradoxie entstanden sei, dass eine erfolgreiche Show abgesetzt wurde. Leider wusste auch Neil DeGrasse Tyson nicht, wie man diesem grünlichen Phänomen beikommt.Ein Gegenmittel wussten aber vier Kollegen von Stephen Colbert, die nun ebenfalls in den Kulissen erschienen: Jimmy Kimmel, Jimmy Fallon, John Oliver und Seth Meyers. Weitermachen, rieten die vier. Nur nicht bange machen lassen! Jimmy Kimmel berichtete, er habe just ein solches grünes Loch auch in seinem Studio entdeckt, es habe sich aber nach einem Monat wieder geschlossen. Das gab einen Lacher: Vor einem Jahr sollte Kimmel vom Disney-Konzern gefeuert werden – ebenfalls aus politischen Gründen –, die Kündigung wurde aber schnell wieder zurückgenommen; Millionen von Amerikanern hatten aus Protest ihre Abonnements bei Disney gekündigt.Lesen Sie auchLeider erwies sich der Rat der vier Kollegen von Stephen Colbert als grundfalsch. Der grüne Malstrom hinter der Bühne verschwand zwar, dafür tat sich aber ein grüner Strudel an der Studiodecke auf, der – die Tricktechnik machte es möglich – alles himmelwärts saugte. Das Publikum verschwand, die Gäste verschwanden, am Ende verschwand auch der Moderator selbst.Und nun begann der merkwürdigste und schönste Teil der Show: Stephen Colbert fand sich sozusagen in einer privaten Umgebung wieder. Er saß unter einer Wohnzimmerlampe auf einem Sessel. Dann wurde sichtbar, dass er nicht allein war: Mit ihm waren da John Baptiste und Louis Cato, die beiden Bandleader, die in der „Late Show“ nacheinander das Orchester geführt hatten. Jon Baptiste saß am Flügel, Louis Cato hatte seine E-Gitarre dabei. Und dann musizierten die Männer. Colbert sang – er hat, wie sich herausstellte, eine wirklich schöne Stimme. Ganz entspannt war das, Hausmusik, die eigentlich auch gar kein Publikum brauchte. Es gibt ein Leben jenseits der Berühmtheit, hieß das. All das Lametta des Showbusiness ist überhaupt nicht wichtig. Zu guter Letzt bleiben die Freundschaft und die Musik.Aber natürlich war das noch nicht das Ende. Denn nun kam Paul McCartney zurück. Und zusammen mit allen Musikern sang er den vielleicht kindlichsten aller Beatles-Songs, die hypnotische Hymne „Hello, Goodbye“. Während McCartney noch sang, strömten alle Mitarbeiter der „Late Show“ auf die Bühne. Für Leute, die gerade eben ihren Job verloren hatten, sahen sie alle ziemlich vergnügt aus. Von der Feigheit einer Konzernleitung, die vor einem Möchtegernautokraten in die Knie fällt, ließen sich diese Amerikaner nicht die Laune verderben. So macht man das. So liebt man seine Feinde. Der echte Papst hätte ruhig als Gast zu Stephen Colberts letzter Show kommen können.
Letzte „Late Show“: Wie man seine Feinde liebt – der starke Abgang des Stephen Colbert - WELT
Dass CBS die Show ihres Talkstars Stephen Colbert auslaufen lässt, erklärt der Sender geschäftlich. Umso fröhlicher widmete sich die letzte Sendung den wahren Päpsten und dem geistigen Klimawandel in Amerika: Es handelt sich einfach um ein grünliches Raum-Zeit-Paradox.













