«Remigration? Wir verstehen nicht einmal, was damit gemeint sein soll»Das Rassemblement national liegt in den Umfragen so gut da wie nie. Im Interview erklärt der Europaabgeordnete Fabrice Leggeri, warum seine Partei an Europa festhalten, in Migrationsfragen aber nationale Souveränität durchsetzen will – und weshalb sie die AfD auf Distanz hält.10.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenFabrice Leggeri, ehemaliger Chef der EU-Grenzschutzagentur Frontex und seit 2024 Europaabgeordneter des französischen Rassemblement national.Benoît Tessier / ReutersHerr Leggeri, nach den jüngsten Ausschreitungen in Frankreich rund um das Champions-League-Final sind die Zustimmungswerte für Ihren Parteichef Jordan Bardella auf 47 Prozent gestiegen. Wie erklären Sie sich den Zuspruch?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Meine Partei, das Rassemblement national (RN), setzt sich seit je für einen handlungsfähigen Staat ein. Die Franzosen erwarten Sicherheit und eine funktionierende Justiz. In beiden Bereichen ist Präsident Macron spektakulär gescheitert.Was würde ein Präsident Bardella denn anders machen?Wir wollen, dass Gesetze konsequenter durchgesetzt werden. Das Problem liegt heute nicht immer beim Recht, sondern beim Vollzug des Rechts. Viele Franzosen haben das Gefühl, dass der Staat seine Autorität eingebüsst habe. Wir sprechen uns für eine Bewaffnung der kommunalen Polizei aus. Wir wollen der Justiz mehr Mittel zur Verfügung stellen. Zudem gibt es in Teilen der Richterschaft ein kulturelles Problem.Das müssen Sie erklären.Richter müssen unabhängig und neutral sein. Doch dieser Anspruch wird immer weniger erfüllt. Der Prozess gegen Marine Le Pen, die zu Unrecht der Korruption beschuldigt wird, ist nur ein Beispiel von vielen. Oft werden normale Bürger für Bagatelldelikte hart bestraft. Zugleich zeigt die Justiz bei jungen Gewalttätern Nachsicht. Da heisst es, man müsse die sozialen Probleme der Jugendlichen verstehen.Jordan Bardella hat die Fussballkrawalle vor allem mit der Migration in Verbindung gebracht. Viele der Beteiligten sind jedoch Franzosen.Ja. Die meisten Beteiligten sind französische Staatsbürger. Aber sie identifizieren sich immer weniger mit der französischen Nation. Die Krawalle sind deswegen auch die Folge einer Einwanderung, deren Integration meines Erachtens nicht wirklich gelungen ist.Warum nicht?Auf der linken Seite des politischen Spektrums ist ständig die Rede davon, dass Frankreich ein rassistisches Land sei. Der Algerienkrieg endete 1962. Dennoch werden junge Menschen permanent mit der Botschaft konfrontiert, Opfer eines kolonialen Erbes zu sein. Ihnen wird vermittelt, dass Frankreich für ihre Probleme verantwortlich sei. Auch Teile der Medien tragen zu dieser Erzählung bei.Was ist Ihr politisches Rezept gegen diese Entwicklung? Fordern Sie eine «Remigration», wie sie Teile der AfD in Deutschland propagieren?Nein. Remigration? Wir verstehen nicht einmal, was damit gemeint sein soll. Wir unterscheiden nicht zwischen Franzosen mit und Franzosen ohne Migrationshintergrund. Wer Franzose ist, ist Franzose. Wir sagen aber auch: Wir wollen keine zusätzliche Migration. Und wer sich illegal in Frankreich aufhält oder als Ausländer schwere Straftaten begeht, muss das Land verlassen.Geht es Ihnen um jede Form von Migration oder vor allem um Migration aus muslimisch geprägten Ländern?Es ist wissenschaftlich belegt, dass Integration leichter gelingt, wenn Menschen aus ähnlichen Kulturkreisen kommen. Migration aus Afrika oder den Maghreb-Staaten bringt selbstverständlich grössere Herausforderungen mit sich als europäische.Laut Schätzungen sind heute 10 Prozent der französischen Bevölkerung Muslime. Ist das für Ihre Partei bereits ein Problem?Die Bereitschaft zur Integration entscheidend sei. Wer Teil der Nation werden will und unsere Gesetze respektiert, muss dazu die Möglichkeit haben. Auch Muslime wählen unsere Partei. Nehmen Sie die Insel Mayotte, da sind fast alle Einwohner Muslime. Eine der beiden Abgeordneten gehört dem RN an, die andere ist ebenfalls rechtskonservativ und vertritt in der Migrationsfrage eine ähnliche Linie.In Brüssel ist die Migrationspolitik gerade verschärft worden. Abgelehnte Asylbewerber sollen künftig in Rückführungszentren ausserhalb der EU untergebracht werden dürfen. Sind Sie damit zufrieden?Ja. Die neue Rückführungsverordnung