Beantwortung der Frage, welche Sprache Gott sprichtUnser Kolumnist changiert zwischen mystischer Artikulation und Berliner Schnauze. Die Zugabe von Manfred Papst.Manfred Papst21.05.2026, 16.09 Uhr2 LeseminutenEs sucht sich leichter mit Abba.PDIn den Dialekten zeigt sich die blühende Vielfalt unserer Sprache. Von Ernst Burrens bauchigen Solothurner Diphthongen, von Berta Thurnherrs Diepoldsauer Zusprüchen – «as wöart schù wööara» – und von Béla Rothenbühlers Luzerner Rätseln habe ich an dieser Stelle schon geschwärmt. Aber natürlich macht das Phänomen nicht an unseren Landesgrenzen halt. Von München bis Kiel, von Innsbruck bis Wien gibt es Mundarten, die sich ums Standarddeutsch ranken wie frischer Efeu um morsche Baumstämme. Das ist mir dieser Tage wieder bewusst geworden, als ich mich durch Michael Stavaričs 2017 erschienenen Gedichtband «in an schwoazzn kittl gwicklt» buchstabierte. Natürlich nimmt der Titel Bezug auf H. C. Artmanns Klassiker «med oana schwoazzn dintn» aus dem Jahr 1958, und wie bei diesem habe ich mich wieder der Lust des Entzifferns ergeben. Wie stolz war ich, als ich im «broda» den Prater erkannte, in «rotz» und «kotz» Ratte und Katze, in «bamscher» die Baumschere!Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kunststück, werden Sie jetzt sagen, Stavaričs Gedichtband ist ja zweisprachig, links Dialekt, rechts Hochdeutsch, aber ich schwöre Ihnen: Ich habe meinen Blick strikt auf die linke Seite gerichtet und nicht geschummelt. Oder fast nicht. Nur ganz selten. Dass ein «owezara» ein Faulenzer oder Herumtreiber ist, hätte ich ohne Hilfe nicht herausgefunden. Die Beschäftigung mit den Dialekten führt mich immer wieder zu der Frage, welche Sprache Gott eigentlich spricht. (Ich weiss, Atheisten werden jetzt einwenden, die Frage müsse lauten, welche Sprache Gott spräche, wenn es ihn gäbe. Aber wir wollen die Sache nicht komplizierter machen, als sie eh schon ist.)Die Theologie hat jahrhundertelang nach einer Antwort gesucht. Judentum, Christentum und Islam setzen ja voraus, dass Gott sich im Wort offenbart. Mystiker haben versucht, das Phänomen als Paradox zu fassen: Gott verbirgt sich in der Offenbarung und offenbart sich in der Verborgenheit. Schweigen und Sprechen werden bei ihm eins. Und was die menschlichen Sprachen betrifft, so kann man sich die Sache so vorstellen, dass sie in Gottes Sprache enthalten sind wie die Spektralfarben im weissen Licht. Michael Stavarič erzählt in diesem Zusammenhang eine Anekdote, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Am achten Schöpfungstag, wie er sagt, schuf Gott die Dialekte, und in fast allen Gegenden herrschte Zufriedenheit.Der Berliner sagte: «Ick hab en rischtig jeilen Dialekt, wa?», der Sachse: «Ja nü freilisch is däs Säggsch rischdsch kloss.» Und so weiter. Nur der Wiener war bei der Zuteilung leer ausgegangen, und er beklagte sich bitterlich, bis Gott ein Einsehen hatte und sprach: «Scheiss di ned au, Oida, dann redst hoid wia i!»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel