GastkommentarErich OrtnerDer persönliche KI-Assistent – und warum er noch auf sich warten lässtWährend Smartphones die Kommunikation revolutioniert haben, könnte ein persönlicher KI-Assistent das Denken begleiten – doch als bildungspolitische Perspektive bleibt diese Idee bislang unterentwickelt.22.05.2026, 05.15 Uhr3 LeseminutenDie KI dient nicht mehr nur der Bereitstellung von Information, sondern auch der Unterstützung ihrer Verarbeitung.ImagoDie Diskussion über KI ist von einer eigentümlichen Schieflage geprägt. Vieles wird erörtert: technologische Leistungsfähigkeit, ökonomische Potenziale, regulatorische Fragen. Vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhält hingegen eine naheliegende, zugleich weitreichende Perspektive: die Rolle von KI für die Grundlagen von Denken und Lernen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein langfristig eingesetzter BegleiterDabei zeichnet sich eine Entwicklung ab, die in ihrer Tragweite durchaus mit der Verbreitung des Smartphones vergleichbar ist – allerdings auf einer anderen Ebene. Das Smartphone hat die äusseren Bedingungen der Kommunikation verändert. Es hat Reichweiten erweitert, Zugänge vereinfacht, Austausch beschleunigt. Was es nicht verändert hat, ist die Struktur des Denkens selbst. Genau hier setzt die Idee eines persönlichen KI-Assistenten an.Gemeint ist damit kein weiteres Anwendungswerkzeug, sondern ein individuell verfügbarer, langfristig eingesetzter Begleiter, der darauf ausgerichtet ist, Denk- und Lernprozesse zu unterstützen – durch Klärung von Begriffen, durch Strukturierung von Argumenten, durch Anregung von Reflexion und durch Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen.In dieser Perspektive verschiebt sich die Funktion von KI. Sie dient nicht mehr primär der Bereitstellung von Information, sondern der Unterstützung ihrer Verarbeitung. Nicht die Antwort steht im Vordergrund, sondern der Weg zu ihr.Die bildungspolitische Bedeutung eines solchen Ansatzes liegt auf der Hand. Wenn Wissen jederzeit verfügbar ist, rückt die Fähigkeit, es zu verstehen und einzuordnen, in den Mittelpunkt. Bildung wäre dann weniger als Vermittlung von Inhalten zu begreifen, sondern stärker als Entwicklung von Denk- und Lernkompetenzen: Begriffsbildung, Urteilsfähigkeit, Reflexion und Entscheidungsfähigkeit.Vor diesem Hintergrund erscheint es bemerkenswert, dass die Idee eines persönlichen KI-Assistenten bislang kaum systematisch verfolgt wird. Ein Grund liegt in der dominierenden Perspektive auf KI als Technologie- und Wirtschaftsthema. Förderprogramme und Strategien konzentrieren sich vor allem auf Anwendungen, Infrastrukturen und Wettbewerbsfähigkeit. Die Frage, wie KI in die Grundlagen von Bildung eingreift, bleibt demgegenüber nachgeordnet.Hinzu kommt die institutionelle Struktur des Bildungssystems. Zuständigkeiten sind verteilt, Entscheidungsprozesse komplex, Veränderungen erfolgen schrittweise. Innovation wird häufig additiv eingeführt, nicht strukturell integriert. Schliesslich spielt auch die Einordnung der Technologie selbst eine Rolle. Wird KI primär als Werkzeug verstanden, liegt es nahe, sie punktuell einzusetzen. Wird sie hingegen als Bestandteil einer veränderten Lernumgebung begriffen, stellt sich die Frage nach grundsätzlicheren Anpassungen.Es fehlt die bildungspolitische DebatteAll dies trägt dazu bei, dass eine Entwicklung, die technisch zunehmend realisierbar ist, konzeptionell hinterherhinkt. Dabei ist die Perspektive keineswegs spekulativ. Viele der erforderlichen Komponenten sind vorhanden. Generative KI-Systeme können bereits heute Texte analysieren, Zusammenhänge darstellen und unterschiedliche Sichtweisen rekonstruieren. In geeigneten didaktischen Kontexten lassen sich daraus Formen der Lernbegleitung entwickeln.Was fehlt, ist weniger die Möglichkeit als eine entsprechende Rahmung. Eine bildungspolitische Debatte, die den persönlichen KI-Assistenten nicht als Einzelanwendung, sondern als Teil einer neuen Grundbildung versteht, steht noch aus. Damit verbindet sich eine grundlegende Frage: Wie lassen sich die Bedingungen des Lernens so gestalten, dass sie den veränderten Möglichkeiten der Wissensverarbeitung gerecht werden?Die Antwort darauf wird nicht allein technologisch ausfallen können. Sie erfordert eine Klärung dessen, was unter Bildung verstanden werden soll – unter Bedingungen, in denen Information jederzeit verfügbar ist. Der persönliche KI-Assistent ist in diesem Sinne weniger eine technische Innovation als ein Hinweis auf eine offene Entwicklung. Dass er noch auf sich warten lässt, ist daher weniger ein Zeichen fehlender Möglichkeiten als Ausdruck einer noch nicht abgeschlossenen Verständigung über die Richtung, in die sich Bildung entwickeln soll.Erich Ortner ist em. Professor für Wirtschaftsinformatik an der Technischen Universität Darmstadt.Passend zum Artikel