ist ein Erfolg, zu dem das RN beigetragen hat. Wir haben monatelang mit den anderen konservativen und rechten Fraktionen zusammengearbeitet und einen eigenen Vorschlag ausgearbeitet. Am Ende konnten wir auch Teile der Europäischen Volkspartei überzeugen.Lässt sich Migration am Ende doch auf europäischer Ebene steuern? Ihre Partei hat Brüssel früher stets als Teil des Problems bezeichnet.Es ist keine endgültige Lösung, aber ein guter Anfang.Dennoch hat Bardella erklärt, in Migrationsfragen nationales Recht über EU-Recht stellen zu wollen. Warum, wenn Brüssel nun doch liefert?Im Europaparlament gibt es heute eine konservative Mehrheit. Aber Mehrheiten können sich ändern, auch in Brüssel. Deshalb wollen wir die Franzosen per Referendum darüber abstimmen lassen, zentrale Grundsätze unserer Migrationspolitik in der Verfassung festzuschreiben. So hätten die EU und internationale Gerichte in Migrationsfragen nicht mehr das letzte Wort.Wie wollen Sie Staaten wie Algerien dazu bewegen, abgelehnte Asylbewerber zurückzunehmen?Durch politischen und wirtschaftlichen Druck. Zum Beispiel, indem Entwicklungshilfen gestrichen werden oder, wie im Falle Algeriens, indem keine Visa mehr an Algerier vergeben werden. Frankreich muss gegenüber Algier viel entschlossener auftreten, und die neuen Rückführungszentren schaffen dafür zusätzliche Möglichkeiten. Wenn Migranten wissen, dass sie am Ende etwa nach Rwanda oder Kasachstan gebracht werden können, wirkt das abschreckend.Das RN verdankt seinen Erfolg nicht nur einer harten Linie bei der Migration, sondern auch sozialen Versprechen wie der Rückkehr zur Rente mit 62. Ist das angesichts der hohen Verschuldung Frankreichs überhaupt noch realistisch?Wer körperlich schwere Arbeit geleistet hat und sehr jung ins Berufsleben eingetreten ist, sollte auch früher in Rente gehen dürfen. Gleichzeitig wissen wir natürlich, dass die wirtschaftliche Situation schwierig ist und Frankreich praktisch kein Geld mehr hat. Das haben auch unsere Wähler verstanden.Das klingt wie ein Abschied von einem Ihrer wichtigsten Wahlversprechen.Wir prüfen derzeit sehr genau, was bei der Rentenreform finanzierbar ist und was nicht. Daraus werden wir die entsprechenden Konsequenzen ziehen.Früherer Chef der Grenzschutzagentur FrontexDSt. · Fabrice Leggeri, 57, sitzt seit 2024 für das Rassemblement national (RN) im Europäischen Parlament. Von 2015 bis 2022 leitete der französische Spitzenbeamte die EU-Grenzschutzagentur Frontex. Nach Vorwürfen im Zusammenhang mit sogenannten Pushbacks trat er zurück. In Frankreich wird in diesem Zusammenhang weiterhin gegen ihn ermittelt. Heute ist er Sprecher des RN und gehört zum engen Umfeld von Marine Le Pen und Jordan Bardella.Die Arbeitgeberverbände sind Ihrer Partei früher mit grossem Misstrauen begegnet. Heute sucht die Wirtschaft gezielt den Kontakt zu Bardella und Le Pen. Ist das RN kein Paria mehr?Es ist völlig normal, dass solche Gespräche stattfinden. Die Verbände wissen, dass wir die Präsidentschaftswahl gewinnen können, und sie wollen sich darauf vorbereiten. Umgekehrt wollen auch wir erfahren, welche Erwartungen die Wirtschaft an eine künftige Regierung hat.Wie will das RN der Wirtschaft konkret helfen?Wir wollen verhindern, dass Unternehmen durch zu hohe Steuern und Abgaben belastet werden. Wer ein unternehmerisches Risiko eingeht, soll dafür angemessen belohnt werden. Gleichzeitig muss sich auch Arbeit wieder lohnen. Heute ist der Abstand zwischen Arbeit und Nichtarbeit in vielen Fällen zu gering. Die Produktion in Frankreich sollte stärker gefördert werden – unter anderem durch günstige Energie.Welche Rolle soll die Kernenergie dabei spielen?Wir wollen sie ausbauen. Sie ist günstig, zuverlässig, und Frankreich verfügt in diesem Bereich über jahrzehntelange Erfahrung.Das ist ein radikal anderer Kurs, als ihn Deutschland verfolgt.Ja. Aber Deutschland ist ebenfalls auf bezahlbare Energie angewiesen. Es kann zusätzlichen Strom aus Frankreich kaufen. Das liegt im Interesse unserer beiden Volkswirtschaften.Jordan Bardella hat kürzlich Gemeinsamkeiten mit dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz betont und sich von der AfD abgegrenzt. Sind die Brücken zur AfD endgültig abgebrochen?Im Europaparlament sehe ich, dass es in der AfD unterschiedliche Strömungen gibt. Manche betrachten das RN sogar als Vorbild. Das zeigt mir, dass die