Die Alte Försterei, Heimstatt des 1. FC Union Berlin, steht vor einer Rückkehr des helvetischen Singsangs, diesmal mit italienischem Einschlag. Rund zweieinhalb Jahre nach dem Ende der überaus erfolgreichen Ära des heutigen Mainzer Coaches Urs Fischer, 60, bestätigten die Köpenicker am Donnerstag die Verpflichtung von Mauro Lustrinelli, 50, der zuletzt den FC Thun zum Sensationsmeister geformt hatte.Lustrinelli folgt bei Union auf Marie-Louise Eta, 34, die Union – als erste Cheftrainerin der Bundesliga-Geschichte – in der Schlussphase der vergangenen Saison betreut und final in der Klasse gehalten hatte. Eta hatte das Amt im April von Steffen Baumgart übernommen, der wiederum der fünfte Coach der vergleichsweise unsteten Post-Fischer-Zeit gewesen war. Eta stand in fünf Bundesligaspielen an der Seitenlinie; an den letzten beiden Spieltagen führte sie Union zu klaren Siegen in Mainz und gegen Augsburg. Ihre Rolle als Pionierin brachte ihr zuletzt sogar das Lob von Alt-Kanzlerin Angela Merkel ein. „Toll, was die Trainerin von Union jetzt geschafft hat, nicht?“, sagte Merkel in einem Podcast des WDR. Eta wird ab Sommer – wie kurz vor ihrer Ernennung zur Cheftrainerin der Männer vereinbart – Unions Profimannschaft der Frauen betreuen.So wie Eta hatte auch Lustrinelli in den vergangenen Wochen grenzüberschreitend für Aufsehen gesorgt. Dass der ehemalige Stürmer dem FC Thun zum ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte verhalf, war das eine. Das andere, dass er diesen Titel als Aufsteiger errang und damit eine ähnlich unglaubliche, weil seltene Außenseitergeschichte fabrizierte wie der 1. FC Kaiserslautern in der Bundesligaspielzeit 1997/98. „Ich habe hier schon als Spieler ein Märchen geprägt, aber das jetzt geht tiefer“, wurde Lustrinelli unlängst in der Neuen Zürcher Zeitung zitiert.Das Märchen, an dem Lustrinelli als Aktiver mitschrieb, ereignete sich Mitte der Nullerjahre: Thuns Champions-League-Qualifikation für die Saison 2005/06. Lustrinelli war damals quasi noch ein Quereinsteiger: Als er beim FC Wil sein Debüt in der ersten Schweizer Liga feierte, war er 22 Jahre alt und noch als Wirtschaftsstudent an der Universität Lugano eingeschrieben. Seinen Ruf als „Lustrigoal“ hatte er aber schon in seinem Heimatverein in Bellinzona begründet. Er wurde ihm nicht nur dort, sondern auch beim FC Thun, bei Sparta Prag, dem FC Luzern und den Berner Young Boys gerecht. Im Januar 2012 beendete er in Thun seine aktive Karriere – und verdingte sich als Trainer. Unter anderem als Assistent von: Urs Fischer, dem er in 20 Spielen zur Seite stand.In Thun ließ Lustrinelli sein Team hohes Pressing und Direktspiel praktizieren2015 wechselte Lustrinelli als Nachwuchstrainer zum Schweizer Verband, führte die U21 zu zwei Europameisterschaften – und folgte 2022 dem Ruf seines früheren Thuner Mitspielers Andres Gerber zurück nach Thun. Gerber war 2009 Sportdirektor des FC Thun geworden und erwarb sich seither einen guten Ruf als Trainer-Scout. Er verpflichtete nicht nur Fischer, sondern auch den heutigen Schweizer Nationalcoach Murat Yakin – und Lustrinelli. In der Schweiz erwarb er sich Anerkennung, weil sein Team durch extrem hohes Pressing, Zweikampfhärte und Direktspiel bestach. Das sind Attribute, die in Köpenick fast so gut klingen wie italo-schweizerisch eingefärbtes Hochdeutsch.Bei Fischer, so sagte es Lustrinelli am Donnerstag bei seiner Vorstellung, habe er sich bewusst nicht über die Verhältnisse bei Union erkundigt; er habe seine Entscheidung so unvoreingenommen wie möglich treffen wollen. „Ich habe sie mit dem Herzen getroffen“, sagte der neue Union-Coach. Nach den Gesprächen mit den Union-Verantwortlichen habe er für sich beschlossen: „Mit diesen Menschen möchte ich arbeiten.“ Man habe erst übers Leben und nur ganz am Ende über den Fußball gesprochen.„Mauro Lustrinelli hat in den vergangenen Jahren gezeigt, wie er Mannschaften formen und weiterentwickeln kann. Der Meistertitel mit einem Aufsteiger spricht für seine fachliche Qualität, aber auch für seine Fähigkeit, eine Gruppe zu führen und zu begeistern“, ließ Unions Sportgeschäftsführer Horst Heldt ausrichten. Die Verpflichtung lässt sich Union angeblich eine Million Euro kosten, denn Lustrinellis Vertrag in Thun lief noch bis 2028. Seine Art, Fußball spielen zu lassen, entspreche den Vorstellungen der Unioner, argumentierte Heldt: „Wir wollen aktiver spielen, verstärkt junge Spieler integrieren und gemeinsam erfolgreich sein.“