Ein trauriger Skandal erschüttert das Pariser Schulwesen, er zerreißt die Herzen von Eltern. Seit Beginn des Jahres sind 78 Personen vom städtischen Betreuungsdienst suspendiert worden, weil sie im Verdacht stehen, Kindern in den Randzeiten des Unterrichts Gewalt angetan zu haben. In 31 Fällen vermuten die Ermittler sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung, auch an sehr kleinen Kindern zwischen drei und fünf Jahren. Allein in dieser Woche hat die Polizei auf Geheiß der Pariser Staatsanwaltschaft 16 Betreuer der Schule Saint-Dominique im 7. Arrondissement in Untersuchungshaft genommen.Der beispiellose Vorgang zerrt den lange schon schwelenden Skandal erst richtig ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit – und in die Politik. In Paris wird das Périscolaire – alle außerschulischen Aktivitäten der Kitas, Kindergärten und Schulen – von der Pariser Stadtverwaltung organisiert. Ungefähr 14 000 Personen sind in der städtischen Hortbetreuung angestellt. Diese sogenannten Animateurs kümmern sich um die Kinder in den Pausen, in der Kantine sowie vor und nach Unterrichtsende, wenn die arbeitenden Eltern ihren Nachwuchs früher bringen oder später abholen. Sie spielen mit ihnen, machen Sport, geben Workshops und Nachhilfe, oft auch an schulfreien Wochentagen.Immer wieder treten Mütter im Fernsehen auf und erzählen davon, wie ihre Welt zusammenbrachDass es in dieser Belegschaft Personen mit problematischen Regungen gibt, mutmaßlich auch Pädophile, weiß man spätestens, seit 2025 eine Reihe von Vorfällen bekannt wurde. Die politische Rechte nutzte das, um die Linke, die Paris seit einem Vierteljahrhundert regiert, hart zu attackieren. Vor der Gemeindewahl im vergangenen März griff Rachida Dati, die Bewerberin der Konservativen, ihren sozialistischen Konkurrenten Emmanuel Grégoire auch persönlich an. In all den Jahren seiner Arbeit für die Stadt habe er tatenlos zugeschaut, behauptete Dati. Das war auch deshalb denkwürdig, weil Grégoire selbst in der Primarschule Opfer sexueller Übergriffe eines Lehrers geworden war. Von diesem Trauma hatte er unter Tränen in den Medien erzählt.Bürgermeister Emmanuel Grégoire spricht am 18. Mai im Pariser Rathaus über seinen 20-Millionen-Euro-Aktionsplan zum Schutz von Kindern in der außerschulischen Hortbetreuung. KENZO TRIBOUILLARD/AFPKaum war Grégoire gewählt, legte er einen Aktionsplan für „tolérance zéro“ im Pariser Schulwesen auf. Der gesamte Dienst wird einer Reform unterzogen, auch ein eigener Ausbildungsgang für außerschulischer Betreuer ist geplant. Die Rekrutierung soll zudem zentralisiert werden, damit bei der Auswahl keine Vorstrafen wegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder untergehen. Die Kontrollmechanismen sollen sofort verstärkt und die Meldeketten verkürzt werden. Ein Bürgerkonvent mit 80 Mitgliedern ist aufgerufen, Ideen zur besseren Organisation des Dienstes zu erarbeiten. Alles, um den Albtraum zu stoppen.Immer wieder treten nun Mütter anonym im Fernsehen auf und erzählen davon, wie ihre Welt zusammenbrach, als sie von ihren Kindern erfuhren, was in der Schule geschehen war. Eltern haben sich in der Vereinigung #MeTooEcole zusammengeschlossen, um den Druck auf die Politik und die Justiz konstant zu halten. Und dieser Druck ist hoch. Auch die Staatsanwaltschaft hat in den Modus „null Toleranz“ gewechselt, wie die Verhaftung der 16 Betreuer an der Schule Saint-Dominique zeigt.Gewerkschaftsmitglieder protestierten am 19. Mai gegen die politischen Maßnahmen infolge des Skandals um mutmaßliche sexuelle Übergriffe auf Hortkinder. THOMAS SAMSON/AFPDie Medien betonen zwar ständig, dass für die suspendierten Animateurs die Unschuldsvermutung gilt, doch die Gewerkschaft der Betreuer klagt über ein Klima des Misstrauens, das plötzlich alle erfasse. Arbeitsrechtlich seien die Animateurs ohnehin schon schlechtergestellt, jetzt komme noch eine unfaire, pauschale Stigmatisierung hinzu. Deshalb rief die Gewerkschaft zu einem Streik auf, der wiederum die Logistik in den Familien arg durcheinanderbrachte.In Frankreich und in Paris im Besonderen arbeiten oft beide Elternteile, viele in Vollzeit. Sie sind angewiesen auf die Ganztagsbetreuung, angewiesen darauf, dass Schule und Hort ein sicherer Ort ist. Immer und überall.