Kann man links und gegen Einwanderung sein? Der französische Filmemacher François Ruffin sieht keinen WiderspruchFrançois Ruffin spricht lieber über Fabrikschliessungen als über Identitätspolitik. Nun will der Filmemacher aus Amiens Präsident Frankreichs werden. Doch ehemalige Weggefährten werfen ihm vor, nach rechts abzudrehen.22.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenFrançois Ruffin spricht vor der Nationalversammlung.Stevens Tomas / Abaca / ImagoEs ist schwer zu sagen, wann genau François Ruffin für weite Teile der französischen Linken erstmals zum ideologischen Verdachtsfall wurde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.War es im November 2019, als der schlaksige Abgeordnete aus der Picardie einen «Marsch gegen Islamophobie» schwänzte – mit der Begründung, dass er an dem Tag lieber Fussball spielen wolle? Oder war es vier Jahre später, als er in einem Interview gefragt wurde, ob Jugendliche in Frankreich ihren Geschlechtseintrag auch ohne Zustimmung der Eltern ändern dürfen sollten?Kampf um die ArbeiterRuffins Antwort, die Linke dürfe nicht jeder gesellschaftspolitischen Mode hinterherlaufen; wichtiger seien Arbeit, Lohn und Umverteilung, sorgte für empörte Reaktionen. Aktivisten stempelten ihn als Mann von vorgestern ab. «In aller Demut» entschuldigte er sich danach bei seiner Partei La France insoumise (LFI) und versprach, bei Gender- und LGBT-Fragen dazulernen zu wollen.Spätestens im Sommer 2024 war der Bruch zwischen ihm und der «Partei des unbeugsamen Frankreichs» endgültig. Ruffin warf dem LFI-Anführer Jean-Luc Mélenchon autoritäre Methoden und zynische Wahltaktiken während der damaligen vorgezogenen Parlamentswahl vor. Mélenchons Umfeld wiederum behandelte den populären Abgeordneten fortan nicht mehr als Freigeist in den eigenen Reihen, sondern als Feind.In diesem Frühjahr kündigte Ruffin als erster linker Politiker in Frankreich an, bei der Präsidentschaftswahl im Mai 2027 anzutreten. Sein Rivale Jean-Luc Mélenchon meldete erst kürzlich seinen Anspruch auf den Élysée-Palast an. Die Grünen-Chefin Marine Tondelier und der proeuropäische Sozialdemokrat Raphaël Glucksmann gelten als weitere mögliche Bewerber aus dem linken Lager.Doch viel Aufmerksamkeit bekommt derzeit vor allem der 50-jährige Ruffin mit seiner Kandidatur. «Debout!» («Aufstehen») heisst seine Bewegung, die er schon vor Jahren in seiner Heimatregion Picardie im Norden Frankreichs gründete. Der Journalist und Filmemacher stammt aus der Provinzstadt Amiens – genauso wie der französische Präsident Emmanuel Macron. Beide gingen auch auf dasselbe katholische Lycée vor Ort.Aber damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten. Macron verkörpert für Ruffin das Frankreich der Eliten, der Technokraten und der Gewinner der Globalisierung. Ruffin hingegen, bei Protestkundgebungen stets ohne Krawatte und mit zerzaustem Haar, sieht sich auf der Seite der «Unsichtbaren», wie er sie nennt, der Pflegekräfte, der Lagerarbeiter und der prekär Beschäftigten. Als Filmemacher widmete er ihnen mehrere Dokumentationen, unter anderem den Streifen «Debout les femmes!» über Frauen in schlecht bezahlten Jobs.Auch am reichsten Mann des Landes, an Bernard Arnault, dem Chef des Luxuskonzerns LVMH, arbeitete sich Ruffin ab. Sein Dokumentarfilm «Merci Patron!», in dem er ein entlassenes Fabrikarbeiterpaar gegen den Milliardär in Stellung brachte und Arnault öffentlich blossstellte, gewann 2017 einen César, den wichtigsten Filmpreis Frankreichs. Damit stieg der französische «Michael Moore» endgültig zum Star auf.Zu seinen strategischen Zielen zählt, dem Rassemblement national (RN) von Marine Le Pen wieder die verlorenen Wähler der Linken abzujagen. Gerade im weitgehend deindustrialisierten Norden Frankreichs, wo früher Kommunisten und Sozialisten den Ton angaben, erzielen die Nationalisten heute Rekordergebnisse. Ruffin setzt deswegen auch auf ein Thema, das sonst vor allem die Rechte besetzt: Einwanderung.Alte linke ThemenEnde April erklärte der Abgeordnete im Fernsehsender