Der Meistertrainer Mauro Lustrinelli wagt sich in die Spur von Urs Fischer – Union Berlin als grosse HerausforderungNach vier Jahren im FC Thun und dem Meistertitel wechselt der 50-jährige Tessiner nach Deutschland. In einem ähnlichen Alter haben die Schweizer Trainer Lucien Favre und Urs Fischer das Abenteuer Bundesliga begonnen.21.05.2026, 18.12 Uhr4 LeseminutenMauro Lustrinelli an seiner neuen Wirkungsstätte, im Stadion An der Alten Försterei. Am Donnerstag wurde er als neuer Trainer von Union Berlin vorgestellt.Soeren Stache / dpaDer FC Thun hat sich meisterlich in den Schweizer Fussballhimmel gespielt und muss damit rechnen, von Zentrifugalkräften erfasst zu werden. Wer in der Super League so viel Aufsehen erregt, denkt bald an den Sprung ins Ausland. Mehr Lohn, mehr Volk, mehr Infrastruktur, mehr Drumherum. Fast alles mehr.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dass der Meister Thun für das erfolgreiche Personal nicht mehr die erste Adresse sein kann, überrascht nicht. Aber dass ausgerechnet der Trainer Mauro Lustrinelli als Erster das Weite sucht, ist bemerkenswert. Zuletzt haben ihn die Berner Lokalmedien noch davon abzuhalten versucht, bei Union Berlin anzuheuern. Aber davon lässt er sich nicht beeindrucken. Der Tessiner wechselt mit 50 Jahren in die Bundesliga. Das soll dem FC Thun eine Million Euro einbringen, da der Vertrag Lustrinellis bis 2028 Gültigkeit hat.Lustrinelli geht als LangzeittrainerDer Coach hat sich in den letzten Wochen in diversen Gesprächen alle Türen offen gehalten. Jetzt ist er zum Schluss gekommen, die nächste Saison nicht mehr mit den Bernern in Angriff zu nehmen. Denn er weiss: Besser als jetzt kann’s fast nicht mehr werden. Und: Mit ihm verlässt einer der rar gewordenen Langzeittrainer die Schweiz, dessen Jahressalär dank der vorzeitig ausgehandelten Meisterprämie gegen 0,5 Millionen Schweizerfranken tendieren dürfte.Von der U-21-Auswahl herkommend, begann er 2022 mit der Arbeit im FC Thun. Weit unten, im Niemandsland der Challenge League. Dort lief es nicht auf Anhieb gut, zwischendurch war sogar die Rede davon, den gemeinsamen Weg abzubrechen. Doch das Durchhalten hat sich gelohnt, für den Trainer und für die Klubleitung um den Präsidenten Andres Gerber. 2024 ging auf dem Weg nach oben zwar die Barrage gegen GC verloren, aber ein Jahr später gelang die Rückkehr in die Super League.Was danach wie aus einem Guss folgte, ist die wundersame Geschichte eines Kleinklubs, der mit einem funktionierenden Team die reiche Konkurrenz aus Zürich, Basel und Bern gleich um Welten hinter sich lässt.Der Tessiner rang um seine FassungDa fällt das Scheinwerferlicht zwangsläufig auch auf den Trainer, auf einen, der Stufe um Stufe nimmt, im persönlichen Kontakt ruhig wirkt, aber an der Seitenlinie und an Medienkonferenzen manchmal gleichwohl um Selbstkontrolle ringt. Ausdruck davon ist die Tatsache, dass er die letzten drei Meisterschaftsspiele von der Tribüne aus verfolgen musste, zu unflätig hatte er sich bei einer Niederlage gegenüber der Spielleitung verhalten.Der mehrsprachige Lustrinelli wird in Deutschland schnell merken, dass sprachliche Präzision kein Nachteil ist und das Wort «geil» im Zusammenhang mit Fussball mit Bedacht zu äussern ist. Wenn überhaupt.Womöglich ist die fulminante Lehre, die er auf dem Weg zum Schweizer Meistertitel hinter sich brachte, ganz gut für die Bundesliga, in der den Trainern ein bissiger Wind ins Gesicht zu blasen pflegt. Er wagt den Schritt in einem Moment, den auch andere Schweizer Trainer wählten. Lucien Favre und Urs Fischer waren um die 50 Jahre alt, als sie die Schweiz in Richtung Norden verliessen. Marcel Koller war 43-jährig, als er 2003 zum 1. FC Köln stiess.Alle kamen wie Lustrinelli als Meistertrainer. Favre war 2006 und 2007 mit dem FC Zürich Champion geworden, Fischer 2016 und 2017 mit dem FC Basel, Koller 2003 mit GC. In Bezug auf Lustrinelli sticht vor allem der Name Urs Fischer ins Auge. Beide waren Trainer in Thun, und beide schreiben sich Union Berlin in den Werdegang. Zudem erinnert der Aufstieg Fischers an denjenigen Lustrinellis: Er begann in Berlin, stieg auf, klassierte sich sukzessive auf dem 11., 7., 5. und 4. Rang – und qualifizierte sich am Ende sogar für die Champions League.Der Schweizer kann drei Trainer mitnehmenNachdenklich muss Mauro Lustrinelli dagegen stimmen, wie volatil die Union-Teamführung seit dem Abgang Fischers im November 2023 geworden ist. Und dies, obschon der Klub stets die Klasse zu halten vermochte. Aber weder mit Nenad Bjelica noch mit Bo Svensson noch mit Steffen Baumgart war eine längere Zusammenarbeit die Folge. In den letzten Wochen sprang Marie-Louise Eta ein. Allerdings nur interimistisch; als erste Bundesligatrainerin gefeiert, ist das Engagement bereits wieder beendet.Was es heisst, in der Bundesliga tätig zu werden, legt allein die Anzahl der Assistenten dar, die Lustrinelli mitnehmen darf: Nachdem er im FC Luzern als U-21-Trainer nicht zum Chefcoach aufgestiegen ist, wechselt Michel Renggli nach Berlin. Wie Sascha Stauch, der frühere Coach der Schweizer U-21-Auswahl, sowie Enrico Schirinzi, der zuletzt das U-17-Team von YB coachte.Im Gegensatz zur Super League erfüllt die Bundesliga mehr Forderungen der Trainer. Was wiederum auf die Herausforderung hochgerechnet werden kann.Passend zum Artikel