lange Arbeit, die Marine Le Pen geleistet hat, um aus unserer Partei eine verantwortungsbewusste Kraft zu machen, europaweit wahrgenommen wird. Wir wollen nicht nur protestieren, sondern realistische Lösungen anbieten. Extreme Konzepte lehnen wir ab.Auf der anderen Seite grenzen sich auch die deutschen Unionsparteien vom RN ab. Wie weit reichen die Gemeinsamkeiten?Ehrlich gesagt erzeugen die Medien oft ein künstliches Bild. In Wahrheit sprechen wir über Parteigrenzen hinweg alle miteinander. Mit den Unionsparteien sehen wir vor allem bei der Migration und der Kritik am Green Deal, der Europas Unternehmen mit immer neuen Abgaben belastet, gemeinsame Interessen. Wir wollen beide mehr Wettbewerbsfähigkeit und weniger Bürokratie.Marine Le Pen hat viel Energie darauf verwendet, den früheren Front national von seinem radikalen Image zu lösen. Ist der Kurs der «Entdämonisierung» aus Ihrer Sicht inzwischen abgeschlossen?Natürlich gibt es in jeder Partei manchmal schwarze Schafe. Aber in unserer Partei reagieren wir sehr konsequent. Wenn wir feststellen, dass jemand nicht zu uns passt, dann trennen wir uns von ihm.Wann passt denn jemand nicht zu Ihrer Partei?Wenn jemand rassistische Ansichten äussert. Oder Positionen vertritt, die gegen die Würde anderer Menschen gerichtet sind.Gibt es eine Position des Front national, die aus heutiger Sicht ein Fehler war?Ja. Der Antisemitismus früherer Tage hat unserer Partei schwer geschadet. Marine Le Pen hat das bereits vor mehr als zehn Jahren deutlich gesagt. Im vergangenen Jahr ist Jordan Bardella nach Jerusalem gereist, und ich hatte die Ehre, ihn dabei zu begleiten. Auch damit haben wir gezeigt, dass wir mit diesem Teil unserer Geschichte gebrochen haben. Übrigens sehen das auch viele französische Juden so, die uns nicht mehr als Feind begreifen. Der Holocaust-Überlebende Serge Klarsfeld hat uns ebenfalls auf unserer Israel-Reise begleitet.Am 7. Juli entscheidet ein Gericht, ob Le Pen bei der Präsidentschaftswahl kandidieren darf. Ihre Chancen auf einen Freispruch gelten als eher gering, und Bardella ist in den Umfragen populärer als sie. Warum hält das RN trotzdem an Le Pen fest?Weil sie unsere Kandidatin ist. Marine Le Pen hat das selbst erklärt: Wenn sie antreten darf, dann wird sie antreten. Falls nicht, haben wir mit Jordan Bardella einen Plan B. Ich glaube, alle Mitglieder unserer Partei haben das verstanden. Marine Le Pen hat unsere Partei geprägt wie keine andere und verfügt über die Erfahrung, die für das Präsidentenamt nötig ist.Glauben Sie denn noch an einen Freispruch?Eine Prognose möchte ich nicht abgeben. Aber wir wissen, dass sie unschuldig ist, und wir hoffen, dass das Gericht dies ebenfalls anerkennen wird.Wenn das RN die Wahl gewinnt, werden Sie Partner brauchen. Bruno Retailleau, der Parteichef der Konservativen, hat Ihnen aber gerade erst eine Absage erteilt und begründet das unter anderem mit Ihrer unklaren Haltung zu Russland.Es wird für Bruno Retailleau immer schwieriger, echte Unterschiede zum RN zu finden. Deswegen werden künstliche kreiert. In Wahrheit ist unsere Haltung zu Russland sehr klar. Jordan Bardella hat mehrfach erklärt, dass Russland Europa und französische Interessen bedrohe. Wir wollen die EU nicht verlassen, und wir stehen zur europäischen Beistandsklausel, die die Mitgliedstaaten verpflichtet, einander im Falle eines Angriffs zu helfen. Deshalb sollte man aber auch ehrlich über die Konsequenzen einer möglichen Aufnahme der Ukraine in die EU sprechen.Sie sind gegen einen EU-Beitritt der Ukraine, selbst wenn der Krieg vorbei ist?Wir sind in dieser Frage sehr skeptisch. Die Ukraine ist ein sehr grosses Land, und ein EU-Beitritt hätte erhebliche Folgen für die französische Wirtschaft, insbesondere für unsere Landwirtschaft. Es muss darüber ehrlich verhandelt werden. Aber Vorrang hat für uns, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden. Dafür muss die Ukraine aus einer Position der Stärke heraus verhandeln können.Passend zum Artikel
«Remigration? Wir verstehen den Begriff selbst nicht», sagt der RN-Politiker Fabrice Leggeri
Das Rassemblement national liegt in den Umfragen so gut da wie nie. Im Interview erklärt der Europaabgeordnete Fabrice Leggeri, warum seine Partei an Europa festhalten, in Migrationsfragen aber nationale Souveränität durchsetzen will – und weshalb sie die AfD auf Distanz hält.








