KommentarDie USA entfremden sich der Nato: Für Europa ist schon viel erreicht, wenn es nicht vom Weg abkommtTruppenabzug, Grönland, Austrittsdrohung: Die amerikanischen Hiobsbotschaften an die Militärallianz reissen nicht ab. Im Trommelwirbel geht vergessen, was längst im Gang ist.21.05.2026, 18.00 Uhr3 LeseminutenWie schnell können sie auf die russische Gefahr reagieren? Soldaten aus verschiedenen Nato-Staaten bei einer Übung in Lettland.Toms Kalnins / EPADie Nato ist eine alte Dame. 77 Jahre hat die transatlantische Verteidigungsallianz schon auf dem Buckel – und ist im hohen Alter Belastungsproben wie kaum je zuvor ausgesetzt. Aus Washington sind die Hiobsbotschaften zuletzt in atemberaubender Kadenz erfolgt: Nach dem Grönland-Eklat von Anfang Jahr folgten die Dissonanzen rund um den Iran-Krieg und nun die Ankündigung einer amerikanischen Truppenreduktion in Europa. Diesen Freitag werden die USA zusätzlich bekanntgeben, dass sie aus Europa mehr Soldaten kurzfristig für einen anderen Krisenherd abziehen können.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die einzelnen Bereiche sind unterschiedlich gelagert, aber sie haben einen gemeinsamen Kern: Die USA sind nicht mehr bereit, praktisch im Alleingang für Europas Sicherheit zu sorgen. Die fetten Jahre, mit wenig Verteidigung und viel Sozialstaat, sind vorbei.Eine neue Erkenntnis ist das nicht, der amerikanische Präsident Donald Trump hatte schon in seiner ersten Amtszeit und erst recht letztes Jahr für Verwerfungen gesorgt – und doch schafft er es mit seiner impulsiven Art stets von neuem, in Europa Schockwellen auszulösen. Aus dem «no surprises», das man mit Washington eigentlich vereinbart hatte, ist ein «many surprises» geworden, so hört man dieser Tage im Brüsseler Nato-Hauptquartier.Ohne Europa kein Iran-KriegEinem Bündnis, dessen Stärke auf einem Versprechen fusst, dient es naturgemäss nicht, wenn die grössten Zweifel ausgerechnet vom mächtigsten Mitglied ausgehen. Gleichzeitig drängt sich ob all der Aufregung mehr Nüchternheit auf: Die Nato ist nicht tot, und sie wird es auch nicht so schnell sein.Die USA, die ihren geopolitischen Gestaltungswillen spätestens mit den Interventionen in Iran und Venezuela unter Beweis gestellt haben, wissen durchaus, was sie an der transatlantischen Allianz haben. Ohne Militärbasen, Luftbetankung, Überflugsrechte und Materialnachschub in Europa wäre der Iran-Krieg in dieser Form nicht möglich. Ein amerikanischer Austritt aus der Nato ist unrealistisch, auch die grösste Militärmacht der Welt ist mit Partnern stärker als ohne.Europa tut aber gut daran, die neuen Realitäten ernst zu nehmen. Die gute Nachricht ist: Es tut sich etwas. Ob Verteidigungsbudgets, Führungsposten oder die Übernahme von militärischen Fähigkeiten – noch nie war die Nato so europäisch, und sie wird es künftig noch stärker werden. Das Erwachen begann mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, aber Trumps Worte und Taten beschleunigten die Entwicklung. Die Hürden sind nunmehr innenpolitischer Natur, weil das Geld für die Aufrüstung anderswo eingespart werden muss.Die Hormuz-LektionAufzuhalten ist der Trend nicht. Der amerikanische Fokus wird sich mit jedem Jahr mehr in Richtung Indopazifik verschieben, was – wie sich dieser Tage wieder zeigt – Europa zu spüren bekommt. Es ist im Sinne der europäischen Staaten, diesen Transformationsprozess so geräuschlos wie möglich über die Bühne zu bringen – in der Hoffnung, dass die USA nicht auch noch ihren Nuklearschirm infrage stellen.Dass die Europäer mittlerweile Unterstützung bei der Sicherung der Strasse von Hormuz in Aussicht stellen, obwohl der Iran-Krieg nicht der ihrige ist, zeugt daher von Lernfähigkeit. Auch die Ukraine-Hilfe, die seit Trumps Amtsantritt praktisch ausschliesslich aus Europa erfolgt und zuletzt Erfolge auf dem Schlachtfeld ermöglicht hat, wird im ureigenen Interesse geleistet. Fällt Kiew, fällt auch die europäische Sicherheitsarchitektur.Einen Monat dauert es noch, bis sich die 32 Staats- und Regierungschefs der Nato-Länder zum jährlichen Gipfel versammeln werden. Letztes Jahr zog Trump mit dem persönlichen Triumph von dannen, die Partnerstaaten zu höheren Verteidigungsausgaben gezwungen zu haben. Eine derart simple Erfolgsgeschichte ist dieses Mal nicht in Aussicht. Für die europäischen Staaten wäre schon viel erreicht, wenn sie vom eingeschlagenen Pfad nicht abkommen.Passend zum Artikel18 KommentareHartmut Kientz GesternEuropa wird die nächste Zeit mit den Eskapaden Trumps und der unvermeidlichen Verlagerung der US Streitkraft in den Indopazifik leben müssen.
Die USA entfernen sich von der Nato: Europas Balanceakt wird zur Herausforderung
Truppenabzug, Grönland, Austrittsdrohung: Die amerikanischen Hiobsbotschaften an die Militärallianz reissen nicht ab. Im Trommelwirbel geht vergessen, was längst im Gang ist.








