PfadnavigationHomePolitikAuslandPläne des Pentagon„So schnell wie möglich“ – Beim Rückzug aus der Nato räumt Washington Europa keine Schonfrist einStand: 16:44 UhrLesedauer: 4 MinutenEin amerikanischer Soldat der 1. Infanteriedivision bei einer Übung mit der polnischen Armee auf dem Truppenübungsplatz Nowa Deba im Südosten Polens Quelle: picture alliance/NurPhoto/Artur WidakDie USA wollen ihr militärisches Engagement in Europa schneller zurückfahren als bisher angenommen. In Kürze wird das Pentagon konkrete Pläne vorstellen. Vor allem ein Vorhaben ist aus Sicht der europäischen Verbündeten riskant – und lässt ihnen wenig Zeit.Die Nato steht unmittelbar vor dem Beginn eines teilweisen Rückzugs der Amerikaner aus der gemeinsamen Verteidigung Europas. Bereits in den kommenden Wochen wird das Pentagon bei der Nato in Brüssel konkrete Pläne einbringen, welche militärischen Fähigkeiten Washington reduzieren will. „Diese Änderungen werden bei der nächsten Force-Sourcing-Konferenz der Nato in unser Truppen- und Fähigkeitsangebot einfließen“, bestätigte ein hochrangiger Vertreter des US-Verteidigungsministeriums WELT AM SONNTAG.Die nächste dieser Konferenzen findet im Juni statt. Bei diesen regelmäßigen Treffen legen nationale Militärplaner fest, welche Fähigkeiten sie dem Bündnis zur Verfügung stellen können. „Wir wollen den Verbündeten die nötige Information und Klarheit verschaffen, um den Übergang zu einer europäischen Verteidigung, bei der die Alliierten die Hauptverantwortung für die konventionelle Verteidigung Europas übernehmen, so schnell und effektiv wie möglich voranzutreiben“, so der Pentagon-Vertreter weiter.Lesen Sie auchDie Ankündigung steht im Einklang mit den Forderungen an Europas Nato-Staaten, die US-Präsident Donald Trump schon in seiner ersten Amtszeit vorgebracht hatte. Nachdem der Republikaner im Januar 2025 ins Weiße Haus zurückgekehrt war, wurde diese Politik in der Nationalen Sicherheitsstrategie und der Nationalen Verteidigungsstrategie wenige Monate später schwarz auf weiß formuliert. Kernaussage ist, dass die Vereinigten Staaten nicht mehr als alleinige große Militärmacht an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen könnten. Weil sich Washingtons Fokus auf China und den Indopazifik verschoben hat, muss Europa absehbar den großen Teil der eigenen Verteidigung und der Abschreckung gegen ein kriegstreibendes Russland schultern. Der aktuelle Krieg gegen den Iran hat diese US-Sicht nur noch verschärft.Lesen Sie auchDeutschland und andere Nato-Verbündete in Europa wissen seit langer Zeit, dass sich die USA als Schutzmacht zurückziehen wollen. Allerdings geht man in deutschen Regierungskreisen davon aus, dass dieser Schritt graduell und koordiniert abläuft. Mit dem nun bestätigten Einbringen konkreter Reduzierungen räumt Washington den Europäern keine großen Übergangsfristen ein.Präsident Trump behalte sich stets das Recht vor, „in jeder Situation so zu handeln, wie er es für angemessen hält“, fügte der Vertreter des US-Verteidigungsministeriums hinzu. Aufgabe des Pentagon sei es, „im Sinne der Nationalen Verteidigungsstrategie vorausschauend für den Fall zu planen, dass die USA mit mehreren Konflikten gleichzeitig konfrontiert werden. Sollten wir am Ende in einer weniger angespannten Situation sein, verschafft uns dies zusätzlichen Spielraum.“„Nato Force Model“ im FokusBei einem Nato-Treffen in Brüssel vergangene Woche hatte ein US-Chefberater für Verteidigungspolitik die Alliierten unterrichtet, dass sich die Regierung von Donald Trump aus einer Säule der gemeinsamen Abschreckung und Verteidigung teilweise zurückziehen will. Alexander Velez-Green kündigte dem „Spiegel“ zufolge an, beispielsweise die Zahl der US-Kampfjets um ein Drittel zu reduzieren.Konkret geht es bei den von Washington vorangetriebenen Reduzierungen vorrangig um das „Nato Force Model“ (NFM), das System für eine schnelle Einsatztruppe der Allianz. Es legt fest, wie viele Truppen innerhalb von zehn Tagen als Verstärkung an die Front stoßen, wie viele es zwischen zehn und 30 Tagen sind und wie viele Soldaten maximal innerhalb von sechs Monaten aufmarschieren – bis zu 800.000 sollen es dann sein. Zu den Fähigkeiten gehören strategische Bomber, weitreichende Präzisionsschlagfähigkeiten, Marinefähigkeiten und Tankflugzeuge.Ein partieller US-Rückzug bedeutet, dass die militärische Fundierung des Nato-Schutzversprechens, wonach ein Angriff gegen ein Mitglied der Allianz als Angriff gegen alle gewertet wird und eine kollektive Reaktion nach sich zieht, geschwächt wird. Nicht nur dort, aber vor allem in den baltischen Staaten dürfte man diese Entwicklung mit Sorge betrachten.Dort hat die Nato zwar bereits Kräfte stationiert, unter anderem die deutsche Brigade in Litauen, aber im Kriegsfall wären diese Kräfte und die nationalen Armeen vor Ort nicht ausreichend, um gegnerische Truppen zurückzuschlagen. Sie sollen zwar nicht allein einen Angriff abwehren, sondern Zeit gewinnen, den ersten Widerstand organisieren und die Verstärkung der Allianz ermöglichen. Lesen Sie auchDie Glaubwürdigkeit dieser Verteidigung hängt aber im nächsten Schritt davon ab, wie schnell die Nato Luftüberlegenheit gegenüber Russland herstellen, Verstärkung heranschaffen und Ziele in Russland treffen kann. Wie die Allianz das bewerkstelligen will, ist in den streng geheimen regionalen Verteidigungsplänen festgeschrieben.Nach Informationen der WELT AM SONNTAG gibt es in der US Army Europe bereits jetzt Zweifel, ob die Nato über ausreichend Kräfte und Fähigkeiten verfügt, um ihre regionalen Verteidigungspläne vollständig umzusetzen. Russland könnte die Allianz demnach vor allem dort herausfordern, wo Moskau geografische Vorteile und schneller verfügbare Kräfte hat. Wenn Washington nun zusätzlich Fähigkeiten aus den Nato-Planungen herausnimmt, dürfte sich dieses Problem weiter verschärfen.Stefanie Bolzen berichtet für WELT seit 2023 als US-Korrespondentin aus Washington, D.C. Zuvor war sie Korrespondentin in London und Brüssel.Carolina Drüten ist International Security Correspondent.