BFMTV, er sei «gegen Arbeitsmigration». Frankreich müsse aufhören, ständig neue billige Arbeitskräfte aus dem Ausland anzulocken, statt miserable Berufe besser zu bezahlen. Das löste umgehend einen Sturm der Entrüstung aus. Hier bediene jemand «rechtsextreme Narrative», wetterte die Grüne Tondelier. Claire Lejeune, eine Abgeordnete von LFI, beschuldigte ihren früheren Parteifreund, «für die Faschisten zu werben».Ruffin reagierte auf die Vorwürfe fast spöttisch. Ob denn Mélenchon auch ein verkappter Rechter sei? Immerhin habe der LFI-Anführer vor einigen Jahren selbst gegen jene gewettert, die Einwanderung organisierten, um «Druck auf Löhne und Sozialleistungen» auszuüben. Seine Argumentation, so Ruffin, sei im Übrigen nicht kulturell, sondern sozialökonomisch. Denn die Frage laute ja nicht, wie sich nationale Identität schützen lasse, sondern warum bestimmte Berufe derart schlecht bezahlt und unattraktiv geworden seien, dass Unternehmen auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen seien.Einwanderung ist für viele französische Linke noch immer ein zu heisses Eisen. Dabei hatte sich Ruffin noch nicht einmal auf das Terrain von Integrationsproblemen, Islamismus oder Kriminalität in den Banlieues gewagt. Er sprach ausschliesslich über Lohndruck und prekäre Beschäftigung. Am Ende sprang ihm sogar die linksliberale Zeitung «Le Monde» bei: Es sei Ruffin zu verdanken, schrieb sie, dass die Linke wieder über die sozialen Folgen von Arbeitsmigration spreche. Gerade gering qualifizierte Arbeitnehmer könnten unter Einwanderung erhebliche Lohneinbussen erleiden, während soziale Unsicherheit die Wut vieler abstiegsgefährdeter Franzosen zusätzlich verschärfe.Die Kontroverse flaute schliesslich ab, aber dann folgte schon der nächste Eklat.Ruffin veröffentlichte Anfang Mai einen Comic, um seinen Werdegang zu erzählen. In Frankreich hat das Tradition: Politiker bringen vor grossen Wahlen oft Bücher heraus. Der Chef des RN, Jordan Bardella, tat es bereits Ende 2025, ebenso der Präsidentschaftskandidat der Konservativen, Bruno Retailleau, und der liberale Ex-Premierminister Gabriel Attal. Ruffin dagegen entschied sich für eine gezeichnete Reportage.«Picardie Splendor» heisst sie, und in ihr reist der Kandidat Ruffin durch ein melancholisches Frankreich voller stillgelegter Fabriken, trostloser Einkaufszonen und Plattenbauten. Es hätte ein unaufgeregter, ästhetischer Comic über das Frankreich der «Unsichtbaren» werden können, wäre da nicht diese Szene in einem Zug gewesen.«Weisser Retterkomplex»Zu sehen ist, wie Ruffin einer schwarzen Frau das Ticket bezahlt, nachdem sie von Kontrolleuren gebüsst wurde. Daneben steht ein junger Nordafrikaner, der sich über den Ton der Kontrolleure aufregt — worauf Ruffin ihn auffordert, «die Polizei zu respektieren». Für die LFI-Europaabgeordnete Emma Fourreau sollte das ein Beispiel für den «weissen Retterkomplex» sein. Ruffin bediene paternalistische Klischees und spiele mit «sexistischen und rassistischen Untertönen», kritisierten andere LFI-Politiker.Auch der dargestellte junge Maghrebiner meldete sich später öffentlich zu Wort. Ruffin habe ihn in der Szene aggressiver gezeichnet, als er tatsächlich gewesen sei, sagte er der Zeitung «Libération».Für seine linken Kritiker sollte der Comic den Beweis liefern, dass der Filmemacher zwar ständig über «das Volk» spreche, dabei aber selbst ein vereinfachtes und folkloristisches Bild der Arbeiterklasse pflege. Ruffin wies die Vorwürfe zurück, räumte aber ein, dass sein Antirassismus wohl noch «von den neunziger Jahren geprägt» sei. Einige Zeichnungen könnten verletzend wirken, sagte er.Hat Ruffin überhaupt eine Chance auf den Élysée-Palast? Als Vertreter einer souveränistischen und sozialpopulistischen Linken trifft er in Teilen des Landes durchaus einen Nerv. Doch der Mann aus Amiens bleibt ein Einzelgänger, ohne mächtigen Parteiapparat und mit nur wenigen Verbündeten. Ruffin setzt trotzig auf sein «pari du peuple», die Wette auf das Volk, wie er selbst sagt.Passend zum Artikel